Exzess in der Oase.

BildScheherazade hätte wohl ihr Freude an Jonas Lüscher gehabt. Er hätte ihr Stoff für viele der 1001 Tage geliefert, um den König bei der Stange zu halten. Lüscher ist für mich eine große Entdeckung und Hoffnung auf noch kommende spannende, amüsante und geistreiche Romane und Erzählungen. Beachtlich, dass dieses Debüt letztlich nur eine Novelle mit 125 Seiten wurde, bietet es doch Stoff für einen umfangreichen Roman.

Schon die Idee, menschliche Hybris und seelische Abgründe, wie sie sich in der Bankenkrise offenbarten, nicht nur sinnbildlich, sondern wörtlich in einer tunesischen Oase zu verorten, ist ein literarische Clou. Wer die Geschichte liest, wird es keinen Moment als exotische Konstruktion empfinden, sondern beeindruckt verfolgen, wie hier zwei Welten im Exzess aufeinander treffen und in denkbarer Weise explodieren. Dem feingeistig, nacherzähltem Weg zur Katastrophe folgte ich wie gebannt. Die finale Schilderung des Exzess war mir dann zwar etwas zu einseitig und abenteuerlich, doch gestehe ich sie der Freiheit eines Geschichtenerzähler gerne zu.

Nicht zuletzt behagt mir der gewählte Stil von Jonas Lüscher sehr. Er ist literarisch, wortverliebt, der Autor geht sehr achtsam mit der Sprache um. Und er versteht es hoch amüsante Anekdoten zu schreiben. Und recht sympathisch wirkt er auch.

Begeistert und ausführlich geht die Bloggerin Literaturen auf das Debüt ein.

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Die trostlose Wirklichkeit hinter „Full Metal Jacket“.

BildMit „Die Einsamkeit der Primzahlen“ hat er mich und Millionen weitere Leser beeindruckt. Mit seinem neuen Roman ist es ihm bei mir wieder gelungen, doch ich erwarte nicht, dass dieses Buch ein Auflagenerfolg wird. Paolo Giordano hat sich ein ebenso ernüchterndes wie beklemmendes Thema gewählt: das Soldatendasein.

Die szenische Erzählung beginnt am Ende der Geschichte. Im Fortlauf seziert Paolo Giordano wie ein Pathologe sehr eindringlich anhand einzelner Begebenheiten und unterschiedlicher Figurenperspektiven die Entwicklung von Berufssoldaten und -soldatinnen im Afghanistan-Einsatz. Das Geschehen und der besondere Wendepunkt sind zwar absehbar, doch die Spannung liegt nicht in der Handlung, sondern in der Wandlung der Protagonisten.

Das Buch hat mich – im besten Sinne – sehr angestrengt und trostlos entlassen. Das ist die Crux solch einer schriftstellerischen Bemühung, die sich der Wirklichkeit annimmt, sie reportagehaft behandelt und nicht dramaturgisch verfremdet. Denn auch wenn man es als tragische Handlung bezeichnet, so fehlt dem Roman dass, was die künstlerische Tragödie auszeichnet: die Katharsis. Der Roman läutert nicht oder verbessert gar ein wenig die Welt – weder moralisch noch menschlich. Er lässt uns am Ende mit der fatalen Gewissheit zurück, dass am Verlauf der erzählten Schicksale ebenso wenig zu ändern ist wie offensichtlich an der Notwendigkeit militärischer Einsätze. Zumindest wertet er nicht. Weder befürwortet Paolo Giordano mit dem Roman Militäreinsätze noch lehnt er sie offenkundig grundsätzlich ab – vom utopischem Wunsch eines ewigen Friedens einmal abgesehen.

Das Fatalistische dieses Romans wird wohl seinen Erfolg verhindern. Kaum jemand wird ihn gerne empfehlen und Freunden zumuten. Denn ja, er ist eine Zumutung. Er fordert dem Leser Mut ab, zu bekennen wie entpersonalisiert das wirkliche Leben ist. Soldaten versinnbildlichen dies nur besonders konsequent. Wir nehmen sie nur in ihren Funktionen war – nicht als Personen. Jegliche Individualität ist in der geforderten Funktion hinderlich, gar ein Risiko. Soldaten opfern nicht erst im Einsatz Leib und Leben, sie opfern auch schon beim Eintritt in das Soldatensein Individualität und Persönlichkeit. Nichts demonstriert dies monströser als der Ausbildungsteil im Film „Full Metal Jacket“ von Stanley Kubrick.

Es befremdet mich bis heute, dass dieser Teil des Kubrick-Films „Kultstatus“ erhalten hat – und zwar nicht als erschütterndes Zeugnis einer menschenverachtenden, abscheulichen Einrichtung, sondern als respektvolle Huldigung derer, die sich das angetan haben und bis heute noch antun. Zur Huldigung bietet Paolo Giordano keinen geeigneten Stoff. Dafür ist ihm – neben allem anderem – noch mal besonders zu danken. Denn es war sicher sehr verführerisch, aus dem Stoff ein Heldenepos zu inszenieren. Doch er blieb der trostlosen Wirklichkeit verpflichtet.

Zehn politisch unkorrekte Gedanken.

„Coming out“ ja, aber wohin?

BildWas würde Sie mehr entsetzen: Ihr pubertierendes Kind kehrt nach einem Stadtbummel begeistert mit einer Werbebroschüre a) der Scientologen oder b) der Linken nach Hause? Nach der Lektüre von Jan Fleischhauer bin ich jetzt nicht mehr sicher, ob ich – wie zuvor – Antwort a) geben würde. Meine Eingangsfrage ist ebenso suggestiv und provokativ, wie viele bissige Vergleiche, die der Autor in seinen wirklich sehr gelungenen Bekenntnissen formuliert. Ich habe viel gelacht, genickt und meine eigene Entwicklung als Kind des linksbürgerlichen Milieus gespiegelt gesehen. Doch noch bin ich nicht ganz so weit wie er.

Ich folge Jan Fleischhauer in der gesamten Analyse der bigotten, linksbürgerlichen Attitüde, die besonders augenfällige bei der Mehrheit der medialen Meinungsbildnern und den Kulturschaffenden wird. Doch ich bekenne auch, dass mir das saturierte, bräsige und schnöselige Gehabe der Konservativen in vielen Metiers ebenso wenig einen Hafen bietet. Jan Fleischhauer selbst läuft auf diesem schmalen Grad zwischen aufklärerischem Nonkonformismus und selbstgefälligem, süffisanten Besserwisser-Habitus, wenn man ihn als Talkshow-Gast betrachtet.

Doch was er in diesem Buch schreibt und aktuell im Spiegel kommentiert – gleich zu welcher politischen Seite man tendiert – ist ein sehr empfehlenswertes Korrektiv bei der persönlichen Meinungsbildung. Die Links-Konditionierung in meiner Jugend verführt mich bis heute zu Schubladendenken. Einem Kommentar in der SZ von dem mir sehr geschätzten Heribert Prantl bin ich wohlwollender gegenüber als der Einschätzung eines Frank Schirrmachers in der FAZ. Obwohl sich beide politisch nicht in ein bestimmtes Lager setzen ließen.

Die Empörung, die dieses Buch bei vielen auslöst, entlädt sich sicher auch an der teils verletzenden, zynischen Rhetorik. Ich mag das und habe kein Problem damit, wenn es mich auch selbst trifft. Aber sicher tut sich der ein oder andere eifrige Missionar schwer damit, wenn er lesen muss, dass zum Beispiel sein vehementes Eintreten für Vegetarismus, Homöopathie und Nichtrauchen nicht zwingend bessere Menschen hervorbringt, wie man an Hitler konstatieren muss. Und viele möchten sich auch ihre Ansichten nicht verwirren lassen, wie beispielsweise, dass der Strafvollzug primär der Resozialisierung dienen sollte. Denn während das linke Lager viel Milde beim drogenabhängigen Beschaffungskriminellen walten lassen möchte, fordert es zugleich bei korrupten Unternehmern, gierigen Bankern und Steuerhinterziehern bewährungslose Höchststrafen. Dabei sind doch auch diese Täter sicher oftmals nur Opfer einer repressiven, asozialen und lieblosen Kindheit.

Jan Fleischhauer teilt kräftig aus. Mit Recht und viel Vergnügen, wie ich finde. Das muss man auch als Linker abkönnen. Wenn man es nicht kann, sollte man sich auch das Lachen bei der Heute Show verkneifen.

Zukunft von Print & TV: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Testbild-Ende

Chapeau, Nicolas Clasen, da haben Sie offenbar einen echten Scoop gelandet. Sollte es im Jahr 2013 einem freiberuflichen Berater aus München („Digital Strategy Consultant“ laut xing Profil) gelungen sein, deutschen Medienmanagern erstmalig den gewaltigen digitalen Umbruch ihrer Branche verständlich zu veranschaulichen? War es wirklich bislang so schwierig, die zukünftigen Entwicklungen dieser disruptiven Innovation zu prognostizieren und sich strategisch zu wappnen? Die fast einhellig begeisterten Rezensionen hier lassen das fast vermuten. Damit würde Nicolas Clasen – sicher ungewollt – der restlichen Beraterzunft ein Armutszeugnis ausstellen. Noch fataler wäre es, wenn man es als Eingeständnis vieler Unternehmensstrategen in den Medienhäusern interpretierte, dass sie es bis dato noch nicht begriffen hätten. Dem ist aber sicher nicht so. Herausforderungen auf strategischer Ebene liegen sicher weniger in der Erkenntnis, was auf die Massenmedien zurollt, sondern in der richtigen Wahl der Fluchtorte und des geeigneten Zeitpunktes zur Flucht. Denn jeder will noch soviel wie möglich von seinem Hab und Gut retten.

BildClasens anschauliche, kluge und eben nicht schlaumeierische Analyse sollte Proseminarlektüre in den Medienwissenschaften sein. Doch wer seit vielen Jahren in der Branche führende Managementaufgaben innehat, sollte sich einzig für die gelungene Form bedanken, aber der Inhalt sollte ihm weitestgehend geläufig sein. Der Titel des Buches ist populistisch sicher gut gewählt, doch die Tsunami-Analogie für die hier beschriebene Branche trifft aktuell nicht zu. Als Tsunami traf die Digitalisierung vor Jahren die Musikindustrie. Sie konnte sich nicht rechtzeitig vor der Welle in sicheres Terrain flüchten. Ihre Kunden waren vorwiegend Digital Natives und nahmen die Innovationen radikal und dankbar auf.

Doch die Geschäftsgrundlage von Print und TV basiert auf der noch mehrheitlichen Generation der zögerlichen Digital Inhabitants, die von ihren alten Gewohnheiten noch nicht lassen mag. Sie hängt noch an den linearen TV-Programmen, bevorzugt noch die gedruckten Tageszeitungen und Zeitschriften, auch wenn dies weder ökonomisch rational noch anderweitig von Vorteil ist. Es ist die Generation, die ein Smartphone für € 600,– als teuer erachtet, jedoch den Preis von € 2,– für eine Tageszeitung für akzeptabel hält und Zeitschriften für € 10,– und Bücherpreise von mehr als € 20,– klaglos akzeptiert. Auf diese irrationale und sentimentale Klientel kann die Medienbranche noch lange vertrauen. Deshalb findet in der Branche derzeit auch keine hektische Flucht vor einer drohenden Tsunamiwelle statt, sondern eine gemächliche Sondierung möglicher Fluchtpunkte. Der Markt erodiert nur sehr allmählich auf der Seite der Mediennutzer.

Weit mehr Gefahr lauert in der B2B-Welt der Werbekunden. Denn, wie Nicolas Clasen stupend erläutert, wird das bis heute für die Medien völlig risikolose Geschäftsmodell „der erfolgsunabhängigen Vermarktung von Werbeplätzen“ über kurz oder lang abgelöst von klar ROI-messbaren Werbeformen – Marken- und Imagewerbung eingeschlossen. Doch noch herrscht auch hier in den Führungsetagen und Entscheidungsgremien die Bequemlichkeit und Unsicherheit überwiegend digitaler Analphabeten oder Neuland-Verweigerer vor.

Eigentlich müsste die Milliarden Euro spendende Wirtschaft jubeln, dass man sie von ihrem Zwangssponsoring der Massenmedien bald erlösen wird und selbst alles daran setzen, diesen Prozess zu beschleunigen. Dass dies bislang nicht geschieht, kann man auch dem erfolgreichen Lobbying der Werbewirtschaft zuschreiben, die eine starke Allianz mit den Medien und Teilbereichen in den Unternehmen bildet. Seit Jahrzehnten bleibt die gesamte Branche einen klaren Nachweis über die Wirkungszusammenhänge ihres Tuns schuldig und steht aus wissenschaftlicher Sicht somit auf einer Stufe mit Astrologie und Homöopathie.

Doch letztendlich geht es einmal mehr um Hoffnungen die sich die Medienbranche liturgisch und selbstsuggestiv seit Jahren macht: wir werden Mittel und Wege finden, unser werbefinanziertes Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten. Doch hier liegt die Crux, die Nicolas Clasen zwar anspricht, jedoch nicht radikal in Frage stellt. Denn das Geschäftsmodell „werbefinanzierte“ Massenmedien ist schon immer ein bedenkliches Oligopol, das trotz offensichtlicher Ineffizienz fröhlich weiter agiert und solange bestehen wird, bis sich ernsthafte Alternativen ergeben. Und sobald diese vorhanden sind, wird die aktuelle Medienlandschaft doch noch von der digitalen Tsunamiwelle überrollt.

Sehr rücksichtsvoll macht Nicholas Clasen am Ende denn doch noch einem unabhängigen Qualitätsjournalismus Hoffnung, dass es tatsächlich in Zukunft gelingen könne, diesen überwiegend nutzerfinanziert zu retten. Ich bin durchaus nicht kulturpessimistisch, doch diese Hoffnung teile ich nicht. In den kommenden Jahren wird meines Erachtens Qualitätsjournalismus, der sich über Nutzer finanziert, eine kleine Nische besetzen. Jeder, der heute Publizistik studiert oder gar eine Journalistenschule besucht, sollte sich im Klaren sein dass er damit in Zukunft kaum ein sicheres Auskommen haben wird.

Über die aktuelle Situation und die Zukunft der Zeitungen hat Richard Gutjahr eine sehr spannende Debatte initiiert.

Lottospieler sind die wahren Kapitalisten und zahlen dafür Armen-Steuer.

BildAlles begann damit, dass ich mich fragte welche Analogie taugt am besten um zu erklären warum die Mehrheit der Menschen kapitalistisch ist und wirtschaftspolitisch sozialgerechte Verteilung eigentlich ablehnt. Und dann fiel mir Lotto ein.

Lotto veranschaulicht zunächst einmal – in etwas simpler Form – das irrationale individuelle Erwartungsprinzip der Bevölkerung an die Ökonomie: ich will reich werden auf Kosten der Armen. Nahezu jeder Zweite spielt mindestens einmal im Jahr. Viele spielen ein Leben lang. Zudem ist die Einführung des Lottos und viele andere Formen der Lotterie und des Glücksspiels als staatliche Einnahmequelle schon Jahrhunderte alt und international verbreitet.

Das Grundprinzip des Lottos basiert darauf, dass sich eine Gemeinschaft (Bevölkerung) zusammenfindet, die bereit ist, etwas von ihrem Besitz (Geld) in einen Topf zu geben (investieren) und den gesammelten Inhalt nach Glücksspielregeln an die Gemeinschaft neu zu verteilen. Die Regeln, nach denen verteilt wird, legt der Veranstalter (der Staat, repräsentiert durch seine mehr oder weniger demokratisch gewählten Vertreter) fest. Der Anreiz zur Teilnahme am Lotto ist die Aussicht auf einen vielfachen Gewinn. Und da es ein geschlossenes System ist, geht dieser Gewinn immer zu Lasten vieler Verlierer. Letztlich unterstützt, ja wünscht sich jeder Lotto-Teilnehmer das gern genutzte Bild von der immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich.

Betrachtet man nun die Jahrhunderte alte Feldforschung, so wird deutlich, desto höher der mögliche individuelle Gewinn beim Lotto (kapitalistische Erwartung), umso attraktiver ist die Teilnahme. Die Wahrscheinlichkeiten spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Ebenso die Tatsache, dass nur 50% des Topfes ausgeschüttet werden und der Rest (Armen-Steuer, siehe weiter unten)) in einem völlig intransparenten System verbleibt, das vorgibt, alles für gute, sinnvolle, dem allgemeinen Wohl dienende Zwecke einzusetzen. Und natürlich jenen ein Auskommen zu geben, die Lotto entwickeln und durchführen (Politiker, Staatsdiener, Beamte etc.).

Die Veranstalter sehen ihre vorderste Aufgabe darin, den größtmöglichen Anreiz zu finden, der die Anzahl der Mitspieler und die Höhe des individuellen Einsatzes optimiert. Denn primär geht es ja erst mal darum, den eigenen 50% Anteil (Steuereinnahmen) absolut zu erhöhen. Gelingt dies irgendwann einmal nicht, wird (mindestens zeitweise) der nicht ausgeschüttete Anteil prozentual erhöht (Steuererhöhung).

Die Thesen über die besten Anreizmodelle zur Teilnahme am Lotto  könnten sich unterscheiden (Wirtschaftspolitik). Doch langjährige Feldforschung hat bewiesen, dass nun mal die Mehrheit die Aussicht auf hohe Gewinne für wenige zu Lasten vieler bevorzugt. Ein Lotto, das kleine Gewinne für viele verspricht (sozialgerechtere Verteilung), ist mehrheitlich nicht gewünscht.

Diese beschriebene Analogie veranschaulicht meines Erachtens recht gut, warum sich letztlich liberale, tendenziell kapitalistische Wirtschaftspolitik mehrheitlich behauptet und jede Forderung nach  gleichmäßiger Vermögensverteilung nur eine Minderheit trägt.

Die These, dass Lottospieler wahre Kapitalisten sind, wird zudem dadurch erhärtet, dass Lotto ja nun mal kein komplexes, schwer zu durchschauendes System ist. Lotto ist sogar gegenüber der realen Marktwirtschaft und dem kapitalistischen System noch deutlich ungerechter. Denn während eine kapitalistische Marktwirtschaft real wachsen kann, Mehrwerte schafft, über deren Gewinnverteilung man dann unterschiedlicher Meinung sein kann, ist dies im geschlossenen Lottosystem für jeden offensichtlich nicht möglich. Hier wissen und akzeptieren alle Teilnehmer, dass es am Ende immer nur ganz wenige Reiche gibt die nur deshalb reich wurden, weil viele andere ärmer wurden.

Zuletzt sei noch angemerkt, dass das Klischee in Studien bestätigt wird: schwache Einkommensgruppen spielen vermehrt Lotto und die Verwendung der Einnahmen kommen nicht einmal im selben Maße diesen Gruppen zugute. Lotto ist also eine „Armen-Steuer“ des Staates. Der Staat entzieht einem einkommensschwachen Teil der Bevölkerung Geld (ca. 5 Mrd. Euro p.a.), um es (bestenfalls) dann der Gesamtbevölkerung zugute kommen zu lassen.

Alles wird gut, solange wir noch drüber lachen können.

BildHerrlich, schon auf den ersten Seiten musste ich mir ein lautes Auflachen in der S-Bahn verkneifen als ich dieses neue Büchlein von Daniel Glattauer begann. Bislang habe ich – oder besser wir – noch nicht den Notstand verspürt, eine Paartherapie zu besuchen. Deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wie authentisch der hier anderthalbstündige Verlauf ist, aber die Erzählung trifft meine Vorstellung davon. Die Dialoge sind auf jeden Fall amüsant, gut beobachtet und – trotz literarischem Feinschliff – plausibel.

Sicher liegt auch der Gedanke nicht fern, dass dies wohl das perfekte Drehbuch für einen Sketch von Anke Engelke und Olli Dietrich als therapiebedürftiges Ehepaar ist. Unschlüssig bin ich noch über die Besetzung des Therapeuten, vielleicht Bastian Pastewka. Ich denke, fast jeder, der eine langjährige Beziehung führt, findet hier einiges an eigenen bekannten Vorwürfen und Verhärtungen der Fronten wieder, auch wenn sich Glattauer eine starke dramatische Zuspitzung erlaubt.

Das Ehepaar Dorek führt laut Therapeut eine ausgeprägte Kampfbeziehung, ausgetragen mit schwerem, rhetorischem Geschütz. Besonders Joana verfügt über ein fast unerschöpfliches Arsenal an giftigen Wortspitzen und süffisanten Bemerkungen. Aber auch Valentin pariert nicht ungeschickt, mal mit Degen, mal mit Säbel. Am Ende bemerkt der Therapeut resigniert, beide beherrschten diesen kriegerischen Umgang miteinander nach all den Jahren so virtuose, dass sie die 9 Eskalationsstufen jederzeit wie eine Tonleiter hoch und runter spielen können.

Die typischen Fallstricke in Beziehungen werden schon sehr früh deutlich. Vorneweg das Bilanzieren unter Partnern: wie viel mehr Zeit wer im Alltag für die Pflichten opfert als der andere. Legt man die Bilanzen von langjährigen Paaren nebeneinander, wundert man sich immer, dass beide zusammengerechnet ca. 150% Pflichten am Tag erfüllen und jeder einzeln bestenfalls noch über 10% selbstbestimmte Zeit verfügt.

Weiter erweist sich dann die kaum noch vorhandene Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, als allmählicher Totengräber einer Beziehung. Hierfür könnte diese „Komödie“ einen ersten therapeutischen Ausweg bieten, in dem sich Paare mal auf einen gemeinsamen Abend auf der Couch einigen und sich das Stück laut vorlesen. Doch eventuell wird es manch einer am Ende doch eher tragikomisch als komisch finden.

Auf nähere inhaltliche Beschreibungen verzichte ich besser, denn man läuft sofort Gefahr, etwas vorwegzunehmen, das anderen die Spannung über den Ausgang rauben könnte. Ich hab auf jeden Fall meinen Spaß gehabt. Danke, Herr Glattauer.

Ein Hipster hätte gebloggt.

BildDanke, Herr Lehmkuhl, Sie haben mich wunderbar auf Ihre Reise mitgenommen, mich amüsiert und inspiriert.

Reiseliteratur ist ein Genre, dem ich mich bislang kaum annahm. Ich bin auch nicht reisefiebrig und gehöre zu denen, die sich gerne wochenlang anhand von Recherche und Reiseführer auf einen Trip einstimmen. Entsprechend unbedarft widmete ich mich auch der Lektüre, auf die mich ein SZ-Artikel aufmerksam machte und fand mich damit als lesender Gefährte ähnlich unvorbereitet wie Tobias Lehmkuhl am Ausgangspunkt seines Abenteuers in Istanbul.

Auch er ist weitestgehend unvorbereitet. Kein aktueller Reiseführer, kaum Vorkenntnisse über Land, Kultur und Leute, denen man später an den etlichen Stationen der Reise nachspüren könnte. Einfach viel Zeit genommen (ca. 10 Wochen ist er unterwegs), ein ausreichendes Budget und ein Ticket erworben und ab nach Troja. Von dort aus sticht Tobias Lehmkuhl nicht wie Odysseus in See, sondern reist überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln über Land und Meer entlang der Route, die Literaturforscher und Historiker hinter den Beschreibungen im Epos von Homer vermuten.

Wer nun Spektakuläres erhofft, wird nicht befriedigt. Doch häufig schmunzeln wird, wer selbstironische, locker feuilletonistische Reisebeschreibungen mag, auch wenn vordergründig weder Orte, Ereignisse noch die Begegnungen mit zahlreichen Menschen mehr als kurzweilige Anekdoten erbringen. Gleich, ob Lehmkuhl mit bauernschlauen Einwohnern, ausgewanderten Studienräten, lässigen Jungen, energischen Alten, hübschen Frauen, trunkenen Männern, schrillen Freaks, betrügerischen Kellnern, hochstapelnden Finanzexperten, gleichmütigen Rentnern, erlebnissuchenden Touristen oder selbsterklärten Touristenführern plaudert, zuviel trinkt oder zeitweilig gemeinsame Wege geht. Selbst über landschaftliche Ödnis, tröge Typen und träge Tage versteht er es mit Spannung zu erzählen, doch keine Erzählung erreicht letztlich einen überraschenden Plot. Dennoch war ich durchweg gefesselt, wie Odysseus am Mast und folgte dem Gesang durchs halbe Mittelmeer.

Lehmkuhl verwandelt seine Reisenotizen und –erinnerungen in eine geschliffene Erzählung. Ähnlich einem Maler, der zahlreiche Skizzen auf seinen Wegen sammelt, um sie später im Atelier – nach langem Verdauen der Erinnerungen – in berührenden Gemälden aufgehen zu lassen. Zudem ist er nicht von penetranter Neugier getrieben, sondern von achtsamer Aufmerksamkeit. Unter den vielen Menschen mit denen er ins Gespräch kommt waren einige – so deutet er es zumindest an – denen er insistierend so manch spannende Lebensgeschichte hätte entlocken können. Doch er hakt selten nach, schürft nicht tiefer und belässt es bei Andeutungen und knappen Vermutungen.

Die Form, die Tobias Lehmkuhl wählte darf man angesichts der heutigen multimedialen Blogger-Aktivitäten wohl fast anachronistisch nennen. Nicht einmal Fotos bereichern seine Schilderungen. Ja, wären sie denn eine Bereicherung? Ich zumindest habe sie nicht vermisst, da er mir unzählige Kopfbilder suggerierte, die sich aus seinen Beschreibungen und meinen eigenen Reiseerfahrungen mischten.

Am Ende bin ich auch sehr dankbar für das literarische Abenteuer, auf dem ich nun Weggefährte war. Von Herzen wünsche ich dem Autor und Verlag, dass mir noch einige folgen und sich auf diese ebenso anregende als auch erholsame Reiselektüre einlassen werden.

„Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“

image-9Diese von Iris Radisch zitierte Bemerkung Albert Camus, die er anlässlich des bevorstehenden Einmarsch der Deutschen in Paris gemacht habe, erfasst für mich, was ich in meiner Jugend aus seinen gelesenen Werken für mein Leben mitgenommen habe. Und das war fast vierzig Jahre danach, Ende der Siebziger. Eine Biografie von Camus zu lesen war somit für mich auch das Befassen mit meiner eigenen Biografie.

Warum liest man wohl Autorenbiografien? Sicher häufig aus dem oben genannten Grund: weil der Autor wie ein guter Bekannter, einflussreicher Lehrer oder gar Freund ins eigene Leben trat. Wenn ich heute in meinem Regal auf die roten Rücken der Rowohlt Taschenbuchausgaben von „Der Fremde“, „Die Pest“ oder „Sisyphos“ blicke, dann kann ich mich einer gewissen Sentimentalität nicht erwehren. Camus war damals einer der Autoren, der mich nach einer politischen Erweckungsphase erstmals auch zum Zweifler jeglicher Ideologien machte. Mit ihm begann meine Ernüchterung, die auf die anfänglich euphorische Suche nach Sinn und Glück versprechenden Lebensentwürfen folgte und mein Leben lang anhielt. Camus hatte also einen nennenswerten Einfluss auf meine Persönlichkeitsentwicklung.

Ebenso darf man sich fragen, warum schreibt jemand eine Autorenbiografie? Wohl überwiegend aus den selben Gründen, warum sie viele Leser lesen. Man kann also etwas vereinfacht konstatieren, dass sich beim Lesen einer Autorenbiografie zwei Seelenverwandte zusammenfinden, die über vergangene Zeiten mit einem gemeinsamen Freund plaudern. Iris Radisch hat also eingeladen und es waren schöne Stunden, die ich mit ihr und ihren Erzählungen über Albert genossen habe. Viel Unbekanntes, Interessantes und auch Amüsantes erfuhr ich über Albert. Und wie ich von einer integren Freundin erwartet habe, erfuhr ich nichts, was meinen Camus in ein zweifelhaftes Licht setzen würde. Wieder Zuhause vor dem Regal keimt dann auch die Lust, den alten Freund wieder zu treffen. Mehr habe ich von diesen gemeinsamen Stunden nicht erhofft.

Kurze Geschichte zum langen Nachdenken.

BildMir unbegreiflich, dass Yuval Noah Harari Menschheitsgeschichte bislang kaum begeistert in den Feuilletons und Literarturkritiken behandelt und gefeiert wurde. Umso erfreulicher zu sehen, dass sie zumindest bei amazon gut bewertet ist und offenbar viele Leser findet.

Besonders beeindruckt haben mich die zahlreichen Aspekte, die diese fast universelle anthropologische Einführung behandelt. Neben der biologisch evolutionären Entwicklung des Homo Sapiens wird auch dessen politische, gesellschaftliche, ökologische, technologische, wirtschaftliche und kulturphilosophische bzw. massenpsychologische Entwicklung erörtert.

Dachte ich noch nach den ersten 50 Seiten nicht viel Neues zu erfahren, durfte ich mich danach ständig eines besseren belehren lassen. Es ist ein Buch, das viele etablierte und auch neuere Weltanschauungen kräftig durchrüttelt. Gleich, ob wir theologische, philosophische und/oder ideologische Weltbilder mit uns tragen, sie alle werden als intersubjektive Fiktionen entlarvt. Das erste, was wir uns eingestehen sollten, ist, dass die Evolution nicht ziel- und zweckgerichtet ist. Der Mensch als derzeit höchster Zwischenstand einer sich ewig weiter verbessernden Evolution ist ein menschliches Wunschbild. Ein Wunschbild, dem wir gerne bereitwillig erliegen, weil es Sinn gebend ist. Die Crux jedoch bei uns Menschen ist, dass wir Ziel- und Sinnsucher sind. „Menschen haben eine Tendenz dazu, teleologische (“zielgerichtete”) Erklärungen kausalen Erklärungen vorzuziehen.“

Doch es wird noch ernüchternder, auch wenn es sehr unterhaltsam formuliert ist. Bis heute wird die darwinistisch Erkenntnis gerne mit der unkorrekten These zusammengefasst, dass letztlich der Stärkere den Schwächeren verdrängt. Wir implizieren damit üblicherweise ein „immer besser, bzw. optimaler Werdendes“ in der Evolution. Nicht zuletzt liegt dieser Einschätzung im Deutschen auch eine missverständliche Übersetzung zugrunde. „Survival of the fittest“ meint nicht „fit“ im Sinne von stark und gesund sondern im Sinne von „anpassungsfähig“.

Letztlich kommt man bei Harari zum leidenschaftslosen Befund, dass sich nicht die individualistischen, die Freiheit liebenden, wilden Spezies in der Evolution durchsetzen, sondern eben die opportunistischsten Spezies am erfolgreichsten überleben und die anderen zunehmend verdrängen. Dies gilt sowohl für die Tier- und Pflanzenwelt als auch für die menschliche Population. Um es konkret und drastisch zu sagen: zu den erfolgreichsten höheren Tiergattungen aus evolutionärer Sicht zählen Hühner, Rinder, Schafe, Hunde und Schweine. Allein 17 Mrd. Hühner schätzt man derzeit gibt es auf der Welt. Zusammengerechnet gibt es derzeit viermal so viele Haus- und Nutztiere auf der Welt wie Wildtiere. Der Preis dafür ist der Verzicht auf Freiheit und Wildheit, ja die Bereitschaft sich nahezu uneingeschränkt zu unterwerfen. Jede Tiergattung, die sich nicht opportunistisch dem Menschen gegenüber erweist, stirbt sukzessive aus oder ist zumindest der Gnade des Homo Sapiens ausgeliefert.

Doch wer nun meint, dass sich dieser tragische Opportunismus auf die Flora und Fauna beschränkt, die sich nun mal der Mensch untertan machen durfte, der muss sich gleichfalls belehren lassen, dass auch die exponentielle Population des Menschen sich im wesentlichem seiner individuellen Neigung zum Opportunismus verdankt. Der vor ca. 10.000 Jahren zunehmend sesshaft werdende Mensch versklavte sich selbst. Er gab Freiheit und eine gesündere Lebensform als Jäger und Sammler zugunsten eines trügerischen Komforts auf. Zwar wuchsen nun die Nahrungsmittel vor Ort, doch die Ernährung wurde einseitiger und dadurch mangelhafter. Er ackerte weit mehr und passte seinen Lebensrhythmus an die ständige Fürsorge seiner Nutzpflanzen und Haustiere an. Er wurde zunehmenden von Seuchen geplagt, die aus der Nähe zu den Haustieren resultierte bei dem der tierische Erreger auf den Menschen übersprang. Der Vorteil der Sesshaftigkeit war ein evolutionärer jedoch nachteilig für das Individuum: nun konnten weit mehr Kinder gezeugt werden und die familiäre Fürsorge trat an die Stelle der individuellen Freiheit. Die ehemals gebrechlichen oder schwachen Kinder und zeugungsfähigen Erwachsenen überlebten nun vermehrt in der Schutzgemeinschaft. Doch dies ging letztlich zu Lasten der materiellen Lebensqualität.

Diese Bereitschaft zur Anpassung durchzieht die gesamte Geschichte der Menschheit bis heute. Sie lässt am Ende des Buches die These zu, dass der Mensch wohl doch nicht primär ein freiheitsliebendes, sich selbstverwirklichendes Individuum ist, sondern weit mehr eine ebenso duldsame, durch stetig gesicherte Futterzufuhr sich massenhaft reproduzierende Spezies wie unsere evolutionär erfolgreichsten Nutztiere.