Alles leuchtet. Aber leuchtet es auch ein?

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Stell dir vor, mein Sohn, zu deinem Geburtstag bekommst du eine echten Elefanten.

Echt jetzt?

Ja, echt. Und zwar keinen gewöhnlichen Elefanten. Der wäre im Zimmer ja ständig im Weg. Nein, ich habe im Internet einen kleinen, ungefähr Knie hohen Elefanten angeboten bekommen.

Und der ist echt?

Ja, ganz echt. Also lebendig. Der frisst dir aus der Hand, der läuft mit dir in die Schule und wartet dann draußen auf Dich. Der trompetet – ziemlich quietschend – und, das ist das allerbeste, der leuchtet sogar im Dunkeln.

Nee, Papa. Jetzt machst du Quatsch.

Kein Quatsch. Der ist wirklich lebendig, klein und leuchtet. Den hat ein genialer Mann erfunden.

Elefanten kann man doch gar nicht erfinden. Die gibt es doch schon.

Ja, die großen Grauen. Aber so ein süßer kleiner, der in dein Zimmer passt, den musste man speziell züchten. Man kennt jetzt die Bausteine, aus denen das Leben sich entwickelt. Und der Mann hat die Bauanleitung für Elefanten genommen und die Teile raus gelassen, die den Elefanten groß machen und Teile hinzugefügt, die ihn leuchten lassen. Und du kannst jetzt sogar noch die Farbe wählen.

Nee, echt?

Ja, wirklich. Rosa, Blau, Grün, Rot. Was Du willst.

Hm.

Und?

Geht auch Grau?

Ja, schon. Aber das leuchtet dann nicht so schön.

Kann man den dann auch ausschalten?

Wie ausschalten?

Na, wenn ich schlafen soll, muss man den doch ausschalten.

Stimmt. Das muss ich in der Gebrauchsanweisung nachschauen.

… – Papa?

Ja?

Irgendwie finde ich das nicht gut.

Was denn?

Na, so einen kleinen Elefanten, der leuchtet. Irgendwie unheimlich.

Okay. Also möchtest du so einen nicht zum Geburtstag?

Nee, besser nicht. – Bis du jetzt traurig, Papa?

Nein. Glücklich.

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Jugend ohne Plot

fullsizerender

Denke ich an meinen einzigen Tagebuchversuch, den ich mit vierzehn Jahren auf sanften Druck meiner ersten „Liebe“ begonnen hatte, zieht es mir noch immer den Magen zusammen. Aus unerklärlicher Sentimentalität hatte ich diesen nach ca. dreißig Seiten abgebrochenen Versuch, meine chronologisch datierten Leiden des jungen B. aufzuzeichnen, bis ich Mitte zwanzig war aufbewahrt und dann noch einmal gelesen. Angewidert und voller Scham mich erinnernd, dass ich diese unechten Gefühlsduseleien gar der Initiatorin zu lesen gab, entsorgte ich diese unsägliche Lektüre umgehend in den Müllcontainer. Ich hoffe bis heute inständig, dass ich auch nie mit meinen damaligen eklektischen Ergüssen in Briefform – entliehen bei Goethe, Hesse, Salinger, Wilde und Balzac – noch einmal im Leben konfrontiert werde.

Diese unangenehmen Erinnerungen an mein pubertierendes Alter Ego wurden wieder geweckt durch die 4:0 Empfehlung des Literarischen Quartetts: der Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ von dem Amerikaner John Fante (1909 – 1983), neu übersetzt von Alex Capus. Die seltene Einhelligkeit des Urteils sollte mir ja zumindest keine große Enttäuschung zusichern und ließ auf eine begeisternde Zustimmung hoffen. Zudem wurde ja vom Verlag und von den Kritikern stetig noch Charles Bukowski als Protegé bestätigend zitiert:

„John Fantes Romane gehören zum Besten, was die amerikanische Literatur je hervorgebracht hat.“

fante-eichbornRecherchiert man diese Anekdote, wird deutlich, dass Bukowski sich nicht auf diesen Roman bezog, sondern auf „Ask the Dust“ (deutsch: „Ich – Arturo Bandini“). Doch den kenne ich nicht. Zudem zu denken sollte einem auch geben, dass der Roman nicht erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, sondern schon 1986 im Eichborn Verlag als heiße Entdeckung veröffentlicht wurde, gute Kritiken erhielt, jedoch später schon die erste Auflage, wie auch die anderen drei Romane, erfolglos verramscht werden musste. Auch jetzt scheint die Quartett-Empfehlung wenig zu bewirken. Zumindest auf amazon harrte das Buch noch bis vor kurzem seiner ersten Bewertung.

Nebenbei bemerkt: Fante spricht sich „Fänti“ und nicht „Fante“, was selbst „Capote“-begeisterte Kritiker im Quartett offenbar nicht bemerkten.

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Auf den Hund gekommen

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Das ist hohe Kunst. Von einem Hundeleben nicht larmoyant, aber auch nicht lieblich verklärend zu erzählen, dabei dennoch viele der kleinen Dramen und Tragödien einzuweben, die uns – Tier und Mensch – im Leben ereilen, das gelingt nur wenigen. Sun-Mi Hwang steht mit ihrem zweiten auf Deutsch erschienen Buch „Der Hund, der zu träumen wagte“ wieder ganz oben auf meiner Liste zu empfehlender, fernöstlicher Literatur.

Doch wie in ihrem ersten Buch vom „Huhn, das vom Fliegen träumte“, das seit Jahren ein Bestseller im Heimatland der koreanischen Autorin ist, ist das Fernöstliche nicht offenkundig. Vielmehr ist der unprätentiöse Erzählton und das Sujet kulturell zunächst nicht zu lokalisieren. Fernöstlich mag letztlich die allegorische Vermittlung sein, wie diese ungewohnte Fabelform zu Lebensweisheiten hinführen möchte. Während wir Fabeln meist als belehrende Moralpädagogik kennengelernt haben, sind diese Geschichten vom Huhn und diesmal von der Hündin „Zotti“ eher dem Wunsch nach Mitgefühl und Empathie gewidmet. Weiterlesen

Leben wir in einer Dystopie?

eugenruge

Manch einer wird die Frage bejahen, doch die Mehrheit wird sie sicher belächeln, doch vielleicht mahnend auf die Zukunft und die aktuellen Vorzeichen verweisen. Aber hätte ein Romancier im Jahre 1985, also vor dreißig Jahren, das heutige Gesellschaftsleben, seine Umgangs- und Interaktion- und Kommunikationsformen literarisch vorweggenommen, es hätte seine damaligen Leser wohl schon etwas geschaudert. Zumindest, wenn er einen verzweifelten Antihelden kreiert hätte, der sich paranoid allen digitalen Netzwelten zu entziehen versucht, durch dessen Augen dem Leser eine Welt vorgestellt worden wäre, in der sich allerorts Kameras befinden, Menschen unentwegt über Handhelds kommunizieren, an allen Ecken Scanner und Automaten installiert sind, die jede Aktivität piepsend registrieren und protokollieren und in dessen Ohren ständig synthetische Stimmen erklingen, die einen leiten, empfehlen oder dirigieren.

Und hätte dieser Autor damals auch noch eine stille Ahnung davon gehabt, was sich kultursoziologisch alles so durchsetzt, welcher Trash gegenwärtig für die Medien produziert und gierig konsumiert wird, welche politischen Haltungen und ethisch-moralische Gesinnungen Mainstream werden und was die bevorzugte mediale Interaktion unter Menschen ist (Textmessage), so hätten ihn vor 30 Jahren vielleicht einige Kritiker als schrulligen und skurrilen Endzeit-Propheten behandelt. Und eines wäre zu erwarten gewesen: das Buch wäre kein Longseller geworden.  Weiterlesen

Was, wenn das Netz nicht Spiegelbild unserer Gesellschaft ist, sondern Röntgenbild?

kobek

Es ist wirklich ein grottenschlecht geschriebener Roman – wie der Autor selbst ankündigt – , aber man sollte ihn unbedingt lesen. Zumindest dann, wenn man etwas über die aktuelle Befindlichkeit der USA erfahren möchte, man begreifen will, warum sich aus der „kalifornische Ideologie“ der High-Tech Elite, geboren aus Ayn Rands kruder Philosophie des „Objektivismus“, eine verheerende, bigotte Weltanschauung bildete, und wenn man derzeit ratlos ist, wie es mit diesem Internet eigentlich weitergehen soll.

Letzteres beantwortet der Amerikaner Jarett Kobek in seinem Roman „Ich hasse das Internet“ zwar nicht fortschrittlich, doch er bietet uns eine überzeugend gnadenlose „disruptive Technologie“ an:

„Büchermenschen waren die Einzigen mit dem nötigen Rüstzeug, um dem Elend des Internets zu widerstehen! Büchermenschen sind die Einzigen, die halbwegs interessant gegen das Internet angehen können.“     Weiterlesen

Wozu brauchen wir Romane?

parks

Es ist seit langem das Klügste, was ich über die zeitgenössische Literaturrezeption gelesen habe. Tim Parks Buch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.“ wünsche ich mir als Basislektüre für ein literaturwissenschaftliches Proseminar. Ungeeignet ist es jedoch für angehende Buchhändler, die in ihrem Glauben an den Mehrwert ihres Handelsobjektes erschüttert werden könnten. Jeder, der sich in dem Diskurs über „Literatur, Stand heute“ einbringen will, kann sich mit diesem Buch perfekt munitionieren. Denn es bestätigt sicher nicht nur viele Thesen, die man schon selbst gerne mal in den Raum stellte, sondern erweitert auch den Einblick, da Tim Parks jede Menge handwerkliche Erfahrungen aus seiner Arbeit als Romancier, Übersetzer, Literaturkritiker und Dozent einbringt.

Mit allerhand Fragen leitet Tim Parks sein Buch ein, die man sich eigentlich innerhalb eines mehrjährigen Literaturstudiums als Leitfaden aufhängen sollte. Hier eine willkürliche Auswahl: Weiterlesen

Die Räuberpistole von Leon de Winter

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Im Deutschen gibt es den sicher nicht leicht zu übersetzenden Ausspruch „Räuberpistole“. Eine „unglaubliche, haarsträubende Geschichte (die jemand als wahr präsentiert)“ erklärt Wikipedia.

Exakt das ist es, was uns Leon de Winter in seinem neuem Roman „Geronimo“, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers übersetzt, auftischt. Allzu viel darf man über den Inhalt nicht kolportieren, wenn man die Pointen und verteilten Spannungsbögen einem zukünftigen Leser nicht versauen will. Weiterlesen

Wenn in Schwabing die Langeweile einzieht

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Sicher überschätzen Autor und Leser die Bedeutung des ersten Satzes. Der Erfolg eines Romans hängt doch wohl kaum von ihm ab. Oder doch? Wie macht es ein ehemaliger Verleger, der selbst einen Roman verfasst? Er schreibt einfach einen überzeugenden Einstiegssatz, einen, der einen packt und durch den gesamten Roman tragen kann:

„Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich mich mit Hingabe langweilen.“    

Und wenn gebildete Romanfiguren etwas mit „Hingabe“ betreiben sollen, dann dürfen sie sich darauf intensiv vorbereiten. So lässt Michael Krüger seinen namenlos bleibenden Ich-Erzähler, von Beruf Archivar, gleich mal zwanzig Jahre sich mit der Theorie der Langeweile befassen und gar ein Heidegger-Studium heranziehen:

„Ein Leergelassensein von der Welt, das wollte ich erreichen.“

Vierzigjährig erhält er dann die Chance, die ersehnte Langeweile zu praktizieren. Er erbt ein Mietshaus in Schwabing. Und dort bietet sich zugleich eine leerstehende sechs Zimmer Wohnung an, in die er ohne viel Sack und Pack einzieht. Seinen Beruf als Archivar hängt er an den Nagel.

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Beim Sex hört die Liebe auf.

SibylleBerg

Eine gute Freundin klagte einmal über eine Eigenart von mir, von der ich nicht einzuschätzen weiß, ob ich mich dafür immer gleich im Vorfeld entschuldigen soll: „Ich sei oft grausam ehrlich.“ Solch selbstkritische Überlegungen macht sich Sibylle Berg sicher kaum (noch). Das lässt zumindest der Sarkasmus vermuten, den sie in ihren Spiegel-Kolumnen oder in ihren Tweets versprüht und den ich gerade auch in ihrem Roman mit teils masochistischem Genuss gelesen habe.

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Wer war ich und wenn ja wie viele?

 

Keine-Helden-Tiger

©2015 | Anke Koopmann | designomicon, München

So sind wir, Geliebte, allmählich erkaltet.

Da hilft auch die Erkenntnis nichts, daß die Kunst

ihre Kraft nur im Verfall entfaltet.

Wolf Wondratschek  (Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre)

 

Hach ja, damals! Solche biografisch inspirierten Romane wie das aktuelle Debüt von Candy Bukowski – Babyboomer-Generation wie ich, wenn auch ein paar Jahre jünger – wecken nicht selten manch wehmütige Erinnerung. Doch die Wehmut, wie das Alter Ego von Candy Bukowski Sugar bemerkt, ist eine zwiespältige Befindlichkeit. „Wehmut“ sei „ein weiches Wort, aber ein hartes Gefühl.

„Wer Wehmut mit etwas Sanftem gleichsetzt, weiß nicht, wovon er spricht. Wehmut ist Vermissen in Akzeptanz, man müsste Gandhi sein, um darin etwas Sanftes zu finden. Ich bin nicht Gandhi, ich bin Lara Croft, ich trage einen unsichtbaren Munitionsgürtel um die breite Hüfte und bin bereit zu töten. Immer wieder töte ich den armen Gandhi und schneide Gefühlen schön langsam die Pulsadern auf. In Längsrichtung bis runter auf den Knochen.“

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