Wozu braucht es Verrisse?

Verriss

„Die meisten Bücher, die wir im Quartett hier besprochen haben im Laufe der beinahe 14 Jahre, habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. In den meisten Fällen war es eine Qual.“

 Marcel Reich-Ranicki

Dazu schreibt Georg Gruber vom Deutschlandfunk:

Er (Marcel Reich-Ranicki, Anm. von mir) war wirklich ein Solitär, …. Nach seinem Tod konnte keiner an seine Stelle treten, der Platz des Literatur- und Kritikerpapstes ist verwaist. Vielleicht ja auch ein gutes Zeichen für eine aufgeklärte Gesellschaft: Die Leser sind wieder zurück geworfen auf sich selbst.“

Was meint das „zurück geworfen auf sich selbst“ angesichts der alljährlichen Masse an Literatur, die uns angeboten wird. Selbst durchbeißen? Hoffen, ganz allein auf die literarische Nadel im Heuhaufen zu treffen? Wo findet sich da eine aufgeklärte Gesellschaft?

Nein, diese abschließende Anmerkung ist wenig durchdacht. Und wenn wirklich ernst gemeint, dann ist sie ein Offenbarungseid für eine Haltung, der man zunehmend in der Gesellschaft begegnet: bloß keinem mit seiner Meinung auf die Füße treten zu wollen. Immer eine Hintertüre offenlassen, falls sich jemand von der wenig begeisterten Kritik oder der höflich vorgetragenen, persönlichen Enttäuschung beleidigt zeigt. Beim Gang durch die Hintertüre ruft heute der „Kritiker“ dann dem Beleidigten zu, dass man sich durchaus seiner Subjektivität bewusst sei und man mit seiner Kritik selbstverständlich niemanden nahelegen wolle, das Buch nicht zu lesen. Jeder soll sich doch bitte selbst ein Urteil bilden. Weiterlesen

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Jugend ohne Plot

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Denke ich an meinen einzigen Tagebuchversuch, den ich mit vierzehn Jahren auf sanften Druck meiner ersten „Liebe“ begonnen hatte, zieht es mir noch immer den Magen zusammen. Aus unerklärlicher Sentimentalität hatte ich diesen nach ca. dreißig Seiten abgebrochenen Versuch, meine chronologisch datierten Leiden des jungen B. aufzuzeichnen, bis ich Mitte zwanzig war aufbewahrt und dann noch einmal gelesen. Angewidert und voller Scham mich erinnernd, dass ich diese unechten Gefühlsduseleien gar der Initiatorin zu lesen gab, entsorgte ich diese unsägliche Lektüre umgehend in den Müllcontainer. Ich hoffe bis heute inständig, dass ich auch nie mit meinen damaligen eklektischen Ergüssen in Briefform – entliehen bei Goethe, Hesse, Salinger, Wilde und Balzac – noch einmal im Leben konfrontiert werde.

Diese unangenehmen Erinnerungen an mein pubertierendes Alter Ego wurden wieder geweckt durch die 4:0 Empfehlung des Literarischen Quartetts: der Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ von dem Amerikaner John Fante (1909 – 1983), neu übersetzt von Alex Capus. Die seltene Einhelligkeit des Urteils sollte mir ja zumindest keine große Enttäuschung zusichern und ließ auf eine begeisternde Zustimmung hoffen. Zudem wurde ja vom Verlag und von den Kritikern stetig noch Charles Bukowski als Protegé bestätigend zitiert:

„John Fantes Romane gehören zum Besten, was die amerikanische Literatur je hervorgebracht hat.“

fante-eichbornRecherchiert man diese Anekdote, wird deutlich, dass Bukowski sich nicht auf diesen Roman bezog, sondern auf „Ask the Dust“ (deutsch: „Ich – Arturo Bandini“). Doch den kenne ich nicht. Zudem zu denken sollte einem auch geben, dass der Roman nicht erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, sondern schon 1986 im Eichborn Verlag als heiße Entdeckung veröffentlicht wurde, gute Kritiken erhielt, jedoch später schon die erste Auflage, wie auch die anderen drei Romane, erfolglos verramscht werden musste. Auch jetzt scheint die Quartett-Empfehlung wenig zu bewirken. Zumindest auf amazon harrte das Buch noch bis vor kurzem seiner ersten Bewertung.

Nebenbei bemerkt: Fante spricht sich „Fänti“ und nicht „Fante“, was selbst „Capote“-begeisterte Kritiker im Quartett offenbar nicht bemerkten.

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