Oje, Kritiker! Diese eitle, miesepetrige Zunft.

A.O. Scott Kritik üben

 

Man kann A. O. Scotts „Kritik üben – Die Kunst des feinen Urteils“, übersetzt von Martin Pfeiffer, als Plädoyer für eine professionelle Kritik lesen, als Verteidigung eines Berufsstandes, dem gemeinhin mehr Eitelkeit als Hingabe, Hybris statt differenzierte Erkenntnis zugesprochen wird. Man findet dann allerhand aufklärendes, selbstkritisches und nützliches Wissen über das Wesen des Kritikers und auch der Kritik. Das scheint auch immer mal wieder berechtigt, wenn das Image des selbstgefälligen Nörglers wieder die Oberhand in der öffentlichen Wahrnehmung gewinnt.

Dieses miese Bild des Kritikers, das besonders gerne von denen gepflegt wird, welche die Anstrengung des künstlerischen Schaffens und der daraus resultierenden Früchte der Arbeit verklären, beschreibt A. O. Scott an einer Stelle so:

„Er ruiniert anderen Menschen die Arbeit und verdirbt ihnen den Spaß, wie die Ameise beim Picknick oder der Käfer auf dem Baumwollfeld.“

Man kann jedoch das Buch auch zum Anlass nehmen, um über zwei übergeordnete Dinge zu reflektieren. Zum einen über die Relevanz von Kritik überhaupt. Und zum zweiten über die Verklärung ihres Gegenstandes, also der Kunst und derer, die sie schaffen.

Vielen beleidigten Reaktionen auf schlechte Kritiken oder gar Verrissen geht ein entscheidendes Missverständnis voraus: zu glauben, Kritiker und Künstler behandelten den gleichen Gegenstand und hätten dazu die gleiche Brille auf. Sobald ein künstlerisches Werk die Stätte der Herstellung verlassen hat und sich der Rezeption stellt, gehört es nicht mehr allein dem Künstler. Seine Intentionen sind da nur noch Reflexionen von vielen. Bezüglich der Literatur hat Marcel Reich-Ranicki ein schönes Bonmot formuliert:

„Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr als die Vögel von der Ornithologie.“ Weiterlesen

Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon zu spät? Über das Ende des Homo sapiens.

HomoDeus

Wie verhaftet wir noch im Denken des vergangenen Jahrhunderts sind, entlarvt einmal mehr der grandiose Querdenker Yuval Noah Harari in seinem aktuellem Buch „Homo Deus“, übersetzt von Andreas Wirthensohn. Homo Deus, der Gott Mensch, könnte die Bezeichnung für den Nachkommen des Homo sapiens sein. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv, so wie die gesamte Intention des Buches: „Eine Geschichte von Morgen“.

Wer sich dem Buch widmet, bekommt heftige Denkanstöße zu den großen Fragen des 21. Jahrhunderts:

Was wird mit dem Arbeitsmarkt passieren, wenn künstliche Intelligenz einmal die Menschen bei den meisten kognitiven Aufgaben übertrifft? Welche politischen Auswirkungen wird eine massenhafte neue Klasse von wirtschaftlich nutzlosen Menschen haben? Was wird mit den Beziehungen, den Familien und den Rentenkassen passieren, wenn Nanotechnologie und regenerative Medizin 80 zum neuen 50 macht? Was wird mit der menschlichen Gesellschaft geschehen, wenn die Biotechnologie uns in die Lage versetzt, Designerbabys zu bekommen und für eine beispiellose Kluft zwischen Reich und Arm zu sorgen?

Und über allem schwebt noch die Frage: „was ginge, wenn überhaupt, verloren, wenn man bewusste Intelligenz durch überlegene nicht-bewusste Algorithmen ersetzt?“

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Drei Dinge braucht Erfolg. Wirklich?

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Es ist ein heikles Thema, doch die Frage ist gesellschaftspolitisch derart essentiell, dass man die Suche nach einer Antwort nicht umgehen kann: Warum sind Menschen bei gleicher Veranlagung so unterschiedlich erfolgreich beim Erreichen ihrer Ziele?

Lassen wir unvergleichbare Einzelschicksale mal außen vor, so ist es doch offensichtlich, dass unterschiedliche soziale Umfelder auch zu unterschiedlichen Zielsetzungen und auch zu anderen Erreichungsgraden persönlicher Erfolge führen. Dennoch fehlt dieser erste Vorgedanke bei fast jeder Debatte über fehlende Chancengleichheit in unserer Gesellschaft.

Wer in einem nur Dialekt sprechenden Umfeld groß wird, für den ist das Erlernen akzentfreier Fremdsprachen eine Hochleistung, während es für ein bilingual aufwachsendes Expat-Kind eine fast intuitive Selbstverständlichkeit ist. Oder für das Kind eines vermögenden Viehzüchters auf dem Land ist Veterinärmedizin ein naheliegendes und in seinem Herkunftsmilieu auch respektiertes Studienziel, während für ein Kind eines Rechtsanwaltes es kaum naheliegt und es vom Herkunftsmilieu entfremdenden würde, wenn es mal einen landwirtschaftlichen Betrieb führen will. Die persönliche Willenskraft und Leistung des Einzelnen, z. B. es zu schaffen, Arzt, Professor, Winzer, Musiker oder Profisportler zu werden, ist individuell sehr unterschiedlich hoch zu bewerten. Weiterlesen

Fünf Sterne für ein Arschgeweih

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Bücher zu besprechen resultiert nicht selten aus der Intention, sich nicht mehr nur zu fragen, was einem gefällt, sondern warum einem ein Buch gefällt. Und dieses „warum“ zu erfassen, es kritisch zu hinterfragen und die Essenz dann auch noch in adäquate Worte zu packen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. An der Mühe und Anstrengung, die wir dafür aufwenden, lässt sich die Ernsthaftigkeit bemessen, mit der wir ein plausibles Urteil finden wollen.

Geschmacksdebatten entzünden sich vordergründig zwar gerne an den Urteilen, doch eigentlich kritisieren wir die unterstellte fehlende Mühe, sich mit dem Gegenstand der Kritik zu beschäftigen. Umso intensiver wir uns einem Gegenstand widmen, desto weniger tolerieren wir unbegründete Geschmacksurteile von anderen. Besonders, wenn es sich um ästhetisch so „komplexe“ Dinge wie Literatur, Musik, Kunst, Architektur und ähnliches handelt, lehnt der Kulturbeflissene jegliches Bewertungssystem ab, das nur simple binäre (Daumen hoch, Daumen runter) oder auch etwas graduellere (5 Sterne) Geschmacksurteile anbietet.

Doch im Leben wird die Mehrzahl tagtäglicher Geschmackurteile überwiegenden von unserem „adaptivem Unterbewussten“ binär getroffen: gefällt oder gefällt nicht. Woher dieses Unterbewusste seine „Kompetenz“ bezieht, ist eine der Kernfragen, denen der US-Journalist und Buchautor Tom Vanderbilt nachgegangen ist. Er hat zahlreiche Antworten erhalten und diese in seinem Buch „Geschmack – Warum wir mögen was wir mögen“ im Stil einer Reportage ebenso amüsant wie interessant vorgestellt.

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Das Buch hat das Zeug dazu, für den „Geschmack“ das zu sein, was für das „Denken“ Kahnemanns „Langsames Denken, schnelles Denken“ ist. Sicher, es ist nicht populärwissenschaftlich, da Tom Vanderbilt keine ausgewiesener Experte ist, doch es bietet mit seinen umfangreichen Recherchen und gesammelten Aussagen von führenden Forschern, Soziologen und Philosophen sowie seinen zahlreichen Anmerkungen in einem fast hundertseitigem Anhang jede Menge Futter zum Einstieg in das Thema.

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Schämt Euch!

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Dieses Buch könnte ein Anfang sein. Mit der „Rückkehr nach Reims“ legt Didier Eribon ein Bekenntnis ab, dem viele Erkenntnisse folgen könnten. Doch lese ich in den Feuilletons und Blogs die zahlreichen, begeisterten Besprechungen, so gewinne ich den Eindruck, dass dieses Buch von allen Lesern zustimmend und befriedigt geschlossen worden ist

Didier Eribon (Interview), geboren 1953, wird verehrt als einer der es geschafft hat, in Frankreich: aus einfachsten, proletarischen Verhältnissen stammend, früh sich zu seiner Homosexualität bekennend und politisch unerschütterlich bis heute sozialistisch, ist er in Paris als bedeutender Intellektueller etabliert. Neben seiner akademischen Arbeit als Soziologe, wurde er international für seine Biografie über Foucault gerühmt, die jedoch auf Deutsch vergriffen ist (Laut Suhrkamp wieder lieferbar: 06.12.2016.)

Didier Eribon war mir zuvor unbekannt. Nimmt man den deutschen Wikipedia-Eintrag als Gradmesser seiner internationalen Bedeutung, so muss mir das nicht allzu unangenehm sein. Deutlich umfangreicher ist der französische Eintrag. Trotz stetigem Bedeutungsverlust umweht Personen in Frankreich, die man als „Intellektuelle“ bezeichnet, noch immer eine popikonische Aura.

Warum hat mich dieses Buch so unbefriedigt zurückgelassen? Und zwar so unbefriedigend wie eine Zigarette, über deren Genuss Oscar Wilde einmal treffend schrieb: Eine Zigarette ist das vollendete Beispiel eines vollendeten Genusses. Sie ist köstlich und lässt einen unbefriedigt.

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Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.

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WARNUNG: Dieser Beitrag ist ungeeignet für Personen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne!

Wer betreibt eigentlich die überzeugendste Öffentlichkeitsarbeit für den totalen Überwachungsstaat? Wer suggeriert uns ständig, dass es ohne Rasterfahndung im Netz, ohne Hacker und Lauscher keine Aufklärung mehr gäbe? Und wer beherrscht das Storytelling so geschickt, dass wir am Ende gar froh statt empört über massive Rechtsbrüche sind? Es sind die Schriftsteller. Genauer: Es sind die Roman- und Drehbuchautoren von Krimis und Thrillern. Sie produzieren seit Jahren perfekte trojanische Pferde, die zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Überwachungsstaates beitragen.

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Über die wilden Jahre der Liberalen: Der Baum und der Hirsch

Buchtitel

Es ist eine Blamage, beschämend für uns: wenn es um die engagierte Verteidigung unserer verfassungsmäßig verbrieften Freiheitsrechte geht, müssen wir uns seit Jahrzehnten immer wieder bei einem unbeugsamen und manchmal schon verlachten Kämpfer bedanken: dem 83jährigen Gerhart Baum. Nicht zum ersten und womöglich nicht zum letzten Mal hat er vor kurzem wieder einen Sieg für uns Bürger vor dem Verfassungsgericht errungen. Der Freibrief zur Observation, wie ihn das unklar formulierte BKA-Gesetz bislang erteilte, ist nicht rechtens und muss geändert werden. Wieder hat der frühere FDP-Minister (zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Burkhard Hirsch, beide Juristen) erfolgreich geklagt und ein schludriges Gesetz zu Fall gebracht wie schon zuvor – zumindest in Teilen – den „Großen Lauschangriff“, das „Luftsicherheitsgesetz“ und die „Vorratsdatenspeicherung„.

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