Eure Dummheit macht uns das Netz kaputt

10.GLÜCKAUFFEST WIRKLICHKEIT

Foto: Steffen Rasche

Das hat er uns ja echt leicht gemacht, der designierte EU-Digitalkommissar Günther Oettinger. Man, der kann ja nicht mal das Netz von einer Cloud unterscheiden. Selber blöd, wer Nacktbilder ins Netz stellt, hat er gesagt. Dabei waren die Promis doch gar nicht blöd, die haben sie doch nur auf ihre Cloud von Apple geladen. Und da sind gemeine Hacker eingebrochen und haben sie gestohlen und dann öffentlich gemacht. Ja, Herr Oettinger, das war schon dumm.

Doch dumm auch, wer jetzt mit Häme kontert und dabei den Eindruck vermittelt, die Cloud sei nicht das Netz. Oettingers Naivität und Unwissenheit bringt es letztlich klarer auf den Punkt als es der Netzelite lieb ist. Denn die Cloud ist ebenso Netz wie jeder Account, den ich vorgeblich nach meinen Kriterien an Privatheit einrichten kann.

Bildschirmfoto 2014-09-30 um 23.18.52Dumm, wer vor NSA & Co. glaubte, dass diese Daten vor unbefugten Dritten sicher seien. Dümmer, wer es danach noch immer glaubt, dass es irgendwann, irgendwas geben wird, dass uns mehr Sicherheit gibt. Und am aller dümmsten sind die, die aus Naivität, Lüsternheit, Neid, Gehässigkeit und, und, und den gesamten Schund im Netz liken und teilen und mit ihren dämlichen Häme-Postings und Troll-Kommentaren immer wieder Diskussionsstoff über unselige Shitstorms und Promi-Bashings geben. Und ebenso blöd sind die, die sich im Netz nur als Voyeure betätigen und dann bei passender Talkshow Gelegenheit immer nur erschüttert über eitle Selfie-Kultur, Mobbing-Tragödien und Fotos und Videos zum Fremdschämen berichten.

Ja, es gibt jede Menge Trash im Netz, der uns beschämt, blamiert und uns die Dämlichkeit unsere Gesellschaft beweist. Einer Gesellschaft, in der wir alle ein aktiver Teil sind. Doch ist das der Grund, weshalb wir uns im Netz bewegen? Lernen wir doch endlich selbst einmal, das richtige Maß beim Liken, Kommentieren und Teilen zu finden. Dass wir überwiegend Katzenfotos, Selfies, zotige Kalauer und alberne Videos in unserer Timeline sehen, liegt nicht nur an denen, die sie einstellen, sondern an unserer aller Schwarmdummheit, die sie hypt.

Wenn wir mehr Schwarmintelligenz beweisen würden, bräuchten wir auch weniger Sorge über Dummheiten von EU-Digitalkommissare haben. Also, strengt Euch an und erstellt interessante Inhalte und verkneift Euch den hundertelften Like für ein Selfie aus einer Prominacht, das Teilen von blamablen Videos und Promifotos und den hämischen Post über des „Kaisers neue Kleider“.

Stalker Marketing

Stalker

Nachtrag 12.12.2014: Die Diskussion zum Thema „Stalker-Marketing“ wird gerade wieder im Blog „Ich sag mal“ von Gunnar Sohn neu belebt und soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Bin gespannt.

Stalking ist kein neuzeitliches Phänomen, sondern einzig ein neuzeitlicher Begriff für ein schon immer existentes gestörtes, krankhaftes Verhalten einzelner Menschen. Die Empfindungen der Betroffenen erwachsen sich von anfänglicher Lästigkeit bis irgendwann zu Panik und Albtraum.

Mit der gleichen krankhaften Beharrlichkeit, mit der ein Stalker seine auserwählte Zielperson bedrängt, agieren seit vielen Jahrzehnten auch Verantwortliche im Marketing. Und beide ließen sich bislang nur mit juristischen Mitteln und Strafandrohungen wieder auf erträglichen Abstand bringen – zumindest in unseren privaten Umfeldern. Ständige Werbepost, Haustür-Geschäfte und Werbeanrufe wurden verboten.

Während wir im realen Leben das Stalking des Marketings allmählich in den Griff bekommen wird es im virtuellem Raum derzeit als geniale Marketing-Innovation verkauft. Das Prinzip ist dabei noch immer das gleiche, nur perfider: denn nun verfügen die Marketer über Technologien, deren Impertinenz an Möglichkeiten wir uns zunächst gar nicht bewusst sind. Jeder Cookie, jede App und jede Anmeldung – besonders bequem über Netzwerk-Accounts – ermöglicht es ihnen, uns ständig über die Schulter zu schauen. Und die Penetranz führt – laut Online-Media-Experten – nachweislich auch zum Erfolg. Denn die Zahlen geben ihnen vordergründig durchaus Recht.

Die erfolgreichsten Online-Kampagnen basieren auf Retargeting, also wiederholtes Bewerben von ehemaligen Website-Besuchern. Es gibt wohl kaum jemanden, dem dies nicht schon aufgestoßen ist. Einmal auf einer Gaming-Anbieterseite gewesen oder in einem Onlineshop Schuhe angeschaut und schon erhält man in völlig anderen Umfeldern ständig Werbung für Games oder Schuhe. Während wir uns ja an das Empfehlen á la amazon gewöhnt haben und auch Gutes abgewinnen können, wird mir beim Gedanken an meine nächste Reisebuchung schon unwohl. Denn die ganzen Partner auf dem Reiseportal (Mietwagenanbieter, Hotels, Restaurants, Eventagenturen, Ausstatter) erfahren nun ebenfalls von meinem Trip. Und es Babyratgeberwird mir dann doch unheimlich, wenn ich plötzlich auf meiner gewählten Nachrichtenseite, in meiner Facebook Timeline oder zwischen meinen Tweets auf Skiausrüstungen hingewiesen werde. Woher wissen die, dass es übernächstes Wochenende in die Berge geht? Ach, ja.

So gezielt geht es heute noch selten zu. Doch das ist nur eine Frage der Zeit, wie der aktuelle Artikel des Spiegel über die neue Facebook Werbeplattform „Atlas“ bestätigt. Big-Data wartet schon. Kombiniert mit Alter und sonstigen wenigen Profildaten wird in Zukunft die Online-Recherche von Babyratgebern ein wahres Feuerwerk an Stalker-Aktivitäten auslösen. Und sollten Sie dann nicht selbst in guter Hoffnung sein, sondern nur die fürsorgliche Tante, die für ihre Schwester ein passendes Geschenk sucht, dann achten Sie darauf, dass Sie nicht das Tablet nutzen, das auch Ihr nichts ahnender Partner in die Hand nimmt. Es könnte zu Beziehungstragödien kommen.

Online-Marketing nach dem Ballermann Prinzip.

Dem Kraut-und-Rüben-Anbieter von billiger Saisonware, Last-Minute-Offers und Auslaufmodell-Schnäppchen mag sicher das Image eines Stalkers eimersaufen_DW_Wiss_519386pgleichgültig sein. Er agiert wie der Ballermann-Urlauber, der am Abend zig mal mit derselben Anmache wahllos durch die Kneipen zieht bis es bei irgendeiner/einem vielleicht doch noch Klick macht.

Doch zunehmend scheuen sich auch große Handels-, Dienstleister- und Herstellermarken immer weniger, uns zu penetrieren. Warum? Ersten, weil es sie nichts kostet, wenn ich ihnen einen Korb gebe (sie zahlen erst bei einem Klick). Und zweitens, weil den Verantwortlichen die Empathie fehlt, sich vorzustellen, dass bei 1% Klickrate auch 99% genervte Nicht-Klicker möglich sind.

Was denkt sich aber eine Frau, wenn sie ein Typ unentwegt anbaggert? Der muss es wohl nötig haben. Ein guter Typ beginnt vielleicht ähnlich, aber er verfügt über genügend Empathie zu erkennen, ob sein Vorstoß Sympathie findet.

Was sich derzeit noch im Stadium der Lästigkeit bewegt, kann sich sehr schnell zum Albtraum entwickeln. Laut Untersuchung von Fittkau-Maaß bestätigen schon heute ein Drittel der Befragten „Reaktanz“ bei offenkundigem Retargeting; sprich sie sind bewusst genervt wie ich. Zähle ich noch die alltäglichen Mails, Kurznachrichten und die häufig wiederkehrenden gleichen Spots bei Youtube & Co. hinzu, kann ich schon jetzt allmählich eine umfangreiche Liste an Marken und Unternehmen zusammenstellen, die mir zunehmend unsympathischer werden.

Besonders nervig wird es, wenn ich mobil online gehe. Denn hier frisst es nicht nur Zeit, sondern auch Datenvolumen. Hinzu kommt die stetige Enttäuschung, nachdem Hinweis eines Mail- oder Nachrichteneingangs, zu entdecken, dass dies dann nur wieder die alltägliche Werbung von XY ist. Das vor Jahren viel gepriesene SMS-Marketing war aus demselben Grund schon damals schnell ein Rohrkrepierer.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand und bestätigen ebenfalls die Nutzerantworten von Fittkau-Maaß. Schon bald wird man sich zweimal überlegen, auf eine Werbung zu klicken, da man die Verfolgung fürchtet. Die App, die mir täglich neu Aktionen mitteilt, lösche ich. Erst in den Einstellung zu suchen und etwas umzustellen, ist mir da schon zu mühsam. Und wohl bald werde ich es vorziehen, anonym zu recherchieren, auch wenn ich dann nicht immer dort erkannt werde, wo ich gerne erkannt werden möchte. Doch bis dahin, habe ich dann auch schon eine ganze Menge an Telekom-Anbietern, Online-Händlern, Kaffeeanbietern, Reiseportalen etc. auf meiner gedanklichen schwarzen Liste der Marketing-Stalker.

Ich kann Marken- und Marketing-Verantwortlichen, bei denen es nicht das ganze Jahr wie am Ballermann zugeht, nur empfehlen die verführerische Online-Werbepenetranz sehr maßvoll, kreativ und überlegt einzusetzen. Die Mittel dazu gibt es. Und denken Sie dabei auch an ihre Online-Vertriebspartner. Denn bei denen gibt es eine ganze Menge, denen Ihre Markenreputation schnuppe ist.

Nachtrag: Just, zwei Tage nach meinem Blogeintrag, hat auch Sascha Lobo das Thema „Stalker Marketing“ aufgegriffen. Sehr interessant finde ich seine „überraschende“ Erkenntnis, dass wenn man den einfachen Netznutzer auf der Straße zu dem Thema befragt, auch endlich eine Erklärung bekommt, warum der sich nicht über NSA & Co. aufregt:

„Auf meine Nachfrage erklärte eine Frau, sie habe mal nach einer bestimmten Kuckucksuhr gesucht. Daraufhin sei ihr wirklich überall genau diese Kuckucksuhr in Bannern angeboten worden. So habe sie erkannt, dass jeder ihrer Schritte im Netz beobachtet würde, das Gefühl der digitalen Totalüberwachung war ihr schlicht nicht neu. Jetzt kämen eben auch noch ein paar Terrorfahnder dazu.“

Nein, ich habe mich mit Sascha Lobo nicht abgestimmt. Wir sind uns nur einmal im virtuellem Raum begegnet und da empfand er mich aufgrund meiner Replik auf sein Thema „Schriftsteller als Netzverächter: Vom Genre der Besserhalbwisserei“ von ihm „eingebildet und verspannt“. Ich bin ja nicht nachtragend (möglicherweise hat er ja recht), aber das Netz vergisst halt nie.

Im Schnitt besitzen wir 10.000 Gegenstände.

Niko_paechVor einem Jahr bekam ich von meinem Bruder Niko Paechs Buch „Befreiung vom Überfluss“ geschenkt, Untertitel „Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“. Kurz zuvor hatte ich ein Portrait des Autors in irgendeiner ARD Sendung kurz vor Mitternacht gesehen. Und schon da befürchtete ich, dass er mit seinen Thesen den perfekten Marketingknopf gedrückt hat – wobei ich ihm nicht mal Kalkül unterstelle, sondern den Medien.

Ich las das Buch und schwankte damals, ob ich es überhaupt rezensieren soll. Denn letztlich sind seine Thesen derart schrullig, dass man sie nicht mal in einer radikal ökologischen Partei wie der ÖkoLinX (echt coole website) mit der alleinigen Parteivorsitzenden Jutta (von) Ditfurth (ja, sie agi(ti)ert noch immer) aufgreifen würde.

Doch dann entschied ich mich für eine Rezension in Briefform, in der stillen Hoffnung, den Autor oder zumindest seine Evangelisten zu einem Dialog zu bewegen. Das war natürlich naiv, da er (und die anderen wohl auch) fast gar nicht am virtuellen Teil des Lebens teilnehmen.

Doch nachdem ich bei einem Blick auf amazon feststelle, dass dieses Buch noch immer Nr. 2 in Bücher, Business & Karriere, Wirtschaft, Wachstum ist, entschied ich mich, noch mal meinen Brief zum Buch offen zu machen:

Lieber Niko Paech,

ich habe Ihr Buch von der Befreiung des Überflusses gelesen und falle gleich mit meiner Frage ins Haus: meinen Sie das alles wirklich ernst? Sicher gibt es vereinzelte Menschen wie Sie, die sich konsequent in Enthaltsamkeit üben werden. Denen sei dieses Buch als stärkender Wegbegleiter gegönnt. Denn der Weg, den sie gehen werden, wird ein sehr einsamer sein. Irgendwo aber findet sich dann sicher ein abgelegenes Örtchen – wohl in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen -, wo sich Gleichgesinnte zusammenfinden, um eine Idylle zu schaffen, wo sie dann hoffentlich unbehelligt von unserer demokratischen Konsenspolitik ihr postökonomisches Dasein glückselig geniessen dürfen.

Doch genug der Polemik. Ich habe Ihr Buch gerne gelesen. Es ist gut, wenn auch nicht einfach zu lesen. Mit vielen vermittelten Einsichten stimme ich überein, die Schlussfolgerungen sind fast zwingend und die daraus folgenden Forderungen konsequent. Doch allesamt nicht mal bei einer signifikanten Minderheit durchsetzbar. Ihre eigenen Zweifel leuchten durchweg durch jede Zeile und ich frage mich, was bezweckt er nun mit diesen Thesen? Wenn es letztlich das Kalkül ist, dass man am Ende davon nur 10% durchsetzen kann und damit sein Ziel erreicht, ist es gelungen. Alles darüber hinaus liesse mich an Ihrer soziologischen Kompetenz zweifeln.

Überzeugend finde ich den Verweis darauf, dass es einen ökologischen Imperativ nach Kant geben sollte: nutze nur soviel Ressourcen wie du jedem Menschen auf der Welt und den Menschen zukünftiger Generationen zugestehen bzw. zusichern kannst. Das ist philosophisch gut, aber ebenso weltfern wie es Kants kategorische Imperativ bis heute noch ist.

Auch die konkrete Forderung pro Person nicht mehr als 2,7 t CO2 p.a. zu verbreiten (11 t sind es aktuell in Deutschland), ist schon mal ein Nachdenken wert – auch wenn die Erfüllung nicht ausreichend ist, um alle Ressourcen zu schon.

Dankbar bin ich für solche nachdenklich stimmenden Hinweise, dass z.B. im Durchschnitt jeder Bundesbürger über 10.000 Gegenstände besitzt. (Wenn ich allein an die Anzahl unsere Bücher im Drei-Personen-Haushalt denke, sind wir wohl klar überdurchschnittlich) Oder das wohl jeder Westeuropäer ca. 50% Umweltverschmutzung im Ausland betreibt.

Hanebüchen dagegen finde ich u.a. Ihre Forderung nach einer Bodenreform, euphemistischer Ausdruck zur Enteignung der Grundbesitzer. Ähnlich geht es mir mit Ihrer gewünschten Bildungsreform, die dazu beitragen soll, die Jugend wieder sesshaft zu machen und ihr Glück nicht in der Ferne zu suchen.

Da ich mich in den Siebzigern intensiv und mitgerissen mit den Thesen des Club of Rome beschäftigte und nüchtern heute erkennen muss, dass nichts davon nur annähernd eingetreten ist, erachte ich auch das von Ihnen apokalyptische Szenario für realitätsfern. Dennoch erkennen ich die Notwendigkeit an, dass wir Menschen anders haushalten müssen.

Ich für meinen Teil habe eine wesentliche Konsequenz vor Jahren gezogen – und nicht nur aus ökologischen Gründen: das einzig was hilft, ist Einkommensverzicht. Alles andere regelt sich dann von selbst. Doch zu meiner Lebensentscheidung würde ich niemals andere bekehren wollen – zu schwer und riskant ist sie.

SPIEGEL_TITEL_UEBERFLUSSSind Sie eigentlich schon zu Ihrem Dekan gegangen und haben um eine Gehaltserniedrigung gebeten und auf Ihre Pensionsansprüche verzichtet? Und warum kostet das Buch noch immer € 15,– und ist das eBook nicht umsonst. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern ernst. Denn alles, was Sie verdienen und an Umsatz erzeugen, treibt das Wachstum. Denn es ist Geld, was in den Kreislauf gerät und wiederum investiert wird. Ich denke, mit Ihnen und vielen Ihrer Evangelisten wird im Moment schon einiges an Geld verdient. Denn Sie liegen einfach voll im Trend. Geben Sie mal Niko P in Google ein. Da sind Sie der erste Ergänzungsvorschlag.

Abschliessend noch: Wie sie so schön schreiben: „Die Ratgeberliteratur boomt – aber die Ratlosigkeit noch mehr.“ Und mit dieser Ratlosigkeit entlässt mich Ihr Buch. Denn alle Lebenserfahrung sagt uns, dass Ihre vorgeschlagene Verzichtserklärung nicht mehrheitsfähig ist. Und damit Blicke ich mehr denn je fatalistisch in die Zukunft meines siebenjährigen Sohnes.

Ich würde mich freuen, wenn Sie zumindest meinen Sohn überzeugen könnten. Was würden Sie ihm denn raten, ausser dass er seine Eltern auffordert: Lass uns in eine 3 Zimmer-Wohnung ziehen, Klavier, Chor und Fussball beenden, Auto abschaffen und bitte, bitte nicht mehr soviel reisen. Wozu muss ich denn zu unseren Freunden und Verwandten in USA, China und Vietnam?

Mit herzlichem Gruß

Thomas Brasch

Buchliebe: Nichts Gutes, außer man tut es.

Geschenkbuch

Ich wünsche mir eine „Book-Gift-Challenge“ zu Weihnachten.

Geschenke erhalten ja bekanntlich die Freundschaft. Buchgeschenke aber noch mehr.

In diesem Jahr sind die Wogen des digitalen Sturms in dem der alte Buchbranchen-Dampfer schippert, noch mal richtig hochgeschwappt. Auf Deck wurde heftig debattiert, geschimpft, gebasht und offene Briefe wurden geschrieben. Jetzt ist es an der Zeit, Wunschzettel zu schreiben.

Mein Wunsch ist es, dass sich alle sentimentalen Buchliebhaber von ihrem analogen Ross hinunter- und sich von Buch-Bloggern und Buch-Netzwerkern an die Hand nehmen lassen, um im Netz viral was fürs Buch und die Autoren zu tun.(Nachtrag: Mir geht es einzig darum, Buchliebhaber zu aktivieren. Es wurde jetzt das ganze Jahr gejammert und der Goliath amazon verteufelt. Am besten zur Wehr setzt man sich, wenn man aktiv selbst in der Netzwelt agiert und für seine Leidenschaft trommelt. Wenn alle Buchliebhaber im stillen Kämmerlein sitzen und in die gedruckte Tageszeitung fluchen, dass das Ende der Buchkultur bevorstünde, hört es höchsten der Nachbar. Wer ein Buch als Geschenk anstatt einer Flasche Wein, einer CD oder einer DVD bevorzugt, sollte es verkünden. Das Internet ist nicht Fluch, sondern vielleicht die letzte Hoffnung für eine wachsende Buchkultur. Ansonsten stirbt sie ja bekanntlich zuletzt.)

Welche beeindruckenden Aktionen das Netz uns ermöglicht, hat vor kurzem die Ice-Bucket-Challenge gezeigt. Sicher braucht es das nicht im Wochentakt wieder. Doch demnächst steht die große Zeit des Buches an: Weihnachten. Eine Chance, die wir Buchliebenden nicht verstreichen lassen sollten. Deshalb wünsche ich mir eine vergleichbare Aktion für das Buch – gleich, ob eBook oder Print und völlig egal, welches Genre. Einzig wünschenswert wären aktuelle Bücher von lebenden Autoren, denen die Aktion dann auch zugute kommt.

Mein Vorschlag ist eine Initiative, die lauten könnte:

#Buchgeschenk-aus1mach3

Ich schenke öffentlich in meinem Netzwerk drei Freunden je ein ausgewähltes Buch. Das verbinde ich mit dem Wunsch, dass die Beschenkten auch wiederum drei Bücher auswählen sollen und diese dann ebenfalls öffentlich an drei Freunde mit der gleichen Bitte verschenken. Und so fort.

Sicher gäbe es noch alternative Mottos (oder Motti) wie z.B.

Ich-schenk-Dir-ein-Buch

Ich-schenk-ein-Buch-mehr

Ichschenkwasmitbuechern

book-gift-challenge

Aus-Liebe-zum-Buch

Unter welchem #Hashtag auch immer diese Aktion die Runde macht, ich wünsche mir nur, dass alle aus ihrer Liebe zum Buch ein öffentliches Ereignis machen. Und die Weihnachtszeit bietet dafür den schönsten Anlass.

Es steht jedem frei, wie sie/er seine Buchgeschenke präsentiert. Ein einfacher Post auf Facebook, eine ausführliche Beschreibung zu jedem Buch oder ein Video vor seiner Lieblingsbuchhandlung, wäre mir gleich. Hauptsache, es wirkt.

Wichtig ist nur, dass die ausgewählten 3 Freunde keine Netzwerk-Muffel sind. Denn dann gerät das ganze schnell ins Stocken.

Mein Weihnachtswunsch wäre damit schon erfüllt. Und wer sich dafür ebenso begeistern kann, teilt bitte dieses gemeinsame Ansinnen. Vielleicht finden sich dann bald auch ein paar Prominente, die das mit viraler Macht unterstützen. Mir wäre selbst Jeff Bezos willkommen.

Doch viel mehr würde ich mich freuen, wenn u. a. alle Buch-Blogger, alle Autoren und sonstigen Buchbegeisterten, die sich in diesem Jahr so engagiert haben, auch bei dieser Aktion dabei wären.

Und wenn es denn noch etwas konzertierter werden soll, kann man ja die anstehende Buchmesse nutzen, um sich abzustimmen. Bin gern dabei.

Liebe Autoren: „Mitleid ist kein gutes Marketing“*

Betteln

Bild: 123RF

Sie haben es erneut getan: amerikanische Schriftsteller wenden sich mit einem offenem Brief nun an den Verwaltungsrat von amazon, mit der Forderung, man möge sie bzw. ihre Bücher doch bitte aus der leidigen Auseinandersetzung mit Hachette heraushalten. „Bücher seien doch keine Konsumgüter, wie Waschmaschine oder Toaster.“ Ich befürchte, die deutschen Autoren ziehen da bald wieder jammernd nach. Liebe Verleger, fangt sie doch bitte rechtzeitig ein und erklärt ihnen, wie Markus Hatzer* vom Haymon-Verlag dass „Mitleid kein gutes Marketing ist“.

Über die Produktentwicklung „Buch“ habe ich bestenfalls solides Allgemeinwissen, doch beim Marketing kann ich auf über 25 Jahre berufliche Erfahrung setzen. Aus dieser Position empfehle ich den Autoren dringend, ihre Strategie zu wechseln. Denn nichts straft der „Konsument“ härter ab als selbsterklärte Opfer. Das können wir aktuell an der Auseinandersetzung von Taxiunternehmen und dem Fahrdienst Uber sehen, das können wir seit Jahren in der „Gema“ organisierten Musikbranche verfolgen, genauso wie in der alten Medienbranche und im stationären Handel (nicht nur Buchhandel) und, und, und.

DMS-MädchenSchon vor Jahren haben es viele Charity-Organisationen begriffen, dass Kampagnen, die mit Opfermotiven werben, weit weniger Spenden einbringen, als Motive, die erstarkte Gewinner des Engagements zeigen. Meine Frau und ich engagieren uns selbst seit 2007 für die Organisation „Room-to-read“ mit der Initiative „Deutschland macht Schule“. Nie wären wir auf den Gedanken gekommen, mit Bildern trauriger Kinder zu werben, die in überfüllten Schulen um wenige, zerfetzte Bücher kauern. Was wir zeigen sind Kinder, die dank der großzügigen Spenden fröhlich vor neuerrichteten Schulgebäuden sitzen und begeistert in frisch gedruckten Schulbüchern blättern. Das ist kein Marketingtrick, sondern es ist das, was wir den Spendern schuldig sind: zeigen, dass das gesamte Engagement zuversichtliche, motivierte Hoffnungsträger hervorbringt.

5669728_sLiebe Autoren, ich habe mich ja schon mehrmals in die amazon-Debatte eingemischt – als leidenschaftlicher Leser, der überaus dankbar dafür ist, dass es Menschen wie euch gibt, die sich dem doch oft undankbaren und wenig lukrativem Schreiben widmen. Jedem, der ein Buch schreibt, zolle ich großen Respekt vor der intrinsischen Motivation und bewiesenen Selbstdisziplin, so ein Projekt zu stemmen. Hinzu kommt noch die öffentliche, oft bedrückend und schmerzliche Erfahrung von Nichtbeachtung, fehlender Anerkennung oder gar harscher und bisweilen sehr verletzender Kritik. Das muss man erst mal bereit sein, sich anzutun. Wer all dies schafft, der darf sich doch dann nicht auf dem Markt in eine defensive, Verständnis und Mitleid heischende Verhandlungsposition bringen: „Nehmt doch unsere Bücher nicht in Geiselhaft.“

Aktuell schreiben die amerikanischen Autoren in ihrem offenen Brief in Bezug auf den spürbaren Verkaufsrückgang der Bücher von Hachette-Autoren(innen) (laut deutscher Übersetzung):

„Diese Männer und Frauen sind zutiefst besorgt darüber, was dies für ihre Karriere bedeutet.“

Hallo! Ihr seid Schriftsteller und drückt Euch aus wie ein katzbuckelnder Beamter im mittlerem Dienst, der an eine anonyme Oberdirektion schreibt. Habt ihr alle nicht Kafka gelesen? Und dann folgt auch noch die populistisch historische Keule:

„Entsprechende Bemühungen, den Verkauf von Büchern zu behindern oder blockieren, haben eine lange und schlimme Geschichte. Wollen Sie persönlich damit in Verbindung gebracht werden?“

Das ist harter Tobak und kurz gesagt: würdelos. Reißt euch zusammen, setzt euch mit euren Verlegern, Agenten und Verhandlungsprofis zusammen und entwickelt endlich eine Strategie, wie ihr auf Augenhöhe mit Bezos & Co. Tacheles reden wollt.

Und zu guter Letzt: Bücher sind Konsumgüter wie Waschmaschinen und Toaster. Sie haben nur den unschlagbaren Vorteil, dass wir „Buch-Konsumenten“ sie weitaus höher schätzen als Toaster und Waschmaschinen. Und damit das so bleibt, gebt uns das gute Gefühl zurück, dass ihr „Produzenten“ mit einer vorbildlichen Haltung seid, die was Herausragendes, höchst Begehrliches zu bieten haben.

Ich bin zu klein für große Literatur.

IMG_8630Die Frage „Was ist große Literatur?“ ist eine von den herrlichen Tischabend Fragen, die man beim Öffnen der dritten Flasche Rotwein und nach der herzlichen Erkundigung des Gastgebers, ob man noch einen Espresso mag, gerne aufwirft – vorausgesetzt man fühlt sich mit den Gästen am Tisch pudelwohl und man kann sich sorglos auf eine späte Nachtruhe einstellen.

Als ich jung war – ist schon einige Zeit her – stellte an einem verregnetem Sommerabend im Zelt ein Freund eine ebenso abendfüllende Frage die ich bis heute nicht vergessen habe: „Ist alle Dunkelheit Schatten?“. Und am nächsten Abend – die zweite Lambrusco-Flasche machte die Runde und ich musste meine erste Selbstgedrehte auch selbst rauchen – wurde die Runde mit der Frage eröffnet: „Wenn man das Böse aus der Welt schafft, gäbe es dann noch das Gute?“

Solche Abende hängen mir noch heute nach. Sie rühren mich, machen mich sentimental, denn es sind diese Fragen, die man sich sein Leben lang nicht gänzlich befriedigend beantworten kann und man es dennoch immer wieder sehr befriedigend findet, sie stundenlang zu erörtern. Denn dieses gemeinsame Umkreisen solcher Themen verbindet in diesem Moment all jene, die sie sich darauf gedanklich an den Händen fassen und zunehmend berauscht immer weiter um das Thema tanzen.

CircleAngeregt durch die ersten wunderbar geschriebenen Ausführungen zur Frage nach „großer Literatur“ von cafehaussitzer und literatourismus reihe ich mich jetzt einfach ungefragt ein und tanze ein wenig mit. Ich versuche mal, was beim Tanz ja erlaubt ist, die Richtung zu wechseln und frage, „Was ist denn keine große Literatur?“.

Denn Ausgang des Reigens war ja die Bemerkung, Eggers Roman „The circle“ sei keine große Literatur. Den Roman, den ich bislang nicht gelesen habe, kann man gut oder schlecht finden, doch macht ihn dieses subjektive Kriterium „gut“ nicht zu großer Literatur. Etwas als „große Literatur“ zu bezeichnen, ist ja weit mehr der Versuch, eine eigentlich immer subjektive Literaturpräferenz zum literarischen Kanon zu empfehlen.

Sagt also jemand, das grade Gelesene sei keine große Literatur, setzt er lapidar darauf, dass dieses Werk wohl keine langanhaltende Resonanz und wohl auch keine stilbildende Relevanz für die Epoche haben wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass er Recht behalten wird, liegt ganz nah bei 100%. Doch das Gegenteil in den Raum zu stellen ist fast immer provokant und ruft jede Menge Kanon-Hüter auf den Plan.

Das ausgesprochene Prädikat „Das ist große Literatur“ hat ja (leider) nicht den ironischen Unterton wie man ihn von „großes Kino“ oder „großes Theater“ kennt, sieht man mal von dem Bonmot Mark Twains zum Buchklassiker ab, der (wie buchpost in seinem ebenfalls sehr lesenswerten Blogartikel „Was ist ein Klassiker?“ zitiert) süffisant bemerkte:something that everyone wants to have read but no one wants to read.

Beckwith_Twain

Mark Twain entspannt uns, wenn es um große Literatur geht.

Vielleicht sollten wir uns Mark Twains Ironie zu Herzen nehmen und die Klassifizierung „große Literatur“ nicht nur Werken zugestehen, von denen wir im Nachhinein begeistert erzählen wie von den erhabenen Momenten einer Viertausender-Bergtour – wissend, dass die wenigstens Menschen die Lust und nötige Kondition aufbringen, sich ebenfalls einer solchen Tortur zu unterziehen. Gönnen wir doch auch Tom Sawyer, Huckleberry Finn, dem Räuber Hotzenplotz oder Jim Hawkins das Vergnügen Helden eines großen Werkes zu sein. Denn ihnen verdanke ich herrliche Vorleseabende mit meinem Sohn, die ihn immer „weiter, weiter“ rufen ließen.

Die persönliche Auszeichnung „Große Literatur“ darf sicher auch nicht beliebig sein. Denn – wie oben gesagt – erhebt ja jeder damit den Anspruch etwas zu empfehlen, von dem er sich wünschte, dass es viele Leser findet. Und die Verantwortung bei Literatur ist weitaus größer als bei Musik, Kunst, Theater oder Film, denn wir investieren – um es mal so trocken ökonomisch zu sagen – viel mehr Zeit in ein Buch. Ein tausend Seiten Wälzer, wie aktuell Donna Tartts „Der Distelfink“ anderen ans Herz zu legen, weil ich ihn großartig finde, ist schon sehr gewagt und sollte ebenso bedacht erfolgen wie die Tour Empfehlung eines Bergführers. Nur wer ausreichend Erfahrung und Kondition mitbringt, wird so eine Tour auch genießen können.

Für einige andere Klassiker der Weltliteratur bin auch ich nie fit genug gewesen. „Die Brüder Karamasow“ stehen noch ungelesen im Regal. Hingegen zählt „Schuld und Sühne“ für mich zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe. Doch danach habe ich mich durch „Der Idiot“ gekämpft. Und da kam mir die Lust auf weitere Dostojewskis abhanden. „Ulysses“, „Die Buddenbrooks“ oder „Das Ende der Parabel“ habe ich nach einigen Anlaufversuchen heftig schnaufend wieder zurückgestellt. Dafür bin ich während meiner Studienzeit z. B. einen grandiosen Marathon gelaufen und habe in gut drei Monaten „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ bewältigt – mit anhaltender Begeisterung.

IMG_8636Es gibt auch „große Literatur“, die ich zwar „bestieg“, doch bei mir stellten sich partout keine erhabenen oder denkwürdigen Momente ein: Thomas Mann, Kafka, Grass, Handke, Walser, Updike, Hemingway, Márquez, Franzen nenne ich, um eine kleine Auswahl zu gestehen. Dabei zweifele ich keinen Moment an deren Größe, sondern gestehe mir ein, dass ich in diesen Fällen zu klein bin.

Um mir dennoch wieder Mut zu machen, wenn mich große Literatur nicht ergreift, erinnere ich mich an ein schönes apodiktisches Urteil von Oscar Wilde:

„Die alten Geschichtsschreiber hinterließen uns wundervolle Dichtungen in der Form von Tatsachen; der moderne Romanschriftsteller langweilt uns mit Tatsachen, die er als Dichtung ausgibt.“

Neid und Missgunst für € 19,95

IMG_8587Selten dürfte es heute einem Autor (oder seinem Lektor) noch gelingen, einen so knappen Buchtitel zu finden, der nicht schon zigfach belegt ist und zugleich den Zeitgeist so tief berührt. Perfekte Vermarktungsaussichten für ein Buch, sollte man meinen. Es verwundert auch kaum, dass in den bislang wenigen Besprechungen von „Die Gierigen„gerne von einem fulminanten Gesellschaftsroman und grandiosem Sittengemälde unserer Zeit gesprochen wird, der die aktuellen Geiseln unserer Gesellschaft „Neid, Geld, Gier & Macht“ mitreißend thematisiert.

Ja, das gelingt Karine Tuil – wie ich finde – außergewöhnlich gut und sehr lesenswert. Doch das Sujet ist nicht aktuell, sondern ein zeitloses, das seit Jahrhunderten in vielen Romanen dankbar aufgriffen wird. Und das bestätigt die Autorin auch gerne selbst. In einem Interview, das man aber besser erst nach der Lektüre anschauen sollte, wenn man nicht schon den ganz Plot im voraus kennen möchte, verweist Karine Tuil auf Balzacs Romanfigur Eugène de Rastignac. Er stünde Pate für ihren Romanheld Samir. Der sei der Karrierist unsere Zeit. „Er ist ambitioniert, im guten Sinne, aber eben auch Opportunist, weil er lügt und betrügt, um nach oben zu kommen.“

Trotz der guten Voraussetzungen bezweifle ich, dass der Roman in Deutschland sonderlich beachtet und viel gelesen wird. Die Romangeschichte ist zwar nicht kompliziert, aber durchaus komplex. Das muss nicht schädlich für den Erfolg sein, jedoch in diesem Fall hat der Roman mindestens eine Ebene, mit der wir uns in Deutschland sehr schwer tun: innere und äußere Konflikte von Juden und Moslems. Jedoch kommt es nicht zum Clash der Kulturen, sondern zu individuellen Schicksalsdramen, für die der ethnisch-religiöse Hintergrund nur ein unerwünschtes Erbe ist.

Das Grundgerüst des Romans ist ebenso erfolgsversprechend wie stereotyp: eine Dreiecksbeziehung zweier Männer und einer Frau. Deren Liebesgeschichte, die in der Jugend beginnt und sich in unerfüllter Sehnsucht über Jahre bewahrt, dürfte zumindest Leser(innen) von Liebesromanen rühren. Der introvertierte, selbstzweiflerische und dennoch von einer Schriftstellerkarriere träumende Samuel – Adoptivsohn jüdischer Eltern – lebt in einer Beziehung mit der ebenso beeindruckend schönen wie uneitlen Nina. Die beiden befreunden sich mit Samir an, Sohn einer muslimischen Witwe und älterer Halbbruder eines „Bastards“, gezeugt von einem französischen Politiker, der die in seinem Haus angestellte Mutter verführte. Der ungeliebte und unbeachtete Halbbruder ist im Verlauf des Romans der Auslöser des ewig drohenden Unheils.

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Die Autorin, die auch Figur des Romans sein könnte: Karine Tuil

Samir ist in den berühmt berüchtigten Banlieues aufgewachsen und von den Jugenderinnerung – wie er später einmal Nina gegenüber gesteht – sehr traumatisiert. Samir ist aber eine herausragende Ausnahme: er wirkt nicht nur charismatisch auf Frauen und Männer, sondern ist hochintelligent und diszipliniert genug, um ein Jurastudium summa cum laude zu absolvieren. Doch zuvor geht die Dreiecksfreundschaft an seiner unbeherrschten Begierde und Ninas fehlendem „Nein“ zugrunde.

Während Samuel seine tödlich verunglückten Eltern in Israel beerdigt landen die anderen beiden im Bett. Nach einem dramatischen Suizidversuch Samuels, entscheidet sich Nina, bei Samuel zu bleiben. Fortan trennen sich die Lebenswege des Paares und Samirs für zwanzig Jahre. Doch beide Männer vereint eine schicksalsbestimmende Lebensentscheidung: um ihre berufliche Zukunft zu sichern, verleugnen sie ihre ethnisch-religiöse Herkunft.

Samir geht sogar soweit, sich der Biografie Samuels zu bedienen und sich bei Eintritt in eine Anwaltskanzlei als Jude auszugeben. Auf dieser anfänglich vielleicht noch verzeihlichen Lebenslüge baut dann aber die gesamte atemberaubende Karriere Samirs auf. Er geht nach New York, heiratet die Tochter eines superreichen und mächtigen Juden, wird zweifacher Vater und ein höchst respektierter Rechtsanwalt. Währenddessen arbeitet Samuel als Sozialarbeiter und Nina modelt als Kataloghausfrau.

Schicksalhaft, wie es nun mal ein Romanleben vorsieht, begegnen sich die drei dann nach 20 Jahren wieder und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Denn wie ein im Buch zitiertes jüdisches Sprichwort sagt: „Mit der Lüge kommst Du durch die ganze Welt – aber nicht wieder zurück!“ Am Ende des Romans ist man dann etwas atemlos von der dramatischen Zuspitzung der Ereignisse und sehr beeindruckt wie es Karine Tuil gelingt so viele Themen, wie das Schreiben, bürgerliche Bigotterie, Haben und Sein, Al Khaida, Sexismus, Extremismus, amerikanische Terror-Hysterie und, und, und so plausibel in einem Roman zu verweben.

Doch der Roman hat mich nicht nur mitgerissen, sondern auch an einigen Stellen verärgert. Zunächst war ich über die ersten 150 Seiten völlig irritiert, wie man so klischeehaft Juden und Moslems schildern kann. Besonders das beschriebene Milieu der jüdischen Anwälte und amerikanischen, reichen Juden wäre meines Erachtens einem deutschen Schriftsteller im Feuilleton um die Ohren geschlagen worden – und bis zur Mitte des Romans dachte ich auch mit Recht. Doch im weiteren Verlauf habe ich es als gewollte Provokation interpretiert. Denn der ethnische Konflikt wird dann aktiv aufgegriffen und von den Romanfiguren heftig thematisiert. Er gipfelt für mich in einer Passage als Samir seinem ehemaligen jüdischen Protegé und Anwaltspartner Pierre nach 20 Jahren erstmals seine Lebenslüge beichtet und mit seiner Diskriminierung als arabisch stämmiger Franzose zu rechtfertigen versucht. Pierre ist diese Haltung ein Gräuel und erwidert:

„Du redest wie einer, der sich nichts zutraut, du hast eine Sklavenmentalität. Eine solche Sichtweise ist engstirnig, kleinlich … sie geht davon aus, dass man immer das Opfer seiner Herkunft, seiner Geschichte und Erziehung bleibt. Das ist falsch. Alles im Leben ist eine Frage von Entschlossenheit und Absicht.“

Und im weiterem Gespräch erklärt Pierre – die mir sympathischste Figur im Roman – denn auch seine selbstkritische Ansicht über die ewige Opferhaltung der Juden aber auch der Moslems:

„Die Wahrheit ist, dass die Araber sich ewig gedemütigt und die Juden sich ewig verfolgt fühlen. Die Wahrheit ist, dass die Araber sich benehmen, als wollte man sie immerfort unterdrücken und kolonisieren, und die Juden, als wären sie ständig von Ausrottung bedroht. Beide Gruppen müssen mit ihrer Vergangenheit leben und das Beste daraus machen, und manchmal führt dies zu einem regelrechtem Opferwettbewerb: Wer hat am meisten gelitten? Wer leidet heute noch am meisten? … Das ist erbärmlich und unwürdig und macht mich traurig.“

Das sind Monologe, die wohl kaum ein nichtjüdischer deutscher Autor seine Romanfiguren halten ließ. Und es sind Gespräche und Klischees über die man in Deutschland zumindest pikiert wäre.

BalzacOldGoriot02Mein Unmut über das stereotype Bild von erfolgreichen Juden beruhigt sich im Laufe des Romans. Aber das Bild der Frau in diesem Roman lies mich bis zum Schluss etwas ratlos zurück. Da bin ich wohl auch einem Klischee über die Franzosen aufgesessen. Denn hier hätte ich mir von einer französischen Autorin mehr Typen erwartet. Doch die einzigen Frauen die in diesem Roman eine Rolle spielen, erscheinen schicksalsergeben, antriebslos und bequem. Sie dienen dankbar als Staffage in einer etwas antiquiert wirkenden Macho-Gesellschaft, in der einzig materieller Wohlstand und gesellschaftlicher Status Anerkennung findet. So könnte Samir seine Ehe mit der reichen Jüdin Ruth im selben Wortsinn erklären wie schon Eugène de Rastignac bei Balzac:

„Deine Frau voll Liebe führt zu nichts, eine Frau der großen Gesellschaft zu allem, sie ist der Diamant, mit dem ein Mann alle Fensterscheiben durchschneiden kann, wenn er nicht den goldenen Schlüssel besitzt, vor dem sich alle Türen öffnen.“ (Honoré de Balzac: “Die Entmündigung”)

Und Nina, die zu Beginn als selbstbewusste, realitätsnahe und robuste Persönlichkeit erscheint, lässt sich als 40jährige Frau auf ein Mätressen-Schicksal ein und fordert zu guter Letzt gar ein Kind als Pfand für die Liebe. Man kann diese Naivität als Leser eigentlich nur noch ertragen, wenn man sie als Warnung der Autorin versteht. Doch bitte, welche Leserin eines solchen Romans wird so ein Appell benötigen?

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Der nächste Roman, auf den ich mich freue.

Trotz dieser von mir empfundenen Schwächen der Figuren, die mir auch etwas zu „dick aufgetragen“ sind (Samir ein unwiderstehlicher, hochintelligenter Womanizer, Nina eine umwerfende Schönheit, die alle anderen Frauen in den Schatten stellt und Samuel, der sein Selbstmitleid klischeegerecht sublimiert und sich als herausragender Autor entpuppt) erachte ich „Die Gierigen“ als einen starken Roman. Ein Roman, dessen Anspruch ich besonders schätze und von dessen Sujet ich mir auch mehr deutsche Romane wünschen würde. Vielleicht suche ich an der falschen Stelle, doch immer wenn es um solch überbordende Gesellschaftsromane geht, finde ich in deutschen Feuilletons überwiegend amerikanische Romanautor(innen) und diesmal auch eine Französin als Empfehlung. Nachtrag: es freut mich beim Blog Durchleser auf eine weitere begeisterte Rezension hinzuweisen.

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Der Roman, der mich in diesem Jahr bisher am meisten beeindruckt hat.

Der nächste Roman, von dem ich mir ähnlich viel erhoffe, liegt schon parat. Und wieder ist es eine Autorin: Meg Wolitzer mit „Die Interessanten“. Wenn auch dieser Roman mich überzeugt, ist 2014 für mich das große Jahr der Autorinnen. Alles überragend bislang Donna Tart mit „Der Distelfink“. Der Roman hat mich so beeindruckt, dass es mir bisher nicht gelang, eine befriedigende Rezension dazu zu schreiben.

FSK 18 für den Glauben an Gott

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Spätestens seit Goethe in Faust die Gretchenfrage stellte, sollte sich der aufgeklärte Mensch in einem Moment sein Lebens besinnen: sobald man Kinder erzieht, sollte der Glaube an Gott & Co. im Elternhaus so sensibel thematisiert werden wie der Sex, der über die Missionarsstellung hinausgeht. Als Vater eines siebenjährigen Sohnes bin ich vom Tage seiner Geburt an mit dem Ansinnen konfrontiert, mein Kind doch bitte an unsere christlich geprägte Kultur heranzuführen. Selbst meine Frau, Tochter tiefgläubiger Buddhisten, erwog ernsthaft unser Kind taufen zu lassen und liegt damit – für mich etwas erschreckend – im aktuellen Trend.

Meine Mutter wurde 1961 auch schwach und lies mich taufen. Im Nachhinein – obwohl ich ihr dies nie zum Vorwurf machte – wurde dies mit einem gewissen Kalkül erklärt. Ein protestantisch getauftes Kind würde wohl in der evangelischen Gemeinde bevorzugt einen Kindergartenplatz bekommen. Ob dem so war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde ich aufgenommen, obwohl ich ja doch ein herber Sündenfall war – unehelich gezeugt und auch noch allein, also vaterlos erzogen.

Auch meine Großmutter erhielt womöglich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit den Segen, ihren Lebensabend in einem konfessionellen Stift verbringen zu dürfen. Dieser Einrichtung danke ich sehr, denn es war – bei aller Einschränkung des Komforts – denn doch eine Unterbringung und Betreuung, die die Würde des Menschen bis zum Siechtum und Tod achtete.

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In meiner Kindheit spielte der praktizierte Glaube in der Familie keine Rolle. Weder meine mich betreuenden Großeltern noch meine Mutter besuchten Gottesdienste. Selbst Weihnachten war für uns kein Anlass die Kirche zu betreten. Glaubensbekenntnisse nicht offenkundig zu machen war wohl auch der Tragik geschuldet, dass mein Urgroßvater Jude war und im KZ-Dachau starb. Dennoch kam ich nicht umhin, mir von klein auf die bekannten Geschichten erzählen zu lassen, die sich aus dem Buch der Bücher ableiten.

Und eben diese Geschichten sind es, die ich heute nicht mehr unreflektiert und kritiklos meinem Sohn zumuten möchte. Denn für „Kinderseelen“ sind sie nichts anderes als konditionierende, stark das Unterbewusste beeinflussende Prägungen. Kinder einseitig religiös zu erziehen ist in einer aufgeklärten Gesellschaft eine unzulässige und sehr bedenkliche Indoktrination kindlicher Psychen.(Nachtrag 26. Nov. 2014: einen klugen Artikel dazu habe ich beim hpd gefunden: Wie ist Religion wissenschaftlich erklärbar?)

Religionen sind in der Erziehung von Kindern verführerische Vereinfachung komplexer Themen wie der Tod, Gut & Böse, Tugenden, Sinnsuche, Schuld & Sühne. Und was uns einmal als Kind von den Eltern und der Gesellschaft fast dogmatisch vermittelt wurde, von dem können wir uns als Erwachsene nur noch schwer wieder befreien. Offen oder latent bewerten und diskriminieren wir später andere Lebensphilosophien und viele entziehen sich ein Leben lang gänzlich der selbstkritischen Befragung ihrer anerzogenen Welt- und Wertevorstellungen.

Denn der Kern des Glaubens – eine mögliche Antwort zur Welterklärung zu geben – überfordert selbst viele Erwachsene (und wie man kürzlich lesen musste, selbst den Erzbischof von Canterbury). Sie bequemen sich in ihrer anerzogenen Hörigkeit, blenden kritische Fragen und unsinnige Dogmen aus und vermitteln somit als Eltern ein unverantwortliches Bild von Obrigkeitshörigkeit. Denn nichts anderes ist es, wenn man seinen Kindern den Glauben an (einen) Gott als notwendiges Manifest einer tugendhaften Gesellschaft mit auf den Weg gibt. Tugendhaft kann eine Gesellschaft auch ohne Gottesglauben sein. Mein Kind soll weder mit dem Intoleranz gebärenden Gefühl der Auserwähltheit noch mit dem Ballast unzeitgemäßer Gebote, Sünden und einem gnädigen Gottesbild aufwachsen.

Quelle: 123RF

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Bis vor Schulbeginn waren in unserem Haus Glaubensfragen, die mein Sohn stellte, noch primär von unschuldiger Neugier bewegt. Wir geben uns dann auch die Mühe, ihm zu erklären, dass es auf Fragen, wie „Gibt es einen Gott?“ „Komm ich in den Himmel, wenn ich sterbe?“ oder „Soll ich beten, wenn ich mir etwas wünsche?“ keine eindeutige Antwort gibt, sondern viele unterschiedliche. Hilfreich ist dann schon die Tatsache, dass seine Großeltern Buddhisten sind, seine Tante gläubige Katholikin und sein Papa ein gänzlich unreligiöser Mensch. Doch mit Schulbeginn bekam die Glaubensfrage erstmals einen leichten Unterton der Angst vor Diskriminierung:

„Papa, warum bin ich eigentlich ein Ethik-Kind?“

„Papa, warum bin ich nicht getauft?“

Mit kurzem Schrecken erinnerte ich mich an meine über 40 Jahre zurückliegende Grundschulzeit und die erste Irritation, als ein paar wenige Klassenkameraden nicht am Religionsunterricht teilnahmen. Ich bin Ende der 60er eingeschult worden. Damals war konfessionslos oder andersgläubig zu sein in einer „Großstadt“ wie Frankfurt kein dramatischer Makel mehr, aber es war doch ein erster Moment des Bewusstwerdens, dass manche Kinder anders sind, obwohl sie nicht anders aussehen.

Quelle: 123RF

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Da ich protestantisch getauft wurde, konnte ich mich – mit Ausnahme des Religionsunterrichts – vor intensiveren religiösen Vereinnahmungen in Kinderjahren selbst bewahren. Denn der große Aufschlag der Kirchen, Kinderseelen in frühen Jahren mit religiösem, später kaum noch ablegbarem Ballast zu versehen, erfolgt in der evangelischen Kirche erst mit dem vierzehnten Lebensjahr – bei mir war das dann zu spät. Nachdem mir viele meiner Freunde einzig begeistert von der enormen Aussicht an Geschenken von ihrer anstehenden Konfirmation erzählten, regte sich bei mir eine gewisse Skepsis. Und als ich dann meiner Mutter eröffnete, ich würde erwägen mich konfirmieren zu lassen, gab sie intuitiv eine für mich entscheidende Antwort: „Das überlasse ich Dir, aber bitte komme nicht auf die Idee, mich dann Sonntag für den Kirchgang zu wecken.“ Das reichte mir damals, um die Antwort auf die Frage, an wen und was ich glauben möchte, zu verschieben. Mit Schrecken musste ich beispielsweise später entdecken, dass die evangelische Kirche auf von einem der größten Antisemiten begründet wurde: Martin Luther.

Ich verurteile nicht den Glauben und bin auch kein Missionar des Atheismus. Ich respektiere jede Lebensphilosophie, die ein wertschätzendes, achtsames und gesellschaftlich verantwortliches Miteinander ermöglicht. Ich mache auch keine Glaubensbekenntnisse verantwortlich für Kriege, sondern nur die Menschen, die ihren Glauben vorschützen, um ihre Verachtung anders Denkender zu legitimieren.

Aber ich plädiere (siehe auch Parvin Sadigh Kommentar in der Zeit) inständig für eine vollständige Säkularisierung unserer Gesellschaft und dafür, in Glaubensfragen unsere Kinder nicht mehr zu bevormunden. Eine Gesellschaft, die es mit der von Kant einstmals eingeleiteten Aufklärung wirklich ernst meint, muss ständig bestrebt sein, jegliche Indoktrination ihrer Kinder zu verhindern.

Studieren? Wie es Euch gefällt, Ihr Waschlappen!

StudentenfutterHey, wo bleibt die Empörung, der Aufschrei über den Titel des aktuellen Buches von Christiane Florin? Eine Dozentin der Politikwissenschaften schreibt im Titel ihres Buches im Jahr 2014 „Studenten“! Hallo! Hat sie noch keine Genderdebatte führen müssen. Das ist ja mal so was von politisch inkorrekt. Das heißt doch „Studierende“. Das ist echt nicht okay. Florin

Dem Wunsch nach mehr Provokation, um eine Debatte ins Rollen zu bringen, will ich mit diesem Einstieg gerecht werden. Den Wunsch äußert die Dozentin und Journalistin Christiane Florin in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme „Warum unsere Studenten so angepasst sind“. Doch wird es mir wohl ebenso wenig gelingen, wie ihr, die nun seit gut zwei Jahren versucht, Studierenden der Generation Y aus der Reserve zu locken. Mehr als eine lauwarme, substanzlose Empörungswelle ist heute einfach nicht mehr drin.

Persönlich halte ich mich aus Gender-Diskussionen heraus. Als Mann kann man dabei selten punkten. Christiane Florin ist sich ihres Titel-Fauxpas bewusst. Denn schon sehr früh erklärt sie im Buch, dass sie an der Uni auf ihre „Pauschalvermännlichung kein Widerspruch“ erfuhr. Und so schreibt sie munter im ganzen Buch auch von Studenten. Ich find das okay. Etwas „okay“ zu finden, ist nach Christiane Florin auch derzeit das Nonplusultra der Studierenden. „Okaysein ist das oberste Lernziel.“ „Okay ist das wahre Exzellent.“ schreibt sie und ich „LOL“. Überhaupt ist das Büchlein für einen 61er-Jahrgang wie mich zunächst einmal nur amüsant. Die Autorin nimmt sich und ihr Ansinnen zwar sehr Ernst, doch beschreibt sie es nicht bitterernst. Das machen dann aber die vielen Kommentatoren ihrer Zeitungsbeiträge und Interviews.

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Der aktuelle Artikel zum Buch in der Zeit

Auf knapp 80 Seiten fast Frau Dr. Florin noch einmal unterhaltsam das Unbehagen zusammen, was die Autorin seit Jahren verspürt und erstmals in einem Artikel in der Zeit 2012 „Ihr wollt nicht hören, sondern fühlen.“ öffentlich machte. Da ist zum einen die Rolle als Dozentin, die sie seit Anbeginn des Jahrtausends in Bonn auf der Kathederbühne spielen darf. „Das studentische Publikum erwartet einen Alleinunterhalter, eine Mischung aus Dieter Bohlen und Dieter Nuhr. Klar in den Ansagen wie Bohlen und dabei so nett anpolitisiert wie Nuhr.“ schreibt sie dazu.

Studierende seien heute weit mehr Konsumierende. Es folgen einige literarisch gelungene Spitzen gegen die aktuelle Generation der Studierenden: „Intellektueller wird in dieser Atmosphäre zum Schimpfwort.“ Und „der Satz „Das ist doch Feuilleton!“ gilt darob meinen Studenten als Synonym für übellaunige intellektuelle Selbstbefriedigung.“ Ich wage dies noch zu ergänzen und zu behaupten, dass „Opportunist“ – eine der größten Beleidigungen in meiner Jugend – die heutige Jugend nur noch milde lächelnd an sich abperlen lässt. Diese Einschätzungen aus der Perspektive einer Dozentin der Generation „Babyboomer“ sind ja nicht wirklich überraschend. Sie wurden ja schon Jahre zuvor von den Lehrern gegeben, die diese Generation zum Schulabschluss führte. Überraschend sind vielmehr die Reaktionen darauf. Wer sich die Mühe macht, die hunderte Kommentare zu durchforsten, die auf die Provokationen von Christiane Florins Statements folgen, dem wird dann schon etwas mulmig.

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Zur kurzen Fortbildung Bild klicken.

Von Studierenden gern zitiert wird Florins Hinweis, dass sich fast alle ihre Studenten schwer tun, die Bundeskanzler vollständig in chronologischer Reihenfolge zu benennen. Das sei doch nun in Zeiten von Wikipedia wirklich nicht so relevant, man wolle ja nicht bei „Wer wird Millionär“ mitspielen. Häh? Entschuldigung, aber das sind Politikstudenten, nicht Physik oder Philosophie! Wir reden hier von 8 Kanzlern seit 1949, nicht von allen amerikanischen Präsidenten. Wenn ein Musikstudierender nicht mal wissen mag, ob Brahms auf Beethoven folgte oder umgekehrt, dann sollte er sich schleunigst ein anderes Fach suchen.

Vielleicht liegt in der Generalisierung ihrer Bestandsaufnahme auch Schwäche und Erschütterndes zugleich. Ihre Beobachtungen werden von den Medien und Lesern gerne auf die gesamten Studierenden, ja gar auf die Generation Y verallgemeinert. Doch Christiane Florins Studienobjekte sind „nur“ angehende Geisteswissenschaftler und Journalisten – Journalisten! Und darin liegt wiederum das Erschütternde. Denn sie darf bislang unwidersprochen schreiben: „Ich hatte die Studenten zu Akteuren erklärt, obwohl sie sich als Opfer empfinden.“ und setzt noch drauf: diese Generation „weiß nicht einmal, ob sich eine Haltung überhaupt lohnt.“ Politikstudierende mit dem Berufsbild „Publizist“, die auf solche Provokationen keinen leidenschaftlichen, aber bitte auch substantiellen Widerspruch erheben, sind wirklich eine Waschlappen-Generation. Da hat man sich ja früher in Schülerzeitungen engagierter gezeigt.

Und ich muss dann Christiane Florin recht geben, wenn sie das Gefolge der Piraten-Partei sinnbildlich für ihre Studierenden hernimmt: „Die junge Piraten-Partei gilt schon als politisches Leergut. Aber erst einmal war ihr Aufstieg ein geiles Gefühl, und das ist die Hauptsache.“ Dass alles so „gefühlig“ geworden ist, stößt ihr im Uni-Betrieb am meisten auf. Doch letztlich geht es ihr – wie vielen Generationen-Nörglern – selbstverständlich nicht nur um ihre Studenten. Sie sind ja nur paradigmatisch für einen gesellschaftlichen Wandel, den man bedauern kann oder als wünschenswert feiern. GenerationY-Revolutionaere

„Effizient und smart zu sein – das waren mal Unternehmensziele, heute sind es gesellschaftliche Werte.“ sagt Christiane Florin in einem Interview. Vielleicht hat sie da recht. Denn wenn zugleich neben ihrem Buch sich zwei Autoren zusammentun und ein Buch schreiben, das ernsthaft den Titel führt: „Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y die Welt verändert.“ und dann folgendes über Dozenten wie Christiane Florin und die heutigen Studierenden in einem Artikel äußern, muss man ihr wohl recht geben:

„Lehrer, Ausbilder und auch die Dozenten an den Hochschulen werden immer mehr zu Beratern und Supervisoren. Die Ergebnisse werden von den Studenten in Teamarbeit erstellt, der Dozent hat eine Rolle als Coach. Wie schwierig es ist, diese Rolle zu finden, hat jüngst die Dozentin Christiane Florin in ihrem Bildungsessay „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ demonstriert… Sie beklagt die fehlende Streitkultur an Hochschulen und wiederholt die üblichen Klischees. Die Mehrheit der Studenten sei brav und pragmatisch, wünsche sich klare Ansagen statt Dialog auf Augenhöhe. Florin täuscht sich, sie hängt einer traditionellen Dozentenrolle an, hat nicht erkannt, was die Studierenden wirklich wollen: Ergebnisorientiert, spielerisch und mit regelmäßigen Rückmeldungen zum erreichten Stand selbstständig arbeiten.“ schreiben Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht in einem Artikel des Tagesspiegels. Herr Hurrelmann, Herr Albrecht, wenn dies die mehrheitliche Haltung der Studierenden von heute ist, dann bitte führt endlich gnadenlos horrende Studiengebühren ein. Jeder soll dann ein zinsloses Darlehn dafür bekommen, aber bitte später auch ordentlich zurückzahlen.

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Der aktuelle Artikel in der Zeit zu Klaus Hurrelmanns Buch

Als Student zählte ich zur „Null-Bock-Generation“. Ich hab mich dagegen nicht mit weinerlichen Kommentaren gewehrt und meiner Elterngeneration den Vorwurf gemacht, sie habe mich nun mal so erzogen. Ich habe es zähneknirschend erst mal zur Kenntnis genommen. Ich hab meine lange Zeit des Studiums sehr genossen, doch nicht das Studium. Ich wusste auch wirklich lange nicht, was ich eigentlich will. Denn „Freiheit macht Stress.“ schreibt Christiane Florin und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Mit den vielen Optionen klar zu kommen und Entscheiden lernen, das war die größte Herausforderung meiner Studienzeit. Doch so eine dämliche Beschreibung meines Berufszieles wie Christiane Florin ihre Studenten zitiert „Irgendwas-mit-Marketing“, „Irgendwas-mit-Management“ oder „Irgendwas-mit-Medien“ wäre mir zu keinem Zeitpunkt über die Lippen gekommen.

Am Ende ihrer Bestandsaufnahme macht Christiane Florin noch eine Bemerkung, die alle aufhorchen lassen sollte, die aktuell journalistisch tätig sind oder immer noch gerne werden möchten: „Dass mit einem geistvollen Text weniger Geld zu verdienen ist als mit einer Zahnfleischbehandlung ist bekannt. Neu ist jedoch, dass die künftigen Denker (und Textverfasser Anm. von mir) die Degradierung von Gedanken zum Content widerspruchslos mitmachen.“

Doch so berechtigt Frau Dr. Florin diese fatalistische Hinnahme in der Medienbranche kritisiert muss sie sich auch selbst fragen, was macht sie eigentlich noch da an der Uni. Denn an dem offenbar frustrierenden Uni-Alltag, den sie uns so amüsant zartbitter beschrieben hat, konnte sie seit Jahren nichts verbessern. Angelsachsen würden ihr dann nur knapp zurufen: Love it, change it or leave it. Nach fast 14 Jahren unbefriedigender Tätigkeit, wäre es doch wirklich an der Zeit, es zu lassen.

Aber ich will nicht das letzte Wort in der Sache haben, da ich mich dem Eindruck nicht erwehren kann, dass Christiane Florin noch immer hofft. Deshalb hier nun zum Schluss ihr schöner Appell: „Angesichts dieser Bildungskonsumenten wird der Grat vom Lehr- zum Leerauftrag schmal: ich vermisse in den Seminaren nicht die Axt, sondern das Argument. Ich vermisse nicht die Ideologien, sondern die Ideen. Ich vermisse nicht die Meinungsstärke, sondern die Urteilskraft.“

Nachtrag am 13. November: recht amüsant, wenn gesellschaftskritische Vorurteile auf harte Faktenrealität treffen:

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Quelle: Spiegel

Supergeile Markenwerbung – doch wirken tut sie nicht.

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Klischees sind sehr hartnäckig. Über Werbung gibt es viele. Eins davon, das sowohl Evangelisten als auch Häretiker der Werbung bis heute gern aufrecht erhalten, ist:

Werbung sei die Kunst, aus grauen, hässlichen Entlein bewunderte, strahlend schöne Schwäne zu machen.

Doch der Glaube an Einfluss und Macht der Werbung ist ein Märchen. Ein sehr lukratives für die gesamte Branche, die von der Werbung lebt. Und das sind eben nicht nur Werbeagenturen und ihre Dienstleister, sondern besonders auch die Medien. Denn deren Geschäftsmodell ist ebenso abhängig vom Glaube an die Werbung. Unschuldig sind auch nicht die Verantwortlichen des Marketings. Sie geben der glamourösen Welt der Werbung gerne den Vorzug bevor sie Excel-Charts analysieren, Vertriebskanäle pflegen und mit dem Controller zum Mittagessen gehen.

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Die beliebte Mär der Werbung: Das hässliche Entlein.

Das Märchen vom hässlichen Entlein ist jedoch sehr aufschlussreich, wenn man es konsequent versteht. Denn es sind eben keine äußeren Bedingung oder gar Zauberer, die dazu beitragen, dass es zu einem bewunderten Schwan wird. Es sind gegebene innere Bedingungen, die sich mit der Zeit entfalten.

Und ebenso müssen solche inneren Bedingungen erfüllt sein, damit aus einer Marke eine begehrte Marke wird:

  • Eine begehrte Marke ist überwiegend das Ergebnis, eines herausragenden Leistungsangebotes zu einem idealen Zeitpunkt.
  • Erfolgreiche Markenführung ist überwiegend das Ergebnis eines kritischen Geistes und einer konsequenten Haltung.
  • Eine Marke effizient zu kommunizieren, erfordert überwiegend soliden Sachverstand. Den kann, muss man aber nicht mit Esprit in der Kommunikation verbinden.

Doch hartnäckig hält sich das Klischee, es bräuchte den kreativen Zampano, um Marken begehrlich zu machen.

Folie04Wenn man sich einmal nüchtern die Waren- und Dienstleistungswelt aus Sicht des Konsumenten betrachtet, wird man feststellen, dass die kreativen Entfaltungsmöglichkeiten von Marken in den jeweiligen Markenräumen sehr beschränkt sind. Denn häufig wird ausser Acht gelassen, dass der Konsument bevor er differenzierte Markenentscheidungen fällt, zunächst einmal eine Vorentscheidung für viele Produkte und Leistungen getroffen hat. Und diese Vorentscheidung wirkt sich erheblich auf die einflussreichsten Faktoren der Kommunikation aus: Aufmerksamkeit und Emotionen. Letztlich verfrachten wir Konsumenten die Marken dann in entsprechende Schubladen („Markenräume“).

Das Selektieren im Vorfeld ist eine menschliche Eigenschaft, die wir betreiben, um uns die Masse an Entscheidungen deutlich zu vereinfachen:

Das Marken im Raum der Begehrlichkeiten landen, haben sie ganz, ganz selten einer kreativen Kommunikation zu verdanken. Zum Glück schadet sie ihnen auch nicht – bis auf das häufig unnötig investierte Werbegeld.

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Beispiel für eine Marke, die im Markenraum „Nützlichkeit“ angesiedelt ist: Hornbach

Beispiel Hornbach

Seit über 10 Jahren betreut die kreative Agentur „Heimat“ den Baumarktkonzern Hornbach. Die Kampagnen sind stetige Highlights der Werbung, hochdekoriert mit unzähligen Kreativpreisen.

Wer sich mal die Mühe macht, die Geschäftsberichte von Hornbach zu lesen und einige relevante Kennziffern zu analysieren, wird sich einem ernüchternden Ergebnis nicht entziehen können.

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Quelle: Geschäftsbericht Hornbach 2012

So ist z.B. der Marktanteil seit 2007 gerade mal um 1% gestiegen. Der Umsatz pro Mitarbeiter steigt inflationsbereinigt auch nicht signifikant, ebenso der Umsatz pro qm Fläche.

Im besten Fall ist es eine gelungene Kampagne für die Branche. Doch die Kundenmasse entscheidet sich für den Baumarkt in der Nähe, der ein breites Sortiment und/oder günstige Preise bietet.

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Beispiel für eine Marke, die im Markenraum „Sicherheit“ angesiedelt ist: Deutsche Bank

Beispiel Deutsche Bank

Seit 2007 ist das Vertrauen in den Bankensektor im rapiden Fall, zumindest wenn man die Konsumenten auf der Straße befragt. Die einzigen, die bei solchen Befragung immer noch gut wegkommen sind die Sparkassen. Hundsmiserabel dagegen das Image in der Presse für die Deutsche Bank.

Recherchiert man jedoch ein wenig über die Marktzahlen und Kennziffern der Branche, so muss man nüchtern konstatieren, dass die Deutsche Bank in den vergangenen Jahren kaum Kundenverluste im Privatkundenbereich verzeichnet.

Hingegen müssen die Sparkassen, die seit vielen Jahren von der Agentur JvM betreut werden und die für diese Werbung unzählige Kreativpreise gewonnen hat, einen erheblichen Marktanteilsverlust im Privatsektor hinnehmen.

Von einem 45% Marktanteil im Jahr 2000 vielen sie bis 2010 auf 38%. Über ein halbes Prozent pro Jahr ist in diesem Branchensektor enorm. Gewonnen haben die Kreditbanken mit ihren einfachen Konsumentenkrediten.

Besonders tragisch ist es für die Marken im Raum „Notwendigkeit“. Hier finden sich all jene Anbieter und deren Produkte/Leistungen, auf die Kunden gerne verzichten würden oder sie gering schätzen, z.B. Versorger, Transport und Logistik. Die Markenkommunikation kann hier nur beschwichtigen. Der Kunde soll zumindest das Gefühl haben, nicht über den Tisch gezogen zu werden.

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Beispiel für Marken, die im Raum der „Notwendigkeit“ angesiedelt sind: TK-Versorger

Beispiel Telekommunikation

Seit Jahrzehnten bemühen sich die Netzanbieter und Provider im Markt der Telekommunikation ihre Marken begehrlich zu machen. In die Markenkommunikation sind da schon mehr als € 1 Mrd. geflossen. Doch betrachtet man die Werte der ACTA von 2010 (spätere werden auch kein besseren Ergebnisse ausweisen), so wird deutlich, dass es keiner dieser Marken gelungen ist – trotz Bekanntheiten von bis zu 97% – ein besondere Strahlkraft zu entwickeln und Sympathien zu gewinnen. Insbesondere wenn es um Vertrauen geht, stehen dies Marken sehr schwach da.

Fazit: Markenkommunikation gelingt es kaum, über die Schranken in den Köpfen der Konsumenten hinwegzuhelfen.

Viele umfangreiche Test und Studien suggerieren, man könne durch sozio- und neurowissenschaftliche Hintertüren in den Markenraum „Begehrlichkeit“ eintreten. Andere empfehlen dazu, Geschichten zu erzählen. Schöne Idee, doch gibt es auch Zuhörer.

Gesunder Menschenverstand findet sich manchmal schon direkt vor der Bürotür. Oft verhasst von der Werbebranche. Doch hört man den unbedarften, unvoreingenommenen Menschen zu, dann kann man sich einige teure Ausrutscher sparen.

Meine Darstellung mag Ihnen sehr vereinfacht vorkommen. Man mag mir vorwerfen, ich simplifiziere zu sehr. Das ist nicht unberechtigt. Doch ist es nicht auch das, was wir tagtäglich tun, wenn wir uns als Konsument entscheiden müssen?

Und jetzt?

Ziel war es nicht, per se Markenkommunikation in Frage zu stellen. Für Marken im Raum „Begehrlichkeit“ kann sie einflussreich sein.

Für Marken in den anderen „Markenräume“ sollte zuvor erst Klarheit herrschen, ob sie was bewegen kann und in welcher Hinsicht das noch effizient ist.

Und zu guter Letzt: Vertrauen sie nicht auf Werbewirkungsstudien, sondern auf ihre messbaren und gewünschten KPIs. Wer ihnen sagt, die gäbe es für ihre Werbung nicht, handelt fahrlässig.

Sei vertrauen doch auch nicht jahrelang auf das gleiche Medikament, wenn es ihr Leiden nicht lindert und ihr Befinden nicht verbessert.