Notizen zur Selbstbedienung (3)

Notizen zur Selbstbedienung (1)

Notizen zur Selbstbedienung (2)

Berge & mehr, wie z. B. ein ganzes Leben.

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Ausschnitt aus Luis Trenker Film „Duell in den Bergen“

Der Kurztext für Nervöse, die wissen wollen, ob Robert Seethalers Roman „Ein ganzes Leben“ lesenswert ist, lautet: Ja, aber nicht für Euch.

Die beschriebene Lebensgeschichte des Sonderlings Andreas Egger, der Anfangs des 20. Jahrhunderts als Waisenkind in die Berge zu verwandten Bergbauern entsendet wird und dort auch knapp achtzig Jahre später unbemerkt stirbt, kann wohl nur wertschätzen wer noch zur Hingabe fähig ist. Ich weiß, „Hingabe“ ist ein antiquiertes Wort, das heute allenfalls noch in Werbetexten für esoterische Äthermusik angewendet wird. Hingabe meinte einmal die Fähigkeit, sich mit allen Sinnen voll und ganz auf etwas einzulassen, sich von Raum und Zeit entrückt einer Sache gänzlich zu widmen. Das ist in unseren Multitasking geschulten Zeiten viel abverlangt. Weiterlesen

Notizen zur Selbstbedienung (2)

Notizen zur Selbstbedienung (1)

Notizen zur Selbstbedienung (3)

Die Zukunft des Buchhandels: bei Osiander in die Lehre gehen.

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Bildquelle: ink eats man

Wer meinen Beitrag „Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon“ gelesen hat, wird sich jetzt vielleicht etwas wundern. Dort bin ich nämlich mit Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und einer von drei Geschäftsführern der Buchhandelskette „Osiander“  hart ins Gericht gegangen. Seine unterschwellige Botschaft an den Buchhandel war mir zu rückgewandt. Sie repräsentiert für mich eine antiquierte, ritterliche Haltung, die im Markt nur verlieren kann, da sie einzig mit einem Feindbild argumentiert: Wir sind die Guten und die Online-Händler die Bösen. Und das würden die Kunden mehr und mehr auch merken.

Vor kurzem bin ich dann auf ein Interview mit seinem Neffen Christian Riethmüller aufmerksam geworden. Er ist in dem traditionsreichen Familienbetrieb ebenfalls Geschäftsführer. Seine ausführlichen Antworten auf die Fragen zu den Herausforderungen des zukünftigen Buchhandels vermitteln mir eine fast diametrale Haltung. Das Interview dokumentiert mir aber auch, dass man immer den Kontext erweitern muss, um einzelne Aspekte besser  bewerten zu können. Das ausführliche und kritische Gespräch führte Alexander Graf (Kassenzone) mit ihm.

Jedem, der im stationären Buchhandel seine Zukunft sieht, kann ich nur empfehlen, sich diese knapp 24 Minuten anzuschauen.

Danke, so muss man meines Erachtens im Buchhandel denken. Dann klappt´s auch mit der Zukunft.

Hier gleich der Link zur sehr gut bewerteten App von Osiander.

Social Reading. Was ist das denn für `nen neumodischer Kram?

IMG_0736Es ist vorbei. Zumindest die Premiere des SZ-Lesesalons. Dirk von Gehlen hatte eingeladen und mehr als gedacht wollten dabei sein, sodass man die Liste der Gäste per Los auf Hundert beschränkt hatte. Ich war einer davon.

Ja, letztlich waren wir – zumindest nach meinem Gefühl – Gäste. Gäste einer Veranstaltung, bei der wir uns selbst bewirteten (ich meist mit einem Glas Rotwein) und mit Laptop oder Tablet auf dem Schoß aktiver Teil eines interessanten Experimentes der Süddeutschen Zeitung waren: dem Verfassen einer Buchrezension unter Teilnahme von hundert kritisch kommentierenden Lesern.

Zaungäste gab es keine. Denn nur wir konnten auf die Plattform DBook zugreifen, auf der wir dann gemeinsam lesend das neue Opus von Chris Anderson„Makers“ absatz- und kapitelweise kommentierten. Das begann sehr munter. Deutlich mehr Onliner als man gemeinhin bei solchen Aktivitäten vermutet, machten ausführliche Randbemerkungen. Sie waren durchweg anregend und geistreich, selten ideologisch schattiert oder gar polemisch. Letzteres war nach längerer Lektüre gar nicht so einfach.

Literatursalon2Nach wenigen Kapiteln kamen wir Gastleser ziemlich einhellig überein, dass dieses Buch bzw. dieser digitale Text schwach ist. Ich finde es typisch amerikanisch-enthusiastisch verfasst. Und es dient meines Erachtens einzig zur Vermarktung einer kaum fundierten These. In Zukunft würden tausende von kreativen Köpfen am PC alleine und in virtuellen Netzwerken weltweit vereint die Dinge des Lebens entwerfen und im besten Fall auch gleich am heimischen 3-D-Drucker produzieren. Das ganze läutet für Chris Anderson gleich nichts Geringeres als die 4. industrielle Revolution ein. Wie sich schon Jahre zuvor die Longtail-Theorie von Anderson im nachhinein als kaum ökonomisch relevant erwiesen hat, so erachte ich auch diese These für viel zu steil.

Etwas Polemik muss ich hier schon vorwegnehmen. Dieses Buch sollte meines Erachtens in Baumärkten und bei Elektronik Conrad vertrieben werden. Es wäre ein ideales Weihnachtspräsent für die Stammkundschaft. Vor den Projektmeistern und Tüftlern habe ich großen Respekt. Nach der Lektüre werden sie womöglich dieses erhebende, pathetische Gefühl ihres Tuns tatsächlich verspüren, das uns Hornbach seit Jahren über die Werbung penetriert. Doch bei mir persönlich regte sich da nichts.

MakersUnter den Gästen des SZ-Lesesalons wuchs im Verlauf der Lesung der Anteil derer der die gemeinsamen Randbemerkungen interessanter fand als das Buch. Einige wurden recht deutlich und erklärten nach Beenden des ersten Teils, dass sie alleine jetzt das Buch bestenfalls noch quergelesen hätten, aber wahrscheinlicher doch eher endgültig zugeklappt. Ob sich einige „französisch“ aus dem Salon verabschiedeten, vermag ich nicht zu beurteilen.

Die bis zum Schluss dabei geblieben sind gaben alle ihr bestes, um zu einer unterhaltsamen und anregenden Veranstaltung beizutragen. Doch das war gar nicht so einfach, wie sich das mancher erhofft hat. Die Plattform ermöglicht nur ein chronologisches Kommentieren und – wohl der Übersicht halber – keinen direkten Bezug bzw. keine Antwort auf einen bestehenden Kommentar. Dies führte dann doch eher zum Monologisieren.

Betrachtet man die Rolle des Gastgebers Dirk von Gehlen, so war es für ihn meines Erachtens eine enorme Herausforderung, dem Wunsch nach Gehör gerecht zu werden. Als Hausherr der Veranstaltung ist man ja immer bemüht, allen Gästen die gleiche Beachtung zukommen zu lassen. Eine diffizile und manchmal undankbare Situation.

Auch wenn am Ende der Veranstaltung die aktive Teilnehmerzahl schwand so bildeten die Übriggebliebenen dann aber auch den harten Kern. Wir waren die, die sich im wahren Leben zum Ende einer Party gerne in der Küche einnisten und noch stundenlang Weltbewegendes initiieren möchten. Doch der Gastgeber hatte einen Job zu erledigen. Und den erfüllte er dann doch weit gehend allein.

Der wohl etwas unbefriedigende Alleingang des Verfassens einer Kritik behagte nicht allen, obwohl es rückblickend sicher kaum einen gangbareren Weg gegeben hätte. Auch wenn wir den Text kommentieren konnten – umformulieren, ergänzen und redigieren können ihn weder hundert oder auch nur zehn Teilnehmer meines Erachtens nicht.

Es ist wohl müßig zu spekulieren, ob nicht hundert individuell verfasste Kritiken ergiebiger wären? Wenn überhaupt, dann wohl nur, wenn auch unabhängig voneinander gelesen wird. Denn das gemeinsame Kommentieren entwickelt unvermeidlich eine gruppendynamische Tendenz, sodass die Meinungsvielfalt sich zunehmend einschränkt. Das ist für mich sicher der kritischste Aspekt bei dieser neumodischen Art des social readings.

Aber es gibt noch andere Spielarten, die man z. B. auf goodreads oder wattpad verfolgen kann. Auf letzterem finden sich viele (junge) Autoren, die zum Mitlesen, Liken und Kommentieren ihrer Geschichten einladen, die sie netzoffen Stück für Stück verfassen. Jochen Möller lud mich einmal dazu ein. Es ist ein interessantes Konzept und illustriert ein wenig die Zukunft der Literaturformen und derer Entstehungen, die Dirk von Gehlen in seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ vorstellt.

Abschließend stelle ich für mich fest: so ein Salon in der virtuellen Welt ist eine feine Sache. Für mich jedoch Sachbüchern vorbehalten. Belletristisches werde ich bis auf weiteres noch alleine lesen und resümieren.

Über eine Gästeliste hätte ich mich noch gefreut, auf der man sich optional etwas näher vorstellen kann. Denn es waren doch viele interessante Leute im Salon mit denen man gerne in losem oder näherem Kontakt bleiben würde. Vielleicht kann man das noch im Nachhinein einrichten und für die Zukunft ergänzen, z. B. mit einer Twitterliste bei Dirk von Gehlen.

Der SZ, Dirk von Gehlen und Fortuna danke ich noch mal herzlich, dass ich bei dieser Premiere dabei sein konnte. Und allen anderen Teilnehmern für ihre interessanten Beiträge.

Die Rezension erschien in der SZ vom Freitag, dem 14. November, und findet sich online hier.

Die Kurzbeurteilungen einiger Teilnehmer findet man hier

Und über seine Sicht des Experiments spricht Dirk von Gehlen hier.

Nachtrag vom 18.11. die NZZ berichtet über das Experiment und dem aus Ihrer Sicht denn doch eher enttäuschendem Endergebnis, der gedruckten Rezension in der SZ. Sie spiegelt damit sicherlich wider, was wohl viele Leser und auch Teilnehmer dachten: irgendwie hatten wir am Ende mehr erwartet.

Was man aber konkret mehr erwarten könnte und ob das dann für die Leser der abschliessenden Rezension noch relevant ist, darüber müsste man sich sicher noch mal intensiver austauschen.

Lokaler Einzelhandel – Abgesang oder gibt es noch Zukunft?

Auf meinen Blogbeitrag „Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon.“ bekam ich heute von Frank Martin einen sehr nachdenklich machenden Kommentar mit diesem abschliessenden Link zum Video, das die Misere des lokalen Einzelhandels auf sehr liebenswürdige und auch selbstbewusste Weise dokumentiert.

Meine Antwort darauf war der Versuch, den Widerstandsgeist gegen das Unvermeidlich in ein andere Richtung zu lenken. Denn ich bin weiterhin überzeugt davon, dass man die miserable Situation nur ändern kann, wenn der Handel Konzepte findet, die die Kunden begeistern und gewinnen. Gänzlich verlieren wird man m. E. langfristig, wenn man auf moralische Appelle zur Rückkehr in die alte Form des lokalen Handels setzt.

Meine Antwort:

Herzlichen Dank Frank Martin für den Beitrag und auch den Hinweis auf das berührende Video. Habe es gleich mal mit dem Kommentar “Händlerleidenschaft in Gera. Abgesang oder doch noch eine Zukunft?” getwittert. (Nachtrag: hat keinen interessiert.)

Sie haben vollkommen Recht mit Ihrer Einschätzung. Wie ich ja schrieb, ist der Drang zur Monopolisierung allen Märkten inhärent. Auch vor dem Internet gab es das im Film beschriebene Phänomen. Damals waren es die Großmärkte, die die Menschen zunehmend in die Aussenbezirke lockten und die verdrängenden Filialisten, die heute jede Einkaufszone in deutschen Städten ab 100.000 Einwohner gleich aussehen lässt. Das Netz und der damit verbunden eCommerce ist nun die nächste Stufe, die aber deutlich schneller genommen wird.

Bitte nicht missverstehen: ich beschreibe es ganz nüchtern, auch wenn ich mir emotional wünsche, dass die lokale Infrastruktur lebendig bliebe und dort Menschen ihr Auskommen erwirtschaften können. Doch das werden nicht die Händler sein, die den Erhalt des Status quo wünschen und mit Appellen hoffen, das Konsumentenverhalten wieder zurückdrehen zu können. Sie müssen mit neuen Ideen und Geschäftsmodellen in die Innenstädte gehen. Niemand kann voraussehen, wie die Innenstädte in 10 bis 20 Jahren genutzt werden bis auf eins: sicher nicht mehr so wie früher oder heute.

Dass Städte und Kommune ebenfalls ihren Anteil an der wachsenden Leblosigkeit in den Innenstädten haben, steht auch für mich ausser Frage. Und auch der Staat, wie beschrieben, könnte steuerlich förderlicher für den kleinen Handel sein.

Die sehr sympathischen Porträts im Film decken sich nicht mit dem allgemeinen Händlerbild, dass die meisten Menschen im Kopf haben. Die letzten Jahrzehnte hat sich der Handel immer weiter selbst optimiert. Und das gipfelt für mich derzeit im Discountbäcker. Zudem – und das halte ich für ein ganz entscheidendes Kriterium – ist das Gesamtbild des stationären Handels nicht von wachsendem zwischenmenschlichen Vertrauen geprägt. Der stationäre Handel hat seine Kunden über Jahre zu Preisentscheidern erzogen. Alles, was Vertrauen hätte schaffen können, hat er weggespart: Präsenz und Kompetenz von Mitarbeiter, Kulanz, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Service, Loyalitätsangebote etc. Das mag im Einzelfall nicht so sein, doch das Branchenimage trifft nun mal alle. (Auch einzelnen gute Banker können das Image der Finanzbranche nicht verbessern.)

Ich bin überzeugt, dass man im stationären Handel viel radikaler seine Geschäftsmodelle und Angebote überdenken und ausprobieren muss. Einfaches Beispiel sind Ladenöffnungszeiten. Wer braucht denn dringend einen geöffneten Laden am Vormittag? Warum nicht am Wochenende fast rund um die Uhr aufmachen? Samstags Abend auch mit ein paar Läden und der Gastronomie gemeinsame Events machen. “Schau Dir das Rad mal in Ruhe an, ich hol uns mal zwei Bier” könnte der Fahrradhändler dann sagen. Sonntags kann man Frühschoppen oder Brunchen und dabei mal jede Menge Fotos mit der möglichen neuen Kamera knipsen. Die Bilder gibt es dann gleich auf einer CD mit, auch wenn die Kamera noch Bedenkzeit braucht. Und im Spielwarengeschäft machen sie Brettspiel-Turniere, die auch mal durch die ganz Nacht gehen können. Vielleicht macht man bald jedes Wochenende ein Innenstadt-Spektakel und lasst dafür die Läden unter der Woche bis 12.00h zu.

Sie denken vielleicht jetzt, ja lustig, aber nur Spinnerei. Genau. Darum geht es. Nur Spinner werden im stationären Handel etwas erfolgreich Neues für die Zukunft finden, was gegen die aktuelle eCommerce und Grosshandelsmacht bestand haben kann. Jeff Bezos war vor 20 Jahren auch so ein Spinner, den alle belächelt haben, als er anfing Bücher rund um die Uhr vom Kunden selbst elektronisch bestellen zu lassen.

Daraufhin gab mir Frank Martin diesen nachfolgenden Kommentar, der mich jetzt sehr über eine weitere Antwort grübeln lässt.Vielleicht könnt Ihr mich mit Erfahrungen, Beispielen oder Ideen unterstützen, wie er und die anderen Einzelhändler denn nun weitermachen sollen.

Kommentar von Frank Martin:

Vielen Dank für das Feedback zu meinem Kommentar! Vieles ist richtig, es werden auch viele Einzelhändler (wie schon immer) neues ausprobieren und auch Ideen haben. Trotzdem wird es blutig!

Und erst wenn alles am Boden ist, wird sich vielleicht wieder hie und da eine interessante Oase entwickeln. Diese wird aber nicht die Kraft haben, die ganze Wüste zu begrünen.

Vielleicht kommt uns ja auch eine riesige Weltwirtschaftskrise zuvor und macht nicht nur die Kleinen platt. Die “Chance” besteht, daß die riesige Blase platzt und die vielen verwöhnten und degenerierten Bewohner der westlichen Welt ganz brutal auf den harten Boden zurückholt.

Aber zu paar Inhalten des Kommentars:

Vormittag schließen :-)
In meinem Unternehmen ist der Vormittag noch wichtiger als der Nachmittag, wo manchmal gar nichts mehr los ist – in der ganzen Kleinstadt.
Aktionen kann man machen, sie arten aber zu oft in Aktionismus aus.Ich habe nix dagegen, mal z.Bsp. einen Lichtlabend zu machen. Oder ich mache jetzt eine Weihnachtsmarktsaktion aktiv mit. Habe dazu auch eigene Ideen mit einbringen können. Abgesehen davon betreiben wir auf einem anderen Weihnachtsmarkt eine Bude mit einem guten Kerzensortiment – seit vielen Jahren. Das kostet schon alles mächtig Zeit, viel Vorbereitung , für einen schmalen Gewinn.

Wochenende offen: alles schon probiert. Das ist jetzt nur meine Momentaufnahme speziell hier vor Ort, aber ich habe auch von vielen anderen Kollegen und Branchen erfahren, dass es vielerorts nicht funktioniert.

Bei mir ist Sa. ab 12 Schluß. Es kommt dann aber auch keiner mehr (als länger öffnen versucht und propagiert wurde) , aber nicht selten habe ich am Nachmittag noch Termine im Fotostudio. Da kann ich einen offenen Laden nicht noch zusätzlich brauchen. Welches Personal soll ich dazu zusätzlich noch reinstellen, wer soll es bezahlen, unter der Woche brauche ich mein Personal dringender.

Sonntag offen:“am siebenten Tag sollst Du ruhen” so oder ähnlich steht es in der Bibel. Gegen diesen Sonntagseinkaufswahn hab ich generell was, nicht nur aus religiösen Gründen. Irgendwann muss auch mal “runtergefahren” werden. Natürlich gibt es Berufe (teilweise auch meiner als Fotograf) wo Sonntags gearbeitet werden muss. Aber der Konsumterror der heute vom Stapel gelassen wird, sollte auch mal eine Pause einlegen. Im Sinne der Familien, die mal gemeinsam mit der Mutti (Frauen sind ja viel im Handel tätig) in die Natur gehen sollten, mal eine Gaststätte besuchen (der Wirt will auch leben) oder ein Museum, vielleicht auch am vormittag in die Kirche gehen oder was anderes für die Seele tun.

Natürlich bin ich da nicht so radikal, als daß man das nicht mal machen kann – machen wir auch 2-3x im Jahr , aber brachte hier meist nicht viel. Retten wird es die Situation nicht.

Wenn Branchen wegbrechen, neben Dir Geschäfte schließen, wieder mal eine riesige Baustelle in der Stadt ist oder in jeder Richtung Straßenbaustellen sind, da hat man keinen Einfluß drauf und das wirft das kleine Geschäft zurück oder zerstört die Existenz.

Ich habe jetzt bewußt mich nur zu kleineren, regionalen Geschäften geäußert. Filialisten interessieren mich nicht, die können auch gern wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind … Auch die können pleite gehen wie Schlecker.

Soviel wollte ich eigentlich jetzt gar nicht dazu schreiben. Habe ja noch etwas zu tun und auf einen Geburtstag will ich auch schnell noch.

Es gäbe da noch viel dazu zu philosophieren oder zu berichten. z.B. Beratungsklau im Vor-Ort-Handel und dann Kauf im I-Net, bloß weil marginal billiger etc.

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Notizen zur Selbstbedienung (1)

Notizen zur Selbstbedienung (2)

Notizen zur Selbstbedienung (3)

Ich habe einen Traum.

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Quelle 123RF

Seit Monaten weiden sich die öffentlich-rechtlichen Medien darin, das Dahinsiechen des Handels und der heimischen Old-Ökonomie aufgrund grassierender Amazon & Co. Epidemie regelmäßig zu dokumentieren. Mit unzähligen Reportagen über ausbeuterische Arbeitsbedingungen der Neuen, unmoralische Steuertricks und unlautere Geiselnahmen deutscher Verlage und Autoren ringt man dem Publikum zwar jede Menge Empörung ab, jedoch sonst eben nix.

Ein mehr oder weniger smarter Oliver Samwer (Zalando & Co. Investor) und seine Start-Ups werden mehrfach vor dem anstehenden Börsengang portraitiert. Zwar immer mit dem typischen moralinsauren Unterton eines öffentlich-rechtlich abgesicherten Journalisten, jedoch doch für alle auch fatalistisch spürbar, dass dies wohl die Unternehmertypen der Zukunft seien.

Was ich jedoch nicht sehe sind Menschen, wie Ocelot-Gründer Frithjof Klepp oder Mutterland-Gründer Jan Schawe oder Sara Wolf, Gründerin von Original unverpackt oder Chalwa Heigl, Gründerin der Gugl Manufaktur, die mir spontan einfallen, wenn ich mir eine Handelswelt von Morgen vorstelle. Sicher könnten wir gemeinsam diese Liste noch um zig weitere mutige Geschäftsgründer erweitern, die sich mit Leidenschaft dem Handel der Zukunft widmen. Doch egal wie lang die wird, Portraits in den öffentlich-rechtlichen Hauptsendern werden nie von ihnen auftauchen.

Was ich mir aber zum hundertsten Mal anschauen soll und nicht mehr mache, sind Talkshows, in denen immer die gleichen Hornbläser sitzen, die uns vor der globalen Macht weniger Konzerne, der schrecklichen Monopolisierung, den Datenkraken und einer finanzkapitalistischen Feudalherrschaft warnen.

Ich habe einen Traum.

Ich sehne mich nach Sendungen zur besten Sendezeit in ARD und ZDF in der Qualität des literarischen Quartetts zurück. Oder wenigsten eine auf einem Level von Elke Heidenreich, deren Welt verbesserndes Pathos mich zwar manchmal nervte, doch wenigsten kam da echte Begeisterung ins Haus. Begeisterung für Literatur. Und diese Sendungen werden nicht im Studio, Wüsten oder Foyers aufgezeichnet, sondern in attraktiven Buchhandlungen, neuen Ladenkonzepten oder faszinierenden Handwerksbetrieben.

Ich träumte davon, dass Denis Scheck nicht mehr nach Kalifornien, New York oder Australien reist, sondern das ganze Jahr durch Deutschland tourt und in jeder Sendung eine Buchhandlung vorstellt. In der trifft er mit Autoren und Buchhändlern zusammen und vielleicht auch dem einem oder anderen Feuilletonisten oder Blogger und gemeinsam hecheln Sie uns nicht die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste durch, sondern empfehlen uns jeweils 5 Bücher, die sie aktuell begeistert haben.

Ich habe einen Traum.

Ich stellte mir vor, wie das blaue Sofa des ZDF wöchentlich durch Deutschland tourt, Autoren besucht und mit ihnen in ihre Lieblingsbuchhandlung marschiert. Dort plaudern sie über das neue Buch, das Lesen an sich und am Ende greifen sie einfach ein paar ausgewählte Bücher aus den Regalen und empfehlen Sie.

Ich habe einen Traum.

Thea Dorn geht gemeinsam mit Sybille Berg in verschiedenen Buchhandlungen einer Stadt shoppen. Jedes mal darf eine für die andere ein Buch kaufen. Mal lässt man sich was vom Händler empfehlen, mal sucht man selbst etwas aus. Und am Ende plaudert man noch, was man gut und was man nicht so dolle in den Buchhandlungen fand.

Ich habe einen Traum.

Da gab es Sendungen über Deutschlands beste Entrepreneure, da gab es Übertragungen von der Verleihung der Verlagspreise für die mutigsten Veröffentlichungen, da gab es Effies für die besten Popup-Stores, da gab es die goldene Thalia für die besten Theaterbühnen und da gab es Talkshows, in denen Menschen begeistert davon berichteten, wie aus einer Idee ein Lebenswerk wurde.

Die Realität sieht im Moment für mich anders aus. Begeisterung für Kulturelles muss ich mir bei den privaten TV-Sendern abholen. Die machen Casting-Shows für Musik, Entertainment, Tanz, Kochen etc. Das ist zwar nicht unbedingt die Kunst, die ich persönlich schätze, doch zweifellos berührt es mich, wenn tausende jungen Menschen ihren Mut zusammennehmen, um ihren Traum vom Entertainer wahr werden oder platzen zu lassen.

Die Privaten TV-Sender haben deutlich mehr verstanden, dass wenn man was bewegen will, es darum geht, den Menschen Enthusiasmus, Mut und Begeisterung ins Haus zu senden. Das Scheitern ist da auch inklusive, doch am Ende haben alle dazu gelernt und freuen sich auf die nächste Show.

Aber bei den öffentlich-rechtlichen träume ich wohl besser weiter.

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„Die Invasion der Barbaren“

Bild aus dem Computerspiel "Diablo 3"

Bild aus dem Computerspiel „Diablo 3“

Wann immer ich auf die wachsende Schar von Kulturpessimisten treffe, die unsere Kultur für ebenso bedroht erachten wie unsere Natur, schüttelt es mich ein wenig. Nicht immer willkommen entgegne ich gerne: Unsere Generation wird sicherlich nicht zu der auserwählten zählen, die den Zenit der Kulturgeschichte erleben durfte. Noch viele weitere hunderte Jahre wird es unzählige Werke der Kunst, Musik und Literatur geben, die es wert sein werden, gesehen, gehört und gelesen zu werden.

Kultur ist traditionell schon immer bedroht. Und die Einschätzung über das Ausmaß ihrer Bedrohung korreliert sehr eng mit unserem Lebensalter und dem Durchschnittsalter der Gesellschaft. Wer über dieses Phänomen nicht staubtrocken belehrt oder bierernst am Stammtisch mosern möchte, dem lege ich das Buch „Die Invasion der Barbaren“ von Christian Demand ans Herz.

Christian Demand ist seit 2012 Herausgeber der Kulturzeitschrift „Merkur“ und dafür akademisch umfassend vorgebildet, auch wenn er sich in seiner Jugend begeistert dem Medium Fernsehen zuwandte. In aller Bescheidenheit fühle ich mich geistesverwand mit Christian Demand nachdem ich die sechs versammelten Essays und den abschließenden, sehr amüsanten und völlig frei nutzbaren Kunstkatalogtext las. Für letzteres lohnt es sich also schon mal für alle Galeristen und Kunstausstellungsinitiatoren das Buch zu erwerben.

Um an dem Buch ähnliches Vergnügen zu haben wie ich, ist es wohl hilfreich, eine Melange aus Intellektualität und Witz für möglich zu erachten und sie auch zu schätzen. Sein Stil ist wirklich geistreich und nicht vom Pathos eines Schöngeistes gefärbt. Sehr klar und nüchtern holt er die heilsversprechende Vergötterung kulturellen Schaffens auf den Erdboden. Der Erdboden ist es ja auch, dem wir das ursprüngliche Wort „Kultur“ verdanken: vor Jahrtausenden begannen die Menschen mit der Kultivierung der Natur. Natur und Kultur sind eben Antagonisten.

Kultur ist wider die Natur.

Um an dieser Stelle noch einem möglichen Missverständnis vorzubeugen, möchte ich anmerken, dass weder Christian Demand noch ich gegen den Reichtum an Kultur, noch prinzipiell gegen eine subventionierte, mäzenatische bzw. private und staatliche geförderte Kultur argumentieren. Mir zumindest geht es vielmehr um mein Eingeständnis, dass ich die Vielfalt an Kultur, die ich genießen kann, als außerordentlichen individuellen Luxus empfinde. Sie ist mein Porsche, meine Rolex, mein Urlaub auf den Seychellen und darf damit ebenso mit Neid und Missgunst gestraft werden.

Mit dem Begriff „Kultur“ konnotiert die gebildete Gesellschaft reflexartig immer etwas immens Positives, Erhaltenswertes, ja Unverzichtbares. Daher wird das Kompositum „-kultur“ rhetorisch gerne von allen eingesetzt, um jeglichen Widerspruch ihres konservativen Wunsches dem Verdacht des Unkultivierten, Barbarischen und Zerstörerischen auszusetzen. Auch wenn der inflationäre Einsatz (Esskultur, Gesprächskultur, Briefkultur, Volkskultur, Filmkultur, Unternehmenskultur, Popkultur, Fernsehkultur, Wein- und Bierkultur, Druckmedienkultur, politische Kultur, Streitkultur, Spaßkultur Erinnerungskultur, Handwerkskultur, Konsumkultur, Spielekultur etc.) heute skeptisch stimmen müsste, kann der Bezeichner jedoch immer noch auf diese Finte setzen.

Dazu schreibt Christian Demand: „Man kann sich über Kulturfundamentalismus lustig machen, aber er bleibt eine ernste Sache, denn im Namen der Kultur werden Unfehlbarkeitsatteste ausgestellt, und man tut so, als werde der einzelne von seiner Kultur wie von einem gültigen Paraorganismus umschlossen.“

Heute ist die höchste Kunst in der Kunst die Überzeugungskunst.

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Kein Vandalismus, sondern Gemälde von Fontana.

Die neuere Kunstgeschichte und die zeitgenössische Kunstkritik verfügen über keinerlei objektive Normen und Kriterien, anhand deren sie ihren Gegenstand für Dritte nachvollziehbar beurteilen könnten. Einschätzung, Wertungen und Urteile nicht nur über die Qualität von Kunst, sondern, ob etwas überhaupt Kunst ist, sind völlig willkürlich und subjektiv. Unser etabliertes Verständnis von Kunst hat sich jeglichen normativen Festlegungen entzogen. Und was für die bildende Kunst im Besonderen gilt kann auch auf andere Metiers übertragen werden, wie z. B. die Literatur.

„Daß sich die Frage, was Kunst (oder Literatur, Hinzufügung von mir) ist, nicht mehr verbindlich beantworten läßt, gehört deshalb heute zur kunstphilosophischen Erstsemesterausstattung.“schreibt Christian Demand.

Kunst ist also das, was ich dazu erkläre. Heute ist die höchste Kunst in der Kunst die Überzeugungskunst.

Kultur ist identitätsstiftend. Das Pathos ist sympathisch, aber hohl.

Repräsentanten der Kunstpädagogik und andere Kunstexperten zeichnen sich denn auch oft durch überbordende, pathetische Rhetorik aus, wenn es um den Gegenstand ihrer Tätigkeit geht. Christian Demand zeigt dafür Verständnis, „Denn natürlich steigt die Versuchung, eine großsprecherische Außendarstellung zu wählen, je geringer die gesellschaftliche Grundakzeptanz einer Disziplin ist…“

Selten hängt die Latte der Notwendigkeit von Kunst und Kultur niedriger als die, die Rita Süssmuth einmal auflegte: „Die historische Erfahrung (lehrt), daß es nicht möglich ist, eine humane Gesellschaft, die sich der Wahrung der Menschenwürde und der Toleranz verpflichtet weiß, zu gewährleisten, wenn diese Gesellschaft auf den Ausdruck ihrer kulturellen Identität verzichten wolle.“

Dass dieses sympathische Pathos völlig hohl ist, beweist ja unsere deutsche Geschichte vor und nach 1933. Ein hochkultiviertes Volk, wie es die Deutschen vor der Naziregierung zweifelsohne waren, verfällt in wenigen Jahren in inhumanste und grausamste Barbarei. Auch ohne Adorno sollte danach jeder klar urteilende Mensch eingestehen, dass Kunst & Kultur zwar vieles im Leben Einzelner schöner, bewegender und geistreicher machen können, jedoch beides gesamtgesellschaftlich keinerlei prägenden Beitrag für mehr Humanität leistet.

IMG_0731Aber dieses Eingeständnis findet man in unserer Gesellschaft kaum. Vielmehr werden über viele Generationen hinweg die fast religiös anmutenden bildungsbürgerlichen Tugenden nach dem Gebot einer ästhetischen Erziehung gepflegt – „denn ästhetisch erzogene Menschen sind auf lange Sicht auch die besseren Mitmenschen.“

Daraus leitete die Politik und ein breites bildungsbürgerliches Spektrum von weit links bis weit rechts denn auch ihren für die Allgemeinheit recht kostspieligen „ästhetischen Fürsorge“ Auftrag ab. Wie üppig der im Bereich der bildenden Kunst dotiert ist, lässt sich leicht erahnen. Erstens gibt es seit 1950 das K7-Gesetz, das ca. 10.000 „Kunst am Bau“-Werke (hier der Festvortrag 2014 von Martin Seidel) mit bis zu 2% der Bausumme gefördert hat und zweitens gibt es das inflationäre Bedürfnis nach Musealem: 1998 gab es schon mehr als 5000 Museen in Deutschland. Heute sind es schon weit mehr als 6000. Neueröffnungen von ca. 1000 Museen innerhalb von 15 Jahren. Wow!

Dass dies Luxus ist, muss man sich zumindest eingestehen, wenn man mit Christan Demands Einschätzung überein ist: „Und am allerwenigsten gibt sie (die bildende Kunst, Anm. von mir) Anlass zu der Vermutung, der Kunst als solcher oder auch ihrer Rezeption eigneten per se gesamtgesellschaftlich segensreichere Kräfte als etwa Mode, Kino, Sport oder auch Popmusik.“ Aber sicher darf man sich auch weiterhin luxuriös empören, wie aktuell über den Verkauf der Warhol-Bilder in NRW.

Das Volk ist anspruchslos – schon seit 1749.

Christian Demand benennt auch die historische Kontinuität der Kritik, dass die epochale Qualität der Kunst kontinuierlich nachlasse, beginnenden mit dem Franzosen La Font de Saint-Yvenne, der schon 1749 beklagte, „daß die Malerei seiner Zeit einen Niedergang erlebe…“. Wie modern der Kritiker schon damals dachte, wird deutlich wenn Christian Demand erklärt:

„Deshalb tadelte er auch nicht so sehr die Produzenten, die schließlich nur auf die Nachfrage reagierten, er haderte vielmehr mit der Anspruchslosigkeit des zeitgenössischen Publikums.“

Einmal mehr zeigte sich die Willkür der Kunstbewertung an den Beispielen der Verpackungskunst von Christo. Während die Reichstagsverpackung, trotz erheblicher und kurios genommener Hürden, allgemein als herausragendes Kunstereignis in die deutsche Geschichte einfloss, wurde die kurz zuvor eingehüllte Pont Neuf als touristischer Nonsens von der feuilletonistischen Expertenkritik abgestraft.

Doch letztlich ist die qualitative Kritik von Kunst und Kultur sekundär, da sie endlos wäre, weil sie – wie anfänglich beschrieben – keine objektiven Kriterien hat. Das sollten wir spätestens seit Kant akzeptieren, an den Christian Demand erinnert. Er meinte dazu: die Beistimmung zu den eigenen ästhetischen Präferenzen kann man seinen Mitmenschen doch immer nur unverbindlich „ansinnen“.

Die Zerstörung von gesellschaftskritischer Kunst als gesellschaftskritischer Akt am Beispiel AI Weiwei Vase:

Weitere Besprechungen im Spiegel und DeutschlandRadio

Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon.

Quelle: 123rfVor wenigen Tagen dachte ich noch, der stationäre Handel besinnt sich allmählich. Nach dem die Empörungswelle über Amazon wirkungslos abgeebbt ist, Autoren und hoffentlich auch Journalisten allmählich verstehen, dass Mitleid kein gutes Marketing ist, und am Beispiel Leistungsschutzrecht sichtbar wurde, dass sich das digitale Rad nicht mehr zurückdrehen lässt, sollte auch dem letzten edlen Ritter des stationären Handels klar geworden sein, dass er seine Rüstung ablegen muss, wenn er in Zukunft überleben will.

Doch nein, da kommt wieder ein edler Ritter um die Ecke, der die gute alte Zeit und ihre Tugenden beschwört: Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In einem Kommentar im NDR beteuert er zum einen, man habe sich im Buchhandel nun auch wettbewerbsfähig digital aufgestellt und überhaupt sei ein Umdenken möglich:

„Ein Nach- und Umdenken ist möglich. 2013 war die Entwicklung im stationären Buchhandel erstmals besser als im Online Handel. Dieser Trend hält in diesem Jahr an. Und viele Buchhändler berichten uns über Kunden, die im Gespräch wörtlich sagen: „Früher habe ich bei Amazon gekauft.“

Das ist für mich nicht nur Pfeifen im Walde (siehe auch Kommentare beim Börsenblatt), mit dem sich seit Jahren auch schon die Printmedienbranche selbst belügt, sondern das Ganze hat noch einen dicken Haken: Umdenken muss nach Auffassung von Herrn Riethmüller nicht der Handel, sondern der Kunde von Amazon. Der Handel habe ja das Alleinstellungsmerkmal Beratung.

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Ritter der Tafelrunde

Geehrter Herr Riethmüller und alle anderen Ritter der Bücherrunde, ich liebe ihre Branche, ich liebe Literatur und ich bin bereit dafür mit aller Leidenschaft zu kämpfen. Doch bitte nicht mit Ihrem Rüstzeug. Werfen Sie endlich den vergangenen Ballast ab, seien Sie geistig beweglich und lassen Sie sich von Leuten die Langbogen der neuen Welt zeigen und veranschaulichen wie heute Märkte erobert und verteidigt werden. (Nachtrag: Das es schon mit einer anderen Haltung deutlich überzeugender wird zeigt Sophie Weigand auf Literaturen.)

Und bitte, bitte keine Appelle des Umdenkens an die Kunden. Solche Appelle sind nicht nur der Anfang vom Ende eines Geschäftsmodells, sie beschleunigen das Fanal. Blicken Sie zurück auf den Markt der Gastronomie, denken Sie an all die vielen Einzel- und Fachhändler der vergangenen Jahrzehnte oder lassen sie die Veränderungen in der Kulturbranche Revue passieren. Nennen Sie mir irgendein Beispiel auf dem Markt, wo ein Appell zur Arterhaltung eines Geschäftsmodells bei den Konsumenten Wirkung gezeigt hätte.

Die Kunden denken nicht daran in Ihrem Sinne umzudenken, also verklärt oder gar reumütig zurück zu schauen. Umgedacht haben nämlich die Kunden schon lange vor Ihnen. Deshalb kaufen sie bei Amazon & Co. Sie haben den anfänglich komplexen, unsicheren Weg ins Neuland und den Onlinehandel gewagt, haben Anmeldehürden und umfangreiche Datenabfragen auf sich genommen, mal was neues gewagt, es ausprobiert und am Ende etwas erhalten, was sie sehr überzeugt hat. Diese Kunden haben also all das gemacht, was Sie und viele im Handel bis heute gar nicht oder nur widerwillig machen. Und die Kunden sind dafür von Amazon & Co. reichlich belohnt worden. Und dann gibt es auch noch Kunden, die gute 9 Gründe nennen, warum sie der Handel, so wie er ist, einfach nicht überzeugt.

Gerne zähle ich Ihnen bei Gelegenheit alle Punkte auf, was ein Kunde von Amazon alles so schätzt und er vom Handel weder bekommen kann noch je von ihm erwarten würde. Hier nenne ich erst mal nur drei:

  1. Amazon hat nicht nur das unbestritten umfangreichste Sortiment und exzellente Prozesse, es hat auch in Deutschland Millionen Kunden, die ihre Meinung zu den Produkten ausführlich hinterlassen. Kein Buchhändler kann derart beraten, wie es 20 Kundenrezensionen können.
  2. Die wenigsten Menschen laufen tagtäglich an einer Buchhandlung vorbei. Sie müssen sich schon auf den langen Weg dorthin machen. Und nur eine Minderheit geht gerne in eine kleine, persönliche Buchhandlung. Die meisten haben nämlich Schwellenangst, so wie vielleicht Sie, wenn Sie einen Apple-Store betreten. Da kauft es sich bei Amazon doch deutlich ungehemmter.
  3. Amazon kennt uns Kunden. Man begrüßt uns mit Namen, man empfiehlt uns was ganz persönliches, wenn wir vorbeischauen. Amazon schreibt uns, wenn es ein interessantes Angebot gibt, zeigt uns, dass es die Klassikerausgabe auch umsonst als eBook gibt und bietet uns darüber hinaus noch jede Menge andere Waren und beeindruckende Services an.

Auch die Solidaritätsbekundung einer lieb meinenden, engagierten, aber winzig kleinen Kundenklientel hilft dem Handel nicht. Sie verschlimmert nur den Eindruck von einer Not leidenden Branche und beschleunigt die gnadenlose Abkehr der Mehrheit der Konsumenten im Markt, die nun mal nicht auf Verlierer setzt. Und machen Sie sich deutlich, dass Amazon in den vergangenen Jahren ein großen Teil Kunden zum Buch oder zur Literatur erst wieder gebracht hat, die der stationäre Handel gar nie erreichte. Es sind nicht alles Abtrünnige, die heute bei Amazon kaufen.

faust-und-mephisto-c625c5db-c787-4a15-90d2-2f77e0b2ee89Ebenso fatal ist ein Marketing mit Feindbildern. Solch antagonistisches Marketing – wir sind die Guten und die da die Bösen – funktioniert ebenfalls nur kurzeitig, um dann später den Abstieg der eigenen Branche oder Marke zu beschleunigen. Uwe Wittstock habe ich versucht, diese Erfahrung über Twitter zu vermitteln. Doch die 140 Zeichen ließen das nicht überzeugend zu. Vielleicht gelingt es mir hier.

Amazon als unmoralisch sowie brutal kapitalistisch zu verteufeln und mit Lanze und dem Schlachtruf „Monopolist“ aufs Pferd schwingend in die Schlacht zu ziehen ist Donquichotterie auf dem Markt. Denn im Markt sind Ethik und Moral keine Tugenden, sondern bestenfalls Marketingstrategien.

Dass Amazon Steuerschlupflöcher nutzt, kann ich nicht dem Unternehmen sondern muss ich dem Gesetzgeber anlasten. Erinnert sich noch jemand an die angenehme Zeit als man seinen Buchhändler bitten konnte, für die erworbenen Romane eine Fachbuchquittung zu bekommen? Tja, das ist ein Steuerschlupfloch, das gestopft wurde und heute ein echter USP für den Handel wäre.

Auch die regelmäßigen Berichte über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Amazon ändern nichts an der prekären Situation im Handel. Denn der Handel hat einen offenkundigen Personal- und Gemeinkostennachteil, den selbst eine fair empfundene Entlohnung bei Amazon & Co. nicht ausgleichen würde. Der Kunde zahlt im stationären Handel teure, stetig steigende Mieten und ineffiziente Personalanwesenheit, die beim Onlineanbieter immer deutlich geringer ausfallen.

Und zuletzt ist der Vorwurf der Monopolisierung nicht moralisch haltbar. Denn die Monopole im Netz entstehen primär durch eine mehrheitliche Abstimmung des Kunden. Daraus entwickelt sich dann zunehmend eine der physikalischen Kraft vergleichbare Gravitation im Online-Universum. Wer die höchste Anziehungskraft hat und die größte Masse entwickelt zieht irgendwann alles an sich. Es gibt weder für Produktanbieter noch für Kunden einen erkennbaren Mehrwert, auf mehren Plattformen Angebote zu platzieren bzw. zu suchen. Dies macht man nur solange, bis man das Gefühl hat, ausreichend Marktteilnehmer zu erreichen bzw. ausreichend Markttransparenz zu haben. Deshalb ist das Bestreben zur Monopolisierung allen Märkten inhärent.

Derzeit ist das Netz die globalste Form eines Marktplatzes. Auf diesem Platz werden sich aufgrund der beschriebenen Dynamik weltweit Monopole für abgegrenzte Leistungen bilden. Das haben die Gründer und Investoren von vielen Start Ups verstanden, doch offenbar nur sehr wenige, die mit dem ritterlichen Status Quo weiterleben möchten. Aktuell bilden noch die unterschiedlichen Sprachen die stärkste Hürde für die globale Netzwirtschaft. Doch auch diese Hürde wird immer rasanter genommen. Auf Alibaba, der chinesischen B2B-Plattform, wird automatisch die Kundennachfrage aus dem Ausland ins Chinesische übersetzt und umgekehrt. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis Übersetzungsprogramme jedem Anbieter die Möglichkeit bieten in allen Sprachen der Welt zu handeln.

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Mein erstes Handy.

Nicht zuletzt muss auch konstatiert werden, dass Monopole nicht per se wirtschaftlich nachteilig für den Konsumenten sind. Bestes Beispiel ist der Mobilfunkmarkt. Anstatt eine einzige Infrastruktur im Land aufzubauen, die dann alle Anbieter nutzen, gab der Staat vor, Wettbewerb zu schaffen, indem er Frequenzen für zig Mrd. Euro versteigerte, die dann dazu führten das mehrere Anbieter parallel Mrd. teure Infrastruktur aufbauten und sich dann noch mit hunderten von Millionen eine Marketingschlacht bis heute liefern, um ausreichend Kundenanteile zu gewinnen. Letztlich zahlt der Konsument in Deutschland für den Verzicht auf das Mobilfunk-Monopol ca. das Sechsfache dessen, was heute ein Mobilfunkanschluss kosten müsste, wenn es nur einen Anbieter gäbe.

Soll nun der stationäre Handel fatalistisch seinem Ende entgegen sehen? Nein, mitnichten. Nur wie in der Überschrift gefordert, muss nicht der Kunde sondern er umdenken. Der Handel vor Ort braucht ein neues Selbstverständnis aus dem dann auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein erwächst. Der Handel muss mutig Neues ausprobieren. Schon immer entwickeln sich neue Geschäftsmodelle, die den alten Tugenden des Handels ähnlich sind, jedoch z.B. nicht mit denselben Produkten. Was früher der Tante Emma Laden war, ist heute der Feinkost-Italiener oder Veganerladen an der Ecke. Was früher der Elektronikfachhändler war ist heute der Shop- und Showroom eines Herstellers wie Apple oder eines Mobilfunkanbieters.

Dringend abraten kann ich dem stationären Handel vor einem nachahmenden Online-Wettbewerb (siehe aktuell ocelot). Wie oben beschrieben, werden Online nur sehr wenige, wohl globale Unternehmen als Sieger hervorgehen. Wer keine unique eCommerce-Idee hat und nicht ausreichend Investoren im Hintergrund, kann nur auf bestehenden Handelsplattformen wie Amazon, ebay etc. sein Geschäft wirtschaftlich betreiben.

BuchespressobarBislang ist es zudem kaum jemanden gelungen, eCommerce und stationäre Präsenz gleichermaßen erfolgreich zu besetzen. Mir fällt nur ein Beispiel ein, dass als Produkt umstritten ist, jedoch bisher unbeirrt weltweit wächst: Nespresso. Dieses Beispiel dokumentiert auch, dass mit rationalen Argumenten auf dem Markt nichts gewonnen wird. Die sinnliche Erfahrung, das Erlebnis des Sich-Etwas-Gönnens, überzeugt hier die Konsumenten – gegen alle hauswirtschaftliche Nüchternheit. Und die vehemente Empörung über deren ökologische Ignoranz ist von Buchliebhabern völlig unangebracht. Denn die Ökobilanz eines 500 Seiten Schinkens in gedruckter Form von der Herstellung bis zur ewigen Lagerung im heimischen Buchregal ist vergleichsweise katastrophal zu einem eBook.

Der Handel im Allgemeinen und der Buchhandel im Speziellen muss sich womöglich weit mehr als menschliche Begegnungsstätte begreifen. Was früher nur die Kneipe oder das Cafe geboten haben, wird vielleicht zunehmend die Erwartung der Kunden in den Läden sein: ein Ort, in dem man sich trifft, um über gemeinsame Interessen zu plaudern, sich auszutauschen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das ist womöglich nicht das Zukunftskonzept für den Schuhhandel, jedoch im Buchhandel könnte dies in ein oder zwei Frau/Mann-Betrieben funktionieren. Vorausgesetzt, die Kunden sind bereit dafür indirekt zu zahlen.

Darüber hinaus wird die Rolle eines Kurators im Handel sicher an Bedeutung gewinnen. In wie weit diese finanziell honoriert wird, muss der Handel ausprobieren. Eine wohl wichtige Voraussetzung dafür wäre die Aufhebung der Buchpreisbindung und einer damit verknüpften deutlich höheren Marge für den Händler. Im Modeeinzelhandel sind Verkaufspreisaufschläge von bis zu 250% üblich. Leidtragende mögen da zunächst die Verlage sein. Doch auch die müssen sich bewegen. Große Verlage sollten vielleicht auch mal „Flagship-Stores“ einrichten und Kleinverlage sich spezielle Kleinbuchhandlungen suchen, die sich auf ihr Genre spezialisieren. Wenn sie dann auch noch so voller Ideen sind wie CulturBooks, kann das für diese Buchhändler ein lukratives Standbein sein.

Buchhändler sollten auch online mehr Flagge zeigen. Jedoch nicht mit Shops , sondern mit gut gestalteten Blogs wie SteglizMind. Hierfür müssen sie nicht mal ständig selbst Texte verfassen, sondern können sich einer Hundertschaft von engagierten Bloggern bedienen, die sich über das Reblogging ihrer Rezensionen freuen. Sehr beeindruckend umfangreich und redaktionell vorbildlich als Online-Magazin macht das Bücherstadtkurier. Und sie sollten auch souverän auf die zigfachen guten Rezensionen von Amazon hinweisen. Denn die meisten Kunden, die online nach Buchempfehlungen suchen, schauen dort sowieso vorbei.

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Drei ??? auf der Waldbühne in Berlin.

Vielleicht müssen Buchhändler auch vermehrt rausgehen, so wie aktuell sehr spannend Felix Wegener. Bücher und eReader wie Tupperware verkaufen, Verkaufsveranstaltungen mit Büchervorstellungen in Kindergärten und Schulen (Elternabenden), Altenheimen, Krankenhäusern und sonstigen Einrichtungen machen, Hörbuchnächte als Happening anbieten, als Eintrittskarte kauft man das Buch dafür und und und.

Wie gesagt, ich bin bereit für die Literatur mit Umdenken und Ideen zu kämpfen. Doch die Voraussetzung ist, dass die heutigen Gralshüter der schmerzlichen Realität ins Auge blicken, sich kritisch hinterfragen lassen und offen für neue Strategie und Taktiken sind. Auch dann braucht es noch viel Mut und Wagnis. Doch sein Schicksal in der Bedrängnis selbst in die Hand zu nehmen, war schon immer eine der klassischen Erfolgsgeschichten berühmter Romanfiguren.

Nachtrag 16.11.: In meiner alten Heimat Frankfurt bewegt sich offenbar was.

Nachtrag 20.11: Christian Riethmüller, Neffe und ebenfalls Geschäftsführer von Osiander, überzeugt mich dagegen sehr. Da würde ich glatt in die Lehre gehen.

Und wer in München ist besucht vielleicht mal die die Kulturtheke eisfrei:

Eistheke

Foto Felix Wegener