Geld oder Lesen!

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Um erfolgreich ein Buch zu schreiben, braucht es in Zukunft offenbar keine Leser mehr. Als ich Ende Oktober 2013 meine Rezension zu Dirk von Gehlens „Eine neue Version ist verfügbar – Update: Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert.“ auf amazon verfasste, verwunderte mich sehr, dass ich der erste war – das Buch war am 9. September erschienen – und bis heute nur zwei Kurz&Knapp-Rezensionen zu diesem Buchprojekt folgten.

BildWo sind denn die begeisterten „Crowdfounder“, die helfen ihre Investitionen zu fördern. Ist doch dieses Buch eines der ersten Buchprojekte, das sich nicht nur inhaltlich der digitalen Zukunft und Netzwerk-Ökonomie widmet, sondern auch erfolgreich aus einem Crowdfunding Experiment hervorgegangen ist. Über 350 Unterstützer haben mehr als € 14.000,– vorausgezahlt, um dem Autor die Umsetzung des Buches zu ermöglichen – nicht wissend, was sie inhaltlich konkret erwarten wird. Nun sind schon 6 Monate seit Erscheinen vergangen und noch immer hat kaum einer der Fans (waren sogar mehr als 400) ein Feedback auf der doch relevanteste Plattform für Bucherscheinungen hinterlassen. Selbst die 1% Regel von Jakob Nielsen, auf die Dirk von Gehlen in seinem Buch hinweist, greift bislang also nicht. Besagt sie doch, dass ca. 1% in einer Netzwerk-Community besonders aktiv ist. Da sollte man hier doch schon 4 Rezensionen von den Fans erwarten können.

Wie man im Weiteren noch lesen kann, erkenne ich auch keine inhaltliche Enttäuschung, welche die Zurückhaltung der Projektbegeisterten erklären könnte. Angesichts der doch umfangreichen und sehr enthusiastischen Berichterstattung über das Buchprojekt im Vorfeld und der hohen Netzreputation Dirk von Gehlens ist es doch eine enorme Enttäuschung zu sehen, dass das wichtigste Ziel des Projektes offenbar nicht erreicht wird: Leser.

BildIch gehöre nicht zu den finanziellen Unterstützern vorab, doch zu den nachträglichen Käufern (eBook, das mir hier doch angebracht erschien) und Lesern. Getrieben hat uns wohl dennoch das gleiche: die Neugier, was dabei herauskommen mag. Und hierbei wird zunächst schon mal deutlich, dass sich Crowdfunding bei Kulturprodukten – besonders Büchern – kaum vom klassischen Erwerb unterscheidet. Denn in beiden Fällen investiert man sein Geld sehr ungewiss – bei Ersterem muss man nur länger warten. Während ich mir über viele Gebrauchsprodukte vor dem Kauf schon recht gut ein Urteil bilden kann, ist dies bei Büchern nun mal erst nach dem Gebrauch möglich. Aus Sicht des Rezipienten wäre also das umgekehrte Businessmodell wirklich eine radikale Innovation: erst lesen, dann zahlen. Doch zugegebener Maßen kann ich jeden Produzenten verstehen, der dieses Risiko meiden möchte. Und das Fazit dieses Crowdfunding Experiments bestärkt das noch.

Was ist inhaltlich herausgekommen? Auf jeden Fall nicht das, was ich erwartet habe. Und das ist ja nun mal nicht unbedingt schlecht, denn es hat mich schon überrascht. Ich habe eine These vorgefunden, mit der ich mich zuvor so nicht befasst habe: Kulturprodukte werden zukünftig vermehrt einen anderen Aggregatzustand annehmen – vom festen in den flüssigen. Dies ist nicht im haptischen Sinn zu verstehen, sondern als das ewig Unvollendete. Wie technische Software so werde zukünftig auch „Artware“ in diversen Versionen upgedatet. Das ist meinerseits nicht so süffisant gemeint, wie es für manchen klingen mag. Es ist wirklich ein sehr spannender Aspekt, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt.

Für mich war die Digitalisierung bislang überwiegend ein Produktionswandel, der massiv das damit verbundene ökonomische Modell ins Trudeln brachte. Einerseits die ubiquitäre Verfügbarkeit mit zu vernachlässigenden Distributionskosten und anderseits die unendliche Möglichkeit von Kopien ohne Qualitätsverlust führen zur zwingenden ökonomischen Logik, dass alles, was digitalisiert werden kann auch digitalisiert wird.

Doch mit Dirk von Gehlens These der Verflüssigung kommt ein spannender Aspekt hinzu, der bislang in der Kulturbranche wenig beachtet wird: wo sind die Microsofts und Co. im Kulturmarkt? Wann erscheinen die ersten Kunstprodukte, die regelmäßig upgedatet werden? Nicht Serien und weitere Alben sind damit gemeint, sondern z.B. Kunst, die sich regelmäßig neu formt und aufgrund von Feedback weiterentwickelt. Zugegeben, mir sind die damit denkbaren Kulturprodukte noch etwas fremd, doch es ist sicher richtig und wichtig, darüber weiter nachzudenken.

Es gibt zudem interessante Interviews und Beispiele, die den Themenkomplex von unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Alles in allem ist es für mich ein lesenswertes Buch, doch auch ein sehr konventionelles. Nichts Spannendes führt nun über dieses vorliegende Buch bislang hinaus – einzig die Entstehungsgeschichte war ungewöhnlich. Finanziell gab es zwar ein Happy End. Doch Geld ist ja bekanntlich nicht alles. Dirk von Gehlen selbst zu dem Experiment hier.

Eine weitere Rezension zum Buch gibt es von den Netzpiloten hier.

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4 Gedanken zu “Geld oder Lesen!

  1. Vielen Dank für die ausführliche Beschäftigung mit meinem Buch.
    Ich will Sie auf einen Aspekt hinweisen, der vielleicht erklärt, warum keiner der Salon-Leser (so will ich die Unterstützer mal nennen) z.B. auf Amazon eine Besprechung schreibt. Sie behaupten, „dass sich Crowdfunding bei Kulturprodukten – besonders Büchern – kaum vom klassischen Erwerb unterscheidet“ und übersehen dabei, was die Besonderheit von „Eine neue Version ist verfügbar“ ist: Es handelt sich nicht nur um das nun vorliegende Produkt, sondern auch um den Entstehungsprozess dazu. Der war nur für die Unterstützer des Crowdfunding zugänglich, nur diese konnten an dem Live-Schreibexperiment teilnehmen, nur diese waren wenn man so will auf dem Fußballplatz und haben das Spiel verfolgt. Das ist jetzt aber vorbei, abgeschlossen, nicht mehr zugänglich, unkopierbar und vorbei. Deshalb ist dieser Moment wertvoll, so die These des Buches. Und vielleicht ist das der Grund, warum sich in einem ganz anderen Stadion (Amazon) nun nur wenige finden, die das Buch kommentieren/besprechen.
    Besten Gruß Dirk v. Gehlen

    • Herzlichen Dank, Herr von Gehlen.

      Unwidersprochen ist der Entstehungsprozess dieses Buches ein spannender und war mit ein Grund, warum ich es gelesen habe. Und es mag für die Teilnehmer am Entstehungsprozess, sprich Crowdfounder, ein einmaliges, nicht wiederholbares Erlebnis gewesen sein. Doch letztlich war das Ziel nicht ein Einmal-Event, sondern ein Buch. Wenn man einige Auserwählte an der Komposition eines Musikstückes teilhaben liesse, würde man doch nicht erwarten, dass sie danach die Veröffentlichungen für irrelevant erachten. Im Gegenteil, man würde Multiplikatoren in ihnen erwarten. Dieses fehlende Interesse der Crowdfounder am eigentlichen Ziel bzw. Produkt (Buch), lässt mich befürchten, dass die Gruppe sich einzig an einem selbstgetriebenen Netzhype namens „Crowdfunding“ berauschte. Vielleicht muss man sich eingestehen, dass die Schnittmenge zwischen den selbsterklärten Netzaktivisten und der Zielgruppe „Buchleser“ doch recht klein ist.

      Herzlichen Gruß zurück.
      Thomas Brasch

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