„Mozart – die Omnipräsenz des Komponisten langweilte mich.“

Mozart-Kloepfer

Es ist immer faszinierend, zu erfahren, wie sich der Zeitgeist von Epoche zu Epoche so radikal ändern kann. Bis zur Zeit Mozarts war die Bedeutung des Librettisten einer Oper an höchster Stelle:

„Die Zauberflöte war seinerzeit nicht Mozarts, sondern des Librettisten Emanuel Schikaneders Werk. Nahezu unlesbar findet sich unten auf den Plakaten ihrer Ankündigung der Hinweis auf den Komponisten.“

Das schreibt Inge Kloepfer in ihrem neuen Buch „Die Angst, das Risiko und die Liebe, Momente mit Mozart“, das sie mit dem Dirigenten und Komponisten Omer Meir Wellber geschrieben hat. Das Buch von knapp 130 Seiten erzählt die persönliche Geschichte der Mozart-Erweckung des Dirigenten und ist zudem eine mitreißende Hommage an eine historische Zusammenarbeit zweier kongenialer Köpfe, Mozart und der Librettist Lorenzo Da Ponte, die den Wandel der Rezeptionsgeschichte der Oper einläutete. Einstimmend mit den Autoren beendet man das Buch mit großem Bedauern, dass die geniale Kooperative „nur“ drei Werke umfasst: „Die Hochzeit des Figaro“, „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“. Doch die enorme Bedeutsamkeit dieser Werke für die Musikgeschichte sind heute über jeden Zweifel erhaben.

Dennoch gesteht Omer Meir Wellber zu Beginn:

„Lange habe ich einen Bogen um Mozarts Werke gemacht. … Seine Harmonien, die Rhythmen, der Klang – all das schien mir bekannt, tausendmal gespielt und gehört. Eine Herausforderung konnte Mozart einfach nicht sein. So dachte ich. Die Omnipräsenz des Komponisten langweilte mich.“ Weiterlesen

Wozu brauchen wir Romane?

parks

Es ist seit langem das Klügste, was ich über die zeitgenössische Literaturrezeption gelesen habe. Tim Parks Buch „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.“ wünsche ich mir als Basislektüre für ein literaturwissenschaftliches Proseminar. Ungeeignet ist es jedoch für angehende Buchhändler, die in ihrem Glauben an den Mehrwert ihres Handelsobjektes erschüttert werden könnten. Jeder, der sich in dem Diskurs über „Literatur, Stand heute“ einbringen will, kann sich mit diesem Buch perfekt munitionieren. Denn es bestätigt sicher nicht nur viele Thesen, die man schon selbst gerne mal in den Raum stellte, sondern erweitert auch den Einblick, da Tim Parks jede Menge handwerkliche Erfahrungen aus seiner Arbeit als Romancier, Übersetzer, Literaturkritiker und Dozent einbringt.

Mit allerhand Fragen leitet Tim Parks sein Buch ein, die man sich eigentlich innerhalb eines mehrjährigen Literaturstudiums als Leitfaden aufhängen sollte. Hier eine willkürliche Auswahl: Weiterlesen

„Musik ist Sehnsuchtsort.“ Kent Nagano

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Ich bekenne, dass ich Analphabet bin, und zwar ein musikalischer. „Musikalischer Analphabetismus – was für ein bedrückend hässlicher Begriff.“ bemerkt Kent Nagano und ich gebe ihm Recht. Ich schäme mich nicht dafür, doch ich bedauere es. In meiner Familie wurde rundweg unterstellt, wir seien alle unmusikalisch und meine Schulbildung in den 70igern war diesbezüglich derart desolat, dass ich erst mit 15 von einer Musiklehrerin entsetzt entlarvt wurde, dass ich keinerlei Noten lesen kann, geschweige irgendein Instrument rudimentär beherrsche. Daran hat sich zwar bis heute nichts geändert, doch ein Leben ohne Musik, ernste und unterhaltende, wäre mir unvorstellbar.

Ein Drittel der Menschen sollen von Musik emotional nicht zu berühren sein. Musik-Anhedonie wird das genannt. Und ein zweites Drittel empfindet zwar etwas, doch offenbar keine größere Erregung. Nur das letzte Drittel ist deutlich bewegt. Ich darf mich zum Glück diesem Teil zu rechnen. Musik bewegt, berührt, beglückt, berauscht, beflügelt, ergreift mich. Und dies ist auch das einzige, was es braucht, um sich von Kent Nagano im Konzertsaal und auch von seinem Buch mitreißen zu lassen. Weiterlesen

Gott ist untröstlich

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Eigentlich mag ich keine Weltanschauungen, die einen Gottvater als Ursprung allen Seins und Nichtseins preisen. Sie erwecken in mir immer den Eindruck als wünsche man sich den Menschen als geliebtes Kind eines Demiurg und damit in irgendeiner Weise von Bedeutung in diesem unendlich großen Universum.

Ich ziehe es vor, mich in der Anerkennung meiner völligen Bedeutungslosigkeit zu üben. Und gerne feiert mein Sich-selbst-erkennendes-ich dankbar seine Existenz als nette Laune eines vergangenen Urknalls.

Doch ich kann mich auch mit der Erklärung unseres Daseins anfreunden, wie sie mir Axel Hacke durch Gott in seinem neuen Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ vorstellt:

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Wenn in Schwabing die Langeweile einzieht

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Sicher überschätzen Autor und Leser die Bedeutung des ersten Satzes. Der Erfolg eines Romans hängt doch wohl kaum von ihm ab. Oder doch? Wie macht es ein ehemaliger Verleger, der selbst einen Roman verfasst? Er schreibt einfach einen überzeugenden Einstiegssatz, einen, der einen packt und durch den gesamten Roman tragen kann:

„Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich mich mit Hingabe langweilen.“    

Und wenn gebildete Romanfiguren etwas mit „Hingabe“ betreiben sollen, dann dürfen sie sich darauf intensiv vorbereiten. So lässt Michael Krüger seinen namenlos bleibenden Ich-Erzähler, von Beruf Archivar, gleich mal zwanzig Jahre sich mit der Theorie der Langeweile befassen und gar ein Heidegger-Studium heranziehen:

„Ein Leergelassensein von der Welt, das wollte ich erreichen.“

Vierzigjährig erhält er dann die Chance, die ersehnte Langeweile zu praktizieren. Er erbt ein Mietshaus in Schwabing. Und dort bietet sich zugleich eine leerstehende sechs Zimmer Wohnung an, in die er ohne viel Sack und Pack einzieht. Seinen Beruf als Archivar hängt er an den Nagel.

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Schämt Euch!

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Dieses Buch könnte ein Anfang sein. Mit der „Rückkehr nach Reims“ legt Didier Eribon ein Bekenntnis ab, dem viele Erkenntnisse folgen könnten. Doch lese ich in den Feuilletons und Blogs die zahlreichen, begeisterten Besprechungen, so gewinne ich den Eindruck, dass dieses Buch von allen Lesern zustimmend und befriedigt geschlossen worden ist

Didier Eribon (Interview), geboren 1953, wird verehrt als einer der es geschafft hat, in Frankreich: aus einfachsten, proletarischen Verhältnissen stammend, früh sich zu seiner Homosexualität bekennend und politisch unerschütterlich bis heute sozialistisch, ist er in Paris als bedeutender Intellektueller etabliert. Neben seiner akademischen Arbeit als Soziologe, wurde er international für seine Biografie über Foucault gerühmt, die jedoch auf Deutsch vergriffen ist (Laut Suhrkamp wieder lieferbar: 06.12.2016.)

Didier Eribon war mir zuvor unbekannt. Nimmt man den deutschen Wikipedia-Eintrag als Gradmesser seiner internationalen Bedeutung, so muss mir das nicht allzu unangenehm sein. Deutlich umfangreicher ist der französische Eintrag. Trotz stetigem Bedeutungsverlust umweht Personen in Frankreich, die man als „Intellektuelle“ bezeichnet, noch immer eine popikonische Aura.

Warum hat mich dieses Buch so unbefriedigt zurückgelassen? Und zwar so unbefriedigend wie eine Zigarette, über deren Genuss Oscar Wilde einmal treffend schrieb: Eine Zigarette ist das vollendete Beispiel eines vollendeten Genusses. Sie ist köstlich und lässt einen unbefriedigt.

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Beim Sex hört die Liebe auf.

SibylleBerg

Eine gute Freundin klagte einmal über eine Eigenart von mir, von der ich nicht einzuschätzen weiß, ob ich mich dafür immer gleich im Vorfeld entschuldigen soll: „Ich sei oft grausam ehrlich.“ Solch selbstkritische Überlegungen macht sich Sibylle Berg sicher kaum (noch). Das lässt zumindest der Sarkasmus vermuten, den sie in ihren Spiegel-Kolumnen oder in ihren Tweets versprüht und den ich gerade auch in ihrem Roman mit teils masochistischem Genuss gelesen habe.

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Wer war ich und wenn ja wie viele?

 

Keine-Helden-Tiger

©2015 | Anke Koopmann | designomicon, München

So sind wir, Geliebte, allmählich erkaltet.

Da hilft auch die Erkenntnis nichts, daß die Kunst

ihre Kraft nur im Verfall entfaltet.

Wolf Wondratschek  (Carmen oder bin ich das Arschloch der achtziger Jahre)

 

Hach ja, damals! Solche biografisch inspirierten Romane wie das aktuelle Debüt von Candy Bukowski – Babyboomer-Generation wie ich, wenn auch ein paar Jahre jünger – wecken nicht selten manch wehmütige Erinnerung. Doch die Wehmut, wie das Alter Ego von Candy Bukowski Sugar bemerkt, ist eine zwiespältige Befindlichkeit. „Wehmut“ sei „ein weiches Wort, aber ein hartes Gefühl.

„Wer Wehmut mit etwas Sanftem gleichsetzt, weiß nicht, wovon er spricht. Wehmut ist Vermissen in Akzeptanz, man müsste Gandhi sein, um darin etwas Sanftes zu finden. Ich bin nicht Gandhi, ich bin Lara Croft, ich trage einen unsichtbaren Munitionsgürtel um die breite Hüfte und bin bereit zu töten. Immer wieder töte ich den armen Gandhi und schneide Gefühlen schön langsam die Pulsadern auf. In Längsrichtung bis runter auf den Knochen.“

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Über die wilden Jahre der Liberalen: Der Baum und der Hirsch

Buchtitel

Es ist eine Blamage, beschämend für uns: wenn es um die engagierte Verteidigung unserer verfassungsmäßig verbrieften Freiheitsrechte geht, müssen wir uns seit Jahrzehnten immer wieder bei einem unbeugsamen und manchmal schon verlachten Kämpfer bedanken: dem 83jährigen Gerhart Baum. Nicht zum ersten und womöglich nicht zum letzten Mal hat er vor kurzem wieder einen Sieg für uns Bürger vor dem Verfassungsgericht errungen. Der Freibrief zur Observation, wie ihn das unklar formulierte BKA-Gesetz bislang erteilte, ist nicht rechtens und muss geändert werden. Wieder hat der frühere FDP-Minister (zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten Burkhard Hirsch, beide Juristen) erfolgreich geklagt und ein schludriges Gesetz zu Fall gebracht wie schon zuvor – zumindest in Teilen – den „Großen Lauschangriff“, das „Luftsicherheitsgesetz“ und die „Vorratsdatenspeicherung„.

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Bekannt aus Juli Zehs „Unterleuten“: Interview mit Manfred Gortz, dem Autor des Ratgebers „Dein Erfolg“

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Manfred Gortz, selbsternannter Lebensberater, der die „“Dein-Erfolg-Methode“ begründete mittels derer seine Klienten sicher auf der Gewinnerseite des Lebens agieren. Bekannt wurde er durch einige Zitate seiner Thesen in dem aktuellen Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh. Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit ihm einige Fragen zu stellen, die er mir überraschend offen und ehrlich beantwortete.

Herr Gortz, Sie werden ja im Roman „Unterleuten“ häufiger aus ihrem Ratgeber zitiert. Freut Sie das eigentlich?

M.G. „Dein Erfolg“ ist kein Ratgeber. Kluge Köpfe brauchen keine Ratgeber. Sie brauchen weder Regeln noch Programme. Es reicht völlig, wenn man ihnen die Wahrheit aufzeigt.“

Und die Wahrheit ist, dass im Leben nur Leistung zählt? Weiterlesen