Der Kapitalismus ist immer in Mode

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Wir wohnen in einem privilegierten Vorort Münchens. Als im vergangenen Jahr ca. 300 Flüchtlingen in der Turnhalle des Gymnasiums untergebracht wurden, spendeten wir – wie viele in unserer Gemeinde – reichlich Kleidung für Jung und Alt. Die Abgabe der Spende haben wir mit einem Besuch der provisorischen Einrichtungen verbunden, auch damit unser neunjähriger Sohn den Menschen dort direkt begegnet. Denn, wie viele Kinder, fremdelte er bei der Vorstellung, mit den Flüchtlingskindern in Kontakt zu kommen. Er war zwar sofort bereit, jede Menge von seinen Sachen zu spenden, doch die Idee, diese persönlich zu übergeben, behagte ihm zunächst nicht. Letztlich überzeugten wir ihn damit, dass wir auch einen Fußball spenden wollten und wir sicher seien, dass es da jede Menge Kinder gäbe, mit denen er dann kicken könne.

Das alles verlief überaus erfolgreich. Denn wie bei Kindern zu erwarten, war mit diesem Ball nach einer Viertelstunde jegliche Hemmschwelle überwunden. Wir blieben über eine Stunde und die Kinder verabredeten sich am Ende zu weiteren Fußball-Treffen im naheliegenden Verein. Als wir dann am Abend zusammensaßen und beim Essen über die Begegnung sprachen, überraschte mich mein Sohn mit einer naiven Feststellung, die damals wohl auch von einigen Erwachsenen geteilt wurde: die Flüchtlinge seien ja gar nicht arm. Auf meine Nachfrage, woran er das festmache, erklärte er: „Ja, die haben doch die gleiche Sachen an wie wir.“ Ich schmunzelte und sagte: „Ja klar, die tragen ja unsere Sachen, die wir gespendet haben.“

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Leben wir in einer Dystopie?

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Manch einer wird die Frage bejahen, doch die Mehrheit wird sie sicher belächeln, doch vielleicht mahnend auf die Zukunft und die aktuellen Vorzeichen verweisen. Aber hätte ein Romancier im Jahre 1985, also vor dreißig Jahren, das heutige Gesellschaftsleben, seine Umgangs- und Interaktion- und Kommunikationsformen literarisch vorweggenommen, es hätte seine damaligen Leser wohl schon etwas geschaudert. Zumindest, wenn er einen verzweifelten Antihelden kreiert hätte, der sich paranoid allen digitalen Netzwelten zu entziehen versucht, durch dessen Augen dem Leser eine Welt vorgestellt worden wäre, in der sich allerorts Kameras befinden, Menschen unentwegt über Handhelds kommunizieren, an allen Ecken Scanner und Automaten installiert sind, die jede Aktivität piepsend registrieren und protokollieren und in dessen Ohren ständig synthetische Stimmen erklingen, die einen leiten, empfehlen oder dirigieren.

Und hätte dieser Autor damals auch noch eine stille Ahnung davon gehabt, was sich kultursoziologisch alles so durchsetzt, welcher Trash gegenwärtig für die Medien produziert und gierig konsumiert wird, welche politischen Haltungen und ethisch-moralische Gesinnungen Mainstream werden und was die bevorzugte mediale Interaktion unter Menschen ist (Textmessage), so hätten ihn vor 30 Jahren vielleicht einige Kritiker als schrulligen und skurrilen Endzeit-Propheten behandelt. Und eines wäre zu erwarten gewesen: das Buch wäre kein Longseller geworden.  Weiterlesen

Was, wenn das Netz nicht Spiegelbild unserer Gesellschaft ist, sondern Röntgenbild?

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Es ist wirklich ein grottenschlecht geschriebener Roman – wie der Autor selbst ankündigt – , aber man sollte ihn unbedingt lesen. Zumindest dann, wenn man etwas über die aktuelle Befindlichkeit der USA erfahren möchte, man begreifen will, warum sich aus der „kalifornische Ideologie“ der High-Tech Elite, geboren aus Ayn Rands kruder Philosophie des „Objektivismus“, eine verheerende, bigotte Weltanschauung bildete, und wenn man derzeit ratlos ist, wie es mit diesem Internet eigentlich weitergehen soll.

Letzteres beantwortet der Amerikaner Jarett Kobek in seinem Roman „Ich hasse das Internet“ zwar nicht fortschrittlich, doch er bietet uns eine überzeugend gnadenlose „disruptive Technologie“ an:

„Büchermenschen waren die Einzigen mit dem nötigen Rüstzeug, um dem Elend des Internets zu widerstehen! Büchermenschen sind die Einzigen, die halbwegs interessant gegen das Internet angehen können.“     Weiterlesen

Auch Herr Waltz ist im postfaktischen Zeitalter angekommen

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Vor kurzem tauchte auf Facebook ein verkürztes TV Interview des ORF mit dem Schauspieler Christoph Waltz auf, in dem er zum Ausgang der US-Wahlen befragt wurde. Kern des Statements war, dass man Trump bloß nicht im Nachhinein verharmlosen solle. Dem kann man so weit nur zustimmen und deshalb wurde der einminütige, also netzwerkoptimierte Schnipsel begeistert geteilt.

Auch ich teilte den Spot, jedoch mit folgender kritischer Anmerkung:

Nichts gegen Christoph Waltz. Er ist sicher auch kein Til Schweiger 2. Aber:

Ein deutliches Zeichen für die intellektuelle Notdürftigkeit in unserer Zeit ist, dass wir in diesen Fragen Antworten von Entertainment-Prominenten bevorzugen und nicht von ausgewiesenen Gesellschaftsanalytikern.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Enzensberger, Habermas oder Sloterdijk interviewt wurden, wie sie die Premiere von „Django Unchained“ fanden.

Ich bekam daraufhin viel Zustimmung, wobei ich die „Likes“ aus Erfahrung relativiere, da einige Nutzer die Bemerkungen zu geteilten Inhalten gar nicht lesen, sondern nur auf den Inhalt reagieren. Und ich bekam, wie ich erwartet hatte, auch einige kritische und widersprechende Rückmeldungen. Weiterlesen

Wozu brauchen wir Romane?

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Es ist seit langem das Klügste, was ich über die zeitgenössische Literaturrezeption gelesen habe. Tim Parks Buch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.“ wünsche ich mir als Basislektüre für ein literaturwissenschaftliches Proseminar. Ungeeignet ist es jedoch für angehende Buchhändler, die in ihrem Glauben an den Mehrwert ihres Handelsobjektes erschüttert werden könnten. Jeder, der sich in dem Diskurs über „Literatur, Stand heute“ einbringen will, kann sich mit diesem Buch perfekt munitionieren. Denn es bestätigt sicher nicht nur viele Thesen, die man schon selbst gerne mal in den Raum stellte, sondern erweitert auch den Einblick, da Tim Parks jede Menge handwerkliche Erfahrungen aus seiner Arbeit als Romancier, Übersetzer, Literaturkritiker und Dozent einbringt.

Mit allerhand Fragen leitet Tim Parks sein Buch ein, die man sich eigentlich innerhalb eines mehrjährigen Literaturstudiums als Leitfaden aufhängen sollte. Hier eine willkürliche Auswahl: Weiterlesen

Warum sind wir heute so wie wir nie sein wollten?

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Die letzten Tage waren einen traurige Bestärkung für das, was ich seit längerem als These vertrete. Die Gesellschaft setzt sich überwiegend aus unpolitischen Menschen zusammen, die sich vor allem nur eines wünschen: gesicherten, wachsenden Wohlstand. Ethik, Moral, Gleichstellung und Minderheitenrespekt erachten sie als Gesinnungsluxus.

Nein, es ist nicht Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Da suggeriert man ja noch, es lebten große Teile in der Angst, morgen vielleicht hungern zu müssen. Alles, was heute die Leute ängstig, ist fehlende Zuversicht, ob morgen ihr bisschen Wohlstand noch gesichert ist. Und diese keimende Angst wird ihnen von einer „aufgeklärten“, zukunftspessimistischen Minderheit stetig bestätigt, die sich überwiegend in einem Milieu verortet, das davon überzeugt ist, dass man mit dem linken Auge besser sieht. Einem Milieu, mit dem ich mich verbunden fühle, wenn auch ab und an zwiegespalten.

Das Milieu aus, dem ich stamme und das ich in den Siebzigern sehr genossen habe.

Es ist das Milieu, das seit Jahren über die Grenzen des Wachstums doziert, das eine Unvereinbarkeit des Kapitalismus mit Ethik und Moral erklärt, das unablässig materiellen Verzicht und Schonung der Ressourcen predigt und jede politisch inkorrekte Entgleisung empört an den Online-Pranger stellt. Es ist das Milieu, aus dem ich stamme und das ich in den 70iger Jahren sehr genossen habe. Es ist aber auch das Milieu, das derzeit in Erwartung eines Donald Trump als US-Präsident in kreischende Panik gerät, zugleich aber nur die Schultern zuckt, wenn es erkennen muss, dass im eigenen Land tausende Türken der dritten Generation leben, die dem türkischen Despoten Erdogan huldigen und damit ihren Offenbarungseid leisten, dass ihnen die Integration hier am A… vorbei geht.   Weiterlesen

Die Räuberpistole von Leon de Winter

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Im Deutschen gibt es den sicher nicht leicht zu übersetzenden Ausspruch „Räuberpistole“. Eine „unglaubliche, haarsträubende Geschichte (die jemand als wahr präsentiert)“ erklärt Wikipedia.

Exakt das ist es, was uns Leon de Winter in seinem neuem Roman „Geronimo“, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers übersetzt, auftischt. Allzu viel darf man über den Inhalt nicht kolportieren, wenn man die Pointen und verteilten Spannungsbögen einem zukünftigen Leser nicht versauen will. Weiterlesen

„Musik ist Sehnsuchtsort.“ Kent Nagano

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Ich bekenne, dass ich Analphabet bin, und zwar ein musikalischer. „Musikalischer Analphabetismus – was für ein bedrückend hässlicher Begriff.“ bemerkt Kent Nagano und ich gebe ihm Recht. Ich schäme mich nicht dafür, doch ich bedauere es. In meiner Familie wurde rundweg unterstellt, wir seien alle unmusikalisch und meine Schulbildung in den 70igern war diesbezüglich derart desolat, dass ich erst mit 15 von einer Musiklehrerin entsetzt entlarvt wurde, dass ich keinerlei Noten lesen kann, geschweige irgendein Instrument rudimentär beherrsche. Daran hat sich zwar bis heute nichts geändert, doch ein Leben ohne Musik, ernste und unterhaltende, wäre mir unvorstellbar.

Ein Drittel der Menschen sollen von Musik emotional nicht zu berühren sein. Musik-Anhedonie wird das genannt. Und ein zweites Drittel empfindet zwar etwas, doch offenbar keine größere Erregung. Nur das letzte Drittel ist deutlich bewegt. Ich darf mich zum Glück diesem Teil zu rechnen. Musik bewegt, berührt, beglückt, berauscht, beflügelt, ergreift mich. Und dies ist auch das einzige, was es braucht, um sich von Kent Nagano im Konzertsaal und auch von seinem Buch mitreißen zu lassen. Weiterlesen

Fünf Sterne für ein Arschgeweih

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Bücher zu besprechen resultiert nicht selten aus der Intention, sich nicht mehr nur zu fragen, was einem gefällt, sondern warum einem ein Buch gefällt. Und dieses „warum“ zu erfassen, es kritisch zu hinterfragen und die Essenz dann auch noch in adäquate Worte zu packen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. An der Mühe und Anstrengung, die wir dafür aufwenden, lässt sich die Ernsthaftigkeit bemessen, mit der wir ein plausibles Urteil finden wollen.

Geschmacksdebatten entzünden sich vordergründig zwar gerne an den Urteilen, doch eigentlich kritisieren wir die unterstellte fehlende Mühe, sich mit dem Gegenstand der Kritik zu beschäftigen. Umso intensiver wir uns einem Gegenstand widmen, desto weniger tolerieren wir unbegründete Geschmacksurteile von anderen. Besonders, wenn es sich um ästhetisch so „komplexe“ Dinge wie Literatur, Musik, Kunst, Architektur und ähnliches handelt, lehnt der Kulturbeflissene jegliches Bewertungssystem ab, das nur simple binäre (Daumen hoch, Daumen runter) oder auch etwas graduellere (5 Sterne) Geschmacksurteile anbietet.

Doch im Leben wird die Mehrzahl tagtäglicher Geschmackurteile überwiegenden von unserem „adaptivem Unterbewussten“ binär getroffen: gefällt oder gefällt nicht. Woher dieses Unterbewusste seine „Kompetenz“ bezieht, ist eine der Kernfragen, denen der US-Journalist und Buchautor Tom Vanderbilt nachgegangen ist. Er hat zahlreiche Antworten erhalten und diese in seinem Buch „Geschmack – Warum wir mögen was wir mögen“ im Stil einer Reportage ebenso amüsant wie interessant vorgestellt.

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Das Buch hat das Zeug dazu, für den „Geschmack“ das zu sein, was für das „Denken“ Kahnemanns „Langsames Denken, schnelles Denken“ ist. Sicher, es ist nicht populärwissenschaftlich, da Tom Vanderbilt keine ausgewiesener Experte ist, doch es bietet mit seinen umfangreichen Recherchen und gesammelten Aussagen von führenden Forschern, Soziologen und Philosophen sowie seinen zahlreichen Anmerkungen in einem fast hundertseitigem Anhang jede Menge Futter zum Einstieg in das Thema.

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Über die Würde des Menschen ist zu diskutieren. Von Schirachs „Terror“

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Am Montag, den 17. Oktober, wird die TV-Produktion des Theaterstücks „Terror“ im ARD ausgestrahlt. Es ist zu wünschen, dass es ein Blockbuster wird. Bislang wurde das Stück sehr erfolgreich auf vielen nationalen und auch internationalen Theaterbühnen aufgeführt. Eine sehr außergewöhnliche Zuschauerreaktion gab es offenbar in Japan.

Ich habe Ferdinands von Schirach Justizdrama bislang nur gelesen. Und im Gegensatz zu Rechtsexperten wie Gerhard Baum und Burkhard Hirsch bin ich beeindruckt und begeistert. Die Herren Baum und Hirsch tappen meines Erachtens mit ihrem Lamento gegen die Aufführung des Stückes in ihre Expertenfalle, wenn sie dem Bürger hierfür einfach unzureichendes Urteilsvermögen attestieren. Denn in dem verhandelten Fall geht es nicht nur um eine juristische Klärung, sondern weit mehr um eine ethisch-moralische Standpunkt-Diskussion in unserer Gesellschaft. Weiterlesen