Wozu braucht es Verrisse?

Verriss

„Die meisten Bücher, die wir im Quartett hier besprochen haben im Laufe der beinahe 14 Jahre, habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. In den meisten Fällen war es eine Qual.“

 Marcel Reich-Ranicki

Dazu schreibt Georg Gruber vom Deutschlandfunk:

Er (Marcel Reich-Ranicki, Anm. von mir) war wirklich ein Solitär, …. Nach seinem Tod konnte keiner an seine Stelle treten, der Platz des Literatur- und Kritikerpapstes ist verwaist. Vielleicht ja auch ein gutes Zeichen für eine aufgeklärte Gesellschaft: Die Leser sind wieder zurück geworfen auf sich selbst.“

Was meint das „zurück geworfen auf sich selbst“ angesichts der alljährlichen Masse an Literatur, die uns angeboten wird. Selbst durchbeißen? Hoffen, ganz allein auf die literarische Nadel im Heuhaufen zu treffen? Wo findet sich da eine aufgeklärte Gesellschaft?

Nein, diese abschließende Anmerkung ist wenig durchdacht. Und wenn wirklich ernst gemeint, dann ist sie ein Offenbarungseid für eine Haltung, der man zunehmend in der Gesellschaft begegnet: bloß keinem mit seiner Meinung auf die Füße treten zu wollen. Immer eine Hintertüre offenlassen, falls sich jemand von der wenig begeisterten Kritik oder der höflich vorgetragenen, persönlichen Enttäuschung beleidigt zeigt. Beim Gang durch die Hintertüre ruft heute der „Kritiker“ dann dem Beleidigten zu, dass man sich durchaus seiner Subjektivität bewusst sei und man mit seiner Kritik selbstverständlich niemanden nahelegen wolle, das Buch nicht zu lesen. Jeder soll sich doch bitte selbst ein Urteil bilden. Weiterlesen

Wo viel Licht, ist auch viel Schatten

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Eigentlich ist es müßig, darüber zu spekulieren, wer denn nun das größere Genie war: Thomas Alva Edison (1847 -1931) oder J. P. Morgan (1837 – 1913)? Denn letztlich verdanken wir erst dem Zusammentreffen der beiden den schnellen Durchbruch der Elektrizität und damit einen der entscheidende Treiber des Fortschritts im 20. Jahrhundert. Doch wenn man Anthony McCartens Roman „Licht“, übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié, liest, kommt man am Ende doch nicht an der Fragwürdigkeit vorbei. Denn letztlich war ja doch der noch Unsympathischere, der Cleverere: J. P. Morgan. Doch beide sind exemplarisch dafür, dass ein Genie, welches sich erfolgreich und gefeiert durchsetzt, Gefahr läuft, sich einsam in seinem Größenwahn zu verfangen.

Der dramatische Kampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung der Elektrifizierung in den USA ist legendär. Er bietet harten Stoff, aus dem McCarten eine sehr feine Geschichte gemacht hat. Er erzählt uns, wie der von seiner Hybris übermannte Edison, den elektrischen Stuhl entwickelte, um damit auch seine Konkurrenz zu töten und so beitrug, J. P. Morgan zum einflussreichsten Finanzmogul der amerikanischen Geschichte zu machen. Er erzählt uns aber nicht die ganze Geschichte, die einen wirklichen tragischen Helden hatte: Nikola Tesla.

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Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon zu spät? Über das Ende des Homo sapiens.

HomoDeus

Wie verhaftet wir noch im Denken des vergangenen Jahrhunderts sind, entlarvt einmal mehr der grandiose Querdenker Yuval Noah Harari in seinem aktuellem Buch „Homo Deus“, übersetzt von Andreas Wirthensohn. Homo Deus, der Gott Mensch, könnte die Bezeichnung für den Nachkommen des Homo sapiens sein. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv, so wie die gesamte Intention des Buches: „Eine Geschichte von Morgen“.

Wer sich dem Buch widmet, bekommt heftige Denkanstöße zu den großen Fragen des 21. Jahrhunderts:

Was wird mit dem Arbeitsmarkt passieren, wenn künstliche Intelligenz einmal die Menschen bei den meisten kognitiven Aufgaben übertrifft? Welche politischen Auswirkungen wird eine massenhafte neue Klasse von wirtschaftlich nutzlosen Menschen haben? Was wird mit den Beziehungen, den Familien und den Rentenkassen passieren, wenn Nanotechnologie und regenerative Medizin 80 zum neuen 50 macht? Was wird mit der menschlichen Gesellschaft geschehen, wenn die Biotechnologie uns in die Lage versetzt, Designerbabys zu bekommen und für eine beispiellose Kluft zwischen Reich und Arm zu sorgen?

Und über allem schwebt noch die Frage: „was ginge, wenn überhaupt, verloren, wenn man bewusste Intelligenz durch überlegene nicht-bewusste Algorithmen ersetzt?“

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Scheitern auf höchstem Niveau

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Sicher ungewollt lässt Jonas Lüscher in seinem beeindruckenden, ersten Roman „Kraft“ die mir einzig sympathische Figur heftig, wenn auch indirekt unken, was den derzeitigen Hoffnungsträger einer sozialdemokratischen Kanzlerschaft betrifft:

„Nein, ich sage dir, war sich Bertrand sicher, Schröder, das ist doch für eine ganze Generation Deutscher die politische Enttäuschung ihres Lebens. Stell dir vor, man wächst in Deutschland auf und alles, was man kennt, ist dieser Kohl – sechzehn Jahre Kohl. …. Sechzehn Jahre Scham und Pein, und dann kommt Schröder, und es ist, als hätte endlich jemand das Fenster geöffnet und frische Luft hereingelassen. Und dann betrügt er sie, alle … der Genosse der Bosse – …“

Bertrand ist Franzose, intellektuell, privilegiert, reich und ein „unverbesserlicher Linker“. Er hatte seine Dozentenstelle als Professor aufgegeben und sich auf das Weingut seiner Familie zurückgezogen, nachdem er zu der ihn erhellenden Ansicht gelangt war, dass er Teil des französischen Problems der Linken sei. Die französische Linke habe sich nämlich zweier Vergehen schuldig gemacht:

„Sie habe sich nie ernsthaft darum bemüht, das elitistische und neofeudale Ausbildungssystem zu reformieren, …. Zum Zweiten, …, habe sich die Linke schamlos dem Neoliberalismus an die Brust geworfen und damit Verrat geübt an der Arbeiterklasse, indem sie den Begriff des Klassenkampfes für überholt erklärte und damit die Existenz jener, um die sie sich eigentlich zu kümmern habe, geradewegs zu negieren versucht, …“ Weiterlesen

Aufklären lässt sich nur, wer aufgeklärt werden will.

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Nur ein aufgeklärter Geist, kann auch ein freier Geist sein. Nach Jean-Jaques Rousseau könne der Mensch zwar auch zur Freiheit gezwungen werden, doch in Bezug auf die Ausbildung eines freien Geistes widerspricht dies der Prämisse der Aufklärung, wie Kant sie etwas hölzern, jedoch eindeutig erklärt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Für uns Deutsche ist meist Immanuel Kant der geistige Vater der Aufklärung. Doch als er 1784 diese Antwort veröffentlichte, war ein Vordenker seit acht Jahren tot, über den Kant bekannte, dass dieser ihn aus seinem „dogmatischen Schlummer“ erweckt habe: der Moralphilosoph David Hume (1711 – 1776).

Der Schotte Hume ist einer der bedeutendste Vertreter der schottischen Aufklärung, die Mitte des 18. Jahrhunderts Edinburgh und Glasgow zu einem intellektuellen Zentrum von Freidenkern machte. Neben Hume zählt sein langjähriger, enger Freund Adam Smith (1723 – 1790) zu den auch international sehr einflussreichen schottischen Denkern dieser Zeit.

david_hume-bioBeide bzw. ihre wesentlichsten Thesen und ihre Einflüsse auf das moderne Denken sind mir über Sekundärliteratur bekannt. Doch muss ich bekennen, keine Originalwerke von ihnen je in die Hand genommen zu haben. Im Falle von Adam Smith wird sich das umgehend ändern. Dank der aktuellen, hervorragend verfassten Biografie von Gerhard Streminger. Und ebenso werde ich mich hoffentlich bald auch der vorhergehenden Biografie über „David Hume“ von Gerhard Streminger widmen können.

Während letztere knapp 800 Seiten umfasst, ist es dem Autor nun gelungen, Leben, Denken und Bedeutung des Urvaters der modernen Ökonomie Adam Smith auf wenig mehr als 200 Seiten zu verdichten. Und selbst eine kritische Würdigung seiner Thesen sowie der neuzeitlichen, ideologischen Interpretationen findet in dem Werk Raum. Wer also sein Bild vom vorgeblich geistigen Vater der neoliberalistischen Denke erweitern und gegebenenfalls korrigieren möchte, findet hier eine ideale Lektüre.

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Sorry, Mr. Obama, that wasn’t my thing.

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„Science-Fiction ist eine Literatur, die der ganzen Menschheit gehört. In ihr geht es um Ereignisse, die die ganze Menschheit angehen, und deshalb sollte sie das Literaturgenre sein, das für Leser aller Länder am ehesten verständlich und zugänglich ist.“

Die drei Sonnen von Cixin Liuschreibt der chinesische Autor Cixin Liu im Nachwort zu seinem Roman „Die drei Sonnen.“ Zu dieser Ansicht gelangte er wohl aufgrund des für ihn ebenso wie für mich überraschenden internationalen Erfolges seines Romans. Nicht nur wurde er mit dem „Hugo Award“ und dem „Galaxy Award“ ausgezeichnet, sondern auch von prominenter Seite als sehr lesenswertes Buch empfohlen. Sowohl Marc Zuckerberg pries diesen in China 2006 erstmals als Fortsetzungsroman veröffentlichten Bestseller an, sondern auch Barack Obama nannte ihn unter den zehn Büchern, die er während seiner Amtszeit gelesen und ihn beeindruckt hätten.

Das war für mich dann doch ein willkommener Anlass, mich mal wieder diesem Genre zu widmen. Zuletzt las ich vor ca. einem Jahr die ähnlich von der SF-Fangemeinde gehypeten Romane von Daniel Suarez „Daemon“ und „Darknet“. Doch weder konnten mich damals diese beiden noch diesmal der Roman von Cixin Liu überzeugen, außergewöhnlich lesenswert zu sein. Vielleicht vermögen andere Leser dieser Bücher verständlich machen, welche Ebene mir verborgen geblieben ist. Ich jedoch habe zwar zeitweilig unterhaltende, jedoch konventionelle Skripte gelesen, gestaltet nach den ewig gleichem Grundmuster, wie sie auch für Computerspiele bzw. Fictionfilme erstellt werden, wobei zweifellos Lius Roman hervorragend komponiert ist, also guter literarischer Pop. Weiterlesen

Alles leuchtet. Aber leuchtet es auch ein?

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Stell dir vor, mein Sohn, zu deinem Geburtstag bekommst du eine echten Elefanten.

Echt jetzt?

Ja, echt. Und zwar keinen gewöhnlichen Elefanten. Der wäre im Zimmer ja ständig im Weg. Nein, ich habe im Internet einen kleinen, ungefähr Knie hohen Elefanten angeboten bekommen.

Und der ist echt?

Ja, ganz echt. Also lebendig. Der frisst dir aus der Hand, der läuft mit dir in die Schule und wartet dann draußen auf Dich. Der trompetet – ziemlich quietschend – und, das ist das allerbeste, der leuchtet sogar im Dunkeln.

Nee, Papa. Jetzt machst du Quatsch.

Kein Quatsch. Der ist wirklich lebendig, klein und leuchtet. Den hat ein genialer Mann erfunden.

Elefanten kann man doch gar nicht erfinden. Die gibt es doch schon.

Ja, die großen Grauen. Aber so ein süßer kleiner, der in dein Zimmer passt, den musste man speziell züchten. Man kennt jetzt die Bausteine, aus denen das Leben sich entwickelt. Und der Mann hat die Bauanleitung für Elefanten genommen und die Teile raus gelassen, die den Elefanten groß machen und Teile hinzugefügt, die ihn leuchten lassen. Und du kannst jetzt sogar noch die Farbe wählen.

Nee, echt?

Ja, wirklich. Rosa, Blau, Grün, Rot. Was Du willst.

Hm.

Und?

Geht auch Grau?

Ja, schon. Aber das leuchtet dann nicht so schön.

Kann man den dann auch ausschalten?

Wie ausschalten?

Na, wenn ich schlafen soll, muss man den doch ausschalten.

Stimmt. Das muss ich in der Gebrauchsanweisung nachschauen.

… – Papa?

Ja?

Irgendwie finde ich das nicht gut.

Was denn?

Na, so einen kleinen Elefanten, der leuchtet. Irgendwie unheimlich.

Okay. Also möchtest du so einen nicht zum Geburtstag?

Nee, besser nicht. – Bis du jetzt traurig, Papa?

Nein. Glücklich.

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Drei Dinge braucht Erfolg. Wirklich?

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Es ist ein heikles Thema, doch die Frage ist gesellschaftspolitisch derart essentiell, dass man die Suche nach einer Antwort nicht umgehen kann: Warum sind Menschen bei gleicher Veranlagung so unterschiedlich erfolgreich beim Erreichen ihrer Ziele?

Lassen wir unvergleichbare Einzelschicksale mal außen vor, so ist es doch offensichtlich, dass unterschiedliche soziale Umfelder auch zu unterschiedlichen Zielsetzungen und auch zu anderen Erreichungsgraden persönlicher Erfolge führen. Dennoch fehlt dieser erste Vorgedanke bei fast jeder Debatte über fehlende Chancengleichheit in unserer Gesellschaft.

Wer in einem nur Dialekt sprechenden Umfeld groß wird, für den ist das Erlernen akzentfreier Fremdsprachen eine Hochleistung, während es für ein bilingual aufwachsendes Expat-Kind eine fast intuitive Selbstverständlichkeit ist. Oder für das Kind eines vermögenden Viehzüchters auf dem Land ist Veterinärmedizin ein naheliegendes und in seinem Herkunftsmilieu auch respektiertes Studienziel, während für ein Kind eines Rechtsanwaltes es kaum naheliegt und es vom Herkunftsmilieu entfremdenden würde, wenn es mal einen landwirtschaftlichen Betrieb führen will. Die persönliche Willenskraft und Leistung des Einzelnen, z. B. es zu schaffen, Arzt, Professor, Winzer, Musiker oder Profisportler zu werden, ist individuell sehr unterschiedlich hoch zu bewerten. Weiterlesen

„Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“

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Diese geflügelten Worte Christian Morgensterns könnte man immer unseren mehrheitlichen Reaktionen vorstellen, wenn es um die Selbsterkenntnis geht, wie leicht wir zu beeinflussen, zu lenken und zu aktivieren sind. Was bei der Beobachtung der Masse offensichtlich ist, leugnet der Einzelne bei sich selbst gerne ab:

„Die Meinung der Massen ist offensichtlich formbar, … Die Alphabetisierung sollte den gemeinen Bürger dazu befähigen, seine Angelegenheit selbst zu regeln. Durch Lesen und Schreiben sollte sich auch sein Geist so entwickeln, dass er zum Regieren fähig wäre (gemeint ist aktive politische Teilhabe, Anm. von mir.). Aber statt den Geist zu beflügeln, hat ihn die Alphabetisierung dem Einfluss von Prägungen ausgesetzt: Druckerzeugnisse voller Werbeslogans, Leitartikel, wissenschaftlicher Erkenntnisse, den Trivialitäten der Boulevardpresse zusammen mit tradierten Denkmustern. Zum eigenständigen Denken kommt es dabei eher selten.“

schrieb Edward Bernays (1891 – 1995) erstmals 1928 in seinem aufklärerischen Buch „Propaganda“. Der US-Amerikaner ist der geistige Urvater der Public Relations und – nicht ganz zufällig – auch der Neffe von Sigmund Freud. Für dessen Anerkennung in den USA sorgte Bernays auch persönlich. Doch war er nicht nur ein genialer Vordenker der Massenpsychologie, sondern auch ein enorm erfolgreicher Kommunikationsstratege, der zahlreiche Branchenverbände, Konzerne und auch Regierungen beraten hat.

Unter den Büchern, die ich über unsere geistigen Fallstricke und unsere dadurch stark gefährdete, eigene Urteilskraft gelesen habe, erachte ich neben Immanuel Kant, Gustave Le Bon, Erich Fromm und aktuell Daniel Kahnemann auch dieses Werk für ein zeitlos gewichtiges, das zumindest jeder gelesen haben sollte, der sich mit Soziologie, Gesellschaftspolitik, Psychologie, Medienrezeption, Public Relations bzw. Öffentlichkeitsarbeit beschäftigten möchte. Weiterlesen

Lasst uns froh und populistisch sein

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Seit über 2000 Jahren haben die Massen Westeuropas und später auch in anderen Kontinenten der Erde die Möglichkeit, sich gegen Populismus, Propaganda, Demagogie, Indoktrinierung, Bild- und Textmanipulation zur Wehr zu setzen.

Endlos ist die Reihe der Mahner und Aufklärer, die, mal mittels Fakten, mal mittels Vernunft & Logik, gegen die vorherrschenden, postfaktischen Ansichten und Weltanschauungen der Masse opponierten. Zahllos sind die Reden und Schriften, mit denen die Aufklärer Denkanstöße und Einsichten zu geben versuchten, damit sich die Masse endlich von dem manipulativen Joch einer überwiegend unheilbringenden Heilslehre befreit. Doch den ebenso klugen wie mutigen Frauen und Männern blieb zu Lebzeiten die Beachtung meist verwehrt, ja, oftmals bezahlten sie ihr Bemühen mit gesellschaftlicher Ächtung, dem Pranger oder gar dem öffentlich bejubelten Tod.

Es halfen ihnen auch nicht die Belege der langen Geschichte, die nachweislich millionenfaches Leid und unzählige, unverzeihliche Tragödien dokumentieren, die diese Weltanschauung mit sich brachte. War ihr Begründer noch ein Sozialutopist, so sollte es seinen nachfolgenden Stellvertretern gar gelingen, seine Thesen so zurechtzubiegen, dass sie absolutistische Herrschaft, hasserfüllte Diskriminierungen, systematische Verfolgung Andersdenkender und extreme soziale Ungleichheiten bis heute als gefällig und moralisch legitim erscheinen lassen.

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Michelangelo Ausschnitt des „Jüngste Gericht“

Tatenlos, devot und opportunistisch sehen die Massen bis heute zu, wie die Vertreter dieser Lehren mit Willkür walten, sich maßlos selbst an den Ärmsten bereichern und sich ab und an für ein paar wenige Almosen feiern lassen. Die Masse Mensch rebelliert nicht gegen die seit Jahrhunderten immer wieder gegebenen leeren Versprechung und Verheißungen. Sie stört sich auch nicht an der Allegorie, die ihnen suggeriert, dass wer gesellschaftlich unten stünde, sich doch als moralischer Sieger trösten dürfe. Sie verinnerlicht das Bild dankend und denunziert lieber die Skeptiker, Kritiker und Andersdenkenden.

Bis heute huldigen Milliarden auf diesem Planeten diesem genialen Populisten, dem es über seinen Märtyrertod hinaus gelang, eine Weltanschauung zu manifestieren, die unsere gesamte westliche Kultur vereinnahmt hat, die heute auch gerne als Leitkultur eingefordert wird und die unser aller Denken und Handeln massiv beeinflusst – selbst das seiner vehementen Kritiker und härtesten Gegner.

Letztere haben den Widerstand längst aufgegeben und gelernt, dass sie nur in Frieden leben können, wenn sie das Irrationale ignorieren, ihm einen Raum lassen, indem es walten kann, man die Auswüchse dadurch ein wenig zähmt und in die Schranken weist, sodass ein Leben neben ihm heute möglich ist. Letztlich muss man sich nach all den Jahrhunderten damit arrangieren, dass nur aufgeklärt werden kann, wer aufgeklärt werden will.

In diesem Sinne feiern wir alle – unzählige Anhänger als auch fast alle Skeptiker des erfolgreichsten Populisten aller Zeiten – in wenigen Tagen des lieben Friedens willen wieder einmal seinen Geburtstag, zum 2016ten Male – ganz groß.

Frohe Weihnachten

Oh Gott, Jürgen Habermas (2004):

„Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen.“