Opportunisten aller Länder – vereinigt Euch!

weisen_AffenVor kurzem entdeckte ich den Franzosen Gustave Le Bon (1841 bis 1931). In seiner Abhandlung über die „Psychologie der Massen“ (1895) fand ich sehr viel bemerkenswert zeitloses zum Populismus, zu politischen Führungsqualitäten, ewig gleich lautendem kulturpessimistischen Gejammer, zum Opportunismus der Medien, zur Hypokrisie der Intellektuellen und über das Dilemma der parlamentarischen Demokratie, die uns wiederkehrende Finanzkrisen beschert und – gutmeinend – unsere persönliche Freiheit mehr und mehr einschränkt. Der Mann wäre heute wohl zumindest ein hoch beachteter Blogger.

BildGustave Le Bon gilt mit seiner knapp 200 Seiten umfassenden Abhandlung über die „Psychologie der Massen“, die 1895 in Frankreich erschien, gemeinhin als Vater der Massenpsychologie. Ca. 20 Jahre später traf es auch in deutscher Übersetzung den Nerv der mehr oder weniger bürgerlich intellektuellen Kulturpessimisten. Zumindest würde man Le Bon heute wohl in diesem Milieu orten. Im späteren beeinflussen seine Thesen, die er sehr lesbar, ja fast populärwissenschaftlich, erörtert, u. a. Intellektuelle wie Sigmund Freud, Max Weber, Hannah Arendt und auch Albert Camus. In dessen Biografie wurde ich von Iris Radisch auf Le Bon aufmerksam gemacht.

BildLe Bon vertritt einen bürgerlich-elitären Konservatismus, der angesichts des beginnenden „Zeitalters der Massen“ jeglicher Hoffnung auf sich daraus entwickelnde kulturelle, soziale und politische Fortschritte eine Absage erteilt. Die Masse, wie er sie empirisch beobachtet, ist bar jeder Vernunft. Selbst der Gebildete, der Einzelne, der sich im Alltag vernünftig zu verhalten versteht, wird in dem Moment, wo er Teil einer Masse wird, überwiegend von unbewussten, niederen Instinkten geleitet. Jede sich bildende Masse Mensch ist eine wachsende Ansammlung von Opportunisten. Die Masse nivelliert dabei all ihr geistiges Vermögen auf das niedrigste Niveau. Angesichts gegenwärtiger Massenveranstaltungen (Sport, Kultur, Politik, aber auch Netzwerken) kann man diese Beobachtung noch heute nicht gänzlich leugnen. Doch während sie hier noch harmlos erscheint, wirkt die Tumbheit der Massen in den gesellschaftspolitischen Fragen sehr bedenklich und – wie die Historie wiederkehrend mit ihren vielen blutigen Kriegen, Pogromen, Volksverhetzungen belegt – oft sogar mörderisch:

„Die Massen haben nur die Kraft der Zerstörung. Ihre Herrschaft bedeutet stets eine Stufe der Auflösung.“

Und an anderer Stelle:

„In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft.“

Doch Le Bon versteht Masse nicht allein als den namenlosen Plebs oder diskriminiert sie als dumpfen Pöbel, sondern erkennt dieselben psychologischen Muster auch bei nicht namenlosen Gruppen, wie z. B. Geschworene, Parlamentarier oder Wissenschaftler. Auch wenn Le Bon es vermeidet, explizit sich selbst als gefährdet zu betrachten, so schließt er dies auch nicht aus. Offensichtlich ist jeder gefährdet, und es gibt keine geistige Immunität gegen Mitläufertum.

Der Glaube, verbunden mit der Suggestionskraft einfacher Bilder, und nicht Aufklärung sei die Triebfeder der Massen, lautet die Quintessenz von Le Bon. Und angesichts der doch kläglichen Erfolge eines bislang 250jährigen philosophischen Bemühens, uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu führen, kann man dieser Einschätzung nicht vehement widersprechen. Denn auch die heutigen gesellschaftspolitischen Ideologien erweitern nur das Spektrum der Glaubensrichtungen.

„Beim Studium der Einbildungskraft der Massen fanden wir, dass sie namentlich durch Bilder erregt wird. Diese Bilder stehen einem nicht immer zur Verfügung, aber man kann sie durch geschickte Anwendung von Worten und Redewendungen hervorrufen. … Worte, deren Sinn schwer zu erklären ist, sind oft am wirkungsvollsten. So z.B. die Ausdrücke Demokratie, Sozialismus, Gleichheit, Freiheit u. a., deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten. In ihnen ist die Zusammenfassung der verschiedenen unbewussten Erwartungen und der Hoffnung auf ihre Verwirklichung lebendig.“

Entsprechend ablehnend würde sich Le Bon heute wohl auch über die Schwarmintelligenz äußern:

„Die Masse nimmt nicht den Geist, sondern nur die Mittelmäßigkeit in sich auf. Es hat nicht, wie man so oft wiederholt, die „ganze Welt mehr Geist als Voltaire“, sondern Voltaire hat zweifellos mehr Geist als die „ganze Welt“, wenn man unter dieser die Massen versteht.“

Le Bon bescheinigt den Massen nicht nur geistlosen Opportunismus, sondern auch Obrigkeitshörigkeit und Duckmäusertum:

„Die Massen erkennen die Macht an und werden durch Güte, die sie leicht für eine Art Schwäche halten, nur mäßig beeinflusst. Niemals galten Ihre Sympathien den gütigen Herren, sondern den Tyrannen, von denen sie kraftvoll beherrscht wurden.“ (Das lässt einen doch an einige lebende Personen und lupenreine Demokraten denken.)

Würde Le Bon heute auferstehen, könnte er sich vollends bestätigt in den kulturpessimistischen Diskurs des 21. Jahrhunderts einbringen. Die Entwicklung der Medien, besonders die Omnipräsenz und Verfügbarkeit von endlosen Informationen, wäre ihm Erklärung genug für die aktuelle Empörungsgesellschaft:

„Der Erwerb unnützer Kenntnisse ist ein sicheres Mittel, einen Menschen zum Empörer zu machen.“

Seit an Seit mit Günter Grass & Co. würde er sich nach den guten alten Zeiten sehnen als Intellektuelle noch überzeugt von ihrer politischen gesellschaftlichen Relevanz waren und sich im naiven Glauben befanden, Meinungsbildner zu sein:

„Einst, und dies Einst liegt gar nicht so weit hinter uns, wurde die öffentliche Meinung von der Tatkraft der Regierung, dem Einfluss einiger Schriftsteller und einer ganz geringen Anzahl von Zeitungen getragen. Heutzutage haben die Schriftsteller allen Einfluss eingebüßt, und die Zeitungen spiegeln nur die öffentliche Meinung wider.“

Und er würde mir vielleicht beipflichten, wenn ich behaupte, dass wir heute keine Politiker mehr wollen, die ernsthaft und manchmal schmerzhaft die Zukunft gestalten, sondern nur Verwalter unserer bürgerlichen Komfortzone wählen:

„Und was Staatsmänner anbelangt, so denken sie nicht daran, sie (die Masse) zu lenken, sondern suchen ihr nur zu folgen. Ihre Furcht vor der öffentlichen Meinung ist fast schon Schrecken und raubt ihrer Haltung jede Festigkeit.“

Ebenso würde ihn wohl unsere wiederkehrende Enttäuschung über die Mehrheit von Führungskräften verwundern. Denn schon vor über 100 Jahren erkannte er:

„Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im Allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden.“

Ebenso müde oder vielleicht auch süffisant lächelnd könnte er die aktuelle medienkritische Diskussion verfolgen. Ist doch schon zu seiner Zeit klar, dass der heute so gepriesene, unabhängige, aufklärende und Haltung erfordernde Qualitätsjournalismus allenfalls sporadisch und in unauffälligen Nischen aufkeimt:

„Die Presse, die einstige Leiterin der öffentlichen Meinung, hat wie die Regierungen gleichfalls der Macht der Massen weichen müssen. Gewiss, besitzt sie noch eine bedeutende Macht, aber doch nur, weil sie lediglich die Widerspiegelung der öffentlichen Meinung und ihrer unaufhörlichen Schwankungen ist. Sie ist zum einfachen Informationsmittel geworden und hat darauf verzichtet, irgendwelche Ideen oder Lehren zu verbreiten. Sie geht allen Veränderungen des öffentlichen Geistes nach, sie ist dazu verpflichtet, weil sie sonst Gefahr läuft, durch die Maßnahmen der Konkurrenz ihre Leser zu verlieren. Die alten, ehrwürdigen und einflussreichen Blätter von ehedem, deren Ansprüche von der vergangenen Generation noch ehrfurchtsvoll wie Weissagungen angehört wurden, sind verschwunden oder zu Nachrichtenvermittlungen geworden, die von unterhaltenden Neuigkeiten, Gesellschaftsklatsch und geschäftlichen Anzeigen umrahmt sind.“

Und wer glaubt, dass Feuilleton bilde da eine hoffnungsvolle Ausnahme und könne zumindest noch in elitären Kreisen seinen Einfluss behaupten, dem hat Le Bon schon 1895 vorgehalten:

„Die Kritik hat nicht einmal mehr die Macht, ein Buch oder ein Theaterstück durchzusetzen. Sie kann schaden, aber nicht nützen.“

Wer sich einmal die Mühe macht, Buchempfehlungen in den deutschen Feuilletons mit denen der Amazon-Rezensenten zu vergleichen, kann der Einschätzung nur zustimmen.

Wer bis hierhin noch nicht von der zeitlosen Relevanz Le Bons überzeugt ist, lässt sich vielleicht von seinem abschließenden Fazit einnehmen, in dem er uns auch deutlich macht, dass die aktuelle Krise der Staatsfinanzen, die wir historisch so einmalig empfinden, doch einzig nur eine logische Konsequenz unserer besten unter den schlechten, von den Massen getragenen Staatsformen ist. Denn auch nach Ansicht Le Bons erweist sich die parlamentarische Demokratie noch immer als die beste unter allen schlechten Regierungsformen. Sie birgt

„eigentlich nur zwei ernstliche Gefahren in sich: die übermäßige Verschwendung der Finanzen und die zunehmende Beschränkung der persönlichen Freiheit.“

Letzteres durch die unendliche Zunahme stets einschränkender Gesetzgebung. Und dass die wachsende Verschwendung von Staatsgeldern dann in die uns akut betreffende Finanzkrise führt, ist schon vor über 100 Jahren evident – und wurde schon damals von uns altbekannten Staaten angeführt:

„Das ununterbrochene Anwachsen solcher Ausgaben muss notwendigerweise zum Bankrott führen. Viele Staaten Europas, Portugal, Griechenland, Spanien, die Türkei, sind dabei angelangt, andere werden bald soweit sein. Aber man braucht sich nicht viel darum zu kümmern, da das Publikum ohne großen Widerspruch nach und nach die Kürzung von vier Fünfteln aller Zinszahlungen der verschiedenen Länder angenommen hat. … und in einer Zeit allgemeinen Zerfalls muss man sich damit begnügen, in den Tag hinein zu leben, ohne allzu sehr an das Morgen zu denken, das sich unserer Macht entzieht.“

Gustave Le Bon „Psychologie der Massen“ als Pdf hier.

Zukunft von Print & TV: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Testbild-Ende

Chapeau, Nicolas Clasen, da haben Sie offenbar einen echten Scoop gelandet. Sollte es im Jahr 2013 einem freiberuflichen Berater aus München („Digital Strategy Consultant“ laut xing Profil) gelungen sein, deutschen Medienmanagern erstmalig den gewaltigen digitalen Umbruch ihrer Branche verständlich zu veranschaulichen? War es wirklich bislang so schwierig, die zukünftigen Entwicklungen dieser disruptiven Innovation zu prognostizieren und sich strategisch zu wappnen? Die fast einhellig begeisterten Rezensionen hier lassen das fast vermuten. Damit würde Nicolas Clasen – sicher ungewollt – der restlichen Beraterzunft ein Armutszeugnis ausstellen. Noch fataler wäre es, wenn man es als Eingeständnis vieler Unternehmensstrategen in den Medienhäusern interpretierte, dass sie es bis dato noch nicht begriffen hätten. Dem ist aber sicher nicht so. Herausforderungen auf strategischer Ebene liegen sicher weniger in der Erkenntnis, was auf die Massenmedien zurollt, sondern in der richtigen Wahl der Fluchtorte und des geeigneten Zeitpunktes zur Flucht. Denn jeder will noch soviel wie möglich von seinem Hab und Gut retten.

BildClasens anschauliche, kluge und eben nicht schlaumeierische Analyse sollte Proseminarlektüre in den Medienwissenschaften sein. Doch wer seit vielen Jahren in der Branche führende Managementaufgaben innehat, sollte sich einzig für die gelungene Form bedanken, aber der Inhalt sollte ihm weitestgehend geläufig sein. Der Titel des Buches ist populistisch sicher gut gewählt, doch die Tsunami-Analogie für die hier beschriebene Branche trifft aktuell nicht zu. Als Tsunami traf die Digitalisierung vor Jahren die Musikindustrie. Sie konnte sich nicht rechtzeitig vor der Welle in sicheres Terrain flüchten. Ihre Kunden waren vorwiegend Digital Natives und nahmen die Innovationen radikal und dankbar auf.

Doch die Geschäftsgrundlage von Print und TV basiert auf der noch mehrheitlichen Generation der zögerlichen Digital Inhabitants, die von ihren alten Gewohnheiten noch nicht lassen mag. Sie hängt noch an den linearen TV-Programmen, bevorzugt noch die gedruckten Tageszeitungen und Zeitschriften, auch wenn dies weder ökonomisch rational noch anderweitig von Vorteil ist. Es ist die Generation, die ein Smartphone für € 600,– als teuer erachtet, jedoch den Preis von € 2,– für eine Tageszeitung für akzeptabel hält und Zeitschriften für € 10,– und Bücherpreise von mehr als € 20,– klaglos akzeptiert. Auf diese irrationale und sentimentale Klientel kann die Medienbranche noch lange vertrauen. Deshalb findet in der Branche derzeit auch keine hektische Flucht vor einer drohenden Tsunamiwelle statt, sondern eine gemächliche Sondierung möglicher Fluchtpunkte. Der Markt erodiert nur sehr allmählich auf der Seite der Mediennutzer.

Weit mehr Gefahr lauert in der B2B-Welt der Werbekunden. Denn, wie Nicolas Clasen stupend erläutert, wird das bis heute für die Medien völlig risikolose Geschäftsmodell „der erfolgsunabhängigen Vermarktung von Werbeplätzen“ über kurz oder lang abgelöst von klar ROI-messbaren Werbeformen – Marken- und Imagewerbung eingeschlossen. Doch noch herrscht auch hier in den Führungsetagen und Entscheidungsgremien die Bequemlichkeit und Unsicherheit überwiegend digitaler Analphabeten oder Neuland-Verweigerer vor.

Eigentlich müsste die Milliarden Euro spendende Wirtschaft jubeln, dass man sie von ihrem Zwangssponsoring der Massenmedien bald erlösen wird und selbst alles daran setzen, diesen Prozess zu beschleunigen. Dass dies bislang nicht geschieht, kann man auch dem erfolgreichen Lobbying der Werbewirtschaft zuschreiben, die eine starke Allianz mit den Medien und Teilbereichen in den Unternehmen bildet. Seit Jahrzehnten bleibt die gesamte Branche einen klaren Nachweis über die Wirkungszusammenhänge ihres Tuns schuldig und steht aus wissenschaftlicher Sicht somit auf einer Stufe mit Astrologie und Homöopathie.

Doch letztendlich geht es einmal mehr um Hoffnungen die sich die Medienbranche liturgisch und selbstsuggestiv seit Jahren macht: wir werden Mittel und Wege finden, unser werbefinanziertes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Doch hier liegt die Crux, die Nicolas Clasen zwar anspricht, jedoch nicht radikal in Frage stellt. Denn das Geschäftsmodell „werbefinanzierte“ Massenmedien ist schon immer ein bedenkliches Oligopol, das trotz offensichtlicher Ineffizienz fröhlich weiter agiert und solange bestehen wird, bis sich ernsthafte Alternativen ergeben. Und sobald diese vorhanden sind, wird die aktuelle Medienlandschaft doch noch von der digitalen Tsunamiwelle überrollt.

Sehr rücksichtsvoll macht Nicholas Clasen am Ende denn doch noch einem unabhängigen Qualitätsjournalismus Hoffnung, dass es tatsächlich in Zukunft gelingen könne, diesen überwiegend nutzerfinanziert zu retten. Ich bin durchaus nicht kulturpessimistisch, doch diese Hoffnung teile ich nicht. In den kommenden Jahren wird meines Erachtens Qualitätsjournalismus, der sich über Nutzer finanziert, eine kleine Nische besetzen. Jeder, der heute Publizistik studiert oder gar eine Journalistenschule besucht, sollte sich im Klaren sein dass er damit in Zukunft kaum ein sicheres Auskommen haben wird.

Über die aktuelle Situation und die Zukunft der Zeitungen hat Richard Gutjahr eine sehr spannende Debatte initiiert.