Literaturkritik: Alles Willkür, oder was?

FeuilletonDie reflexartige Zustimmung auf Jörg Sundermeiers Lamento im Buchmarkt und im Freitag über den miserablen Status der heutigen Literaturkritik in den Feuilletons erinnerte mich doch sehr an die Debatte über die deutsche Bildungspolitik, ausgelöst durch einen naiven Tweet einer 17jährigen Gymnasiastin (Ein gute Zusammenfassung der Reaktionen auf Sundermeier gibt es bei Lesen-mit-Links) Beide Male kommen die Mahner aus der Ecke der Kulturpessimisten, die sich hartnäckig verweigern, das stetig anwachsende Angebot an Bildung, Informationen und Verbreitungsmöglichkeiten zu honorieren. Die altväterliche Sehnsucht nach Orientierung durch honorige Instanzen eint sie. Sie erachten die mediale Vielfalt als Tor zur Einfalt und sehen die Kultur ohne Vermittlung von anerkannten Kuratoren und Kritikern der Beliebigkeit ausgesetzt.

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Jetzt kommt mal wieder runter und zeigt, dass das Netz mehr kann als Häme verbreiten.

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„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“

Friends of Voltaire

Diese Haltung ist der heutigen Gesellschaft fremd geworden. Und das Netz entwickelt sich auch noch zum Verstärker des Gegenteils:

„Ich verachte Ihre Meinung und werde alles dafür tun, Sie mundtot und lächerlich zu machen.“

Sicher braucht es anfänglich immer ein Ventil, wenn man mit Ressentiments und Meinungen konfrontiert wird, die man für dümmlich oder borniert erachtet. Und da ist der Schlagfertige immer im Vorteil. Eine lässige, spöttische Replik, mit der man sich die Lacher im eigenen Lager sichert, einen feinsinnigen Bonmot für die Intelligenzija und eine saftige Satire oder Karikatur zum heimischen Schenkelklopfen, liken und teilen in der Filterbubble.

Im realen Leben unter Bekannten tritt dann aber üblicherweise ein Regulativ ein: Empathie. Wir spüren, wenn der anfängliche Spott sich allmählich in verletzende und destruktive Häme wandelt. Und wir fühlen mit, wie der Mensch, der der Auslöser war, beginnt zu verhärten. Empathie hilft uns, zu erkennen, wann ein Witz nicht mehr witzig ist und wann wir beginnen sollten, uns zurück zu nehmen und dem Gegenüber zu zeigen, dass wir uns nicht auf seine Kosten weiter lustig machen werden.

Ganz anders im Netz. Wie ich in einem Beitrag kürzlich schrieb, beweist mir das Netz viele gute Eigenschaften. Doch diese eine wird es nie haben: Empathie. Im Gegenteil. Das Netz mit seiner nüchternen, kalten algorithmischen Logik spült ständig nur weiter den nächsten plumpem Gag nach oben. Jeder Versuch, einen differenzierteren Beitrag in einer Sache zu leisten, wird bestenfalls von wenigen quergelesen und nach Bestätigung der eigenen Meinung gescannt.

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„Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Spiegel Titel 2007

Überhaupt werden die Versuche eines Diskurses immer zaghafter. Denn wohl jeder Journalist und auch die anderen anerkannten Meinungsbildner im Netz machen immer häufiger die Erfahrung, dass wenn sie sich nicht eindeutig zu einer klaren Meinung bekennen, kaum bedeutende Resonanz auf ihre Arbeit bekommen. Gemeinhin sind Journalisten auch nur Menschen und wünschen sich eher Lob und begeisterte Zustimmung von ihrer adressierten Lesergruppe. Der ein oder andere negative Kommentar würzt dann nur noch und soll bestätigen, wie klar und provokant man doch Stellung bezogen habe.

Die ernüchternden Netzerfahrungen der vergangenen Jahre und die aktuelle Eskalation um Pegida & Co. dokumentiert mir, dass das Netz bis heute keinerlei Beitrag zu einem verbesserten meinungsbildende, gesellschaftlichen Diskurs leistet. Zumindest solange nicht, bis die, die sich für diese Hoffnung immer stark machten, endlich mal merken, dass sie diese Hoffnung mit ihrer destruktiven, herablassenden und oft sehr bornierten Häme allmählich selbst begraben.

Die anfängliche Netzeuphorie vieler Bürger an einer verstärkten gesellschaftspolitischen Teilhabe, wie sie z. B. durch die Piratenpartei repräsentiert wurde, driftet allmählich ab in zynische Selbstgefälligkeit.

Dieser immer beliebte Zynismus einer eher gebildeten, intellektuellen Gruppe kann in solch einem Gemenge, wie wir es aktuell haben, sehr bedenkliche Wirkungen haben. Mehr dazu findet man in Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft.

Auch ich weiß nicht, wie ich den erschreckenden Ressentiments von ca. ein Drittel der Bundesbürger begegnen soll, um sie aufzuweichen oder gar zu reduzieren. Ich erachte es auch für sinnlos mit den meisten zu reden und nach irgendeiner Weise von Verständnis zu suchen.Da gibt es nichts zu verstehen. Aber ich weiß, dass wenn ich mich ständig lauthals über die Dummheit und Kleingeistigkeit meiner Nachbarn lustig mache, ich bald nicht mehr in Frieden mit ihnen zusammenleben kann.

Nachtrag 24. Februar 2015: die Geschichte eines verhängnisvollen Tweets, der ein ganzes Leben in wenigen Stunden zertrümmert, wird gerade ausführlich erzählt. Ich wünsche niemanden durch solch eine kleine Dummheit, wie sie Justine Sacco unterlaufen ist, so durch die Hölle gehen zu müssen. Einmal mehr bestätigt mir diese Geschichte meine These der fehlenden Empathie.