nǐ hǎo

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Chinareise Teil 3

Nach Teil 1 und Teil 2 meines Resümees über China, könnte man den Eindruck gewinnen, mich hätten nur die Metropolen des Landes und ihre Bewohner beeindruckt. Zeit, das zu korrigieren. Doch ich gestehe, dass Shanghai und Peking meine Entdeckerlust stärker weckten. Unsere Landpartien führten uns dennoch zu zwei sehr sehenswerten und erlebnisreichen Orten: Hangzhou und Guilin.

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Nach Hangzhou fuhren wir – wie schon in Teil 1 beschrieben – per Bahn mit 300 km/h von Peking direkt – in ca. 7 Stunden. Die beiden Städte verkehrstechnisch zu verbinden, begann man einstmals schon vor über 2.500 Jahren. Und wie für China zu erwarten, war auch dies ein gigantisches Projekt vergleichbar mit der chinesischen Mauer: der Kaiserkanal. Fast 2.000 km Wasserstraße sind über viele Jahrhunderte erbaut worden – Weltrekord.

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Bei dieser Vorstellung schweife ich gedanklich wieder mal in unsere Gegenwart und zu unserem akuten Dilemma ab: uns gelingt kaum noch, wirklich sehr langfristige visionäre Projekte zu denken, zu entwerfen oder gar in Angriff zu nehmen. Kein noch so weitsichtiger Politiker oder Unternehmenspatriarch denkt noch über Generationen hinaus und ist gar bereit, Projekte zu initiieren, deren Fertigstellung er nicht mehr erleben wird. Bei meinem Besuch des Kölner Domes vor Jahren wurde mir erstmals im vollem Ausmaß bewusst, dass uns diese Tugend vergangener Generationen völlig abhanden gekommen ist. Man stelle sich vor, heute wolle jemand die Errichtung eines Gebäudes initiieren, dessen Richtfest wohl erst seine Ururenkel begehen können. Im Höchstfall akzeptieren wir heute noch Planungszeiträume von ca. 10 Jahren. Einzig im Bereich der Forstwirtschaft und vielleicht noch beim Kraftwerkbau denkt man noch etwas darüber hinaus.

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Der Einzelne mag da noch visionär sein, doch in einer basisdemokratischen Mitbestimmungsgemeinschaft findet niemand mehr ausreichenden Konsens, solch gigantische Vorhaben anzupacken. Das erklärt zum Teil dann auch, warum es uns heute nicht mehr gelingen wird, ökologisch und ökonomisch eigentlich dringend notwendige Groß- und Langfristprojekte anzugehen – z. B. die Aufgaben zur Energiewende und Erneuerung unserer maroden Infrastruktur sind vergleichsweise überschaubar gegenüber der gigantischen Vorhaben, die unsere Vorväter und –mütter mittragen mussten.

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Doch zurück zu einer der schönsten Städte Chinas, wie sie schon vor Jahrhunderten von auswärtigen Besuchern Chinas bezeichnet worden war. Hangzhou ist für die Chinesen vielleicht das, was bei uns Schloss Neuschwanstein ist. Doch im Unterschied zu Ludwigs Vermächtnis zieht es nach Hangzhou mehrheitlich nationale Touristen. Überhaupt sind die Chinesen offenbar ein sehr reiseaktives Volk (geworden), das sich gerne – ganz unserem Klischee entsprechenden – in asiatischen Grüppchen von einer touristischen Sehenswürdigkeit zur nächsten nach straffem Zeitplan führen lässt. Gerne demonstriert man dabei seine Zusammengehörigkeit mit einheitlichen Kleidungsinsignien. Auch hier steht – wie weltweit – die Baseball-Kappe ganz hoch im Kurs.

Auch unser Zeitplan war knapp bemessen. 24 Stunden für Hangzhou, am Abend dann weiter per Nachtzug nach Guilin. Deshalb entschieden auch wir uns, einen Guide zu engagieren. Dank Empfehlungen auf Tripadviser verabredeten wir uns mit David inklusive Fahrer und Fahrzeug. Ca. € 150,– kostet dies. Eine lohnende, sehr zu empfehlende Investition, die wir auch in anderen asiatischen Ländern schon hinlänglich genossen haben.

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David machte uns mit den schönsten Ecken bekannt, erzählte uns einige historische Begebenheiten der Stadt und wir unterhielten uns zudem über sein Leben (Seine Eltern führen einen Eissalon, er studiert Logistik) und seine kurz- und langfristigen Lebenspläne (anstehendes Auslandssemester in New York, will aber auf jeden Fall weiterhin in China leben) sowie über den uns imponierenden rasanten Wandel in seinem Land. Er zeigte uns die wesentlichen Sehenswürdigkeiten, machte mit uns eine entspannte Bootsfahrt, brachte uns zu einer der berühmten Dragontea-Plantagen und spazierte mit uns abschließend durch einen herrlichen Bambuswald.

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Als er uns – nach einem kurzem Shopping-Abstecher – am Ende des Tages zu dem schon beschriebenen Aufsehen erregenden Bahnhof brachte, sprachen wir auch über dessen Vorgeschichte. Auch hier waren die Bürger nicht begeistert und protestierten anfänglich gegen dieses Mammutprojekt. Doch die Wutbürger wurden – nach Ansicht unseres Guides – letztlich nicht nur ignoriert, sondern auch eines Besseren belehrt – sofern sie dazu bereit sind. Denn zumindest für die progressive Fraktion in China erwies sich das Projekt letztlich als weitsichtig und förderlich. Das ehemals sehr arme Gebiet am Stadtrand sei nun deutlich aufgewertet. Vielleicht sollte Stuttgart mal eine Partnerschaft mit Hangzhou in Erwägung ziehen.

IMG_6811Über Nacht fuhren wir dann nach Guilin, einer weiteren touristischen Hochburg. Wir wählten die „weiche“ Schlafwagen-Option, die unserer 1. Klasse entspricht. Die ist in China für uns Weichlinge noch bezahlbar. Das Abteil ist auf vier Personen beschränkt und die Ausstattung akzeptabel. Nachtzüge sind keine modernen Fortbewegungsmittel – weder in Asien noch bei uns in Europa. Meine letzte Nachtzugfahrt in Deutschland liegt nun aber schon einige Jahre zurück. Einmal Paris und einmal nach Florenz. An beide habe ich keine romantischen Erinnerungen. Und auch auf China blicke ich jetzt pragmatisch zurück. So ein Nachtzug erspart einem Flug- und Übernachtungskosten. Bei drei Personen summiert sich das und ist für knappe Reisebudgets immer zu empfehlen. Doch besonders erlebnisreich waren unsere beiden Fahrten nicht – weder im Zug noch beim Blick nach draussen.

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Was Guilin so sehenswert macht, liegt eigentlich noch weit ab von der Stadt in Richtung Yangshuo und ist auf jedem 20 Yuan Schein verewigt: die Landschaft der ungewöhnliche Karstberge, die sich vor ca. 350 Millionen Jahren gebildet haben sollen, nachdem sich ein Urmeer zurückzog. Heute durchfurcht die Berge der Li-Fluss, auf dem unzählige Ausflugsboote schippern und u. a. exakt diese Stelle anpeilen, an der wir die Original-Silhouette der Landschaft mit dem Scheinmotiv vergleichen können.

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Hier ist China auf den ersten Blick so unverändert malerisch wie schon in Reisebroschüren aus dem vergangenen Jahrtausend. Einzig dürfte auch hier die Anzahl an Touristen deutlich gestiegen sein. Für Hobbyfotografen ist die Gegend ein Muss – und offenbar ebenso für Kletterer. Wir haben uns auf die familienfreundlichen Erlebnisse beschränkt und angesichts der wolkenverhangenen Tage gelangen uns kaum sehenswerte Landschaftsaufnahmen. Aber es ist wirklich beeindruckend schön und an manchen Stellen sogar idyllisch. Besonders der individuell geführte Ausflug mit dem Rad brachte uns an Orte, die wir alleine genießen konnten.

IMG_7108Felix, unserer siebenjähriger Sohn war zwar anfänglich empört, dass man ihm kein eigenes Rad zur Verfügung stellte – irgendwie verständlich, wenn man daran denkt, dass China wohl das Land des Fahrrades sein sollte – doch nach kurzem Schmollen genoss auch er mit mir die Fahrt auf einem Tandem am Fluss entlang. Zurück ging es auf einem Bambusfloß, ein obligatorisches Erlebnis in dieser Region. Vollmundig nennt man es auch Rafting, da es ein paar Stromschnellen zu durchfahren gibt, bei denen man nasse Füße bekommen kann, wenn man sie nicht hochnimmt. Wer schon mal eine klatschnasse Rafting-Tour in den Alpen miterlebt hat, wird hier nur kichern. Sehenswert war auch ein Höhlenbesuch mit optionalem Schlammbad. Auf letzteres haben wir verzichtet und uns nach einem sehr heißen Tag auf unsere Dusche in unserem sehr empfehlenswerten Tea-Cozy-Hotel gefreut.

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Unser Tea-Cozy-Hotel

Die Betreiber des Hotels sind sehr sympathisch, führen ein sehr legeres, offenes Haus, bieten eine delikate ganztägige Küche und sprechen gut Englisch wie überhaupt in dieser Gegend alle, die mit Touristen zu tun haben, gute Englischkenntnisse haben. Einzig die Taxifahrer in Guilin, denen wir begegneten, verweigern sich hier noch. Bei ihnen empfiehlt es sich, seine Hoteladresse und sonstigen Ziele in chinesischen Schriftzeichen vorzuzeigen, sonst wird man unweigerlich auf die inoffiziellen Taxifahrer angewiesen sein, die einen schon mal ganz gern über den Tisch ziehen. Doch so etwas gehört ja auch zu einer Reise und die Erfahrung hat uns letztlich nur den dreifachen Preis einer normalen Taxifahrt gekostet.

IMG_7060Die Orientierung und Kommunikation in China ist nicht einfach. Nur wenige Wegweiser und Anzeiger sind in englischer Sprache und lateinischer Schrift. Doch die wenigen Momente, wo wir gänzlich „Lost in Translation“ waren, ließen sich mit freundlichen Gesten und hilflosen Blicken überbrücken bis sich dann doch irgendjemand erbarmte, der uns zumindest radebrechend helfen konnte. Wenn man bei uns zuhause mal die Brille eines chinesischen Touristen aufzieht, wird man schnell feststellen, dass es verständlich ist, warum Chinesen fast nur als Reisegruppe durch Europa ziehen. Da sind China und Asien allgemein deutlich touristenfreundlicher als Europa.

Um – wie wir – in nur wenigen Tagen vieles in China erleben zu können, empfehlen wir, einen individuellen Guide zu engagieren. Die finden sich dank Internet und Reiseportalen auch bestens bewertet online und reagieren – zumindest bei uns – auch ganz kurzfristig. In Yangshuo fanden wir so Lilly Lu vier Tage vor unserer Ankunft in Guilin, die wir nur wärmstens empfehlen können. Mit ihr haben wir stundenlang geplaudert, sehr viel gesehen und viel Freude gehabt.

Ansonsten braucht es um ein Lächeln in die Gesichter unserer chinesischen Gastgeber zu zaubern, für uns Langnasen nur ein kurzes, chinesisches Zauberwort:

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P.S. Bei unserer Ausreise am Flughafen entdeckte ich dann noch eine sehr bemerkenswerte Einrichtung, die wohl jemand mit den Klischees über China im Kopf, wie ich sie vor unserer Reise hatte, nicht erwarten würde. Diese habe ich, wie mir der Beamte an der Passkontrolle höflich deutlich machte, verbotener Weise fotografiert. Also mich bitte nicht verraten. Doch ich finde dieses Abstimmgerät so vorbildlich, dass ich mir wünschen würde, es gäbe es an jedem Ort, wo man auf Behördenvertreter trifft. Ich habe für diesen Beamten natürlich ein „Vollste Zufriedenheit“ gedrückt.

 

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2 Gedanken zu “nǐ hǎo

  1. Hihi, so ein Abstimmgerät macht Spaß! Bin allerdings noch nicht auf die Idee gekommen, das zu fotografieren. Meine Bank in Hamburg macht wohl auch ganz zögerliche Versuche mit einer Bewertung der Berater durch Kunden. Aber nicht so hochtechnisiert, sondern mit einem kleinen Kärtchen zu ankreuzen. Hangzhou steht bei mir oben auf dem Programm, wenn ich das nächste Mal nach China reise. Da muss ich dann auch diesen tollen Bahnhof unbedingt sehen!

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