Jetzt schreib ich auch mal über Apple

Apple Image Kampagne

Apple Image Kampagne

Ich gewöhne mich allmählich daran, dass ich mit meiner Einschätzung was relevant sei und was nicht, nicht immer so richtig den Nerv der Mehrheit treffe. Gestern trieben mich noch denk- und diskussionswürdig erachtete Szenarien einer algorithmischen Big-Data Netzwelt um. Doch das interessiert kaum. Und heute entdecke ich auf Krautreporter den absolut lesenswerten Artikel von Richard Gutjahr & Apple und denke, wow, was für eine Beichte über einen journalistischen Sündenfall. Doch das interessiert auch kaum.

In meiner Filter Bubble jubelte zwar die Netzgemeinde über den gelungen Scoop, jedoch überwiegend darüber, dass dies wohl eine tolle Enthüllungsstory über die diabolischen, ja sektenhaften Machenschaften des verführerischsten Konzerns der Welt sei. „Mein Gott“ oder besser „Mein Steve“, das gewählte Logo kommt ja nicht von ungefähr.

Doch für mich ist der Artikel aus viel erheblicherem Grund sehr relevant. Er ist eine Referenz an das journalistische Selbstverständnis und die damit verbundene Haltung und Ethik. Dieser Artikel ist für mich deshalb auch äußerst gewagt. Aber nicht, weil Richard Gutjahr damit seine Reputation bei Apple riskiert. Dieser Artikel ist ein journalistischer Striptease.

Zu Beginn seines Artikels führt uns Richard Gutjahr noch in eine typische, kleine journalistische Heldengeschichte ein. Ein weißer Ritter, genannt Richard, macht sich auf den Weg zu einem der mächtigsten Fürsten der Welt, dessen Hybris er aber schon durchschaut hat. Entsprechend ist unser Held – der sich für uns ins Abenteuer stürzt – immer auf der Hut sich von der dunklen Macht nicht korrumpieren zu lassen:

„Dazu gehört die totale Kontrolle über alles, was über das Unternehmen und seine Produkte berichtet wird. Eine Strategie, die sich im Gegensatz zu Apples Design-Philosophie weniger durch Schlichtheit und Eleganz auszeichnet, sondern durch ein subtiles und bisweilen fragwürdiges Spiel mit der Eitelkeit und den Abhängigkeiten von uns Journalisten. Wer positiv schreibt, wird hofiert, wer Kritik äußert, egal wie berechtigt, wird abgestraft. Das machen zwar alle großen Konzerne so. Doch kaum ein Unternehmen spielt das Spiel so subtil wie Apple. Und von keinem anderen Unternehmen würden wir Medienleute uns das in dieser Form bieten lassen.“

Doch sehr schnell verlässt er dann diesen Duktus und beginnt allmählich eine kritische Selbstreflexion über seinen Aufenthalt in Cupertino. Er entblättert sich Zeile um Zeile:

„Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich inzwischen auch die andere Seite des Konzerns kenne. Eine Seite, die wir Journalisten bewusst verschweigen, was an sich schon äußerst denkwürdig ist.

Und am Ende steht er ziemlich bloß da und ich kann ihm nur applaudieren zu seinen Bekenntnissen:

„Dann erscheint Tim Cook. Was jetzt passiert, lässt sich schwer in Worte fassen. Es passiert nämlich genau: nichts. Man muss sich das vorstellen: Ein Raum, vollgepackt mit Journalisten und darunter nicht einer, der auch nur den Versuch unternimmt, Cook anzusprechen, ihn zu interviewen oder wenigstens ein Statement von dem Apple-Chef einzuholen. Ein Phänomen, das mir schon einmal begegnet ist, seinerzeit bei Steve Jobs. Schon damals wunderte ich mich, warum ihn keiner anspricht. Auch mir ging es so. Als Jobs an mir vorbeiging, war ich wie gelähmt. Dabei ist Zurückhaltung nicht meine beste Eigenschaft.“

Es ist das Eingeständnis eines einzelnen Journalisten. Doch die Beobachtung, die er macht, zeigt wie repräsentativ er ist: Die sich gerne selbsternennende vierte Macht im Staate kann sich der Aura der wahren Mächtigen kaum entziehen und ist in diesem Moment nur zu schweigender Huldigung fähig.

Da ich Richard Gutjahr für einen wirklich engagierten Journalisten erachte, der mit ehrlichem Ethos seiner Arbeit nachgeht, zolle ich ihm heute – nach dieser Reportage – sehr großen Respekt. Aus der wiedergewonnenen Distanz zu seinem Gegenstand der Berichterstattung noch mal kritisch über sich zu reflektieren und dies öffentlich zu machen, ist eine vorbildliche Übung für alle angehenden Journalisten. Zu verstehen lernen, dass Journalisten nicht immer so souverän im Angesicht des Souveräns sind, wie sie gerne von sich glauben machen.

Ich hoffe, ich denke hier nicht wieder völlig irrelevant und wünsche mir, dass dieser Artikel an den Journalistenschule zu einem Studienobjekt wird. Denn die Crux bei solchen persönlichen Anliegen ist: Ohne Apple als Beispiel hätte der Artikel kaum die Aufmerksamkeit bekommen. Doch Apple ist eigentlich nur stellvertretend für viele Mächtige.

Am Ende habe ich noch ein Kommentar von ihm auf Google+ gelesen, der mich fast vermuten lässt, dass ihm die Wirkung seines Artikels selbst gar nicht so bewusst ist:

„Dank Euch für’s Lesen und diskutieren. Nein, kein Knüller, war so auch nie gedacht, sondern einfach ein Stück Alltag, der oft unter dem Radar läuft. Deshalb wollte ich das einfach mal aufschreiben und mit Euch diskutieren.“

Lieber Richard Gutjahr, die Apple-Enthüllungen waren für mich auch kein Knüller, aber diese selbstkritische Offenheit eines Journalisten schon. Danke dafür.

 

„Stoner“, der liebenswürdige Purist.

Bildschirmfoto 2014-10-27 um 12.44.54Wäre es eine Biografie, so müsste man sie als Widerspruch zu Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschem“ lesen. Denn vieles Entscheidende im Leben der Romanfigur läuft falsch: Ehe, Karriere, Vaterschaft, Freundschaft und Liebschaft. Doch Stoner bleibt sich treu und zeigt Haltung gegenüber allen, die ihm nicht wohlwollen. Sicher wundert man sich über viele seiner Lebensentscheidungen, die einmal getroffen auch nicht mehr revidiert werden. Jegliche Chance, auszubrechen, einen Neuanfang zu wagen, erwägt er nüchtern und entscheidet sich immer für den bekannten Status quo. Er repräsentiert damit den Typ Mensch, der es vorzieht, sich in seinen bekannten unglücklichen Umständen einzurichten anstatt etwas zu wagen und die Chance auf das Glück zu ergreifen. Positiv umschrieben, sind es Menschen mit sehr bescheidenen Erwartungen an das Leben. Ein sicher nicht seltener Zeitgenosse – damals wie heute. Doch ist das falsch gelebt?

Rückblickend könnte Stoner dies vermuten lassen. Denn wirklich zufrieden ist er mit dem nicht, was er am Ende seines Lebens erreicht hat. Und auch der Leser könnte einstimmen. Denn der Roman löst nichts davon ein, was man gemeinhin von einem Roman erhofft: die persönliche Entwicklung und Reifung des Protagonisten aufgrund außergewöhnlicher Lebensumstände und Schicksalseinflüsse, aus denen am Ende entweder ein tragischer oder ein geläuterter Held erwächst. Bei Stoner empfindet man fast umgekehrt. Alle und alles um ihn herum wandelt sich, nur er nicht.

Author John Williams

Author John Williams

Und dies ist für mich das Überraschende am späten Erfolg des Romans. Es wäre viel leichter zu erklären, warum er bislang keine größere Leserbegeisterung fand als nachzuvollziehen, warum er jetzt so enthusiastisch (Spiegel, Die Zeit, NZZ) aufgenommen wird. Sicher, in Form und Stil ist der Roman herausragend, einmalig puristisch und damit vorbildlich für alle angehenden Autoren. Ein perfektes Studienobjekt für kreatives Schreiben. Schon dafür gebührt ihm große Beachtung. Doch die Geschichte müsste Lektoren zurückschrecken lassen und den Leser am Ende frustrieren – denn wer wünscht sich schon ein Buch zu lesen das sich der Ereignislosigkeit eines ganz durchschnittlichen Lebens widmet?

Da das offensichtlich nicht so ist, lässt sich vielleicht vermuten, dass heute – also fast 50 Jahre nach Ersterscheinen des Buches – doch einige Menschen mehr akzeptieren, auch mit dem erreichten Mittelmaß im Leben und in ihrer Gesellschaft zufrieden zu sein. Und sie erkennen in der Figur Stoner an, dass es nicht der sichtbare Status ist, nicht der Habitus, der eine für uns interessante Persönlichkeit ausmacht, sondern vermehrt ihre Haltung, Charakter, Güte, Toleranz, Empathie – vorausgesetzt, wir lenken unsere Aufmerksamkeit darauf. Dies tut John Williams in seinem Roman und lässt uns viel in das Innere des Helden „Stoner“ blicken, zum Beispiel über seine Erkenntnisse die Liebe betreffend:

„Als William Stoner sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder Gnade noch Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“

Man findet viele solcher betörenden Stellen im Roman und beendet das Buch mit dem Gefühl intensiv am Leben eines sehr liebenswürdigen Menschen teilgehabt zu haben. Das ist für mich hohe Kunst des Erzählens.

Es freut mich, dass es auch anderen Bloggern ähnlich ergangenen ist: Feiner Reiner Buchstoff, Glanz und Elend, Buzzaldrins, aus.gelesen, kapri-ziös.

„Ausbildung Internet“ – da sind wir alle Lehrlinge.

zauberlehrling

Der Zauberlehrling illustriert von Sabine Wilharm

Ich schätze das Engagement von Gesche Joost, Nico Lumma & Co. sehr. Doch ihrer gewünschten Bildungsoffensive mag ich nicht folgen. Bevor mein jetzt siebenjähriger Sohn das Programmieren in der Schule lernen soll, möchte ich, dass er nicht nur Goethes Zauberlehrling selbst lesen kann (vorgelesen aus der schönen Ausgabe des Kindermann Verlages, illustriert von Sabine Wilharm habe ich schon), sondern auch verstanden hat, was die Geschichte zeitlos macht. Und zudem begriffen haben sollte er, dass es beim Internet keinen Zaubermeister gibt, den er im Zweifel rufen kann. Weder den gesetzgebenden Staat, noch einen der unzähligen Gurus und erst Recht nicht die Millionen Evangelisten, die vor ihr fehlendes Wissen schützend den „Alles wird Gut-Glauben“ stellen.

Selten ernst zu nehmender als in diesen digitalen Zeiten ist Kants Definition zur Aufklärung: Kant_gemaelde_1

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

David_-_The_Death_of_Socrates

Sokrates erhält den Schierlingsbecher

Die Begeisterung für die Digitalisierung und die Netzwelt treibt mich seit Jahren an – privat und beruflich. War es in den 90er die Digitalisierung der Medien (Musik, Foto, Literatur), der Mobilfunk und das aufkeimende Internet, so war es zu Beginn des Jahrtausend Mobile Marketing, eCommerce und den Wandel in der Kommunikations- und Entertainmentbranche (Gaming, Applikationen, Social-Media) mit zu gestalten. Zwei Dinge aber begleiteten meine Euphorie immer: zum einen die Skepsis in Bezug auf den gesellschaftlichen Mehrwert. Und zum zweiten eine philosophische Erkenntnis, die noch älter ist als die von Kant: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Was die Möglichkeiten und die Folgen unserer digitalisierten, algorithmisch bestimmten Big-Data-Netzwelt betrifft, erachte ich mich als ewigen Lehrling der ohne Meister lernen muss. Neben einigen immer wieder überraschenden beruflichen Erfahrungen machen mir das aktuell auch wieder einige Autoren deutlich. Vor kurzem Yvonne Hofstetter mit ihrem Buch „Sie wissen alles“ und aktuell Michael Seemann mit seinem Buch „Das neue Spiel.“. Darauf hatte mich Zöe Beck aufmerksam gemacht. Danke dafür. cover_kontrollverlust_CMYKMichael Seemann gelingt es meines Erachtens auf sehr lesbare und nüchterne Weise das aktuelle Mindest- und Basiswissen über die Netzwerkeffekte zu veranschaulichen und den damit verbundenen wachsenden Kontrollverlust jedem deutlich zu machen, der es wissen möchte. Doch wer will es schon wissen? Mir bestätigte er auf jeden Fall vieles, was ich schon als Fazit aus Yvonne Hofstetters Buch gezogen hatte. Auch er erkennt an, dass nicht Staat, Geheimdienste oder Google, Facebook & Co. die bedenklichsten Treiber des Kontrollverlustes sind, sondern wir selbst, die Nutzer und auch Nicht-Nutzer: „Der größte Gegner der Zivilgesellschaft … ist die Zivilgesellschaft selbst.“ Denn, so paradox es im ersten Moment klingen mag: der wachsende Kontrollverlust wird wohl absehbar in einen Kontrollwahn der Massen führen. Und was im (Irr)Sinne der Massen zu kontrollieren bzw. zu disziplinieren ist hat schon vor knapp einem Jahrhundert Gustave Le Bon sehr klarsichtig in seinem Werk „Psychologie der Masse.“ beschrieben.

Dem Individuum widmet Michael Seemann denn dafür seinen kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters. Der lautet: „Handle stets so, dass Dir öffentliche Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar scheinen. – Aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“ Daran, wie schnell man sich das eigene, reale Leben durch die Netzwerkeffekte zur Hölle machen kann, ermahnen Beispiele im Buch wie das von Justine Sacco. Ein dummer Tweet und nach wenigen Stunden wird man von der Masse gehasst und ist seinen Job los. Auch die ewige Häme über Bettina Wulff überschattet wie viel Rückgrat sie bewiesen hat: das Recht auf Vergessen bei Google einzufordern. Und nicht zuletzt sind die Beispiele gefakter Tweets über Terroranschläge, die zu einem Kursrutsch an den Börsen führen, Warnung was Einzelne auslösen können. Doch wichtig hierbei: die Macht dazu erteilt nicht das Internet und das Smartphone, sondern die Masse an unkritischen und bedenkenlosen Usern, die solche News gierig verbreiten.

Bildschirmfoto 2014-10-25 um 18.15.16Und auch seriöse Medien lassen sich von dieser Gier anstecken. Jüngstes Beispiel sind die sarkastischen Tweets von Christian Ginsig, Sprecher der Schweizer Bundesbahn, über seine Fahrterlebnisse in den Zügen der deutschen Kollegen. Als diese Tweets von einer kleiner Zeitung hämisch in Richtung Deutsche Bahn aufgriffen wurden, wollte der Eidgenosse Schlimmeres verhüten und löschte sie. Zu spät: SZ und FAZ griffen begierig das beliebte Bahn-Bashing auf und verbreiteten es vergnügt weiter, obwohl sie wussten, dass der Verursacher es gerne rückgängig gemacht hätte. Doch das individuelle Recht auf Vergessen war den Medien nicht wert auf eine von der Masse lustvoll aufgegriffen Story zu verzichten.

Auch sehr erhellend ist das konsequente Weiterdenken Michael Seemanns über die möglichen Szenarien in der digitalen Ökonomie. Hier zeigt sich auch die Naivität vieler „Netzexperten“, die sich offenbar über die Fragilität der Geschäftsmodelle heutiger Giganten im Netz nicht im Klaren sind. Wie schnell höhnt es ihm Netz, wenn jemand Szenarien skizziert, in denen Facebook in wenigen Jahren kaum noch Relevanz zugestanden wird, Apps wohl bald wieder bedeutungslos geworden sind oder Google sein werbefinanziertes Geschäftsmodell verliert. Facebook selbst hat es schon erkannt und sich mal schnell WhatsApp gesichert. Google weiß, dass sein größter Gegner aktuell amazon ist. Und am Beispiel Twitter kann man erkennen, dass solch fehlende Weitsicht fast die Existenz bedrohen kann. Featurette-1-Ipad-Default.png.700x610_q100_crop

Da Twitter sich zu Beginn als völlig offene Plattform anbot, die jeder App-Entwickler und Plattform-Anbieter bei sich integrieren konnte, hatte Twitter irgendwann keinen direkten Zugang mehr zu einer großen Anzahl seiner Nutzer. Somit lässt sich langfristig über Werbung nur wenig Geld verdienen. Die aktuell angekündigte Strategie von Twitter (Twitter will Passwörter ersetzen) soll jetzt aus der Not eine Tugend machen und man darf gespannt sein, wie dies dann monetarisieren soll. Ähnlich kritisch wäre es auch für Facebook und auch viel andere Newsmedien, wenn alle User nur noch „Flipboard“ benutzen würden. Und auch Google ist nicht gefeit dagegen, dass irgendwann nur noch über Siri & Co. Suchaufträge gegeben werden und viele gar nicht mehr auf Google direkt suchen.

Michael Seemann hat sein Buch zweigeteilt. Im ersten Teil – der Beschreibung der Netzwelteffekte – bleibt er wohltuend sachlich und bietet viele gute Beispiele, um die manchmal etwas komplexen Zusammenhänge zu veranschaulichen. Im zweiten Teil bezieht er dann Stellung. Er benennt wohin er glaubt, dass das Ganze führen kann, und was es seiner Ansicht benötigt, um dem unvermeidbarem Kontrollverlust irgendwie Herr zu werden. Das ist logischerweise subjektiv, aber nicht ideologisch überschattet. Im neuen Spiel will weder er Spielverderber sein, noch möchte er andere zum „Da mach ich nicht mit“ bewegen. weisen_Affen

Der Ausstieg aus der digitalen Zukunft ist mit Sicherheit keine Lösung für eine bessere Gesellschaft. Ebenso wenig wird es besser, wenn sich die Mehrheit wie die drei weisen Affen verhält. Unwissenheit schützt bekanntlich vor Strafe nicht – sei es im juristischen Sinn oder im Sinne der Lebenserfahrung. Gefordert ist die Aufklärung im Sinne Kants. Deshalb zielt mein Wunsch einer Bildungsoffensive auch nicht auf die Schule unserer Kinder und das Erlernen eines Handwerks wie Programmieren, das schon nach wenigen Jahren wieder veraltet sein wird. Ich habe in den Achtzigern auch mal Basic gelernt. Das bringt mir heute weniger als das Lego spielen in meiner Kindheit. Unseren Kindern bringen wir meines Erachtens besser Querdenken und Mathematik als Programmieren bei. Denn tiefes mathematisches Verständnis wird in einer von vielen Algorithmen beherrschten Zukunft viel entscheidender sein, um sich seine Freiheit des Denkens, des Willens und Handelns zu bewahren.

Nachtrag 12.12.2014: hier gibt es eine 3Sat Videobesprechung für Lesefaule und hier bei Sobooks kann man das Buch kostenfrei lesen und diskutieren.

Final sei noch angemerkt, dass das Buch aus einem Crowdfunding-Projekt resultiert. In dem oben beschriebenen Kontext ist die Erfahrung mit solchen Crowd-Projekten für mich sehr aufschlussreich. Aus Sicht der Initiatoren resultiert der Reiz bei Buch-Projekten nicht nur aus der sicheren Vorfinanzierung, sondern besonders aus der Mitwirkung der Crowd am Inhalt des Buches. Mir begegnete diese Form der Netzvorfinanzierung erstmals bei Dirk von Gehlen mit seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar.“ Dort war ich ebenso wie bei diesem Buch nicht Teil der Crowd (über 600 Unterstützer), sondern klassischer Buchkäufer und Leser.

Was mich damals schon bei Dirk von Gehlens Buchprojekt enttäuschte, habe ich unter dem Beitrag „Geld oder Lesen?“ zusammengefasst. Dirk von Gehlen hat es dort auch kommentiert und seine Sicht dazu erklärt. Wir bewerten den Erfolg unterschiedlich. Für mich zeigt sich die Crowd leider nur bei der Vorfinanzierung und im Entstehungsprozess aktiv. Doch in dem für mich entscheidenden Moment trägt die Crowd so gut wie nichts mehr bei. Sie hilft kaum das Buch in den Medien zu verbreiten und ihm den Leseerfolg zu bescheren. Doch das wäre für mich der wirklich entscheidende Beitrag zu einem Buch, das ich finanziere.

Nachtrag 22.Februar 2015: Vielleicht war ich zu ungeduldig mit meinen Erwartungen an ein Crowd unterstütztes Buchprojekt. Nun, nach einem Jahr, hat Michael Seemann einen „Abschlussbericht“ verfasst, der sich doch recht positiv und zuversichtlich liest. Dennoch überzeugt mich (wie unten bemerkt, und dann im Nachhinein als nicht weiter relevant gestrichen), Crowd-Funding bei Büchern bislang nicht.

Das Gleiche befürchte ich in diesem Fall. Denn blicke ich auf die ersten Rezensionen bei amazon, findet sich da einzig eine abgestrafte Vorankündigung, die wohl von einem Unterstützer kommt und ansonsten nur zwei sehr mäßige Urteile – eines offenbar von jemanden, der mit Michael Seemann ein persönliches Problem hat. Amazon mag nicht das Maß allen Buchmarketings sein, doch neben dem Hinweis von Zöe Beck, habe ich z.B. auch auf Twitter bis heute keine Empfehlungen mitbekommen und nur noch diesen Hinweis bei Weltsicht aus der Nische.

Und mein zaghafter Versuch, dem Buch per Twitter etwas Aufmerksamkeit zu geben, hat selbst der Autor nicht mal aufgriffen. Letztlich ist diese Erfahrung für mich sehr exemplarisch. Kritische Netznutzer stehen sich mit der Verbreitung ihrer Haltung meist selbst im Weg. Statt die Aufklärung aktiv zu verbreiten, halten sie sich „vornehm“ in ihrer Filterblase zurück. Im Gegensatz zu den naiven Netznutzern, die hemmungslos jeden Gag, jeden Nonsens, jede Blamage teilen – erachtet die „Netz-Elite“ das intensive Teilen und Verbreiten offenbar als “unschicklich”, “aufdringlich” oder “niveaulos”. So bleibt die Forderung “Klär Dich auf und handle.“ unerhört in der IKEA-Küche.

Sie wissen alles – und wir können nicht behaupten, wir hätten von nichts gewusst.

IMG_0721Es gibt diese Bücher, wo es einem besonders schwer fällt, sein Resümee kurz zu fassen. Yvonne Hofstetters „Sie wissen alles“ ist für mich so eins. Und das hatte ich anfänglich nicht erwartet.

Wir Leser bevorzugen ja tendenziell Literatur – besonders Sachbücher – die uns in unserer Haltung zur Welt bestätigen sollen. Wirklich unvoreingenommen etwas zu lesen und sich daraus eine Meinung erst zu bilden, gelingt kaum, da wir ja alle schon eine Meinung haben.

LanierFür das Buch von Yvonne Hofstetter wäre es jedoch sehr dienlich, wenn wir unser Vorurteile und Haltung – gleich welche Tendenz – gegenüber einer algorithmisch bestimmten Big-Data-Netzwelt ablegen könnten. Und das, obwohl die Autorin selbst massiv voreingenommen ist und im ähnlichen Spektrum anzusiedeln wie Jaron Lanier, der kürzlich mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Ihr Plädoyer für einen sehr kritischen Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten, das zeitweise auch etwas ausufernd und redundant ausfällt, ist nicht geringeres als der Ausruf zur Revolution der Massen.

Wenn der ein oder andere Evangelist der Netzwelt (wie ich) – geplagt von Schirrmacher & Co. Skeptizismus – hier schon austeigen möchte, möchte ich ihm abraten. Denn Yvonne Hofstetter ist keine Journalisten oder Soziologin, sondern Unternehmerin und seit langem im Big-Data-Analysegeschäft. Ihre Sicht der Dinge mit einzubeziehen, stärkt jeden argumentativ, der hier in Zukunft mitsprechen will.

Und mitsprechen sollten wir in Zukunft alle. Es hätte keines Edward Snowden bedurft, wenn wir die absehbare Entwicklung der Netzwelt selbst konsequent weitergedacht hätten. Doch das Denken über solch komplexe Themen geben wir ja gerne ab. Und es an Yvonne Hofstetter zu delegieren, ist sicher eine gute Wahl. Dennoch müssen wir intellektuell folgen wollen. Das Buch ist keine leichte Kost, auch wenn es gut und verständlich geschrieben ist.

Destilliert man die Essenz des Buches, so geht es in den ersten hundert Seiten zunächst um das Schlachten einer heiligen Kuh der Wissenschaft: der Reinheit der Mathematik. Während sich die Physik und andere Naturwissenschaften schon vor Jahrzehnten schmutzig machten, in dem sie uns zugleich weltverbessernde wie auch –zerstörenden Mittel erforschten und dann praktisch an die Hand gaben (Atomkraft, Biotechnologie, Chemie, Gentechnik etc.), galt die Mathematik bislang als rein. Diese Absolution kann ihr seit der militärischen Nutzung von Algorithmen zur Freund- oder Feindaufklärung in den Achtzigern nicht mehr erteilt werden.

quantsuclfinancialcomputingcentreftDoch erst durch den Wechsel der „Quants“ – Mathematiker, die sich auf die quantitative Analyse von Daten spezialisiert haben – in die Finanzindustrie wäre eine intensive Ethikdiskussion in der Wissenschaft der Mathematik angebracht. Denn das Ergebnis ihrer Tätigkeiten erweist sich zunehmend als ethisch fragwürdig und volkswirtschaftlich als Supergau-Gefahr. Einige Gaus durften wir in den vergangenen Jahren erleben und aktuell zeigt die Börse wieder ähnliche Dominoeffekte, die in eine Finanzkatastrophe führen können.

Zum einen verantworten die „Quants“ die Datenfusion von Finanzmarktdaten und den darauf basierende automatisierten Wertpapierhandel, der mittels Algorithmen Marktbewegungen prognostiziert und – was wirklich unmoralisch ist – mehr und mehr auch manipuliert. Zum zweiten verantworten sie maßgeblich die toxischen Finanzprodukte, die zur Finanzkrise 2008 führten.

In beiden Fällen hat die Fachschaft der Mathematiker bis heute keine öffentliche Verantwortung dafür übernommen. Sie verhalten sich wie Technokraten in einer Diktatur, die argumentieren, ihre Kollegen hätten doch nur ihren Job gemacht. Wenn Mediziner, Biologen und Chemiker sich heute so bedenken- und verantwortungslos verhalten, wären die Debatten schon groß. Selbst Historiker streiten offensiver in der Öffentlichkeit.

Wozu nun aber diese lange Vorgeschichte? Yvonne Hofstetter macht damit eines sehr deutlich: der bis heute weder technisch noch politisch beherrschbare Finanzmarkt wird zur Blaupause für den Big-Data-Markt, auf dem unsere persönlichen Daten gehandelt werden. Und die Hybris vieler Entscheider auf den Finanzmärkten sollte uns vor der Hybris und den keimenden Allmachtsfantasien vieler Entscheider auf dem Big-Data-Markt warnen – mögen sie noch so charmant Lächeln und uns mit „Alles wird gut“ gönnerhaft auf die Schulter klopfen

ebola_content_inline_full_1413366606_Ebola-Outbreak-Buch-JAY-DIRECTO-AFP_10525Denn die Karawane der „unverantwortlichen Quants“ zieht weiter. Sie sitzen heute in Hochsicherheitstrakten von staatlichen Einrichtungen und privaten Unternehmen, die Zugang zu immensen Daten haben. Hier fusionieren und prognostizieren die „Quants“ munter weiter. Doch eben nicht mehr nur, wie sich aufgrund der akuten Ebola-Epidemie der Aktienwert eines Schutzmaskenherstellers, eines Pharmaunternehmens oder einer afrikanischen Airline entwickelt. Das mag nur zynisch aus Sicht von Gutmenschen sein.

Jetzt prognostizieren die Algorithmen der „Quants“, wer bald nicht mehr kreditwürdig ist, wer alles vor Renteneintritt stirbt, wer möglicherweise Randale bei einer Demo macht, wer verstärkt dazu neigt, die Versicherung zu betrügen, wer wohl besser nicht eingestellt wird, weil sie bald schwanger oder er bald Erziehungsurlaub nimmt oder weil er zu kontaktarm ist, denn in seinen Netzwerkprofilen finden sich nur wenig Freunde und Aktivität. Oder welche Jugendliche aufgrund ihrer Schulnoten, Herkunft, Freundeskreis und offensichtlichen Neigung zu digitalem Entertainment es nicht wert sind, ein Stipendium zu erhalten etc. pp.

Ich habe bewusst diese Beispiele gewählt. Denn die Diskussion um Big Data und seine Folgen wird gerne vernebelt von der populistischen Empörung um gezieltes Online-Marketing und möglicher Manipulation unseres Konsumverhaltens. Wäre es nur dies, so könnten wir uns entspannt zurücklehnen, denn das versuchen Marketing & Co. schon seit Jahrzehnten mit mäßigem Erfolg. Wirklich profitieren tuen von der Mär, dass wir so leicht manipulierbar seien, nur die werbefinanzierten Medien.

Wirklich bedenklich ist unsere Liebe zur Lebens- und Selbstoptimierung, die uns nun – ob letztlich nützlich oder nicht – freiwillig viele Daten zur Verfügung stellen lässt. Hinzu kommen noch alle Daten, die über unzählbare Sensoren, Videokameras etc. erfasst und individuell zugeordnet werden können. Sie denken, Sie lieben die Datenauswertung nicht. Sie leben bewusst datensparsam. Das wird Ihnen zukünftig wohl eher schaden. Wie oben angedeutet, werden zukünftig Personen, die sich aktiv der Datensammlung entziehen, zunehmend suspekt. Suspekt für den Staat als Hüter des Gemeinwohls, aber auch suspekt für die Gesellschaft.

StalkerSchon vor Big Data haben wir viel von unserer Freiheit, Privates privat zu halten, mehr oder weniger freiwillig aufgegeben. Heute kann niemand mehr ohne Bankkonto sein, niemand mehr ohne Krankenkasse, niemand mehr inkognito in Hotels übernachten. Ihre Einkünfte sind für den Staat und seiner Diener ein offenes Buch, in das in Schweden sogar jeder Bürger hineinschauen kann. Diese Vorstellung führt heute noch bei vielen Deutschen zu blankem Entsetzen. Ihr Bewegungsprofil ist jederzeit rekonstruierbar, ob sie das nun auf Facebook posten oder nicht. Und, und, und.

Entsprechend vernebelt auch die NSA-Debatte das Kernproblem der Big-Data-Zukunft. Überwachung, Rasterfahndung, Stalking und Voyeurismus gab es schon immer und wird es immer weiter geben. Doch hierfür können wir gesetzliche Regelungen fordern und – solange wir noch demokratisch und fair wählen können – die gewünschten politischen Rahmen gestalten. Doch die allergrößte Gefahr liegt in uns selbst. In unserer Naivität und Eigenliebe zur ständigen Optimierung.

Yvonne Hofstetter nennt hier Beispiele, die uns bekannt sein sollten, doch wo man über unsere naive Akzeptanz allmählich auch entsetzt sein sollte:

„Nach aktuellen Umfragen würden sich etwa zwei Drittel der deutschen Autofahrer überwachen lassen, um weniger Versicherungsprämie zahlen zu müssen.“ (Nachtrag 22.Nov.: jetzt gibt es auch schon die ersten konkreten Angebotsentwürfe)

Ähnlich hohe Zustimmung werden wir wohl erfahren, wenn die ersten Krankenkassen und Lebensversicherer elektronische Gesundheitsarmbänder mit vergünstigten Tarifen anbieten. (Nachtrag 21. November 2014: der erste Versicherer Generali legt los.)  Und ebenso werden wir alle bald mit Begeisterung unser Heim elektronisch überwachen lassen, weil wir damit Versicherung und Heizkosten sparen.(und dazu passend schon wieder ein Nachtrag am 25.11:SZ-Artikel „Offen wie ein Scheunentor.“)

Der nächste Schritt ist bald nicht mehr weit. Das Solidarprinzip wird gesellschaftlich nur noch denen zugestanden, die sich auch konformistisch verhalten. Rauchen, maßloses Trinken und Fleisch essen, nachweislich zu wenig körperliche Bewegung oder zu viel geistlose Beschäftigungen bringen sichtbare Maluspunkte. Stolz werden hingegen immer mehr ihren ökologischen Fußabdruck posten und fordern, dass die anderen das auch tun. Wir Gutmenschen wollen doch endlich mal die Umweltschweine und Öko-Ignoranten an den Medienpranger stellen. Und mit Big-Data ist das jetzt alles bestens möglich. Eine Gesellschaft, die sich freiwillig selbst überwacht.

zeh_tiereJuli Zeh, eine sehr weitsichtige und engagierte Autorin hat diese absehbare Entwicklung zur gutmeinenden „Kontrollgesellschaft“ in ihrem Roman Corpus Delicti schon vor Jahren gedanklich vorweggenommen. Ihr aktuelles Buch mit Essays „Nachts sind das Tiere“ verknüpft sie mit folgendem, zum Kontext passenden Zitat:

„„Ich habe nichts zu verbergen“ ist ein Synonym für „Ich tue, was man von mir verlangt“ und damit eine Bankrotterklärung an die Idee des selbstbestimmten Individuums.“

(Nachtrag 25 Nov. 2014: Wer meine Ansichten und meine Person für diesen Diskurs für nicht schwergewichtig genug erachtet, findet im aktuellen SZ-Interview mit Juli Zeh zum Thema Generali Versicherung dazu dann eine prominente Meinung.)

Jeder muss sich eingestehen, dass viele seiner Handlungen und Entscheidungen im konkreten Sinne des Wortes „berechenbar“ sind. Keiner kann sich ständig bewusst irrational verhalten, um möglichen Prognosen über sich zu entgehen. Und irgendwann berechnen die „Quants“ auch dies mit ein. Dennoch sind wir freie Individuen, zumindest solange wir nicht nur uns, sondern auch allen anderen ihre Geheimnisse gestatten. Doch derzeit laufen wir Gefahr, viele andere zu diskriminieren, wenn sie sich nicht dem moralisch geforderten Drang nach Optimierung und Transparenz beugen. Zum Glück ist die gutmeinende Piratenpartei mit dieser Basisidee schon gescheitert.

Doch was ist nun politisch und gesellschaftlich zu fordern, um die Gefahren der Big-Data-Kontrollgesellschaft einzudämmen? Wo muss die Revolution stattfinden? Yvonne Hofstetter nennt zehn Punkte, aus denen ich meine folgenden – aus heutiger Sicht noch utopische, aber ganz nüchterne – Konsequenzen und Forderungen ableite:

5669728_s

  1. Alle persönlichen Daten sollten juristisch als geistiges Eigentum behandelt werden. Sie sind damit nicht auf eine andere Person übertragbar, sondern können nur mit expliziter Einwilligung des Eigentümer zeitweise genutzt werden. Dieses Nutzungsrecht kann der Eigentümer wieder entziehen.
  2. Das Grundrecht auf Vergessen soll weltweit ausgeweitet und optimiert werden. Es sollte Menschenrecht sein. Unter anderem soll es ein aktives Verfallsdatum für Daten geben.
  3. Es braucht einen Schutz vor Diskriminierung aufgrund nicht freiwillig gegebener Daten. Vergünstige Angebote aufgrund von erlaubter Datenüberwachung sollen bei Pflichtverträgen, wie Telekommunikation, Versicherungen und ähnlichen als unlauter gelten.
  4. Die Fachschaft der Mathematik soll einen weltweit bestimmenden Ethikrat einberufen, der dafür sorgt, dass zukünftige alle verwendeten Algorithmen zur Analyse und Prognose von menschlichen Verhalten veröffentlicht werden. Eine Art hippokratischer Eid soll jeden Mathematiker dazu verpflichten.
  5. Allen Menschen soll die Möglichkeit eingerichtet werden, ihre Profile, die sich aus der Datenfusion ermitteln und analysieren lassen, einzusehen.
  6. Private Unternehmen, die durch Schlüsseltechnologien in der sensiblen Datenanalyse eine monopolitische Marktbeherrschung erlangen, sollen von einem UNO-Beirat überwacht und gegebenenfalls von der UNO enteignet werden können. Eine Verstaatlichung wäre im Fall von international agierenden Konzernen unzureichend.

Darüber hinaus sollte politische Kompetenz zu Big-Data aufgebaut werden. Heute verfügt – wie Yvonne Hofstetter bemerkt – kein einziger Politiker über ausreichend Sachverstand, um die ethischen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen der aktuellen Entwicklungen abschätzen zu können. Ihre Inkompetenz in solchen Szenarien zu denken, hat die Politik vor Jahren bei der Privatisierung der Telekommunikationsnetze und der UMTS-Versteigerung bewiesen. Da ich zu diesem Zeitpunkt selbst bei einem der Bieter arbeitete, hatte ich mich mit den Konsequenzen näher beschäftigt. Schon damals war ich mit einer Minderheit überein, dass der kurzfristige finanzielle Staatsgewinn zu Lasten einer staatlich gesicherten Infrastruktur gehen würde. Das hat sich ja nun für alle sichtbar bewahrheitet.

IMG_0722

Mein erstes Handy.

Der aktuelle Fokus in der politischen Debatte auf Netzausbau und Medienkompetenz von Kindheit an – z. B. Programmiersprachen an den Schulen unterrichten – ist einseitig und verstellt den Blick auf die wirklich wichtigen Aufgaben des Staates: die Grund- und Persönlichkeitsrechte seiner Bürger zu schützen. Und das heißt auch seine Bürger vor den unumkehrbaren Folgen ihrer eigenen Naivität zu bewahren.

Ich war bislang einerseits geblendet von den faszinierenden Opportunitäten, die uns die Digitalisierung und das Netz bietet und anderseits fatalistisch bezüglich der Begrenzung der Gefahren. Letzteren dachte ich begegnen zu können, in dem ich aktiv meinen digitalen Zwilling gestalte, das Datenspiel mitspiele und steuere. Doch ich gebe nach der Lektüre von „Sie wissen alles“ und einigen anderen Statements zum Thema zu, dass dies naiv ist und nicht ausreicht, um die Gefahr eines digitalen „Zombies“ (Hofstetter) abzuwenden.

Wenn die Gesellschaft sich hier nicht bald mehrheitlich und gemeinsam engagiert zeigt, werden irgendwann viele von uns in die Falle tappen und für die neue Kontrollgesellschaft nicht mehr opportun zu sein.

Nachtrag: Gespräch zwischen mit Martin Eiermann dem Autor Christopher Steiner („Automate This“), warum Algorithmen und Roboter uns alle herausfordern

Nachtrag: einen das Thema sehr gut ergänzenden Vortrag hielt vor kurzem Sascha Lobo:

Jaron Lanier: hartes Brot oder Häppchen?

fingerfoodDie Rede ist gehalten und die Netzgemeinde ist „not amused“ und diskutiert reichlich. Hingegen findet sich im gedruckten Feuilleton – so weit ich es überblicke – nur weitgehend kritiklose Begeisterung. Ich war ebenfalls recht irritiert zu erfahren, dass Jaron Lanier den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen bekommt.

Meine Irritation bezog sich zunächst aber auf die wohl von mir missverstandene Ehrung in Bezug auf „Frieden.“ Denn den Beitrag zum Frieden, den Jaron Lanier mit seiner kritischen Haltung zur keimenden algorithmischen Big-Data-Netzkultur leistet, habe ich selbst aus seiner Rede nicht entnehmen können.

Im übrigen eine Rede, die ich rhetorisch und inhaltlich für sehr gelungen und sehr lesenswert erachte. Vieles, wohl zu vieles, spricht er darin an, über das es nachzudenken lohnt. Doch angesichts der Resonanz in den digitalen und in den analogen Medien ist wie immer davon auszugehen, dass nur ein paar ausgewählte Häppchen daraus die Runde machen. Die gesamte Rede zu lesen und sich den verschiedenen angesprochenen Themen nachdenklich zu widmen, wäre für die überwiegende Gesellschaft hartes Brot.

Die Mediengesellschaft heute folgt nun mal gerne – in etwas abgewandelter Form – dem zynischen Rat von Marie Antoinette, den man ihr fälschlicherweise in den Mund gelegt hat: „Wenn das Volk keine hartes Brot mag, soll es doch kleine, weiche Häppchen essen.“ Und diese Häppchen-Kultur wird durch die neuen Medien bestens bedient.

Der weit blickende journalistische Sachverstand ist schon längst über die dynamische „Content-Anpassung“ an die wachsende Online-Querleserschaft hinaus. Man weiß, dass in Zukunft fast alles, also auch das journalistische, fast nur noch mobil auf handtellergroßen Smartphone-Bildschirmen rezipiert wird. Und darauf muss sich der „Content-Ersteller“ von heute vorbereiten, wenn er morgen noch wahrgenommen werden will:

Journalistisches Fingerfood ist das Medienrezept der Zukunft.

Die digitale Elite unter den Journalisten erprobt dieses Rezept schon bestens im News-Roulette „Twitter“. Was Heftig & Co. auf Facebook vorgemacht hat, wird in etwas ambitionierterer Form auf Twitter adaptiert. Dass dies alles dennoch den Journalismus der Vergangenheit nicht in die neue Zeit retten wird, hat bestens Wolfgang Michal auf seinem Blog beschrieben.

Nun, seit jeher ist die Bereitschaft, sich eine Meinung zu bilden vergleichsweise gering, da man ja meistens schon eine hat. Und deshalb hatten auch schon in analogen Zeiten die bildreichen und textarmen Content-Anbieter immer die meisten – nein, nicht Leser – sondern Rezipienten.

LanierSo ein Blogartikel wie diesen lesen bis zu dieser Stelle höchsten noch 2% derer, die ihn anfänglich überflogen. Und das wäre schon eine super Resonanz. Entsprechend verblüfft war ich über ein interessantes Häppchen aus Jaron Laniers Rede, mit dem er gleich zu Beginn seiner buchliebende Zuhörerschaft Manna für die Seele reichte. Die Passage habe ich hier vollständig eingefügt, da ich daran kein Wort kürzen wollte. Also – tief Luft holen – und weiterlesen:

„Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornographie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internet – insbesondere Bücher – Perspektiven und Synthesen aufzeigen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden darf. Wir haben am meisten davon, wenn es nicht gleichzeitig Subjekt und Objekt ist.

Aus diesem Grund schreibt ein Geschöpf der digitalen Kultur wie ich Bücher, wenn es Zeit ist, einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Denn es besteht die Chance, dass ein Leser ein ganzes Buch liest. Zumindest gibt es einen ausgedehnten Moment, den ich mit dem Leser teile.

Wäre ein Buch nicht mehr als ein Erzeugnis aus Papier, könnten wir es nur auf die Art feiern, wie wir Klarinetten oder Bier feiern. Wir lieben diese Dinge, aber es sind eben nur bestimmte Erfindungen, aus denen sich Produkte entwickelt haben, mit ihren jeweiligen Fachmessen und Subkulturen.

Doch ein Buch greift viel tiefer. Es ist die Feststellung eines bestimmten Verhältnisses zwischen einem Individuum und der menschlichen Kontinuität. Jedes Buch hat einen Autor, eine Person, die ein Risiko auf sich genommen und eine Verpflichtung eingegangen ist, in dem sie sagt: „Ich habe einen wesentlichen Teil meines kurzen Lebens damit verbracht, eine bestimmte Geschichte und einen bestimmten Standpunkt wiederzugeben, und ich bitte euch, dasselbe zu tun, indem ihr mein Buch lest: Darf ich so viel Engagement von euch verlangen?“ Ein Buch ist ein Bahnhof, nicht die Gleise. Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz, vielleicht nicht in Bezug auf Geld (im Vergleich mit anderen Branchen), doch in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, der Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens und unseres Potenzials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen. Autor zu sein, zwingt uns zu einer vermenschlichenden Form der Verwundbarkeit. Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde.

Das Wesen des Buchs ist Beweis dafür, dass individuelle Erfahrung existentiell für die Bedeutungsebene ist, denn jedes Buch ist anders. Bücher aus Papier sind naturgemäß nicht zu einem kollektiven universalen Buch verquirlt. Seltsamerweise ist für uns der Gedanke normal geworden, es gäbe nur einen Wikipedia-Eintrag für ein humanistisches Thema, für das es absolut nicht die eine optimierte Darstellung geben kann; die meisten Themen sind keine mathematischen Sätze. Im Zeitalter des Buchdrucks gab es viele verschiedene Enzyklopädien, von denen jede einen Blickwinkel vertreten hat, und doch gibt es im digitalen Zeitalter nur eine. Wieso muss das so sein? Es ist keine technische Zwangsläufigkeit, trotz „Netzwerkeffekten“. Es ist eine Entscheidung, die auf dem unbestrittenen, aber falschen Dogma beruht, Ideen selbst sollten mit Netzwerkeffekten gekoppelt werden. (Manche sagen, Wikipedia werde zum Gedächtnis einer globalen künstlichen Intelligenz.) Bücher verändern sich. Einige der Metamorphosen sind kreativ und faszinierend. Ich bin entzückt von der Vorstellung, eines Tages könnte es Bücher geben, die sich mit virtuellen Welten synchronisieren, und von anderen seltsamen Ideen.“

Geschafft? Gut, dann ist dies schon das zweit Stück hartes Brot gewesen. Ich weiß noch, wie ich mich amüsierte, als Sascha Lobo damals sein Buch „Wir nennen es Arbeit“ 2008 veröffentlichte. Der Repräsentant der digitalen Netzwelt freut sich über ein selbstgeschriebenes, analoges Büchlein auf dem sein Name gedruckt ist. Da bin damals dem Klischee aufgesessen, dass man doch nicht das eine propagieren und dann das andere auch einfach macht. Ein Buch ist nun mal was anderes als ein Blog. Und es ist auch etwas Anderes eine Kolumne in Bild zu bekommen, wie Nico Lumma aktuell. Auch für ihn habe ich volles Verständnis, dass er jedes teuflische Mittel nutzt, wenn es den Zweck heiligt.

Bildschirmfoto 2014-09-30 um 23.18.52Dennoch muss ich als leidenschaftlicher Leser resümieren: was Jaron Lanier hier mit schwer verdaulichem Pathos verkündet ist bildungsbürgerliche Romantik. Zum einen sind wohl 99% aller gedruckten Bücher ebenso irrelevanter und oftmals nur eitler Content wie der im World Wide Web. Zum zweiten werden in selber Relation – Pareto war meines Erachtens ein großer Optimist – nur eins von neunundneunzig relevanten Bücher überhaupt wahrgenommen und nimmt kurzzeitig mal Einfluss auf eine gesellschaftliche Debatte. Und drittens eignen sich Bücher weit weniger zum Meinungsdiskurs als der im Netz bereitgestellte Content. Denn Bücher werden überwiegend von Evangelisten des Autors und kaum von dessen Kritikern gelesen. Denn die Bücher kosten nicht nur Lebenszeit sondern auch noch Geld.

Sicher, ein Buch zu schreiben, ist eine hervorragende mentale Aufgabe des Autors, um sich selbst zu disziplinieren, seine Gedanken, Einsichten und Urteile kritisch zu reflektieren. Doch anzunehmen, dass dieser individuelle, geistige Prozess von einer anders meinenden, kritischen Gesellschaft lesend aufgenommen wird, ist naiv. Bücher werden diesbezüglich seit Jahrhunderten ebenso überschätzt wie seit einigen Jahren die Relevanz des Internets in Bezug auf gesellschaftliche Meinungsbildung. Beide Medien erweisen sich diesbezüglich als enttäuschend und weitgehend bedeutungslos.

Lasst die Reichen doch reicher werden.

St_TropezUnsere ideologische Brille macht uns häufig blind für einfache Logik. So sollte man die populistische Empörung darüber, dass immer weniger Menschen den größten Teil des materiellen Reichtums anhäufen, mal abklingen lassen und nüchtern das Szenario hinterfragen:

In unserem Land lebt die überwiegende Mehrheit in Wohlstand. Wobei Wohlstand eben heißt, dass man einen akzeptablen Wohnraum hat, sich gesund und ausreichend ernähren kann, akzeptable bekleidet ist und sich die ein oder andere individuelle Anschaffung leisten kann sowie genügend bezahlbare Angebote erhält, um auch seinen geistigen und kulturellen Hunger stillen zu können. Und über diesen Wohlstand verfügen selbst Geringverdiener in Deutschland.

Was sichert uns diesen Status quo? Regelmäßige mtl. Einkünfte, Preisstabilität bzw. niedrige Inflation.

Bildquelle 123rf

Ideologisch suggeriert wird uns nun – unsere menschliche Schwäche „Neid“ ausnutzend – , dass es da ein paar wenige Superreiche gibt, die Jahr für Jahr auch noch immer reicher werden und das dies doch ungerecht sei. In welcher Hinsicht ungerecht? Werden die Reichen immer reicher, weil sie uns ärmer machen? Nein, der allgemeine Wohlstand wächst weiterhin. Es geht uns gesamt materiell nicht schlechter sondern besser als vor 10 Jahren. Es sind nur nebenbei auch ein paar wenige unglaublich reich geworden.

Stellen wir uns nun vor, dass unserem „Neid“ genüge getan würde und wir nun diesen Reichtum der Wenigen umverteilen. In Deutschland gibt es ca. 1,1 Mio. Millionäre mit einem geschätzten Vermögen von € 4 Billionen. Unterstellen wir mal, es ließe sich 50% deren Vermögen liquide machen, ohne das daraus ein wirtschaftshemmender Schaden entsteht. Diese Millionen verteilen wir nun auf alle Bundesbürger (ca. 80 Mio.), so dass nun jeder über 25.000 Euro mehr verfügt. Eine vierköpfige Familie hätte dann € 100.000,– zusätzlich auf dem Konto. Was würde dann passieren? Wer jetzt glaubt, es würde doch allen dann deutlich besser gehen, der hat nicht mal die Grundlogik der Ökonomie verstanden.

Im besten Fall würden wir das Gefühl uns nun etwas mehr leisten zu können etwa ein Jahr genießen. Danach wären wir dann aber deutlich ärmer. Denn mit dem Schub an Massenkonsum und Bereitschaft, mal etwas mehr auszugeben, erhöhen sich ganz erheblich und langfristig die Preise. Und unser Wohlstand, den wir vor dem Geldsegen hatten, würde nach gut einem Jahr schon deutlich teurer werden. Nach ca. zwei Jahren wäre wohl alles aufgezehrt und wir müssten nun erheblich mehr verdienen, um unseren Status Quo aufrecht zu erhalten.

Die Folgen einer Vermögensumverteilung kann man exemplarisch im privaten Immobilienmarkt gut beobachten. Dort werden häufig Häuser zu einem großen Anteil aus einem Erbe finanziert. Wer heute für ein Haus € 500.000,– zahlt, der kann es mehrheitlich nicht mit einem 100%-Kredit finanzieren, den er dann nur mit Lohneinkünften tilgt (Hierzu müsste er ca. € 2.500,- mtl. über 30 Jahre zahlen.) Viele können den Preis nur zahlen, weil sie oftmals ein Erbe zur Verfügung haben. Das Erbe ist es, das die Preise am Immobilienmarkt nach oben treibt. Gäbe es dieses Erbe nicht, sprich keine Vermögensumverteilung, wären die Preise deutlich niedriger.

SimmelDas Fazit aus dieser Logik ist das Grauen alle ideologisch blinden Sozialkritiker: die wachsende Akkumulation von Vermögen auf nur wenige Personen der Gesellschaft sichert vorhandenen allgemeinen Wohlstand mehr als die Umverteilung der Vermögen. Ein paar wenige Milliardäre und auch ein paar mehr Millionäre können nun mal nicht so signifikant konsumieren, dass die Lebenshaltungspreise steigen – höchsten für Champagner, Kaviar und Goldschmuck. Und wenn es immer weniger, immer reicher werden Milliardäre und Multimillionäre gibt, sinken sogar die Preise für Jachten und Luxusautos.

Unser gesellschaftlicher Wohlstand ist nicht das Ergebnis einer gerechteren Vermögensverteilung zwischen Superreichen und soziale Benachteiligten, sondern er ist das Ergebnis einer fair und wertschätzend bezahlten Lohnarbeit. Und damit dies möglich ist, müssen wir alle diese Arbeit auch entsprechend bezahlen.

Wer eine halbe Stunde beim Friseur sitzt und dafür nicht bereit ist € 15,– zu zahlen, hemmt den wachsenden Wohlstand mehr als der Millionär, der eine Konzertkarte für € 500,– erwirbt, um in der ersten Reihe zu sitzen. Das Konzert genieße ich – wohl auch dank seiner subventionierenden „Dekadenz“ – genauso auf meinem Stehplatz im Rang für € 15,–.

Nachtrag: wer sich gerne an der Geschmacklosigkeit der Reichen mehr weiden möchte und das auch noch hochkulturell beflissen, der sollte die Ausstellung „Fette Beute“ des Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe vom 18. Oktober an besuchen.

ReicherJungeDer tagtäglichen Dekadenz kann man aber auch hier folgen.

Buchliebhaber sind nicht die besseren Literaturliebhaber

IMG_0697Wenige Tage vor der beginnenden Wallfahrt nach Frankfurt häufen sich wieder die Artikel zur aktuellen Lesekultur. Das Lamentieren, ob noch gute Literatur geschrieben wird und – meines Erachtens wichtiger – ob noch gute Literatur gelesen wird, steht wieder hoch im Kurs. Denn es sind die beliebtesten Themen des Feuilletons, deren überwiegende Leserschaft sich gerne in ihrem bildungsbürgerlichen Anspruch bestätigt sehen möchte.

Die Leserschaft des Feuilletons labt sich förmlich in den alljährlichen wiederkehrenden, kulturpessimistischen Bädern, die ihnen die Redakteure gerne bereiten – nicht zu heiß und nicht zu kalt. Denn die Redakteure ahnen auch, dass ihre Leser einer ernsthaften heißen Literaturdebatte gar nicht folgen könnten. Nur eine winzige Minderheit liest aktuelle und wirklich neue Literatur, die oftmals gar nicht in den etablierten Verlagen erscheint und die der Redaktion unaufgefordert Rezensionsexemplare sendet.

CircleUm Aufmerksamkeit für ein Buch auch ins Feuilleton zu lenken müssen heute gehypte Übersetzungen aus USA wie „The Circle“ herhalten, deren literarische Bedeutung gegen Null tendiert. Dave Eggers hat in seinem Interview mit Dennis Scheck denn auch erklärt, dass er lang überlegt hat, ob er dem Thema ein Sachbuch oder einen Roman widmen soll. Zu seinem Glück (weniger zu unserem) hat er die Form des Romans gewählt. In dem Genre ist die nachzüglerische Zielgruppe für Netzwelt-Dystopien deutlich größer.

Interessant an solchen Bestsellern ist: sie sind das beste Argument für die Digitalisierung von Literatur. Denn solche Trendliteratur in Buchform ins Regal zu stellen ist wirklich Platzverschwendung. Sie entsteht nach smarter Analyse des aktuellen Zeitgeistes, die heute mittels Bigdata deutlich einfacher geworden ist. Hiervon lassen sich offenbar selbst auch Literaturkenner wie Dennis Scheck blenden, der in seiner Empfehlung für den „Circle“ nicht mal auf die sonst überall verwiesenen literarischen Schwächen des Romans eingeht.

IMG_0699Und damit komme ich zum Auslöser meines Blogeintrages: den Artikel „Die Macht der Bücher“ von Kurt Kister in der SZ vom Wochenende. Das gut gemeinte Plädoyer für das gedruckte Buch ist meines Erachtens mal wieder das Tucholsky-Gegenteil von gut, also völlig misslungen. Denn wieder einmal schüttet es Öl ins Feuer einer Debatte, die im Jahr 2014 unnötig und allmählich obsolet sein sollte.

Der Satz, über den wohl viele Leser gestolpert sind und entweder begeistert beklatschten (z.B. buzzaldrins bücher) oder empört als elitären Altvorderen Gedanken zitierten, lautet

„Ja, es gibt einen Unterschied zwischen Büchermenschen und Textherunterladern“.

Dieser Satz ist verkürzt aus dem Artikel herausgehoben worden und steht im Text etwas anders:

„Wer Bücher liebt, kauft sie nicht unbedingt, um sie zu lesen. Das ist einer der großen Unterschiede zwischen Büchermenschen und, kaum despektierlich gemeint, Textherunterladern.“

Sehr verehrter Herr Kister, ich respektiere Ihre Liebe zum Buch. Auch ich liebe gedruckte Bücher, aber Ihre beschriebene Haltung untergräbt ein wesentliches Ansinnen vieler, die heute noch Literatur schaffen, und alle anderen, die sie begeistert rezipieren: es suggeriert den Eindruck, als wenn Buchliebhaber die besseren Literaturliebhaber seien. Es ist exakt diese elitäre Antwort, die viele auf die Gretchenfrage „Wie hältst Du es mit dem eBook?“ geben und damit meines Erachtens mit dem gedruckten Buch auch synonym die Literatur in eine antiquierte, ja erzkonservative Nische rücken.

Keinen Musikliebhaber würde ich danach bewerten, ob er Musik im Konzert, auf Schallplatte, auf CD, im Radio, über iTunes oder Spotify bevorzugt genießt. Sondern einzig – und das natürlich sehr subjektiv – danach, was er hört. Dabei bewundere ich besonders jene, die sich vielen Genres interessiert und begeistert zuwenden können. Und von Musikkritikern erwarte ich, dass sie mir die Avantgarde nahelegen und nicht, dass sie mir erklären, dass die neue Aufnahme von Lang Lang eigentlich nur in analoger Form auf Vinyl gepresst das wahre Klangereignis sei.

Herr Kister, ich habe Sie in einer kritischen Bemerkung auf Facebook von dotbooks zu Ihrem Artikel (eBook-Plattform) als Liebhaber des Buches verteidigt. Sie selbst erachten sich ja nicht als Feuilletonist, sondern primär als Leser. Doch in dieser Eigenschaft sollten nicht nur Sie, sondern alle, die in Ihr Ansinnen jubelnden einstimmen, sich selbstkritisch noch mal hinterfragen:

Behandele ich nicht fälschlich die Liebe zum Buch synonym mit der Liebe zur Literatur?

„Die Macht der Bücher“, wie Sie Ihren Artikel rhetorisch geschickt überschreiben, ist nicht die Macht der Literatur, die Leser- und Gesellschaft beeinflussen könnte. Diese Macht wurde schon immer weit überschätzt seitdem Literatur geschaffen wird. Es ist die Macht, die der Gegenstand Buch über Sie gewonnen hat. Das Buch ist Ihr Objekt der Begierde. Und das ist von mir auch kaum despektierlich gemeint.

FotoZu guter Letzt will ich nicht versäumen auf ein ganz aktuelles Beispiel hinzuweisen, wo die gewählte Form des Buches der darin enthaltenen Literatur besonders geglückt ist: Botho Strauss „Herkunft“ stelle ich mir gern ins Regal und wäre in digitaler Form um ein besonderen Eindruck ärmer.

Und zu aller guter Letzt ist die aktuelle Replik vom sobooks Verlagsprojekt auf einen Artikel im Spiegel wieder Beispiel dafür, wie die bildungsbürgerliche Skepsis neue Wege und Formen der Literaturvermarktung bremst anstatt sie zu stützen. Der Claim von sobooks heißt im übrigen „Aus Liebe zum Lesen“ und nicht „Aus Liebe zum Buch.“

Stürmt die Buchhandlung! Botho Strauss „Herkunft“ befühlen, beschnuppern und lesen!

FotoIch muss Abbitte leisten. In der Vergangenheit habe ich doch zu leichtfertig propagiert, dass es beim Buch nicht darauf ankäme, ob digital oder gedruckt, sondern auf den Inhalt. Für 99% der Bücher trifft das meines Erachtens immer noch zu. Doch mit „Herkunft“ von Botho Strauss widerlegen Autor und Verleger die 100%-These.

Die schlicht-edle Leinenhaptik des Buches versetzt mich augenblicklich in den Zeitraum zurück, in den ich mit dem Aufschlagen dann knapp 100 Seiten lang einreisen darf. Und auch der Geruch sowie die Farbe intensivieren die Empfindung eines Zeitsprunges. Der smaragdgrüne Einband erinnert mich an die Stoffbezüge einiger Sitzmöbel meiner Großeltern und deren Freunde. Strich man mit der Hand darüber, vermittelten sie einem eher Robustheit als Kuscheligkeit.

Das schmale, jedoch gewichtige Buch in der Hand zu befühlen, zu streicheln und zu beschnuppern war sicher das gewünschte und von mir auch wunderbar geschätzte Vorspiel zu Botho Strauss Erinnerungen an seine Herkunft, an denen er uns darauffolgend dann teilhaben lässt.

Und was diese Teilhabe betrifft, fällt es mir sehr schwer, meine hymnische Begeisterung zu zügeln. Vor kurzem erst ereiferte ich mit einigen Bloggern über die Frage „Was ist große Literatur?“. Nun halte ich mit diesem schmalen Bändchen etwas in den Händen, von dem ich mit voller Inbrunst der Überzeugung sage: Das da! Und das sage ich besonders auch, weil ich bislang Botho Strauss zwar geschätzt habe, aber er mir dennoch nicht als einer der ersten als Beispiel in den Sinn gekommen wäre. Bislang finde ich weitgehend Bestätigendes in den wenigen Rezensionen der Feuilletons, so z.B. aktuell in der Literaturbeilage der Zeit von Ijoma Mangold, in der SZ und in der Welt von Wolfgang Büscher.

Bitte, lest „Herkunft“ noch auf dem Weg zur Buchmesse! Hat sich ja erledigt.

Wenn dieses wunderbare Kleinod an Erinnerungsliteratur nicht ein hörbares begeistertes Aufatmen und großes Echo in den Gängen der Messe erzeugt, dann verstehe ich die Bücherwelt nicht mehr. Ein schöneres und überzeugenderes Geschenk für die Liebhaber des Buches aus der vordigitalen Welt kann kein Autor machen.

Ems_Kolonnade

Kolonnade in Bad Ems in der der „Knabe Botho“ auch gern wandelte.

Der Anlass: Der Groll der Jugend über einen verbitterten, sich seinen erzkonservativen Werten gegenüber verpflichtet fühlenden Vater – wie auch ich ihn gegenüber meinem kleinbürgerlich und kleingeistig empfundenen Großvater verspürte – will nach über 50 Jahren noch erklärt sein. Doch mehr und mehr drängt sich der Respekt vor der bewahrten Haltung eines Mannes vor, den das Schicksal durch Kriegsversehrung im ersten Weltkrieg und den kompletten Verlust der materiell großbürgerlichen Existenz durch den zweiten Weltkrieg bedrückt hat und den man ja auch geliebt hat und der einen auch das hat werden lassen, was man heute ist.

„Ohne Dich wäre ich nicht ich.“ lies ich auf der Todesanzeige meiner Großmutter hinzufügen, die für mich, der ich vaterlos aufwuchs, eine zweite Mutter war. Ihr danke ich sehr – trotz ihrer biederen, ähnlich kriegsverbitterten Lebensweise – für ihre mir entgegengebrachte Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Ihr Mann, mein Stiefgroßvater, den ich als Vaterfigur bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr erlebte, war mir ähnlich nah und dennoch fern, wie der Vater, den Botho Strauss portraitiert. Doch während Strauss nun rückschauend mehr und mehr dessen sonderliches Wesen entschuldigt, kann ich bis heute meinem jahrzehntelang bei Neckermann in immer gleichbleibender Position arbeitenden, kleinmütigen Großvater nicht verzeihen.

Bad Ems, Kursaal; Architekt: J.G.Gutensohn

Kurhaus, Bad Ems

Botho Strauss schildert eine provinzielle bürgerliche Kulisse in Bad Ems, in der er aufwuchs und in der man das „Hut ziehen“ vor anderen noch wörtlich nahm. Dabei vermittelt er den Eindruck, in sehr spürbarer, materieller Bescheidenheit aufgewachsen zu sein. Diese sei der Erfolglosigkeit seines freiberuflichen Vaters geschuldet, die er nach der Flucht in den Westen mit 60 Jahren begann. Ein „bescheidenes Leben“ ist sehr relativ, wie sich anhand der Tatsache erläutern lässt, dass die Familie Strauss zu dritt in einer 7 Zimmer Wohnung mit Dienstmädchen lebte und der Vater dem Sohn beispielsweise DM 10,- für jede Doppelstunde Altgriechisch zahlt, die der Sohn auf dem neusprachlichem Gymnasium freiwillig belegt. Strauss bezeichnet dies dann recht humorig als „die wohl nützlichste und ertragreichste Investition meines Lebens.“

Aber die konkreten, biografischen Fakten sind in dem Einblick in seine Erinnerungswelt unerheblich. Es ist die beindruckende dichterische Sprache, die sich schlafwandlerisch auf dem Grat zwischen heute ältlich und damals fast Avantgarde bewegt. Und es ist eine, ja ich finde betörende, eigenwillige ästhetische Form, seine Erinnerung zu fassen, zu fesseln und zu deuten.

Sprachlich lockt Strauss zum einen gerne in die Zeit zurück, wenn er zum Beispiel schreibt:

„Wie schimpflich aber, daß(!) ich mich so genierte, wenn ich ihm mit meinen Kameraden auf dem Schulweg begegnete, wenn er mir entgegenkam auf dem Rückweg von seinem Morgenspaziergang und ich nicht wagte, ihn unbefangen zu grüßen.“

Zum anderen versteht er es aber auch ebenso lakonisch als auch melancholisch einen sehr berührenden Sachverhalt neuzeitlich zu beschreiben:

„Morgen wird die Wohnung der Eltern aufgelöst. Morgen wird meine Kindheit entrümpelt.“

Und zum selben Thema an anderer Stelle, die dem Buch denn auch seinen Titel gab:

„Die Auflösung der Wohnung zieht aus jedem Winkel, jedem Gegenstand Herkunft hervor.“

Und es finden sich viele Einsichten über die Kindheit und Jugend, die man nur im vorgerücktem Alter gewinnt:

„Man erinnert sich einer Zeit, da man noch den Schutz der Zukunft genoß (!): die Dinge, wie man ihnen auch begegnete, sie standen bevor.“

Sowie:

„Nie hast du Unglück so hart und pur empfunden wie in der Unruhe und Quere des Aufwachens.“

Und an anderer Stelle etwas allgemein Lebensphilosophisches:

„Immer formt Schicksal eine tiefere Einsicht, als die Intelligenten, die seine Macht nie zu spüren bekamen, sie für sich in Anspruch nehmen dürfen.“

Mir sehr zu Herzen ging Botho Strauss Erinnerungen an die Hände des Vaters, wie er sie bewegte und welche Haltung Hände und Gestus vermitteln. Die sehr detaillierte Behandlung des Themas „Hände“ kulminiert am Ende in der Feststellung:

„Heute sind Hände nicht sehr gefestigt, … scheinen (…) sich zu schämen und werden schnell unruhig.“

Eine Beobachtung, die ich nicht gleich bestätigen würde wollen, jedoch für durchaus plausibel erachte.

Nicht zuletzt gibt Botho Strauss auch seinen zukünftigen Biografen deutliche Hinweise auf die Trigger, die ihn in seiner Jugend zur Literatur und Theater sich hinwenden ließen. Denn seinem Elternhaus verdankt er das nur sehr bedingt. Weit mehr Einfluss hat ein Lehrer namens Telkrath, dessen „ästhetische Erziehung ich genoß und der mich vom „Bravo“-Leser (Hört, hört!) zum „Tristan“-Schwärmer veredelte.“

Und er bläst ein wenig in das Horn der Kritiker, die ihm eine gewissen reaktionären, machtopportunistischen Zug zusprechen – doch meines Erachtens sich sehr souverän einer solchen politisch gewollten Zuordnung entziehend:

„Vielleicht weil ich nie ein fröhlicher Waisenknabe der Rebellion war, der den Vater los sein wollte und dem sein Lebtag der Wutschweiß ausbricht, wenn ihm Macht als Machtperson begegnet, neige ich zu der Ansicht, daß Macht vielen, die sie nicht besitzen, das Leben besser sichert als Macht, in die sich viele teilen. Aber das sagt jemand, dem Autorität immer nur genützt hat, dem in Erziehung und Beruf Vorbild, Meisterschaft und Anführung selbstverständlich waren und den sie immer nur gefördert und niemals unterdrückt haben.“

Allen jungen Menschen, die derzeit noch auf der Suche nach herausragender Literatur sind bitte ich, diesem Buch mit Wohlwollen zu begegnen und sich auf den manchmal etwas irritierend ältlichen Stil einzulassen. Vielleicht lädt euch diese das letzte Kapitel einleitende Textpassage ein, das Buch zu lesen

„Zähmung der Erinnerung, Dressur der Wehmut ist unvermeidlich, wenn man etwa einem jungen und unbekannten Menschen etwas von früher erzählen will. Eigentlich gelangt man ja nur nach Hause in verschwommenen, undisziplinierten Empfindungen. Fügt sich die Erinnerung, so schwindet sie schon.“

Zum Schluss verspreche ich jedem, der dieses Buch liest, dass er noch nie eine so beeindruckend literarische Beschreibung eines Briefbeschwerers gelesen hat, die zukünftig exemplarisch – ob akademisch oder künstlerisch – für viele zukünftige Generationen sein wird, die sich mit dem Schreiben befassen. Eben große Literatur.

Nachtrag: weitere Rezensionen, die ich bislang finden konnte:

Bei Lesarten das andere Literaturmagazin.