Notizen zur Selbstbedienung (5)

Notizen zur Selbstbedienung (1)

Notizen zur Selbstbedienung (2)

Notizen zur Selbstbedienung (3)

Notizen zur Selbstbedienung (4)

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Jetzt kommt mal wieder runter und zeigt, dass das Netz mehr kann als Häme verbreiten.

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„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“

Friends of Voltaire

Diese Haltung ist der heutigen Gesellschaft fremd geworden. Und das Netz entwickelt sich auch noch zum Verstärker des Gegenteils:

„Ich verachte Ihre Meinung und werde alles dafür tun, Sie mundtot und lächerlich zu machen.“

Sicher braucht es anfänglich immer ein Ventil, wenn man mit Ressentiments und Meinungen konfrontiert wird, die man für dümmlich oder borniert erachtet. Und da ist der Schlagfertige immer im Vorteil. Eine lässige, spöttische Replik, mit der man sich die Lacher im eigenen Lager sichert, einen feinsinnigen Bonmot für die Intelligenzija und eine saftige Satire oder Karikatur zum heimischen Schenkelklopfen, liken und teilen in der Filterbubble.

Im realen Leben unter Bekannten tritt dann aber üblicherweise ein Regulativ ein: Empathie. Wir spüren, wenn der anfängliche Spott sich allmählich in verletzende und destruktive Häme wandelt. Und wir fühlen mit, wie der Mensch, der der Auslöser war, beginnt zu verhärten. Empathie hilft uns, zu erkennen, wann ein Witz nicht mehr witzig ist und wann wir beginnen sollten, uns zurück zu nehmen und dem Gegenüber zu zeigen, dass wir uns nicht auf seine Kosten weiter lustig machen werden.

Ganz anders im Netz. Wie ich in einem Beitrag kürzlich schrieb, beweist mir das Netz viele gute Eigenschaften. Doch diese eine wird es nie haben: Empathie. Im Gegenteil. Das Netz mit seiner nüchternen, kalten algorithmischen Logik spült ständig nur weiter den nächsten plumpem Gag nach oben. Jeder Versuch, einen differenzierteren Beitrag in einer Sache zu leisten, wird bestenfalls von wenigen quergelesen und nach Bestätigung der eigenen Meinung gescannt.

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„Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Spiegel Titel 2007

Überhaupt werden die Versuche eines Diskurses immer zaghafter. Denn wohl jeder Journalist und auch die anderen anerkannten Meinungsbildner im Netz machen immer häufiger die Erfahrung, dass wenn sie sich nicht eindeutig zu einer klaren Meinung bekennen, kaum bedeutende Resonanz auf ihre Arbeit bekommen. Gemeinhin sind Journalisten auch nur Menschen und wünschen sich eher Lob und begeisterte Zustimmung von ihrer adressierten Lesergruppe. Der ein oder andere negative Kommentar würzt dann nur noch und soll bestätigen, wie klar und provokant man doch Stellung bezogen habe.

Die ernüchternden Netzerfahrungen der vergangenen Jahre und die aktuelle Eskalation um Pegida & Co. dokumentiert mir, dass das Netz bis heute keinerlei Beitrag zu einem verbesserten meinungsbildende, gesellschaftlichen Diskurs leistet. Zumindest solange nicht, bis die, die sich für diese Hoffnung immer stark machten, endlich mal merken, dass sie diese Hoffnung mit ihrer destruktiven, herablassenden und oft sehr bornierten Häme allmählich selbst begraben.

Die anfängliche Netzeuphorie vieler Bürger an einer verstärkten gesellschaftspolitischen Teilhabe, wie sie z. B. durch die Piratenpartei repräsentiert wurde, driftet allmählich ab in zynische Selbstgefälligkeit.

Dieser immer beliebte Zynismus einer eher gebildeten, intellektuellen Gruppe kann in solch einem Gemenge, wie wir es aktuell haben, sehr bedenkliche Wirkungen haben. Mehr dazu findet man in Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft.

Auch ich weiß nicht, wie ich den erschreckenden Ressentiments von ca. ein Drittel der Bundesbürger begegnen soll, um sie aufzuweichen oder gar zu reduzieren. Ich erachte es auch für sinnlos mit den meisten zu reden und nach irgendeiner Weise von Verständnis zu suchen.Da gibt es nichts zu verstehen. Aber ich weiß, dass wenn ich mich ständig lauthals über die Dummheit und Kleingeistigkeit meiner Nachbarn lustig mache, ich bald nicht mehr in Frieden mit ihnen zusammenleben kann.

Nachtrag 24. Februar 2015: die Geschichte eines verhängnisvollen Tweets, der ein ganzes Leben in wenigen Stunden zertrümmert, wird gerade ausführlich erzählt. Ich wünsche niemanden durch solch eine kleine Dummheit, wie sie Justine Sacco unterlaufen ist, so durch die Hölle gehen zu müssen. Einmal mehr bestätigt mir diese Geschichte meine These der fehlenden Empathie.

 

Der Vater der Blogosphäre: Michael de Montaigne.

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Eines ist Sarah Bakewell mit „Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten“ wunderbar gelungen: uns Lesern den Menschen, Schriftsteller, Ab-und-an-Philosophen, Diplomat, Denker und Plauderer Michel de Montaigne überaus sympathisch zu machen. Seit Jahrhunderten dient dieser geistreiche und belesene Franzose aus dem 16. Jahrhundert gerne als Untermaurer unserer gesammelten Lebensweisheiten. Eine für Literaturfreunde passende und von manchen auch dankbar ehrlich übernommene:

„Lies viel, vergiss das meiste wieder, und sei schwer von Begriff!“

Foto 1-1Besonders beeindruckend ist, dass er schon zu seinen Lebzeiten hohe Anerkennung erfuhr. Und zwar nicht nur für seine politischen und diplomatischen Leistungen als Bürgermeister und politischer Berater in sehr unruhigen Zeiten, sondern auch für sein literarisches, progressives Werk, den „Essais“. Diese literarische Form, als deren Urheber Montaigne gilt, ist uns in heutigen Bloggerzeiten sehr sympathisch. Enthebt sie uns doch von lästiger Recherche und ermöglicht sie uns auf einem einzigen Gedanken fußend, unsere weiteren Überlegungen dazu schweifen zu lassen. Es sollte dem Essayisten jedoch letztlich gelingen, entweder klug oder zumindest recht belesen wirkend, diesen Gedanken originell und/oder erschöpfend zu behandeln. Montaigne gelang dies offenbar schon anerkannter Maßen in der Einschätzung seiner Zeitgenossen.

Interessant ist zudem – wie uns Sarah Bakewell wissen lässt – das Montaigne schon damals ein Anhänger von „Updates“ war. Seine Essais bearbeitete er immer weiter, schuf weitere Versionen, so dass man heute von den Essai-Versionen 1.0 bis 4.0 zu seinen Lebzeiten sprechen könnte und zudem sich die Versionen der Herausgeber, Übersetzer und Remixer in den folgenden Jahrhunderten dann als Versionen 3.1, 3.2 und ff. bezeichnen ließen.

Spannend ist auch, wer alles in den vergangenen Jahrhunderten Montaigne als seinen Geistesbruder entdeckte. Aber auch, wer sehr hart mit ihm ins Gericht ging. Von den begeisterten Montaigne Lesern fand Gustave Flaubert sehr schöne empfehlende Worte:

„Lesen Sie ihn nicht, wie die Kinder lesen, um sich zu vergnügen, noch wie die Ehrgeizigen lesen, um sich zu bilden. Nein, lesen Sie, um zu leben.“

Friedrich Nietzsche wurde gar enthusiastisch, wenn er von dem Franzosen sprach: „Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden.“

Zu seinen ersten harten Richtern zählte Blaise Pascal und Nicolas Malebranche, wie Sarah Bakewell schilderte. Pascal wird dafür denn auch später von Voltaire gerügt, der Montaigne sehr schätzte. Viele weitere Geistesgrößen zählt Bakewell auf, die in die Begeisterung für Montaigne einstimmen.

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An dieser Stelle bekenne ich, dass ich die Essais bis heute nicht gelesen habe. Michel de Montaigne war mir bis dato ebenso nur als gern zitierter, geistreicher Mann bekannt, über dessen Leben und Werk ich nur wenig Wikipedia wusste, jedoch zuvor schon wenigstens, dass wir ihm die literarische Gattung „Essay“ verdanken. Sarah Bakewells Idee, mir diesen Mann und seine Gedanken über 20 Antworten auf die Frage aller Lebensfragen nahezubringen, verlockte mich sofort. Und – soweit ich dies beurteilen kann, ohne die „Primärliteratur“ zu kennen – ist ihr hier ein Zugang gelungen, der allen im Leben Sinn und Antwort-Suchenden großes Vergnügen und ebenso tiefe Erkenntnis verschafft.

Die Kapitel sind oftmals mit recht schlichten Antworten auf die immer wieder gestellte Frage „Wie soll ich leben?“ überschrieben, wie z. B. „Lebe den Augenblick!“, „Finde das rechte Maß!“ oder „Schau dir die Welt an!“. Doch Bakewell behandelt das sich dahinter verbergende Credo zwanzigmal sehr gekonnt und tief schürfend und schafft es dabei sowohl die Biografie Montaignes als auch dessen Werkentstehung chronologisch zu erzählen. Dass dies durchweg gelingt, fand ich genial, insbesondere da ich zu keinem Zeitpunkt den Eindruck hatte, dass sie sich irgendwann zur Geisel ihrer Idee gemacht hätte.

Es kribbelt nun in den Fingern, einige Episoden und beeindruckende Beschreibungen von Sarah Bakewell nachzuerzählen. Beispielsweise von der ausschließlichen Erziehung in lateinischer Sprache in seinen ersten fünf Lebensjahren, die Montaigne auch im Nachhinein goutiert, obwohl seine Eltern die Sprache selbst nicht beherrschten. Oder über seinen Skeptizismus, der ihn lehrte, nichts wirklich ernst zu nehmen und dem Leben und den Menschen mit Gelassenheit entgegen zu treten oder seine eigenwillige Art, Italien zu bereisen, die weit weniger ein Entdeckungsreise von Kunst und Kultur war, sondern ein fasziniert sein von fremden Sitten und Gebräuchen. Doch weiteres würde den selbstgesteckten Rahmen hier sprengen.

Ich schließe meine Empfehlung lieber damit ab, mitzuteilen, dass nun die Essais auf meinem Tisch liegen und ich mich auf den hoffentlich bald kommenden Abend freue, wenn ich mich ihnen widmen werde.

Foto 3Ach, ja und ein P.S. an alle Buch– und Katzenliebhaber: Montaigne ist auch berühmt für den einfühlsamen tierischen Perspektivenwechsel mit seiner Katze, den wohl jeder Katzenhalter nachvollziehen kann:

„Wenn ich mit meiner Katze spiele – wer weiß, ob ich nicht mehr ihr zum Zeitvertreib diene als sie mir?“