Wieder ganz Gentleman, der Herr Bayer.

Weisser_Zug

Das Talent zum Phantasieren schreckt auch vorm Putzen nicht zurück.

Wie gerne ich Thommie Bayer lese, habe ich hier schon bekundet. Und dabei habe ich auch gerne angemerkt, dass ich ihn für einen wahren Gentleman unter den deutschen Autoren erachte. Denn seine erschaffenen Frauencharaktere sind aus meiner männlichen Lesersicht fast immer auch eine Hommage an das andere Geschlecht. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je seinen weiblichen Figuren realitätsferne Naivität, nervige Zickigkeit oder gar dummdreiste Eitelkeit angedichtet hätte. Wer es besser weiß, der korrigiere mich. Mir ist so eine Haltung des Autors sympathisch und sie findet sich wieder stringent in seinem neuesten Werk „Weißer Zug nach Süden“.

In Anbetracht meines vor kurzem abgelegten Geständnisses, dass ich wohl als literarischer Macho konditioniert wurde, verwundert es vielleicht nicht, dass mich zunächst die Geschichte von Chiara nur schleppend interessierte. Einerseits war sie mir anfänglich zu sehr hingebogen. Junge Frau flüchtet aus sehr vage angedeuteten Gründen aus ihrem ebenso provisorischen wie perspektivlosen Leben in Italien zu einer Freundin nach Deutschland. Der Freundin passt das gerade prima, denn auch sie verspürt Lust auf einen Neuanfang und wenn schon, denn schon, dann doch auch gleich in New York. Dankbar überlässt sie Chiara ihr Heim, ihren aktuellen „Lover“ und ihre einträglichen Jobs zum Lebensunterhalt: Putzen von Wohnungen. Weiterlesen