Der Club der elitären Schöngeister

Literatursalon2

Der literarische Salon von Madame Geoffrin

Hut ab – Wolfram Schütte (75) will es noch mal wissen: ein Start-Up für eine Literaturzeitschrift im Netz, das sich aus Stiftungsgeldern finanzieren und „Club-Beiträge“ erheben soll.

Einmal mehr wird hier eine „Marktlücke“ intendiert, die aus einem ebenso subjektiven wie sentimentalen Verlustgefühl resultiert: es gäbe immer weniger Literaturbeiträge in den etablierten Medien. Ja, warum wohl? Sicher nicht, weil die Medien diese nicht „produzieren“ wollten, sondern schlicht und ergreifend, weil die Nachfrage danach kaum besteht. Und das nicht erst seit Anbeginn des Internets. Auch zuvor wurde das Feuilleton immer von den anderen Ressorts alimentiert. Doch der damit gewünschte Gesamteffekt, auf den ich weiter unten noch mal eingehe, hat sich allmählich abgenutzt. Daran werden sicher nicht mal ähnlich charismatische Nachfolger auf Joachim Fest, Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher etwas ändern.

Von Zeit zu Zeit ist es angebracht vor die Tür zu treten und mal ganz nüchtern mit weitem Abstand auf die Institutionen der Hochkultur im Allgemeinen und auf die der Literaturbranche und des Feuilletons im Besondern zu blicken.

Es gibt Branchen, die sind derart bemüht, ständig ihr Mantra der eigenen Notwendigkeit und Bedeutung vor sich herzutragen, dass man den Eindruck gewinnt, in ihr arbeiten nur Anhänger des Solipsismus. Besonders ausgeprägt ist dies in der Werbebranche und ebenso – auch wenn ihr der Vergleich sicher nicht behagt – in der Literaturbranche. Weiterlesen

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Mal die Kultur im Dorf lassen, Herr Niemann.

KircheimDorfDank des digitalen Netzes konnte ich heute den Gastbeitrag zur Lage der Kultur vom 7.6.. „Erst verschwinden die Dörfer, dann wir“ von Norbert Niemann in der FAZ lesen. Den Link dazu bekam ich von einigen Twitterern und Freunden bei Facebook, die den darin verbreiteten bitteren kulturpessimistischen Tenor teilten – durchweg wohl im doppelten Sinne. Jetzt teile ich ihn auch, jedoch keineswegs inhaltlich.

Ich habe ihn zweimal mit Mühe konzentriert gelesen. Wissend, dass es sich um den Text einer leicht gekürzten Dankesrede zum Carl-Amery-Preis handelt, frage ich mich, wie die Zuhörer dieser Rede inhaltlich folgen konnten. Auch nach dem zweiten Lesen bleibt bei mir nur der monotone Singsang der ewigen Litanei über die alles knechtende Marktwirtschaft im Ohr und dazu das Bild von einer nostalgischen, fast kitschigen Sehnsucht nach einem vergangenen Kulturbetrieb, den es meines Erachtens so nie gegeben hat. Wir finden ihn nur immer wieder in den verklärenden Lebensrückblicken anerkannter Kulturschaffender. Und bei denen steigt der fatalistische Grundton mit jedem Lebensjahrzehnt an. Norbert Niemann und ich gehören dem selben Jahrgang an.

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Literaturkritik: Alles Willkür, oder was?

FeuilletonDie reflexartige Zustimmung auf Jörg Sundermeiers Lamento im Buchmarkt und im Freitag über den miserablen Status der heutigen Literaturkritik in den Feuilletons erinnerte mich doch sehr an die Debatte über die deutsche Bildungspolitik, ausgelöst durch einen naiven Tweet einer 17jährigen Gymnasiastin (Ein gute Zusammenfassung der Reaktionen auf Sundermeier gibt es bei Lesen-mit-Links) Beide Male kommen die Mahner aus der Ecke der Kulturpessimisten, die sich hartnäckig verweigern, das stetig anwachsende Angebot an Bildung, Informationen und Verbreitungsmöglichkeiten zu honorieren. Die altväterliche Sehnsucht nach Orientierung durch honorige Instanzen eint sie. Sie erachten die mediale Vielfalt als Tor zur Einfalt und sehen die Kultur ohne Vermittlung von anerkannten Kuratoren und Kritikern der Beliebigkeit ausgesetzt.

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Wen wollten Sie hier für dumm verkaufen, Herr Gaarder?

Foto 2Der prosaische, deutsche Titel des Romans „Der Geschichtenverkäufer“ von Jostein Gaarder deutet an, wie wenig heldenhaft die Geschichte ist: die Lebensbeichte eines Verkäufers, eines Verkäufers von Geschichten. Sicher, es ist nicht mal eine sinngemäße Übersetzung des Titels ins Deutsche, doch offenbar fand ihn der Lektor oder wer sonst im Verlag recht treffend. Hieße der Titel „Der Geschichtenhändler“ oder „Der Geschichtenerfinder“, ich hätte eine andere Vorstellung des Helden konnotiert. Aber das hätte dann auch nicht dem entsprochen, was ich beim Lesen des Romans empfand. Für mich erzählt er weder sprachlich noch inhaltlich eine besonders ambitionierte Geschichte – doch liegt darin Kalkül?

Der Held Petter resümiert über sein menschlich doch recht armes Leben, das er nun knapp 50 Jahre in sehr selbstgefälliger Trunkenheit gelebt hat, da ihm das Schicksal – neben Empathie und schneller Auffassungsgabe – auch die Begabung zu großer Fantasie zuteilte. Dieses Talent baut er nicht aus, sondern es reicht ihm, um sich schon früh eine sehr auskömmliche berufliche Existenz aufzubauen, die darin besteht, einer wachsenden Zahl von Autoren seine Ideen, Plots und Synopsen zu verkaufen und auch an den Tantiemen der daraus nicht selten entstehenden Besteller zu partizipieren.

Diese doch recht hanebüchene Grundidee des Romans legitimiert der Held und damit wohl auch der Autor mit einem landläufigen Klischee, an dem sicher auch etwas Wahres ist:

„Schon damals – und seither immer mehr – habe ich es komisch gefunden, dass unsere Kultur Menschen en Masse hervorbringt, die schreiben können und wollen, aber nichts zu sagen haben. Warum wollen sie schreiben, wenn sie offen und ehrlich zugegeben, dass es nichts gibt, was sie vermitteln könnten?“

Doch im weiteren Verlauf der Geschichte, die uns einen recht unsympathischen, einzelgängerischen Snob als Helden präsentiert, wird das Klischee wieder etwas relativiert – bedingt durch den immensen Einfluss des Helden auf die aktuelle Literatur:

„Doch das Problem war nicht nur, dass zu viele schlechte Bücher geschrieben wurden; das Problem war auch, dass es zu viele gute Bücher gab. Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.“

Foto 1Allein stehend sind die beiden Zitate schlau und spiegeln ein reales Phänomen. Solche Sätze verführen sicher deshalb auch einige dazu, diesen Roman als Satire des aktuellen Literaturbetriebs zu lesen. Da kann ich nur einstimmen, wenn es die Doppelbödigkeit meint. Denn die Satire erkenne ich hier weit weniger in den Klischees von einfallslosen Autoren, sondern weit mehr in der hier verbreiteten Naivität, dass herausragende Literatur auf einer einzigartigen Idee und entsprechendem Plot fuße. Dieser Gedanke ist so albern wie die häufige Laienreaktion auf moderne Kunst: das hätte ich auch gekonnt. Die Kunst beginnt dort, wo der Held Petter aufhört: bei der ebenso originären wie mühsamen Arbeit, aus einer schnellen Skizze ein beachtliches Werk zu schaffen.

Im Roman ist die sehr junge Vaterschaft Petters eine sehr deutliche Metapher für seine bequeme und sich völlig selbstüberschätzende Vorstellung seines Beitrags zu den literarischen Werken, die auf seinen Ideen beruhen. Er befruchtet auf ausdrücklichem Wunsch seine 10 Jahre ältere Freundin Maria, wohl wissend, dass er auf die Entwicklung des Kindes nie Einfluss haben wird. Auf die Werke, die sich aus Petters „befruchtenden“ Ideen entwickeln, erhebt er jedoch den albernen Anspruch wie ein Erzeuger, der sein Kind erst im erwachsenen Alter kennenlernt und sich dann als stolzer Vater geriert.

Ich empfinde diesen Roman als literarischen Streich eines sehr cleveren Autors, der sich ab und an ins Fäustchen lachte als er Kritiken lesen durfte, die sich begeistert über seine gelungene Profanisierung des Literaturbetriebes freuten. Denn er selbst weiß sehr gut, dass Meisterwerke der Literatur nicht entstehen, weil dem Autor mal eine tolle Idee zugeflogen ist. Den deutlichsten Hinweis erbringt Jostein Gaarder in der doch ansonsten recht unverfrorenen Adaption des Plots von Max Frischs „Homo Faber“. Und für diesen von mir unterstellten „Geniestreich“ muss ich ihn loben. Doch ich mag mich irren.