Wann geht in der Demokratie mal wieder die Post ab?

1-Postdemokratie

Der Begriff „Postdemokratie“ ist ein konnotatives Füllhorn für ein aktuelles Lebensgefühl vieler aus der Generation 45+: chronischer Politikverdruss verbunden mit Schüben wehmütig verklärender Erinnerungen an eine politisch engagierte Blütezeit. Schon bevor man auch nur eine Seite des Essays von Colin Crouch gelesen hat, glaubt man zu wissen, was drinnen steht. Colin Crouch bedient mit diesem 2004 in England erschienen Beitrag (2008 übersetzt von Nikolaus Gramm) die Erwartungen des vermeintlich links intellektuellen edition suhrkamp Lesers perfekt.

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Flieg, Esel, flieg!

ARD-StudieDer Legende nach war Thomas von Aquin ein naiver, weltferner Zeitgenosse und wurde deshalb von seinen Klosterbrüdern gerne verhohnepiepelt. So sollen sie einmal am Fenster stehend dem am Tisch sitzenden Thomas zugerufen haben:

„Schau mal Thomas, da fliegt ein Esel.“

Er eilte zum Fenster und erntete daraufhin jede Menge Hohngelächter. Seine anschließende Bemerkung sollte jedoch die Brüder verstummen lassen:

„Eher glaubte ich, dass ein Esel fliegen kann als das mich meine Brüder derart hinters Licht führen.“

So naiv wie dieser Thomas war auch ich. Und zwar gegenüber den Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen und großen, überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Jahrzehntelang verstand ich diese „unabhängigen“ Medien als aufklärerische Institutionen, als publizistische Vorinstanzen im demokratischen Meinungsbildungsprozess.

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Endzeit? Danke, mir reicht „Die Straße“ von McCarthy

DieStrasse

„Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?“

Diese berüchtigte Frage aus dem Fragebogen von Max Frisch hielt ich immer für eine rhetorische. Es kam mir nicht in den Sinn, dass diese Frage jemand ernsthaft mit „Ja“ beantwortet. Doch da war zunächst Jonathan Franzens „Jein“ und dann Alexander Kluges felsenfestes „Ich bin sicher.“. Und nach etwas Besinnung gestand ich mir ein, dass mein leidenschaftslos nüchternes „Nein“ wohl doch nur eine Minderheit teilt.

Interessant wäre es zu erfahren, wie Corman McCarthy die Frage wahrheitsgemäß beantworten würde. Denn das gewählte Ende seines düsteren Romans „Die Straße“ lässt die „Ja“-Sager unter den Lesern aufatmen und manchen „Nein“-Denker wie mich doch eher ambivalent und über die Aufrichtigkeit des Autors zweifelnd zurück. Doch gleich wie, das Buch wird jedem, der es zu Ende gebracht hat, unvergesslich bleiben.

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