Gott ist untröstlich

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Eigentlich mag ich keine Weltanschauungen, die einen Gottvater als Ursprung allen Seins und Nichtseins preisen. Sie erwecken in mir immer den Eindruck als wünsche man sich den Menschen als geliebtes Kind eines Demiurg und damit in irgendeiner Weise von Bedeutung in diesem unendlich großen Universum.

Ich ziehe es vor, mich in der Anerkennung meiner völligen Bedeutungslosigkeit zu üben. Und gerne feiert mein Sich-selbst-erkennendes-ich dankbar seine Existenz als nette Laune eines vergangenen Urknalls.

Doch ich kann mich auch mit der Erklärung unseres Daseins anfreunden, wie sie mir Axel Hacke durch Gott in seinem neuen Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ vorstellt:

„Um deine Frage zu beantworten: Ihr seid im Prinzip vollkommen grundlos hier. Auch wenn es euch nicht passt.“

„Aber es gab eine Überraschung für mich: dass ihr einerseits hier quasi versehentlich seid, und dass ihr aber so vieles geschaffen habt, an das ich nie dachte, dass ihr euch in so vielem die Welt angeeignet und dem Sinnlosen Sinn zu geben in der Lage wart, Respekt! Und es rührt mich auch. Es rührt mich, wie dich vielleicht deine Kinder rühren, wenn sie etwas tun, womit du nie gerechnet hattest, das du nicht von ihnen erwartet hattest, ja, ihnen nicht einmal zutrautest.“

fullsizerenderWie bei Axel Hacke nicht anders zu vermuten, begegnen wir in seiner bizarren Anekdote über Gott keinem strafendem, keinem Gebote meißelnden und keinem gerechtigkeitsfanatischem Gott. Dieser Gott hier ist ein experimentierfreudiger, ein verspielter Künstler, der mit entsprechend kindlich naivem Stolz auch gerne auf die Details seines Werkes hinweist. Dafür scheut er denn auch nicht davor zurück, Wespen und Schmetterlinge überdimensional groß erscheinen zu lassen. Das wirkt weder gruselig noch Effekt heischend, sondern beeindruckend und faszinierend.

Dieser Gott ist ein Gott für Lebenskünstler. Ein Gott, der es zu schätzen weiß, wenn seine Kreaturen autark und kreativ werden. Ein epikureischer Gott, der gerne ein Bier oder ein Wein genießt und zu scherzen vermag. Aber es ist auch ein einsamer, manchmal sehr melancholischer Gott. Er hat keinen Sohn, mit dem er über die Geschicke des Menschen verhandeln könnte. Und er ist es sowohl überdrüssig als auch untröstlich, wenn er sich über die Schattenseiten seiner Welt rechtfertigt. Denkbar schlicht beantwortet er denn auch die Theodizee-Frage:

„Tag für Tag sei das Übel in der Welt. Überall, da hätte er viel zu tun. Er habe das Böse geschaffen, weil er gedacht hatte: Wie soll man das Gute erkennen, wenn es das Böse nicht gebe? Wie könne man den Tag begrüßen, wenn man die Nacht nicht habe? Wie sei es möglich, das Leben zu schätzen, wenn es keinen Tod gebe. Nicht falsch, oder? Aber es quäle ihn, er sehe, was er angerichtet habe, bis zum Urknall zurück reue es ihn.“

Tja, auch für diesen Gott gilt: Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Doch mit seinen Konsequenzen aus empfundener Reue verhält es sich wie bei vielen Menschen. Er lamentiert zwar gerne über seine Fehler in der Vergangenheit, jedoch ernsthaft noch mal von vorne anfangen? Das doch bitte dann nicht.

Warum auch. Dieser Gott hat ein Weltprinzip erschaffen, das die penetrante, immer im Nacken sitzende Frage „Wozu das Ganze?“ ganz nonchalant mit einem „Eeeeeegaaaaaal“ beantwortet. Im Zentrum unserer Welt steht Das Große Egal.

„Ist Ihnen damals kein besseres Weltprinzip eingefallen?“

„Nein…“

Dieses göttliche Prinzip ist genial – auch wenn es anfänglich schmerzt und wütend macht. Und es ist Axel Hacke zu verdanken, wenn wir es endlich zu verstehen lernen, nach seinem heftigen Disput mit Gott.

„Und bedenke, dass alles Schöne und Große, das Menschen getan und geschaffen haben, nur geschehen ist, weil es Das Große Egal gibt! …“Weil sie wollten, dass irgendetwas von ihnen in der Welt bleibt, weil sie eine Spur von sich hinterlassen wollten, weil sie wollten, dass man sieht: Sie waren da. Weil sie wollten, dass sie eben nicht egal sind.“

Nach längerem Schlagabtausch beendet Gott die Diskussion mittels existenzialistischer Weisheit: „Es ist, wie es ist. … Begreif es einfach! Nimm es hin. Und verstehe, was Das Große Egal auch tut: Es gibt dir Freiheit, die Freiheit der Entscheidung, die Freiheit, keine Grenzen zu akzeptieren, wenn man sich einmal für diese Freiheit entschieden hat. …“.

Doch letztlich gesteht sich auch Gott ein, dass er mit seinem Weltprinzip einem göttlichem Prinzip zuwiderhandelt: der Vollkommenheit. Kann es sein, dass Gott selbst nicht vollkommen ist? Ich stimme bei der Beantwortung mit Axel Hacke über ein, wenn er bemerkt: „Wir wären alle nicht hier, wenn es die Vollkommenheit gäbe,..“

Es lohnt sich, mit Gott ein paar Tage zu verbringen. Da kommt man auf andere Gedanken über Gott und die Welt. Man fällt auch nicht gleich vom Glauben ab und auch nicht vom Nicht-Glauben. Die vielen, schönen Illustrationen von Michael Sowa in dem fein gestalteten, knapp 100 Seiten umfassenden Buch untermalen die heitere Tonalität des Textes. Lächelnd und weiter sinnierend schließt man es.

Mit Axel Hacke sprach vor kurzem auch Uwe Wittstock, zu finden hier.

Und im Deutschlandfunk hat man ihn auch schon besprochen.

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