Der Kapitalismus ist immer in Mode

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Wir wohnen in einem privilegierten Vorort Münchens. Als im vergangenen Jahr ca. 300 Flüchtlingen in der Turnhalle des Gymnasiums untergebracht wurden, spendeten wir – wie viele in unserer Gemeinde – reichlich Kleidung für Jung und Alt. Die Abgabe der Spende haben wir mit einem Besuch der provisorischen Einrichtungen verbunden, auch damit unser neunjähriger Sohn den Menschen dort direkt begegnet. Denn, wie viele Kinder, fremdelte er bei der Vorstellung, mit den Flüchtlingskindern in Kontakt zu kommen. Er war zwar sofort bereit, jede Menge von seinen Sachen zu spenden, doch die Idee, diese persönlich zu übergeben, behagte ihm zunächst nicht. Letztlich überzeugten wir ihn damit, dass wir auch einen Fußball spenden wollten und wir sicher seien, dass es da jede Menge Kinder gäbe, mit denen er dann kicken könne.

Das alles verlief überaus erfolgreich. Denn wie bei Kindern zu erwarten, war mit diesem Ball nach einer Viertelstunde jegliche Hemmschwelle überwunden. Wir blieben über eine Stunde und die Kinder verabredeten sich am Ende zu weiteren Fußball-Treffen im naheliegenden Verein. Als wir dann am Abend zusammensaßen und beim Essen über die Begegnung sprachen, überraschte mich mein Sohn mit einer naiven Feststellung, die damals wohl auch von einigen Erwachsenen geteilt wurde: die Flüchtlinge seien ja gar nicht arm. Auf meine Nachfrage, woran er das festmache, erklärte er: „Ja, die haben doch die gleiche Sachen an wie wir.“ Ich schmunzelte und sagte: „Ja klar, die tragen ja unsere Sachen, die wir gespendet haben.“

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Notizen zur Selbstbedienung (6)

Notizen zur Selbstbedienung (5)

Notizen zur Selbstbedienung (4)

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Notizen zur Selbstbedienung (1)

Lottospieler sind die wahren Kapitalisten und zahlen dafür Armen-Steuer.

BildAlles begann damit, dass ich mich fragte welche Analogie taugt am besten um zu erklären warum die Mehrheit der Menschen kapitalistisch ist und wirtschaftspolitisch sozialgerechte Verteilung eigentlich ablehnt. Und dann fiel mir Lotto ein.

Lotto veranschaulicht zunächst einmal – in etwas simpler Form – das irrationale individuelle Erwartungsprinzip der Bevölkerung an die Ökonomie: ich will reich werden auf Kosten der Armen. Nahezu jeder Zweite spielt mindestens einmal im Jahr. Viele spielen ein Leben lang. Zudem ist die Einführung des Lottos und viele andere Formen der Lotterie und des Glücksspiels als staatliche Einnahmequelle schon Jahrhunderte alt und international verbreitet.

Das Grundprinzip des Lottos basiert darauf, dass sich eine Gemeinschaft (Bevölkerung) zusammenfindet, die bereit ist, etwas von ihrem Besitz (Geld) in einen Topf zu geben (investieren) und den gesammelten Inhalt nach Glücksspielregeln an die Gemeinschaft neu zu verteilen. Die Regeln, nach denen verteilt wird, legt der Veranstalter (der Staat, repräsentiert durch seine mehr oder weniger demokratisch gewählten Vertreter) fest. Der Anreiz zur Teilnahme am Lotto ist die Aussicht auf einen vielfachen Gewinn. Und da es ein geschlossenes System ist, geht dieser Gewinn immer zu Lasten vieler Verlierer. Letztlich unterstützt, ja wünscht sich jeder Lotto-Teilnehmer das gern genutzte Bild von der immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich.

Betrachtet man nun die Jahrhunderte alte Feldforschung, so wird deutlich, desto höher der mögliche individuelle Gewinn beim Lotto (kapitalistische Erwartung), umso attraktiver ist die Teilnahme. Die Wahrscheinlichkeiten spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Ebenso die Tatsache, dass nur 50% des Topfes ausgeschüttet werden und der Rest (Armen-Steuer, siehe weiter unten)) in einem völlig intransparenten System verbleibt, das vorgibt, alles für gute, sinnvolle, dem allgemeinen Wohl dienende Zwecke einzusetzen. Und natürlich jenen ein Auskommen zu geben, die Lotto entwickeln und durchführen (Politiker, Staatsdiener, Beamte etc.).

Die Veranstalter sehen ihre vorderste Aufgabe darin, den größtmöglichen Anreiz zu finden, der die Anzahl der Mitspieler und die Höhe des individuellen Einsatzes optimiert. Denn primär geht es ja erst mal darum, den eigenen 50% Anteil (Steuereinnahmen) absolut zu erhöhen. Gelingt dies irgendwann einmal nicht, wird (mindestens zeitweise) der nicht ausgeschüttete Anteil prozentual erhöht (Steuererhöhung).

Die Thesen über die besten Anreizmodelle zur Teilnahme am Lotto  könnten sich unterscheiden (Wirtschaftspolitik). Doch langjährige Feldforschung hat bewiesen, dass nun mal die Mehrheit die Aussicht auf hohe Gewinne für wenige zu Lasten vieler bevorzugt. Ein Lotto, das kleine Gewinne für viele verspricht (sozialgerechtere Verteilung), ist mehrheitlich nicht gewünscht.

Diese beschriebene Analogie veranschaulicht meines Erachtens recht gut, warum sich letztlich liberale, tendenziell kapitalistische Wirtschaftspolitik mehrheitlich behauptet und jede Forderung nach  gleichmäßiger Vermögensverteilung nur eine Minderheit trägt.

Die These, dass Lottospieler wahre Kapitalisten sind, wird zudem dadurch erhärtet, dass Lotto ja nun mal kein komplexes, schwer zu durchschauendes System ist. Lotto ist sogar gegenüber der realen Marktwirtschaft und dem kapitalistischen System noch deutlich ungerechter. Denn während eine kapitalistische Marktwirtschaft real wachsen kann, Mehrwerte schafft, über deren Gewinnverteilung man dann unterschiedlicher Meinung sein kann, ist dies im geschlossenen Lottosystem für jeden offensichtlich nicht möglich. Hier wissen und akzeptieren alle Teilnehmer, dass es am Ende immer nur ganz wenige Reiche gibt die nur deshalb reich wurden, weil viele andere ärmer wurden.

Zuletzt sei noch angemerkt, dass das Klischee in Studien bestätigt wird: schwache Einkommensgruppen spielen vermehrt Lotto und die Verwendung der Einnahmen kommen nicht einmal im selben Maße diesen Gruppen zugute. Lotto ist also eine „Armen-Steuer“ des Staates. Der Staat entzieht einem einkommensschwachen Teil der Bevölkerung Geld (ca. 5 Mrd. Euro p.a.), um es (bestenfalls) dann der Gesamtbevölkerung zugute kommen zu lassen.