Sie wissen alles – und wir können nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst.

IMG_0721Es gibt diese Bücher, wo es einem besonders schwer fällt, sein Resümee kurz zu fassen. Yvonne Hofstetters „Sie wissen alles“ ist für mich so eins. Und das hatte ich anfänglich nicht erwartet.

Wir Leser bevorzugen ja tendenziell Literatur – besonders Sachbücher – die uns in unserer Haltung zur Welt bestätigen sollen. Wirklich unvoreingenommen etwas zu lesen und sich daraus eine Meinung erst zu bilden, gelingt kaum, da wir ja alle schon eine Meinung haben.

LanierFür das Buch von Yvonne Hofstetter wäre es jedoch sehr dienlich, wenn wir unser Vorurteile und Haltung – gleich welche Tendenz – gegenüber einer algorithmisch bestimmten Big-Data-Netzwelt ablegen könnten. Und das, obwohl die Autorin selbst massiv voreingenommen ist und im ähnlichen Spektrum anzusiedeln wie Jaron Lanier, der kürzlich mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Ihr Plädoyer für einen sehr kritischen Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten, das zeitweise auch etwas ausufernd und redundant ausfällt, ist nicht geringeres als der Ausruf zur Revolution der Massen.

Wenn der ein oder andere Evangelist der Netzwelt (wie ich) – geplagt von Schirrmacher & Co. Skeptizismus – hier schon austeigen möchte, möchte ich ihm abraten. Denn Yvonne Hofstetter ist keine Journalisten oder Soziologin, sondern Unternehmerin und seit langem im Big-Data-Analysegeschäft. Ihre Sicht der Dinge mit einzubeziehen, stärkt jeden argumentativ, der hier in Zukunft mitsprechen will.

Und mitsprechen sollten wir in Zukunft alle. Es hätte keines Edward Snowden bedurft, wenn wir die absehbare Entwicklung der Netzwelt selbst konsequent weitergedacht hätten. Doch das Denken über solch komplexe Themen geben wir ja gerne ab. Und es an Yvonne Hofstetter zu delegieren, ist sicher eine gute Wahl. Dennoch müssen wir intellektuell folgen wollen. Das Buch ist keine leichte Kost, auch wenn es gut und verständlich geschrieben ist.

Destilliert man die Essenz des Buches, so geht es in den ersten hundert Seiten zunächst um das Schlachten einer heiligen Kuh der Wissenschaft: der Reinheit der Mathematik. Während sich die Physik und andere Naturwissenschaften schon vor Jahrzehnten schmutzig machten, in dem sie uns zugleich weltverbessernde wie auch –zerstörenden Mittel erforschten und dann praktisch an die Hand gaben (Atomkraft, Biotechnologie, Chemie, Gentechnik etc.), galt die Mathematik bislang als rein. Diese Absolution kann ihr seit der militärischen Nutzung von Algorithmen zur Freund- oder Feindaufklärung in den Achtzigern nicht mehr erteilt werden.

quantsuclfinancialcomputingcentreftDoch erst durch den Wechsel der „Quants“ – Mathematiker, die sich auf die quantitative Analyse von Daten spezialisiert haben – in die Finanzindustrie wäre eine intensive Ethikdiskussion in der Wissenschaft der Mathematik angebracht. Denn das Ergebnis ihrer Tätigkeiten erweist sich zunehmend als ethisch fragwürdig und volkswirtschaftlich als Supergau-Gefahr. Einige Gaus durften wir in den vergangenen Jahren erleben und aktuell zeigt die Börse wieder ähnliche Dominoeffekte, die in eine Finanzkatastrophe führen können.

Zum einen verantworten die „Quants“ die Datenfusion von Finanzmarktdaten und den darauf basierende automatisierten Wertpapierhandel, der mittels Algorithmen Marktbewegungen prognostiziert und – was wirklich unmoralisch ist – mehr und mehr auch manipuliert. Zum zweiten verantworten sie maßgeblich die toxischen Finanzprodukte, die zur Finanzkrise 2008 führten.

In beiden Fällen hat die Fachschaft der Mathematiker bis heute keine öffentliche Verantwortung dafür übernommen. Sie verhalten sich wie Technokraten in einer Diktatur, die argumentieren, ihre Kollegen hätten doch nur ihren Job gemacht. Wenn Mediziner, Biologen und Chemiker sich heute so bedenken- und verantwortungslos verhalten, wären die Debatten schon groß. Selbst Historiker streiten offensiver in der Öffentlichkeit.

Wozu nun aber diese lange Vorgeschichte? Yvonne Hofstetter macht damit eines sehr deutlich: der bis heute weder technisch noch politisch beherrschbare Finanzmarkt wird zur Blaupause für den Big-Data-Markt, auf dem unsere persönlichen Daten gehandelt werden. Und die Hybris vieler Entscheider auf den Finanzmärkten sollte uns vor der Hybris und den keimenden Allmachtsfantasien vieler Entscheider auf dem Big-Data-Markt warnen – mögen sie noch so charmant Lächeln und uns mit „Alles wird gut“ gönnerhaft auf die Schulter klopfen

ebola_content_inline_full_1413366606_Ebola-Outbreak-Buch-JAY-DIRECTO-AFP_10525Denn die Karawane der „unverantwortlichen Quants“ zieht weiter. Sie sitzen heute in Hochsicherheitstrakten von staatlichen Einrichtungen und privaten Unternehmen, die Zugang zu immensen Daten haben. Hier fusionieren und prognostizieren die „Quants“ munter weiter. Doch eben nicht mehr nur, wie sich aufgrund der akuten Ebola-Epidemie der Aktienwert eines Schutzmaskenherstellers, eines Pharmaunternehmens oder einer afrikanischen Airline entwickelt. Das mag nur zynisch aus Sicht von Gutmenschen sein.

Jetzt prognostizieren die Algorithmen der „Quants“, wer bald nicht mehr kreditwürdig ist, wer alles vor Renteneintritt stirbt, wer möglicherweise Randale bei einer Demo macht, wer verstärkt dazu neigt, die Versicherung zu betrügen, wer wohl besser nicht eingestellt wird, weil sie bald schwanger oder er bald Erziehungsurlaub nimmt oder weil er zu kontaktarm ist, denn in seinen Netzwerkprofilen finden sich nur wenig Freunde und Aktivität. Oder welche Jugendliche aufgrund ihrer Schulnoten, Herkunft, Freundeskreis und offensichtlichen Neigung zu digitalem Entertainment es nicht wert sind, ein Stipendium zu erhalten etc. pp.

Ich habe bewusst diese Beispiele gewählt. Denn die Diskussion um Big Data und seine Folgen wird gerne vernebelt von der populistischen Empörung um gezieltes Online-Marketing und möglicher Manipulation unseres Konsumverhaltens. Wäre es nur dies, so könnten wir uns entspannt zurücklehnen, denn das versuchen Marketing & Co. schon seit Jahrzehnten mit mäßigem Erfolg. Wirklich profitieren tuen von der Mär, dass wir so leicht manipulierbar seien, nur die werbefinanzierten Medien.

Wirklich bedenklich ist unsere Liebe zur Lebens- und Selbstoptimierung, die uns nun – ob letztlich nützlich oder nicht – freiwillig viele Daten zur Verfügung stellen lässt. Hinzu kommen noch alle Daten, die über unzählbare Sensoren, Videokameras etc. erfasst und individuell zugeordnet werden können. Sie denken, Sie lieben die Datenauswertung nicht. Sie leben bewusst datensparsam. Das wird Ihnen zukünftig wohl eher schaden. Wie oben angedeutet, werden zukünftig Personen, die sich aktiv der Datensammlung entziehen, zunehmend suspekt. Suspekt für den Staat als Hüter des Gemeinwohls, aber auch suspekt für die Gesellschaft.

StalkerSchon vor Big Data haben wir viel von unserer Freiheit, Privates privat zu halten, mehr oder weniger freiwillig aufgegeben. Heute kann niemand mehr ohne Bankkonto sein, niemand mehr ohne Krankenkasse, niemand mehr inkognito in Hotels übernachten. Ihre Einkünfte sind für den Staat und seiner Diener ein offenes Buch, in das in Schweden sogar jeder Bürger hineinschauen kann. Diese Vorstellung führt heute noch bei vielen Deutschen zu blankem Entsetzen. Ihr Bewegungsprofil ist jederzeit rekonstruierbar, ob sie das nun auf Facebook posten oder nicht. Und, und, und.

Entsprechend vernebelt auch die NSA-Debatte das Kernproblem der Big-Data-Zukunft. Überwachung, Rasterfahndung, Stalking und Voyeurismus gab es schon immer und wird es immer weiter geben. Doch hierfür können wir gesetzliche Regelungen fordern und – solange wir noch demokratisch und fair wählen können – die gewünschten politischen Rahmen gestalten. Doch die allergrößte Gefahr liegt in uns selbst. In unserer Naivität und Eigenliebe zur ständigen Optimierung.

Yvonne Hofstetter nennt hier Beispiele, die uns bekannt sein sollten, doch wo man über unsere naive Akzeptanz allmählich auch entsetzt sein sollte:

„Nach aktuellen Umfragen würden sich etwa zwei Drittel der deutschen Autofahrer überwachen lassen, um weniger Versicherungsprämie zahlen zu müssen.“ (Nachtrag 22.Nov.: jetzt gibt es auch schon die ersten konkreten Angebotsentwürfe)

Ähnlich hohe Zustimmung werden wir wohl erfahren, wenn die ersten Krankenkassen und Lebensversicherer elektronische Gesundheitsarmbänder mit vergünstigten Tarifen anbieten. (Nachtrag 21. November 2014: der erste Versicherer Generali legt los.)  Und ebenso werden wir alle bald mit Begeisterung unser Heim elektronisch überwachen lassen, weil wir damit Versicherung und Heizkosten sparen.(und dazu passend schon wieder ein Nachtrag am 25.11:SZ-Artikel „Offen wie ein Scheunentor.“)

Der nächste Schritt ist bald nicht mehr weit. Das Solidarprinzip wird gesellschaftlich nur noch denen zugestanden, die sich auch konformistisch verhalten. Rauchen, maßloses Trinken und Fleisch essen, nachweislich zu wenig körperliche Bewegung oder zu viel geistlose Beschäftigungen bringen sichtbare Maluspunkte. Stolz werden hingegen immer mehr ihren ökologischen Fußabdruck posten und fordern, dass die anderen das auch tun. Wir Gutmenschen wollen doch endlich mal die Umweltschweine und Öko-Ignoranten an den Medienpranger stellen. Und mit Big-Data ist das jetzt alles bestens möglich. Eine Gesellschaft, die sich freiwillig selbst überwacht.

zeh_tiereJuli Zeh, eine sehr weitsichtige und engagierte Autorin hat diese absehbare Entwicklung zur gutmeinenden „Kontrollgesellschaft“ in ihrem Roman Corpus Delicti schon vor Jahren gedanklich vorweggenommen. Ihr aktuelles Buch mit Essays „Nachts sind das Tiere“ verknüpft sie mit folgendem, zum Kontext passenden Zitat:

„„Ich habe nichts zu verbergen“ ist ein Synonym für „Ich tue, was man von mir verlangt“ und damit eine Bankrotterklärung an die Idee des selbstbestimmten Individuums.“

(Nachtrag 25 Nov. 2014: Wer meine Ansichten und meine Person für diesen Diskurs für nicht schwergewichtig genug erachtet, findet im aktuellen SZ-Interview mit Juli Zeh zum Thema Generali Versicherung dazu dann eine prominente Meinung.)

Jeder muss sich eingestehen, dass viele seiner Handlungen und Entscheidungen im konkreten Sinne des Wortes „berechenbar“ sind. Keiner kann sich ständig bewusst irrational verhalten, um möglichen Prognosen über sich zu entgehen. Und irgendwann berechnen die „Quants“ auch dies mit ein. Dennoch sind wir freie Individuen, zumindest solange wir nicht nur uns, sondern auch allen anderen ihre Geheimnisse gestatten. Doch derzeit laufen wir Gefahr, viele andere zu diskriminieren, wenn sie sich nicht dem moralisch geforderten Drang nach Optimierung und Transparenz beugen. Zum Glück ist die gutmeinende Piratenpartei mit dieser Basisidee schon gescheitert.

Doch was ist nun politisch und gesellschaftlich zu fordern, um die Gefahren der Big-Data-Kontrollgesellschaft einzudämmen? Wo muss die Revolution stattfinden? Yvonne Hofstetter nennt zehn Punkte, aus denen ich meine folgenden – aus heutiger Sicht noch utopische, aber ganz nüchterne – Konsequenzen und Forderungen ableite:

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  1. Alle persönlichen Daten sollten juristisch als geistiges Eigentum behandelt werden. Sie sind damit nicht auf eine andere Person übertragbar, sondern können nur mit expliziter Einwilligung des Eigentümer zeitweise genutzt werden. Dieses Nutzungsrecht kann der Eigentümer wieder entziehen.
  2. Das Grundrecht auf Vergessen soll weltweit ausgeweitet und optimiert werden. Es sollte Menschenrecht sein. Unter anderem soll es ein aktives Verfallsdatum für Daten geben.
  3. Es braucht einen Schutz vor Diskriminierung aufgrund nicht freiwillig gegebener Daten. Vergünstige Angebote aufgrund von erlaubter Datenüberwachung sollen bei Pflichtverträgen, wie Telekommunikation, Versicherungen und ähnlichen als unlauter gelten.
  4. Die Fachschaft der Mathematik soll einen weltweit bestimmenden Ethikrat einberufen, der dafür sorgt, dass zukünftige alle verwendeten Algorithmen zur Analyse und Prognose von menschlichen Verhalten veröffentlicht werden. Eine Art hippokratischer Eid soll jeden Mathematiker dazu verpflichten.
  5. Allen Menschen soll die Möglichkeit eingerichtet werden, ihre Profile, die sich aus der Datenfusion ermitteln und analysieren lassen, einzusehen.
  6. Private Unternehmen, die durch Schlüsseltechnologien in der sensiblen Datenanalyse eine monopolitische Marktbeherrschung erlangen, sollen von einem UNO-Beirat überwacht und gegebenenfalls von der UNO enteignet werden können. Eine Verstaatlichung wäre im Fall von international agierenden Konzernen unzureichend.

Darüber hinaus sollte politische Kompetenz zu Big-Data aufgebaut werden. Heute verfügt – wie Yvonne Hofstetter bemerkt – kein einziger Politiker über ausreichend Sachverstand, um die ethischen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen der aktuellen Entwicklungen abschätzen zu können. Ihre Inkompetenz in solchen Szenarien zu denken, hat die Politik vor Jahren bei der Privatisierung der Telekommunikationsnetze und der UMTS-Versteigerung bewiesen. Da ich zu diesem Zeitpunkt selbst bei einem der Bieter arbeitete, hatte ich mich mit den Konsequenzen näher beschäftigt. Schon damals war ich mit einer Minderheit überein, dass der kurzfristige finanzielle Staatsgewinn zu Lasten einer staatlich gesicherten Infrastruktur gehen würde. Das hat sich ja nun für alle sichtbar bewahrheitet.

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Mein erstes Handy.

Der aktuelle Fokus in der politischen Debatte auf Netzausbau und Medienkompetenz von Kindheit an – z. B. Programmiersprachen an den Schulen unterrichten – ist einseitig und verstellt den Blick auf die wirklich wichtigen Aufgaben des Staates: die Grund- und Persönlichkeitsrechte seiner Bürger zu schützen. Und das heißt auch seine Bürger vor den unumkehrbaren Folgen ihrer eigenen Naivität zu bewahren.

Ich war bislang einerseits geblendet von den faszinierenden Opportunitäten, die uns die Digitalisierung und das Netz bietet und anderseits fatalistisch bezüglich der Begrenzung der Gefahren. Letzteren dachte ich begegnen zu können, in dem ich aktiv meinen digitalen Zwilling gestalte, das Datenspiel mitspiele und steuere. Doch ich gebe nach der Lektüre von „Sie wissen alles“ und einigen anderen Statements zum Thema zu, dass dies naiv ist und nicht ausreicht, um die Gefahr eines digitalen „Zombies“ (Hofstetter) abzuwenden.

Wenn die Gesellschaft sich hier nicht bald mehrheitlich und gemeinsam engagiert zeigt, werden irgendwann viele von uns in die Falle tappen und für die neue Kontrollgesellschaft nicht mehr opportun zu sein.

Nachtrag: Gespräch zwischen mit Martin Eiermann dem Autor Christopher Steiner („Automate This“), warum Algorithmen und Roboter uns alle herausfordern

Nachtrag: einen das Thema sehr gut ergänzenden Vortrag hielt vor kurzem Sascha Lobo:

Neid und Missgunst für € 19,95

IMG_8587Selten dürfte es heute einem Autor (oder seinem Lektor) noch gelingen, einen so knappen Buchtitel zu finden, der nicht schon zigfach belegt ist und zugleich den Zeitgeist so tief berührt. Perfekte Vermarktungsaussichten für ein Buch, sollte man meinen. Es verwundert auch kaum, dass in den bislang wenigen Besprechungen von „Die Gierigen„gerne von einem fulminanten Gesellschaftsroman und grandiosem Sittengemälde unserer Zeit gesprochen wird, der die aktuellen Geiseln unserer Gesellschaft „Neid, Geld, Gier & Macht“ mitreißend thematisiert.

Ja, das gelingt Karine Tuil – wie ich finde – außergewöhnlich gut und sehr lesenswert. Doch das Sujet ist nicht aktuell, sondern ein zeitloses, das seit Jahrhunderten in vielen Romanen dankbar aufgriffen wird. Und das bestätigt die Autorin auch gerne selbst. In einem Interview, das man aber besser erst nach der Lektüre anschauen sollte, wenn man nicht schon den ganz Plot im voraus kennen möchte, verweist Karine Tuil auf Balzacs Romanfigur Eugène de Rastignac. Er stünde Pate für ihren Romanheld Samir. Der sei der Karrierist unsere Zeit. „Er ist ambitioniert, im guten Sinne, aber eben auch Opportunist, weil er lügt und betrügt, um nach oben zu kommen.“

Trotz der guten Voraussetzungen bezweifle ich, dass der Roman in Deutschland sonderlich beachtet und viel gelesen wird. Die Romangeschichte ist zwar nicht kompliziert, aber durchaus komplex. Das muss nicht schädlich für den Erfolg sein, jedoch in diesem Fall hat der Roman mindestens eine Ebene, mit der wir uns in Deutschland sehr schwer tun: innere und äußere Konflikte von Juden und Moslems. Jedoch kommt es nicht zum Clash der Kulturen, sondern zu individuellen Schicksalsdramen, für die der ethnisch-religiöse Hintergrund nur ein unerwünschtes Erbe ist.

Das Grundgerüst des Romans ist ebenso erfolgsversprechend wie stereotyp: eine Dreiecksbeziehung zweier Männer und einer Frau. Deren Liebesgeschichte, die in der Jugend beginnt und sich in unerfüllter Sehnsucht über Jahre bewahrt, dürfte zumindest Leser(innen) von Liebesromanen rühren. Der introvertierte, selbstzweiflerische und dennoch von einer Schriftstellerkarriere träumende Samuel – Adoptivsohn jüdischer Eltern – lebt in einer Beziehung mit der ebenso beeindruckend schönen wie uneitlen Nina. Die beiden befreunden sich mit Samir an, Sohn einer muslimischen Witwe und älterer Halbbruder eines „Bastards“, gezeugt von einem französischen Politiker, der die in seinem Haus angestellte Mutter verführte. Der ungeliebte und unbeachtete Halbbruder ist im Verlauf des Romans der Auslöser des ewig drohenden Unheils.

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Die Autorin, die auch Figur des Romans sein könnte: Karine Tuil

Samir ist in den berühmt berüchtigten Banlieues aufgewachsen und von den Jugenderinnerung – wie er später einmal Nina gegenüber gesteht – sehr traumatisiert. Samir ist aber eine herausragende Ausnahme: er wirkt nicht nur charismatisch auf Frauen und Männer, sondern ist hochintelligent und diszipliniert genug, um ein Jurastudium summa cum laude zu absolvieren. Doch zuvor geht die Dreiecksfreundschaft an seiner unbeherrschten Begierde und Ninas fehlendem „Nein“ zugrunde.

Während Samuel seine tödlich verunglückten Eltern in Israel beerdigt landen die anderen beiden im Bett. Nach einem dramatischen Suizidversuch Samuels, entscheidet sich Nina, bei Samuel zu bleiben. Fortan trennen sich die Lebenswege des Paares und Samirs für zwanzig Jahre. Doch beide Männer vereint eine schicksalsbestimmende Lebensentscheidung: um ihre berufliche Zukunft zu sichern, verleugnen sie ihre ethnisch-religiöse Herkunft.

Samir geht sogar soweit, sich der Biografie Samuels zu bedienen und sich bei Eintritt in eine Anwaltskanzlei als Jude auszugeben. Auf dieser anfänglich vielleicht noch verzeihlichen Lebenslüge baut dann aber die gesamte atemberaubende Karriere Samirs auf. Er geht nach New York, heiratet die Tochter eines superreichen und mächtigen Juden, wird zweifacher Vater und ein höchst respektierter Rechtsanwalt. Währenddessen arbeitet Samuel als Sozialarbeiter und Nina modelt als Kataloghausfrau.

Schicksalhaft, wie es nun mal ein Romanleben vorsieht, begegnen sich die drei dann nach 20 Jahren wieder und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Denn wie ein im Buch zitiertes jüdisches Sprichwort sagt: „Mit der Lüge kommst Du durch die ganze Welt – aber nicht wieder zurück!“ Am Ende des Romans ist man dann etwas atemlos von der dramatischen Zuspitzung der Ereignisse und sehr beeindruckt wie es Karine Tuil gelingt so viele Themen, wie das Schreiben, bürgerliche Bigotterie, Haben und Sein, Al Khaida, Sexismus, Extremismus, amerikanische Terror-Hysterie und, und, und so plausibel in einem Roman zu verweben.

Doch der Roman hat mich nicht nur mitgerissen, sondern auch an einigen Stellen verärgert. Zunächst war ich über die ersten 150 Seiten völlig irritiert, wie man so klischeehaft Juden und Moslems schildern kann. Besonders das beschriebene Milieu der jüdischen Anwälte und amerikanischen, reichen Juden wäre meines Erachtens einem deutschen Schriftsteller im Feuilleton um die Ohren geschlagen worden – und bis zur Mitte des Romans dachte ich auch mit Recht. Doch im weiteren Verlauf habe ich es als gewollte Provokation interpretiert. Denn der ethnische Konflikt wird dann aktiv aufgegriffen und von den Romanfiguren heftig thematisiert. Er gipfelt für mich in einer Passage als Samir seinem ehemaligen jüdischen Protegé und Anwaltspartner Pierre nach 20 Jahren erstmals seine Lebenslüge beichtet und mit seiner Diskriminierung als arabisch stämmiger Franzose zu rechtfertigen versucht. Pierre ist diese Haltung ein Gräuel und erwidert:

„Du redest wie einer, der sich nichts zutraut, du hast eine Sklavenmentalität. Eine solche Sichtweise ist engstirnig, kleinlich … sie geht davon aus, dass man immer das Opfer seiner Herkunft, seiner Geschichte und Erziehung bleibt. Das ist falsch. Alles im Leben ist eine Frage von Entschlossenheit und Absicht.“

Und im weiterem Gespräch erklärt Pierre – die mir sympathischste Figur im Roman – denn auch seine selbstkritische Ansicht über die ewige Opferhaltung der Juden aber auch der Moslems:

„Die Wahrheit ist, dass die Araber sich ewig gedemütigt und die Juden sich ewig verfolgt fühlen. Die Wahrheit ist, dass die Araber sich benehmen, als wollte man sie immerfort unterdrücken und kolonisieren, und die Juden, als wären sie ständig von Ausrottung bedroht. Beide Gruppen müssen mit ihrer Vergangenheit leben und das Beste daraus machen, und manchmal führt dies zu einem regelrechtem Opferwettbewerb: Wer hat am meisten gelitten? Wer leidet heute noch am meisten? … Das ist erbärmlich und unwürdig und macht mich traurig.“

Das sind Monologe, die wohl kaum ein nichtjüdischer deutscher Autor seine Romanfiguren halten ließ. Und es sind Gespräche und Klischees über die man in Deutschland zumindest pikiert wäre.

BalzacOldGoriot02Mein Unmut über das stereotype Bild von erfolgreichen Juden beruhigt sich im Laufe des Romans. Aber das Bild der Frau in diesem Roman lies mich bis zum Schluss etwas ratlos zurück. Da bin ich wohl auch einem Klischee über die Franzosen aufgesessen. Denn hier hätte ich mir von einer französischen Autorin mehr Typen erwartet. Doch die einzigen Frauen die in diesem Roman eine Rolle spielen, erscheinen schicksalsergeben, antriebslos und bequem. Sie dienen dankbar als Staffage in einer etwas antiquiert wirkenden Macho-Gesellschaft, in der einzig materieller Wohlstand und gesellschaftlicher Status Anerkennung findet. So könnte Samir seine Ehe mit der reichen Jüdin Ruth im selben Wortsinn erklären wie schon Eugène de Rastignac bei Balzac:

„Deine Frau voll Liebe führt zu nichts, eine Frau der großen Gesellschaft zu allem, sie ist der Diamant, mit dem ein Mann alle Fensterscheiben durchschneiden kann, wenn er nicht den goldenen Schlüssel besitzt, vor dem sich alle Türen öffnen.“ (Honoré de Balzac: “Die Entmündigung”)

Und Nina, die zu Beginn als selbstbewusste, realitätsnahe und robuste Persönlichkeit erscheint, lässt sich als 40jährige Frau auf ein Mätressen-Schicksal ein und fordert zu guter Letzt gar ein Kind als Pfand für die Liebe. Man kann diese Naivität als Leser eigentlich nur noch ertragen, wenn man sie als Warnung der Autorin versteht. Doch bitte, welche Leserin eines solchen Romans wird so ein Appell benötigen?

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Der nächste Roman, auf den ich mich freue.

Trotz dieser von mir empfundenen Schwächen der Figuren, die mir auch etwas zu „dick aufgetragen“ sind (Samir ein unwiderstehlicher, hochintelligenter Womanizer, Nina eine umwerfende Schönheit, die alle anderen Frauen in den Schatten stellt und Samuel, der sein Selbstmitleid klischeegerecht sublimiert und sich als herausragender Autor entpuppt) erachte ich „Die Gierigen“ als einen starken Roman. Ein Roman, dessen Anspruch ich besonders schätze und von dessen Sujet ich mir auch mehr deutsche Romane wünschen würde. Vielleicht suche ich an der falschen Stelle, doch immer wenn es um solch überbordende Gesellschaftsromane geht, finde ich in deutschen Feuilletons überwiegend amerikanische Romanautor(innen) und diesmal auch eine Französin als Empfehlung. Nachtrag: es freut mich beim Blog Durchleser auf eine weitere begeisterte Rezension hinzuweisen.

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Der Roman, der mich in diesem Jahr bisher am meisten beeindruckt hat.

Der nächste Roman, von dem ich mir ähnlich viel erhoffe, liegt schon parat. Und wieder ist es eine Autorin: Meg Wolitzer mit „Die Interessanten“. Wenn auch dieser Roman mich überzeugt, ist 2014 für mich das große Jahr der Autorinnen. Alles überragend bislang Donna Tart mit „Der Distelfink“. Der Roman hat mich so beeindruckt, dass es mir bisher nicht gelang, eine befriedigende Rezension dazu zu schreiben.

Mehr Sittengemälde als Roman: James Salter „Alles, was ist“

hopper-nighthawksSelten habe ich mir mit der Einschätzung eines Romans so schwer getan, wie diesem. Mit großem Respekt bin ich an die Lektüre gegangen. Mit 88 Jahren noch mal so ein Buch zu schreiben, das beeindruckt und fordert Hochachtung. Doch als Leser so voreingenommen zu sein, verklärt sicher den Blick. Deshalb habe ich eine gute Woche Abstand genommen, bevor ich noch mal über „Alles, was ist“ resümierte.

Es findet sich ein Absatz nach gut dreiviertel des Romans, in dem James Salter die „herausragenden“ Lebensereignisse – mit Ausnahme der jugendlichen Kriegserfahrung – seiner Zentralfigur Philip Bowmann zusammenfasst:

IMG_4196„Er war sich nicht sicher, was sie und ihn betraf. Er war zu alt, um zu heiraten. Er wollte keinen späten, sentimentalen Kompromiss. Dafür hatte er zu viel erlebt. Er hatte einmal geheiratet, mit ganzem Herzen, und sich geirrt. Er hatte sich unfassbar in eine Frau in London verliebt, und es war irgendwie verblasst. Wie vom Schicksal getroffen hatte er eines Abends in der romantischsten Begegnung seines Lebens eine Frau kennengelernt und war hintergangen worden. Er glaubte an die Liebe – er hatte das immer getan –, aber jetzt war es wohl zu spät. Vielleicht konnten sie für immer so weitermachen, wie ein Leben in der Kunst. Anna, so nannte er sie, Anna, bitte komm. Setz dich neben mich.“

Wenn das alles ist, was ein langes Leben an Höhepunkten zu bieten hatte, wäre es wohl des Erzählens nicht wert. Oder doch? Irritierend ist, dass die Folgen von Ereignissen, die in anderen Romanen einen zentralen Wendepunkt markieren, bei James Salter nicht der Rede wert sind. Bestes Beispiel ist das erschütternde Schicksal eines Kollegen und Freundes, das in einer Nebenepisode zwar detailliert beschrieben wird, jedoch im Nachhinein keine Relevanz im Leben des Freundes erlangt: der Tod dessen Frau und 10jährigen Sohnes bei einem Zugunglück.

Eigentlich ist nichts Bedeutendes der Rede im Roman wert – weder gesellschaftliche Ereignisse noch Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen. Einzige Ausnahme bilden die oben zitierten Frauen im Leben Bowmanns. Doch auch hier bleiben deren Charaktere interpretationsbedürftig. Hingegen werden die sexuellen Erfahrungen sehr plastisch und dezidiert erinnert. Die erotischen Momentaufnahmen und die Eindrücke des Krieges sind offenbar in Bowmanns Leben die prägenden gewesen. Ist das alles, was ist?

Letztlich versöhnte mich eine Analogie mit meiner mir bislang nicht zu erklärenden Faszination des Buches: es ist weit mehr ein Sittengemälde als eine Erzählung. Der Roman wirkt letztlich auf mich wie einige Bilder von Edward Hopper. Dessen Motive sind vordergründig ja schlicht, eindeutig und für viele sehr dekorativ. Doch versetzt man sich in die Szenen, so ist es ernüchternd, teils bitter zu erkennen, was am Ende – eines Tages, einer Begegnung, einer Beziehung oder eines Lebens – übrig bleibt: jeder Mensch kehrt letztlich in sich zurück und zieht einsam Bilanz. Was unterm Strich dabei für ihn rauskommt, kann nur er individuell Wert schätzen. Ebenso das Fazit nach der Lektüre des Romans.