Ein lebensmüdes Lächeln macht frei

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Seltene Begegnung: Literatur, die sich mit großem Respekt und beeindruckendem Einfühlungsvermögen dem hohen Alter widmet. Der Kanadierin Jocelyne Saucier gelingt das mit ihrem feinsinnigen Roman „Ein Leben mehr“, übersetzt von Sonja Fink, in dem sie sich auch der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und Tod widmet. Spontan fallen mir nur wenige Romane ein, in denen Alte die Hauptfiguren sind, die dem Leben noch etwas abgewinnen und dem Tode kraftvoll trotzen. Allen voran Hemingways „Der alte Mann und das Meer.“

Gewohnt sind wir skurrile Geschichten über agile Alte oder Figuren im gesegneten Alter, die auf ihre fachliche Kompetenz als alter Kommissar oder weiser Professor beschränkt werden, doch letztlich emotional bedürfnislos und asexuell bleiben. Oder die klassischen Alter Ego Geschichten von alten Autoren, die sich in wehmütigen Rückblicken, demütigen Lebensbilanzen und großväterlicher Larmoyanz über die Vergänglichkeit der Jugend suhlen.

Jocelyne Saucier setzt dagegen die Geschichte von der Erfüllung des rousseauschen Traums dreier alter Männer, die sich in die Wälder Kanadas zurückgezogen haben, um dort nicht ihr Glück zu finden, sondern ihre Freiheit zurückzugewinnen. Weiterlesen

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Wo viel Licht, ist auch viel Schatten

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Eigentlich ist es müßig, darüber zu spekulieren, wer denn nun das größere Genie war: Thomas Alva Edison (1847 -1931) oder J. P. Morgan (1837 – 1913)? Denn letztlich verdanken wir erst dem Zusammentreffen der beiden den schnellen Durchbruch der Elektrizität und damit einen der entscheidende Treiber des Fortschritts im 20. Jahrhundert. Doch wenn man Anthony McCartens Roman „Licht“, übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié, liest, kommt man am Ende doch nicht an der Fragwürdigkeit vorbei. Denn letztlich war ja doch der noch Unsympathischere, der Cleverere: J. P. Morgan. Doch beide sind exemplarisch dafür, dass ein Genie, welches sich erfolgreich und gefeiert durchsetzt, Gefahr läuft, sich einsam in seinem Größenwahn zu verfangen.

Der dramatische Kampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung der Elektrifizierung in den USA ist legendär. Er bietet harten Stoff, aus dem McCarten eine sehr feine Geschichte gemacht hat. Er erzählt uns, wie der von seiner Hybris übermannte Edison, den elektrischen Stuhl entwickelte, um damit auch seine Konkurrenz zu töten und so beitrug, J. P. Morgan zum einflussreichsten Finanzmogul der amerikanischen Geschichte zu machen. Er erzählt uns aber nicht die ganze Geschichte, die einen wirklichen tragischen Helden hatte: Nikola Tesla.

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Scheitern auf höchstem Niveau

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Sicher ungewollt lässt Jonas Lüscher in seinem beeindruckenden, ersten Roman „Kraft“ die mir einzig sympathische Figur heftig, wenn auch indirekt unken, was den derzeitigen Hoffnungsträger einer sozialdemokratischen Kanzlerschaft betrifft:

„Nein, ich sage dir, war sich Bertrand sicher, Schröder, das ist doch für eine ganze Generation Deutscher die politische Enttäuschung ihres Lebens. Stell dir vor, man wächst in Deutschland auf und alles, was man kennt, ist dieser Kohl – sechzehn Jahre Kohl. …. Sechzehn Jahre Scham und Pein, und dann kommt Schröder, und es ist, als hätte endlich jemand das Fenster geöffnet und frische Luft hereingelassen. Und dann betrügt er sie, alle … der Genosse der Bosse – …“

Bertrand ist Franzose, intellektuell, privilegiert, reich und ein „unverbesserlicher Linker“. Er hatte seine Dozentenstelle als Professor aufgegeben und sich auf das Weingut seiner Familie zurückgezogen, nachdem er zu der ihn erhellenden Ansicht gelangt war, dass er Teil des französischen Problems der Linken sei. Die französische Linke habe sich nämlich zweier Vergehen schuldig gemacht:

„Sie habe sich nie ernsthaft darum bemüht, das elitistische und neofeudale Ausbildungssystem zu reformieren, …. Zum Zweiten, …, habe sich die Linke schamlos dem Neoliberalismus an die Brust geworfen und damit Verrat geübt an der Arbeiterklasse, indem sie den Begriff des Klassenkampfes für überholt erklärte und damit die Existenz jener, um die sie sich eigentlich zu kümmern habe, geradewegs zu negieren versucht, …“ Weiterlesen

Alles leuchtet. Aber leuchtet es auch ein?

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Stell dir vor, mein Sohn, zu deinem Geburtstag bekommst du eine echten Elefanten.

Echt jetzt?

Ja, echt. Und zwar keinen gewöhnlichen Elefanten. Der wäre im Zimmer ja ständig im Weg. Nein, ich habe im Internet einen kleinen, ungefähr Knie hohen Elefanten angeboten bekommen.

Und der ist echt?

Ja, ganz echt. Also lebendig. Der frisst dir aus der Hand, der läuft mit dir in die Schule und wartet dann draußen auf Dich. Der trompetet – ziemlich quietschend – und, das ist das allerbeste, der leuchtet sogar im Dunkeln.

Nee, Papa. Jetzt machst du Quatsch.

Kein Quatsch. Der ist wirklich lebendig, klein und leuchtet. Den hat ein genialer Mann erfunden.

Elefanten kann man doch gar nicht erfinden. Die gibt es doch schon.

Ja, die großen Grauen. Aber so ein süßer kleiner, der in dein Zimmer passt, den musste man speziell züchten. Man kennt jetzt die Bausteine, aus denen das Leben sich entwickelt. Und der Mann hat die Bauanleitung für Elefanten genommen und die Teile raus gelassen, die den Elefanten groß machen und Teile hinzugefügt, die ihn leuchten lassen. Und du kannst jetzt sogar noch die Farbe wählen.

Nee, echt?

Ja, wirklich. Rosa, Blau, Grün, Rot. Was Du willst.

Hm.

Und?

Geht auch Grau?

Ja, schon. Aber das leuchtet dann nicht so schön.

Kann man den dann auch ausschalten?

Wie ausschalten?

Na, wenn ich schlafen soll, muss man den doch ausschalten.

Stimmt. Das muss ich in der Gebrauchsanweisung nachschauen.

… – Papa?

Ja?

Irgendwie finde ich das nicht gut.

Was denn?

Na, so einen kleinen Elefanten, der leuchtet. Irgendwie unheimlich.

Okay. Also möchtest du so einen nicht zum Geburtstag?

Nee, besser nicht. – Bis du jetzt traurig, Papa?

Nein. Glücklich.

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Jugend ohne Plot

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Denke ich an meinen einzigen Tagebuchversuch, den ich mit vierzehn Jahren auf sanften Druck meiner ersten „Liebe“ begonnen hatte, zieht es mir noch immer den Magen zusammen. Aus unerklärlicher Sentimentalität hatte ich diesen nach ca. dreißig Seiten abgebrochenen Versuch, meine chronologisch datierten Leiden des jungen B. aufzuzeichnen, bis ich Mitte zwanzig war aufbewahrt und dann noch einmal gelesen. Angewidert und voller Scham mich erinnernd, dass ich diese unechten Gefühlsduseleien gar der Initiatorin zu lesen gab, entsorgte ich diese unsägliche Lektüre umgehend in den Müllcontainer. Ich hoffe bis heute inständig, dass ich auch nie mit meinen damaligen eklektischen Ergüssen in Briefform – entliehen bei Goethe, Hesse, Salinger, Wilde und Balzac – noch einmal im Leben konfrontiert werde.

Diese unangenehmen Erinnerungen an mein pubertierendes Alter Ego wurden wieder geweckt durch die 4:0 Empfehlung des Literarischen Quartetts: der Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ von dem Amerikaner John Fante (1909 – 1983), neu übersetzt von Alex Capus. Die seltene Einhelligkeit des Urteils sollte mir ja zumindest keine große Enttäuschung zusichern und ließ auf eine begeisternde Zustimmung hoffen. Zudem wurde ja vom Verlag und von den Kritikern stetig noch Charles Bukowski als Protegé bestätigend zitiert:

„John Fantes Romane gehören zum Besten, was die amerikanische Literatur je hervorgebracht hat.“

fante-eichbornRecherchiert man diese Anekdote, wird deutlich, dass Bukowski sich nicht auf diesen Roman bezog, sondern auf „Ask the Dust“ (deutsch: „Ich – Arturo Bandini“). Doch den kenne ich nicht. Zudem zu denken sollte einem auch geben, dass der Roman nicht erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, sondern schon 1986 im Eichborn Verlag als heiße Entdeckung veröffentlicht wurde, gute Kritiken erhielt, jedoch später schon die erste Auflage, wie auch die anderen drei Romane, erfolglos verramscht werden musste. Auch jetzt scheint die Quartett-Empfehlung wenig zu bewirken. Zumindest auf amazon harrte das Buch noch bis vor kurzem seiner ersten Bewertung.

Nebenbei bemerkt: Fante spricht sich „Fänti“ und nicht „Fante“, was selbst „Capote“-begeisterte Kritiker im Quartett offenbar nicht bemerkten.

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Auf den Hund gekommen

hundhwang

Das ist hohe Kunst. Von einem Hundeleben nicht larmoyant, aber auch nicht lieblich verklärend zu erzählen, dabei dennoch viele der kleinen Dramen und Tragödien einzuweben, die uns – Tier und Mensch – im Leben ereilen, das gelingt nur wenigen. Sun-Mi Hwang steht mit ihrem zweiten auf Deutsch erschienen Buch „Der Hund, der zu träumen wagte“ wieder ganz oben auf meiner Liste zu empfehlender, fernöstlicher Literatur.

Doch wie in ihrem ersten Buch vom „Huhn, das vom Fliegen träumte“, das seit Jahren ein Bestseller im Heimatland der koreanischen Autorin ist, ist das Fernöstliche nicht offenkundig. Vielmehr ist der unprätentiöse Erzählton und das Sujet kulturell zunächst nicht zu lokalisieren. Fernöstlich mag letztlich die allegorische Vermittlung sein, wie diese ungewohnte Fabelform zu Lebensweisheiten hinführen möchte. Während wir Fabeln meist als belehrende Moralpädagogik kennengelernt haben, sind diese Geschichten vom Huhn und diesmal von der Hündin „Zotti“ eher dem Wunsch nach Mitgefühl und Empathie gewidmet. Weiterlesen

Leben wir in einer Dystopie?

eugenruge

Manch einer wird die Frage bejahen, doch die Mehrheit wird sie sicher belächeln, doch vielleicht mahnend auf die Zukunft und die aktuellen Vorzeichen verweisen. Aber hätte ein Romancier im Jahre 1985, also vor dreißig Jahren, das heutige Gesellschaftsleben, seine Umgangs- und Interaktion- und Kommunikationsformen literarisch vorweggenommen, es hätte seine damaligen Leser wohl schon etwas geschaudert. Zumindest, wenn er einen verzweifelten Antihelden kreiert hätte, der sich paranoid allen digitalen Netzwelten zu entziehen versucht, durch dessen Augen dem Leser eine Welt vorgestellt worden wäre, in der sich allerorts Kameras befinden, Menschen unentwegt über Handhelds kommunizieren, an allen Ecken Scanner und Automaten installiert sind, die jede Aktivität piepsend registrieren und protokollieren und in dessen Ohren ständig synthetische Stimmen erklingen, die einen leiten, empfehlen oder dirigieren.

Und hätte dieser Autor damals auch noch eine stille Ahnung davon gehabt, was sich kultursoziologisch alles so durchsetzt, welcher Trash gegenwärtig für die Medien produziert und gierig konsumiert wird, welche politischen Haltungen und ethisch-moralische Gesinnungen Mainstream werden und was die bevorzugte mediale Interaktion unter Menschen ist (Textmessage), so hätten ihn vor 30 Jahren vielleicht einige Kritiker als schrulligen und skurrilen Endzeit-Propheten behandelt. Und eines wäre zu erwarten gewesen: das Buch wäre kein Longseller geworden.  Weiterlesen

Was, wenn das Netz nicht Spiegelbild unserer Gesellschaft ist, sondern Röntgenbild?

kobek

Es ist wirklich ein grottenschlecht geschriebener Roman – wie der Autor selbst ankündigt – , aber man sollte ihn unbedingt lesen. Zumindest dann, wenn man etwas über die aktuelle Befindlichkeit der USA erfahren möchte, man begreifen will, warum sich aus der „kalifornische Ideologie“ der High-Tech Elite, geboren aus Ayn Rands kruder Philosophie des „Objektivismus“, eine verheerende, bigotte Weltanschauung bildete, und wenn man derzeit ratlos ist, wie es mit diesem Internet eigentlich weitergehen soll.

Letzteres beantwortet der Amerikaner Jarett Kobek in seinem Roman „Ich hasse das Internet“ zwar nicht fortschrittlich, doch er bietet uns eine überzeugend gnadenlose „disruptive Technologie“ an:

„Büchermenschen waren die Einzigen mit dem nötigen Rüstzeug, um dem Elend des Internets zu widerstehen! Büchermenschen sind die Einzigen, die halbwegs interessant gegen das Internet angehen können.“     Weiterlesen

Wozu brauchen wir Romane?

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Es ist seit langem das Klügste, was ich über die zeitgenössische Literaturrezeption gelesen habe. Tim Parks Buch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.“ wünsche ich mir als Basislektüre für ein literaturwissenschaftliches Proseminar. Ungeeignet ist es jedoch für angehende Buchhändler, die in ihrem Glauben an den Mehrwert ihres Handelsobjektes erschüttert werden könnten. Jeder, der sich in dem Diskurs über „Literatur, Stand heute“ einbringen will, kann sich mit diesem Buch perfekt munitionieren. Denn es bestätigt sicher nicht nur viele Thesen, die man schon selbst gerne mal in den Raum stellte, sondern erweitert auch den Einblick, da Tim Parks jede Menge handwerkliche Erfahrungen aus seiner Arbeit als Romancier, Übersetzer, Literaturkritiker und Dozent einbringt.

Mit allerhand Fragen leitet Tim Parks sein Buch ein, die man sich eigentlich innerhalb eines mehrjährigen Literaturstudiums als Leitfaden aufhängen sollte. Hier eine willkürliche Auswahl: Weiterlesen

Die Räuberpistole von Leon de Winter

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Im Deutschen gibt es den sicher nicht leicht zu übersetzenden Ausspruch „Räuberpistole“. Eine „unglaubliche, haarsträubende Geschichte (die jemand als wahr präsentiert)“ erklärt Wikipedia.

Exakt das ist es, was uns Leon de Winter in seinem neuem Roman „Geronimo“, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers übersetzt, auftischt. Allzu viel darf man über den Inhalt nicht kolportieren, wenn man die Pointen und verteilten Spannungsbögen einem zukünftigen Leser nicht versauen will. Weiterlesen