Aufklären lässt sich nur, wer aufgeklärt werden will.

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Nur ein aufgeklärter Geist, kann auch ein freier Geist sein. Nach Jean-Jaques Rousseau könne der Mensch zwar auch zur Freiheit gezwungen werden, doch in Bezug auf die Ausbildung eines freien Geistes widerspricht dies der Prämisse der Aufklärung, wie Kant sie etwas hölzern, jedoch eindeutig erklärt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Für uns Deutsche ist meist Immanuel Kant der geistige Vater der Aufklärung. Doch als er 1784 diese Antwort veröffentlichte, war ein Vordenker seit acht Jahren tot, über den Kant bekannte, dass dieser ihn aus seinem „dogmatischen Schlummer“ erweckt habe: der Moralphilosoph David Hume (1711 – 1776).

Der Schotte Hume ist einer der bedeutendste Vertreter der schottischen Aufklärung, die Mitte des 18. Jahrhunderts Edinburgh und Glasgow zu einem intellektuellen Zentrum von Freidenkern machte. Neben Hume zählt sein langjähriger, enger Freund Adam Smith (1723 – 1790) zu den auch international sehr einflussreichen schottischen Denkern dieser Zeit.

david_hume-bioBeide bzw. ihre wesentlichsten Thesen und ihre Einflüsse auf das moderne Denken sind mir über Sekundärliteratur bekannt. Doch muss ich bekennen, keine Originalwerke von ihnen je in die Hand genommen zu haben. Im Falle von Adam Smith wird sich das umgehend ändern. Dank der aktuellen, hervorragend verfassten Biografie von Gerhard Streminger. Und ebenso werde ich mich hoffentlich bald auch der vorhergehenden Biografie über „David Hume“ von Gerhard Streminger widmen können.

Während letztere knapp 800 Seiten umfasst, ist es dem Autor nun gelungen, Leben, Denken und Bedeutung des Urvaters der modernen Ökonomie Adam Smith auf wenig mehr als 200 Seiten zu verdichten. Und selbst eine kritische Würdigung seiner Thesen sowie der neuzeitlichen, ideologischen Interpretationen findet in dem Werk Raum. Wer also sein Bild vom vorgeblich geistigen Vater der neoliberalistischen Denke erweitern und gegebenenfalls korrigieren möchte, findet hier eine ideale Lektüre.

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Im Schnitt besitzen wir 10.000 Gegenstände.

Niko_paechVor einem Jahr bekam ich von meinem Bruder Niko Paechs Buch „Befreiung vom Überfluss“ geschenkt, Untertitel „Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“. Kurz zuvor hatte ich ein Portrait des Autors in irgendeiner ARD Sendung kurz vor Mitternacht gesehen. Und schon da befürchtete ich, dass er mit seinen Thesen den perfekten Marketingknopf gedrückt hat – wobei ich ihm nicht mal Kalkül unterstelle, sondern den Medien.

Ich las das Buch und schwankte damals, ob ich es überhaupt rezensieren soll. Denn letztlich sind seine Thesen derart schrullig, dass man sie nicht mal in einer radikal ökologischen Partei wie der ÖkoLinX (echt coole website) mit der alleinigen Parteivorsitzenden Jutta (von) Ditfurth (ja, sie agi(ti)ert noch immer) aufgreifen würde.

Doch dann entschied ich mich für eine Rezension in Briefform, in der stillen Hoffnung, den Autor oder zumindest seine Evangelisten zu einem Dialog zu bewegen. Das war natürlich naiv, da er (und die anderen wohl auch) fast gar nicht am virtuellen Teil des Lebens teilnehmen.

Doch nachdem ich bei einem Blick auf amazon feststelle, dass dieses Buch noch immer Nr. 2 in Bücher, Business & Karriere, Wirtschaft, Wachstum ist, entschied ich mich, noch mal meinen Brief zum Buch offen zu machen:

Lieber Niko Paech,

ich habe Ihr Buch von der Befreiung des Überflusses gelesen und falle gleich mit meiner Frage ins Haus: meinen Sie das alles wirklich ernst? Sicher gibt es vereinzelte Menschen wie Sie, die sich konsequent in Enthaltsamkeit üben werden. Denen sei dieses Buch als stärkender Wegbegleiter gegönnt. Denn der Weg, den sie gehen werden, wird ein sehr einsamer sein. Irgendwo aber findet sich dann sicher ein abgelegenes Örtchen – wohl in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen -, wo sich Gleichgesinnte zusammenfinden, um eine Idylle zu schaffen, wo sie dann hoffentlich unbehelligt von unserer demokratischen Konsenspolitik ihr postökonomisches Dasein glückselig geniessen dürfen.

Doch genug der Polemik. Ich habe Ihr Buch gerne gelesen. Es ist gut, wenn auch nicht einfach zu lesen. Mit vielen vermittelten Einsichten stimme ich überein, die Schlussfolgerungen sind fast zwingend und die daraus folgenden Forderungen konsequent. Doch allesamt nicht mal bei einer signifikanten Minderheit durchsetzbar. Ihre eigenen Zweifel leuchten durchweg durch jede Zeile und ich frage mich, was bezweckt er nun mit diesen Thesen? Wenn es letztlich das Kalkül ist, dass man am Ende davon nur 10% durchsetzen kann und damit sein Ziel erreicht, ist es gelungen. Alles darüber hinaus liesse mich an Ihrer soziologischen Kompetenz zweifeln.

Überzeugend finde ich den Verweis darauf, dass es einen ökologischen Imperativ nach Kant geben sollte: nutze nur soviel Ressourcen wie du jedem Menschen auf der Welt und den Menschen zukünftiger Generationen zugestehen bzw. zusichern kannst. Das ist philosophisch gut, aber ebenso weltfern wie es Kants kategorische Imperativ bis heute noch ist.

Auch die konkrete Forderung pro Person nicht mehr als 2,7 t CO2 p.a. zu verbreiten (11 t sind es aktuell in Deutschland), ist schon mal ein Nachdenken wert – auch wenn die Erfüllung nicht ausreichend ist, um alle Ressourcen zu schon.

Dankbar bin ich für solche nachdenklich stimmenden Hinweise, dass z.B. im Durchschnitt jeder Bundesbürger über 10.000 Gegenstände besitzt. (Wenn ich allein an die Anzahl unsere Bücher im Drei-Personen-Haushalt denke, sind wir wohl klar überdurchschnittlich) Oder das wohl jeder Westeuropäer ca. 50% Umweltverschmutzung im Ausland betreibt.

Hanebüchen dagegen finde ich u.a. Ihre Forderung nach einer Bodenreform, euphemistischer Ausdruck zur Enteignung der Grundbesitzer. Ähnlich geht es mir mit Ihrer gewünschten Bildungsreform, die dazu beitragen soll, die Jugend wieder sesshaft zu machen und ihr Glück nicht in der Ferne zu suchen.

Da ich mich in den Siebzigern intensiv und mitgerissen mit den Thesen des Club of Rome beschäftigte und nüchtern heute erkennen muss, dass nichts davon nur annähernd eingetreten ist, erachte ich auch das von Ihnen apokalyptische Szenario für realitätsfern. Dennoch erkennen ich die Notwendigkeit an, dass wir Menschen anders haushalten müssen.

Ich für meinen Teil habe eine wesentliche Konsequenz vor Jahren gezogen – und nicht nur aus ökologischen Gründen: das einzig was hilft, ist Einkommensverzicht. Alles andere regelt sich dann von selbst. Doch zu meiner Lebensentscheidung würde ich niemals andere bekehren wollen – zu schwer und riskant ist sie.

SPIEGEL_TITEL_UEBERFLUSSSind Sie eigentlich schon zu Ihrem Dekan gegangen und haben um eine Gehaltserniedrigung gebeten und auf Ihre Pensionsansprüche verzichtet? Und warum kostet das Buch noch immer € 15,– und ist das eBook nicht umsonst. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern ernst. Denn alles, was Sie verdienen und an Umsatz erzeugen, treibt das Wachstum. Denn es ist Geld, was in den Kreislauf gerät und wiederum investiert wird. Ich denke, mit Ihnen und vielen Ihrer Evangelisten wird im Moment schon einiges an Geld verdient. Denn Sie liegen einfach voll im Trend. Geben Sie mal Niko P in Google ein. Da sind Sie der erste Ergänzungsvorschlag.

Abschliessend noch: Wie sie so schön schreiben: „Die Ratgeberliteratur boomt – aber die Ratlosigkeit noch mehr.“ Und mit dieser Ratlosigkeit entlässt mich Ihr Buch. Denn alle Lebenserfahrung sagt uns, dass Ihre vorgeschlagene Verzichtserklärung nicht mehrheitsfähig ist. Und damit Blicke ich mehr denn je fatalistisch in die Zukunft meines siebenjährigen Sohnes.

Ich würde mich freuen, wenn Sie zumindest meinen Sohn überzeugen könnten. Was würden Sie ihm denn raten, ausser dass er seine Eltern auffordert: Lass uns in eine 3 Zimmer-Wohnung ziehen, Klavier, Chor und Fussball beenden, Auto abschaffen und bitte, bitte nicht mehr soviel reisen. Wozu muss ich denn zu unseren Freunden und Verwandten in USA, China und Vietnam?

Mit herzlichem Gruß

Thomas Brasch

High, higher, Shanghai.

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Chinareise Teil 1

 

Eine Masse Mensch, geduckt, im einheitlich ausgebleichtem Look, drängt schweigend durch staubige Straßen eines Großstadt-Molochs, hin zu ihrem Tagwerk, von dem sie erschöpft nach 12 Stunden in eine der Millionen Bienenwaben-Einheitsstätten heimkehren, dort die Schüssel Reisgericht mit Stäbchen löffelnd im schweigenden Kreis der Großfamilie auf einen flimmernden Flatscreen stieren, um den grauen Alltag auszublenden. Demgegenüber eine korrupte Elite, die asozial Millionen rafft und ihren Reichtum protzig in den Metropolen zur Schau stellt.

Über kaum ein Land, das ich bislang bereiste, waren meine unreflektierten Vorstellungen (und Vorurteile) so weit weg von der Wirklichkeit wie von China. Und das, obwohl wir chinesische Freunde haben, die uns im vorvergangenen Jahr in Deutschland besuchten und ich vor Jahren schon geschäftlich intensive Beziehungen zu China hatte. Doch erst jetzt sind wir endlich der Einladung unserer Freunde gefolgt und haben – meine Frau, mein siebenjährige Sohn und ich – eine 14tägige Reise nach China gemacht. Danach kann ich nur sagen: ich bin tief beeindruckt, ziehe den Hut und verbeuge mich ganz tief vor den Leistungen, die die Menschen in diesem Land vollbracht haben und noch vollbringen werden.

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Sicher, in 14 Tagen kann man nur wenigen Einwohnern der über 1,3 Mrd. Chinesen die Hand schütteln und zulächeln. Sowieso ist China als „Land des Lächelns“ ein unhaltbares Operetten-Klischee, das wir Franz Lehár verdanken, der keine Ahnung von dem Land hatte, wie schon Christian Y. Schmidt in seinem satirischen China-Crashkurs „Bliefe von dlüben“ bestätigt. Die Chinesen lächeln ähnlich sparsam wie wir, doch dafür lachen sie viel schamloser. Schadenfreude ist nicht verpönt, sondern eine bevorzugte Form eines deftigen Humors. Feinsinnige Ironie und amüsante Witze zählen hingegen nicht zum Repertoire des humorigen Chinesen wenn man Christian Y. Schmidt glauben mag.

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Mein Sohn und sein chinesischer Freund Ben lassen mitten in Peking einen Drachen steigen. Eine Leidenschaft unserer Freunde in Peking.

Schmidt lebt seit 2005 in Peking, ist mit einer Chinesin verheiratet und kann sich überhaupt nicht mehr vorstellen, in einem Kleinstaat wie Deutschland zu leben. Sein Buch war ein perfekter Begleiter für unsere Reise, obwohl es – 2009 erschienen – nicht mehr ganz aktuell ist. Eine Deutschlandreportage würde in fünf Jahren sicher nicht all zu sehr an Aktualität verlieren. Doch bei Berichten über China muss man mindestens den Faktor 4 ansetzen. Hier verändert sich in 5 Jahren so viel wie bei uns in 20. Und wenn es um Stadtplanung, Bauten und Infrastruktur geht, kann man den Faktor locker auf 10 erhöhen. In Shanghai, die letzte Station unserer Reise, trafen wir Freunde, die dort geboren sind. Seit 25 Jahren leben sie im Ausland, sind aber regelmäßig in Shanghai. Sie gestanden uns, dass sich ihre Geburtsstadt in den vergangenen 20 Jahren stetig so verändert, dass sie sich alle Jahre neu orientieren müssen. Und das in einer 25 Mio. Metropole.

China ist im vielsinnigen Wortsinn gigantisch. Das Land ist 27mal so groß wie Deutschland. Und von mehr als 1,3 Mrd. Menschen bevölkert, das sind etwa 17mal so viele Einwohner wie bei uns. Somit ist es deutlich weniger dicht besiedelt. Die Metropolen Peking und Shanghai, die wir unter anderem besuchten, sind – neben Mexiko-City – die mit Abstand bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Beide sollen aktuell weit über 20. Mio. Einwohner haben. Durch beide Städte haben wir uns zu Fuß, mit dem Auto und ab und an mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt. Gerne wird in den deutschen Medien über den ständigen Verkehrskollaps berichtet, der in beiden Städten herrschen würde. Der mag dort vorkommen, aber seltener als in Berlin und München, wenn die maroden ÖVMs ausfallen oder deren Mitarbeiter streiken.

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Vielmehr ist es weitaus beeindruckender, dass der Verkehr fließt, wenn auch manchmal zäh, und dass sich 20 Millionen Menschen tagtäglich durch die Stadt bewegen können, ohne dass es dabei zu chaotischen Verkehrsszenarios kommt. Zudem fahren in diesen Metropolen überwiegend Autos, die kaum älter als drei Jahre sind. Jedes Auto darf nur an bestimmten Tagen genutzt werden und um die Umweltbelastung nicht weiter zu erhöhen, gibt es sehr rigide Zulassungsregeln, die politisch völlig undenkbar bei uns wären. Auffällig zudem sind unendlich viele Elektroroller (auch auf dem Land), was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass diese keinen Lärm machen. Nicht zuletzt gibt es unendlich viele, bezahlbare Taxis. Denn leider muss man ansonsten feststellen, dass die Preise für Konsumgüter und Dienstleistungen in den chinesischen Metropolen auf westeuropäischem Niveau angekommen sind – nur eben Taxifahren ist noch günstig. Um sich die Dimension noch einmal klar zu machen: in den Metropolen leben und arbeiten 4mal so viel Menschen wie im Ruhrgebiet. Und wer – wie ich – mal ein paar Jahre im größten Ballungsgebiet Deutschlands lebte, ahnt vielleicht, was mich hier so beeindruckt hat.

Doch nicht nur die Metropolen Chinas versetzten uns in Staunen. Auch in der chinesischen Provinz gibt es Projekte, die mich endgültig über den aktuellen Stand unserer Kompetenz für Großprojekte grübeln lassen. Doch wenn ich Provinz schreibe und dabei an den Besuch der Provinzstadt Hangzhou denke, dann spreche ich von einer 9 Mio. Stadt. Hier sind wir mit einem der Hochgeschwindigkeitszüge von Peking hingefahren. Nach gut 7 Stunden kamen wir ca. 1.300 km südlich an und fuhren einen Tag später vom derzeit zweitgrößten Bahnhof Chinas weiter nach Guilin.

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Zunächst die eindrucksvolle Fahrt von Peking nach Hangzhou in einem chinesischen Hochgeschwindigkeitszug. Diese Strecke von 1300 km wird im 60 Minuten Takt befahren. 1300 km Wegstrecke entsprechen ungefähr der Autofahrt Hamburg – Florenz. Nach etwas mehr als 7 Stunden sind wir da, pünktlich. Durchweg fuhren wir fast immer 310 km/h und hielten an etwa 4 Stationen zwischendurch. Ich fahre in Deutschland sehr gerne Zug – auch lange Strecken von München nach Hamburg oder Berlin. Das sind dann immer gut 6 Stunden. Würde die Bahn da mal chinesisch Gas geben, wären es nur 3 Stunden. In China plant man demnächst die Geschwindigkeit auf 400 km/h zu erhöhen. So wird Bahnfahren richtig attraktiv.

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Entsprach die Zugfahrt noch meinem Vorstellungsvermögen, so war ich dann beim Anblick des Bahnhofs von Hangzhou schier baff. Dieser zweitgrößte Bahnhof Chinas ist ein architektonisches Glanzstück – sowohl ästhetisch als auch in allen Belangen des Komforts. Ein solches Gebäude würde man eher als modernen Flughafen erwarten, denn als Bahnhof. Ein riesige Ankunfts- und Wartehalle. Unterhalb der Halle sind alle Gleise angelegt, zu denen man über zig Gates gelangt. An jedem Gate ist Personal, das den Check-In betreut, Auskunft gibt und einen freundlich verabschiedet. Es gibt auch kaum Gedränge, da man nur fest reservierte Plätze vergibt. Bei der Zugfrequenz ist das offenbar möglich. Auch wenn mir unser Hauptstadt-Bahnhof in Berlin gefällt, habe ich nicht vergessen, dass sich der damalige Bahnchef Mehdorn als geiziger Bauherr und selbstherrlicher Banause gerierte und gegen den Willen des Architekten das Bauwerk rechts und links stutzen liess.Wenn man nun diesen Bahnhof in der chinesischen Provinz gesehen hat, fragt man sich, wie provinziell sind wir in Deutschland eigentlich.

Als ich unserem Freund Yan erzählte, wie beeindruckt ich von China sei und wie peinlich derzeit in Deutschland sogenannte „Großprojekte“ wie der Flughafen Berlin, Stuttgart 21 oder die Oper in Hamburg verlaufen, wollte er mir das nicht glauben. Yan ist Deutschland nicht unbekannt. Er hat in Deutschland in den Neunzigern einige Jahre gearbeitet und gehört noch zu den Chinesen, die von der deutschen Arbeitsmoral, Kompetenz und Perfektion schwärmen. Doch wie lange noch?

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Diese ersten Eindrücke von den gigantischen Dimensionen in China, die ja historisch betrachtet nur konsequent sind, wenn man – wie wir – auch den obligatorischen Besuch der Chinesischen Mauer einbezieht, werden beim Besuch von Shanghai nochmals gesteigert. Diese Stadt breitet sich nicht nur immens aus, sondern wächst auch sehr halsreckend in die Höhe. Und das nicht nur in einem Viertel sondern verschiedenen Bezirken. Die bekannte Skyline am Huangpu-Fluss ist da nur ein Distrikt von vielen, in denen Wolkenkratzer von über 150 m stehen. Derzeit sollen es 51 in Shanghai sein. Nur Hongkong hat noch ein paar mehr. Aber Chinas höchste stehen in Shanghai. Auf 472 m Höhe im Shanghai World Financial Center (Flaschenöffner-Architektur) haben wir uns die Stadt rundum angeschaut. In unmittelbarer Nachbarschaft des bislang höchsten Gebäudes in China steht nun auch die kurz vor der Fertigstellung stehende neue Superlative, der Shanghai Tower mit ca. 630 m.IMG_7652

Manch einer mag diese Hochhaus-Architektur als protzig und größenwahnsinnige Baukultur erachten, doch wer in China lebt, muss sie wohl oder übel ertragen lernen. Denn nicht nur Prestige heischende Bürotürme wachsen hier Jahr für Jahr, sondern auch unzählige Wohntürme mit über 50 Stockwerken. Und die gibt es nicht nur im Stadtgebiet der Metropolen. Sie stehen und entstehen gerade dutzendweise überall im Land, wie wir aus dem Zug oder Auto bei unseren Überlandtouren sehen konnten.

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Zum schönen Abschluss unserer Reise gab es noch eine Einladung zum Essen bei Freunden in Shanghai, denen wir zuvor zwei perfekte Sightseeing-Tage verdanken.

Beide chinesischen Freunde, die wir in Peking und Shanghai besuchten, leben selbst in solch einem Wohnturm. Sie sind nicht vergleichbar mit den Hochhäusern bei uns, die wir überwiegend dem Boom der vergangenen 60er und 70er Jahre verdanken, als modernistisch heiß gelaufene Städteplaner mit mickrigen, vielstöckigen Sozialbauten Trabantenstadtviertel schufen, die heute meist soziale Brennpunkte sind. In China können dies sehr luxuriöse Anlagen sein, die nicht nur großräumige Maisonette-Wohnungen bieten, sondern auch schön angelegte Park, Pool- und Tennisanlage rundum haben.

So was hatte ich zuvor nur in Hongkong kennengelernt. Als wir dort Freunde besuchten, staunte ich bei der Fahrt in die 8stöckige Tiefgarage über den abgestellten Fuhrpark der Bewohner, der auf den ersten beiden Stockwerken unzählige Ferraris, Bentleys, Porsche und S-Klasse Mercedes umfasste. Umso weiter man nach unten fuhr, wurde es dann zwar etwas bescheidener, doch die Golf-Klasse war eine exotische Rarität. Auf ähnlichem Niveau bewegt sich heute Shanghai. In den Straßen sieht man – wie schon in Peking – kaum ein Auto, das älter als drei Jahre ist – ausgenommen Taxis. Doch hier sind die Karossen ausladender als in der Hauptstadt.

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Die Stadt frönt – zumindest auf den ersten Blick – dem puren Luxus. Hedonisten sind hier im Schlaraffenland. Jedes Luxuslabel hat hier mindestens einen Flagshipstore, der gefühlt 4mal so groß ist wie in New York, London oder Paris. Es wird zwar sicher noch Jahre dauern bis Shanghai auch kreative, Trend gebende Metropole und modischer Impulsgeber wird – zumindest solange der westliche Geschmack noch bestimmend ist – doch sicher beeinflussen schon heute die Shopper in Shanghai immens, welches Label und welche Kollektion, welche Marke und welches Produkt in den kommenden Jahren hip sein wird.

Über den eigenwilligen „Style“ der modischen Frau in Shanghai schreib und zeig ich etwas im nächsten Teil so wie über manch andere Eigenarten in China die mir aufgefallen sind.

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Wie man lesen konnte, habe ich meinen persönlichen Rückblick auf die vergangenen 14 Tage in China mit staunender Demut begonnen. Die gigantischen Herausforderungen, die dieses Land für mich auf den ersten und kurzen Eindruck hin mit Bravour meistert, hat mir einmal mehr gezeigt, in welches Dilemma wir hier in Westeuropa derzeit manövrieren: unser zunehmend saturierter, kleingeistiger Konservatismus, der dringend umzusetzende Projekte, gesellschaftliche Dynamik und technische Innovationen lähmt.

Wer solche von mir beschriebenen Eindrücke von China vorbehaltlos und ideologiefrei mitnimmt, ahnt, dass es auch in absehbarer Zeit keinen wirtschaftlichen Kollaps in China geben wird. Wer in China war oder dort lebt, sieht, dass es dort noch reichlich zu tun gibt und die Menschen danach gieren, es auch zu machen. Christian Y. Schmidt, den ich Anfangs als literarischen Reisebegleiter vorstellte, macht sich mit Recht über westliche Menetekel von irgendwelchen Wirtschaftsexperten lustig, die seit Jahren den asiatischen Infarkt prognostizieren. Dienen sie doch einzig als Augenwischerei und Selbstbeschwichtigung über die schwindende Agilität und Dynamik in unseren Luxusdemokratien. Es ist zu befürchten, dass wir irgendwann den Anschluss an die Moderne verlieren, wenn wir uns nicht an unsere langen Nasen fassen und uns fragen, wie wir zukünftig noch mit Leidenschaft, Tatkraft und mitreißender Begeisterung unsere Zukunft gestalten wollen.

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Chinareise Teil 2

Vom Luxus der Freiheit.

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Aus der Literaturbeilage der Zeit

Nachtrag: 27.November 2014: Als ich diesen Beitrag im März des Jahres schrieb, war ich noch ein wenig von der naiven Vorstellung erfüllt, dass das Stichwort „Freiheit“ im gesellschaftlichen Diskurs immer Interesse und Leidenschaft weckt. Doch dem ist aktuell mitnichten so. Betitelt oder eröffnet jemand heute seinen Diskussionsbeitrag mit Gedanken über oder gar Sorge um die Freiheit, wendet sich die Mehrheit gähnend ab.

Das Gut „Freiheit“ hat rapide an Wert gegenüber den Wünschen nach Sicherheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und staatlicher Fürsorge verloren. Sehr eindrücklich untermauert dies der erhobene „Freiheitsindex“ des John Stuart Mill Institutes, der seit 2011 in Zusammenarbeit mit dem Institut Allensbach ermittelt wird. Den Bericht 2014 als Pdf gibt es hier.

Wem der Diskurs der Freiheit dennoch etwas mehr Zeit und Gedanken wert ist, lege ich den Essay von Lisa Herzog „Freiheit gehört nicht nur den Reichen.“zu lesen nahe, über den ich hier resümiere:

 

Vor kurzem las ich Gustave le Bons „Psychologie der Massen“ , in dem er darauf verweist, dass Freiheit zu den Begriffen zählt, „deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten.“ Dem kann man angesichts der seit Jahrhunderten fortlaufenden Lektüre über das Wesen und die Voraussetzung der „Freiheit“ nur wenig widersprechen. Wer sich dem Thema dennoch annähern möchte und sowohl einen historischen Blick als auch einen aktuellen Diskurs über die Freiheit im allgemeinen und den in Misskredit geratenen Liberalismus im speziellen wünscht, dem kann ich den sehr klugen und leicht lesbaren Essay von Lisa Herzog sehr empfehlen.

BildNicht ideologisch, bestenfalls idealistisch hält sie auf knapp 200 Seiten ihr „Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus“, der meines Erachtens auch Not tut. Denn der liberale Geist, der sich in der Vergangenheit immer sehr wohltuend als Korrektiv bei starken rechts- wie linksideologischen, gesellschaftspolitischen Ausschlägen erwiesen hat, steht seit der Finanzkrise am Pranger. Sowohl der rechte als auch linke Flügel – verdächtig einhellig – machen ihn nicht nur für das Finanzmarktdebakel, sondern für alle sozialen Verwerfungen in einer globalisierten Marktwirtschaft allein verantwortlich. Der Liberalismus wird so dankbar auch zum Sündenbock der staatlichen Finanzkrisen, in dem die Politik vorgibt, dass die Rettung der globalen Finanzmärkte ja erst zur Schieflage der Staatshaushalte geführt habe.

Folie1Dennoch, und dies gibt Lisa Herzog unumwunden zu, kann man die jüngsten Repräsentanten des Liberalismus nicht in allen Anklagepunkten freisprechen. Dass der Liberalismus so gut als Sündenbock taugt, hat er einer Gruppe selbsternannter Neoliberaler zu verdanken, die das enge Bild eines staatlich gegängelten Marktes schufen. Gegen dieses Bild möchte Lisa Herzog anschreiben:

„Das Bild, gegen das ich anschreibe, ist das einer Frontstellung von Markt und Staat, in der der Markt ausschließlich als Reich der Freiheit und der Staat ausschließlich als Reich von Zwang und Unterwerfung angesehen wird.“

Damit dies überzeugend gelingen kann, ist ein philosophischer, sozio-psychologischer sowie ökonomischer Diskurs der Freiheit angebracht.

Bei der philosophischen Annäherung an die Freiheit gerät man leicht in Sophisterei. Jegliche Definition von Freiheit findet umgehend ihren Kritiker, dem diese zu eingeschränkt oder jene zu weit ist. Doch Lisa Herzog bedient sich pragmatisch. Im wesentlichen verweist sie bei der Definition auf die negative sowie positive Freiheit, sprich erstere, die uns wenig verbietet und zweite, die uns vieles erlaubt, um als Einzelner ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu führen.

Darüber hinaus überlässt sie es dem Leser, welche weiteren Spielarten er präferieren möchte.

Das Dilemma mit dem philosophischen Ideal der Freiheit wird einem persönlich sehr schnell deutlich, wenn man in die erzieherische Elternschaft eintritt. Zwar kann man sich dem schnell entledigen, in dem man sich auf Kant besinnt, der Vernunft als wesentliche Voraussetzung der Freiheit des Menschen einfordert. Die beizubringen, sehen wir ja als vorderstes Ziel unserer Erziehung. Doch gerät man dann sehr schnell auf elitäres, snobistisches Glatteis. Denn diese eingeklagte Vernunft findet sich nach kantischem Maßstab wohl bei kaum einem Mitglied in der heutigen Gesellschaft.  Schon sein kategorischer Imperativ wird selten konsequent beherzigt.

In der Meinung gespalten werden wir schon durch die Frage unseres Menschenbildes. Überwiegend findet man doch ein negatives, wie Machiavelli beschreibt, dass die Menschen kleingeistig und kurzsichtig und vor allem immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien. Gerne auch wie Adam Smith, der erkennt, dass die Eitelkeit, das Streben nach der Bewunderung von anderen, die Ursache dafür sei, dass Äcker bebaut, Städte gegründet und Wissenschaft und Kunst vorangetrieben würden.

Hingegen erteilt uns Marx fast eine religiös anmutende Absolution, indem er uns die Verantwortung nimmt und die (natürlichen) Gesetzmäßigkeiten des Marktes bzw. den Kapitalismus zum Schuldigen erklärt, der uns Menschen zwinge, ihr Eigeninteresse zu verfolgen, ob wir es wollen oder nicht.

Psychologisch und soziologisch ist unser Freiheitsanspruch immer auch ein Kampf zwischen unserem Eigensinn und damit unserer Willensfreiheit und unserer Handlungsfreiheit in einer Gemeinschaft. Denn

„Es geht immer um Freiheitsansprüche, die Menschen aneinander richten.“

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Aus der Literaturbeilage der Zeit

Mit der Freiheit unseres Willens begibt man sich wiederum auf recht unsicheres Terrain. Denn zunehmend sprechen uns nicht nur Philosophen, sondern auch Psychologen sowie Neurowissenschaftler ab, über einen freien Willen zu verfügen.  Unsere – damit nicht gänzlich selbst zu verantwortende – Willensschwäche führe dann zu asozialen, amoralischen oder zumindest unvernünftige Handlungen. Mich befremdet dieser Gedanken, denn er entmündigt uns, die wir uns für vernunftbegabte und damit selbstverantwortliche Wesen erachten. Ich denke, wer A sagt muss auch B sagen. Wenn ich Willensfreiheit beanspruche, dann muss ich auch die Verantwortung tragen, wenn mein Wille mich wider die Vernunft und besseres Wissen verleitet, asozial zu handeln.

Denn nur als solche können wir eine liberale Gesellschaft gestalten, die sich nach Lisa Herzog drei Fragen regelmäßig annehmen muss: die Fragen der Normen, des Ethos und der ungleichen Machtverteilung. Hier muss immer wieder neu justiert werden. Bei den Normen stellt sich u.a. die schöne Frage: „Verdient nicht jeder das, was er verdient?“ Und bezüglich des Ethos, wünscht die Autorin sich mit Recht, dass man diesen Begriff wieder entstaube.

„Ein gut funktionierendes Ethos hat gegenüber rein regel- und anreizbasierten Institutionen den großen Vorteil, dass es erlaubt, besser mit Komplexität umzugehen.“

Dieser Gedanke ist auch sehr nah bei Niklas Luhmann, der erkannte, dass Vertrauen nun mal dazu dient, Komplexität im sozialen Umgang zu reduzieren.

Und wachsam gegen Machtkonzentrationen zu sein, seien es Oligopole, Lobbys, politische und sonstige Eliten, darauf wies schon Adam Smith hin als er frotzelte, dass „Leute aus einer Branche selten zusammentreffen, ohne eine kleine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit zu planen,…“

Am Ende des Diskurses kehrt die Autorin wieder zum Ausgangspunkt der Diskreditierung des Liberalismus zurück, zur Ökonomie.

Es versteht sich von selbst, dass der Liberalismus keine Legitimation für das Verhalten von Gier und Maßlosigkeit bietet.

Selbst der liberalste Philosoph, John Stuart Mill, setze ein Limit:

„dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“

Folie2Schon diesem minimalen Anspruch eines gesellschaftlich verantwortlichen Liberalismus wurde und wird man in vielen Zentren der wirtschaftlichen Macht nicht gerecht. Hier muss der Staat, sofern er nicht Teil des Problems ist, regulierenden eingreifen. Da aber die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft heute zu stark geworden sind, um hier als Bürger noch zu vertrauen, ist des Bürgers Kontrolle besser. Da greift, wie man schon bei Kant „Zum ewigen Frieden“ nachlesen kann, die republikanische Freiheit, von der Lisa Herzog schreibt:

„Vielleicht ist es kein Zufall, dass in der philosophischen Debatte über den Begriff der Freiheit und des Liberalismus seit einiger Zeit eine dritte Konzeption wieder aufgelebt ist: die republikanische Freiheit. Freiheit wird hier über den Status des Einzelnen als freier Bürger definiert, als jemand, der darüber mitreden kann, was in seinem Staat entschieden wird.“

Ein Kernproblem des Marktes – unabhängig wie liberal er ist – muss dringend gesellschaftlich gelöst werden. Der große Fehler der Märkte ist aus volkswirtschaftlicher Sicht die unvollständige Preisfindung. Denn für viele Güter wird ein Preis gefunden, der die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten nicht einbezieht. Ein großer Teil der Folgekosten von Gütern und Dienstleistungen, werden der gesamten Gesellschaft aufgebürdet.

Doch trotz aller Bedenken, die ein freier Welthandel erzeugt, muss man ihm eins zugute halten: er ist der stärkste Verbündete des Friedens. Schon vor über 200 Jahren galt die Globalisierung im philosophischem Weitblick von Kant, Montesquieu und Adam Smith als Garant für den zukünftigen Weltfrieden. Denn der Handel schweiße die Nationen so zusammen, dass kein Interesse mehr an Kriegen bestünde.

Mit einer Aufforderung von Kant, schließt Lisa Herzog ihr beeindruckendes Plädoyer ab, dem ich mich gerne anschließe:

„Frei nach Kant lässt sich sagen: Eine liberale Gesellschaft ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.“

Lottospieler sind die wahren Kapitalisten und zahlen dafür Armen-Steuer.

BildAlles begann damit, dass ich mich fragte welche Analogie taugt am besten um zu erklären warum die Mehrheit der Menschen kapitalistisch ist und wirtschaftspolitisch sozialgerechte Verteilung eigentlich ablehnt. Und dann fiel mir Lotto ein.

Lotto veranschaulicht zunächst einmal – in etwas simpler Form – das irrationale individuelle Erwartungsprinzip der Bevölkerung an die Ökonomie: ich will reich werden auf Kosten der Armen. Nahezu jeder Zweite spielt mindestens einmal im Jahr. Viele spielen ein Leben lang. Zudem ist die Einführung des Lottos und viele andere Formen der Lotterie und des Glücksspiels als staatliche Einnahmequelle schon Jahrhunderte alt und international verbreitet.

Das Grundprinzip des Lottos basiert darauf, dass sich eine Gemeinschaft (Bevölkerung) zusammenfindet, die bereit ist, etwas von ihrem Besitz (Geld) in einen Topf zu geben (investieren) und den gesammelten Inhalt nach Glücksspielregeln an die Gemeinschaft neu zu verteilen. Die Regeln, nach denen verteilt wird, legt der Veranstalter (der Staat, repräsentiert durch seine mehr oder weniger demokratisch gewählten Vertreter) fest. Der Anreiz zur Teilnahme am Lotto ist die Aussicht auf einen vielfachen Gewinn. Und da es ein geschlossenes System ist, geht dieser Gewinn immer zu Lasten vieler Verlierer. Letztlich unterstützt, ja wünscht sich jeder Lotto-Teilnehmer das gern genutzte Bild von der immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich.

Betrachtet man nun die Jahrhunderte alte Feldforschung, so wird deutlich, desto höher der mögliche individuelle Gewinn beim Lotto (kapitalistische Erwartung), umso attraktiver ist die Teilnahme. Die Wahrscheinlichkeiten spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Ebenso die Tatsache, dass nur 50% des Topfes ausgeschüttet werden und der Rest (Armen-Steuer, siehe weiter unten)) in einem völlig intransparenten System verbleibt, das vorgibt, alles für gute, sinnvolle, dem allgemeinen Wohl dienende Zwecke einzusetzen. Und natürlich jenen ein Auskommen zu geben, die Lotto entwickeln und durchführen (Politiker, Staatsdiener, Beamte etc.).

Die Veranstalter sehen ihre vorderste Aufgabe darin, den größtmöglichen Anreiz zu finden, der die Anzahl der Mitspieler und die Höhe des individuellen Einsatzes optimiert. Denn primär geht es ja erst mal darum, den eigenen 50% Anteil (Steuereinnahmen) absolut zu erhöhen. Gelingt dies irgendwann einmal nicht, wird (mindestens zeitweise) der nicht ausgeschüttete Anteil prozentual erhöht (Steuererhöhung).

Die Thesen über die besten Anreizmodelle zur Teilnahme am Lotto  könnten sich unterscheiden (Wirtschaftspolitik). Doch langjährige Feldforschung hat bewiesen, dass nun mal die Mehrheit die Aussicht auf hohe Gewinne für wenige zu Lasten vieler bevorzugt. Ein Lotto, das kleine Gewinne für viele verspricht (sozialgerechtere Verteilung), ist mehrheitlich nicht gewünscht.

Diese beschriebene Analogie veranschaulicht meines Erachtens recht gut, warum sich letztlich liberale, tendenziell kapitalistische Wirtschaftspolitik mehrheitlich behauptet und jede Forderung nach  gleichmäßiger Vermögensverteilung nur eine Minderheit trägt.

Die These, dass Lottospieler wahre Kapitalisten sind, wird zudem dadurch erhärtet, dass Lotto ja nun mal kein komplexes, schwer zu durchschauendes System ist. Lotto ist sogar gegenüber der realen Marktwirtschaft und dem kapitalistischen System noch deutlich ungerechter. Denn während eine kapitalistische Marktwirtschaft real wachsen kann, Mehrwerte schafft, über deren Gewinnverteilung man dann unterschiedlicher Meinung sein kann, ist dies im geschlossenen Lottosystem für jeden offensichtlich nicht möglich. Hier wissen und akzeptieren alle Teilnehmer, dass es am Ende immer nur ganz wenige Reiche gibt die nur deshalb reich wurden, weil viele andere ärmer wurden.

Zuletzt sei noch angemerkt, dass das Klischee in Studien bestätigt wird: schwache Einkommensgruppen spielen vermehrt Lotto und die Verwendung der Einnahmen kommen nicht einmal im selben Maße diesen Gruppen zugute. Lotto ist also eine „Armen-Steuer“ des Staates. Der Staat entzieht einem einkommensschwachen Teil der Bevölkerung Geld (ca. 5 Mrd. Euro p.a.), um es (bestenfalls) dann der Gesamtbevölkerung zugute kommen zu lassen.