Bücher – stumpfe Waffen gegen Vorurteile, z. B. gegenüber Juden.

IMG_3848Ein kleines Büchlein geriet mir vor Tagen in einer Buchhandlung in die Hände. Es lagen ca. 10 Exemplare aufeinander gestapelt. In einer kleinen Buchhandlung ist das immer ein klares Zeichen, dass es derzeit wohl sehr nachgefragt ist. „Adressat unbekannt“ las ich, begann zu blättern, war überrascht über den schmalen Umfang und las dann den Klappentext. Ah, klar, eine Erzählung von „beklemmender Aktualität“ die von „Deutschen“ und „Juden“ erzählt, also ein Buch gegen Antisemitismus. Und Antisemit ist, sagt Henryk M. Broker, wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übelnimmt.

Buchhandlungen sind ja ein Hort von Antisemiten und vielen sonstigen Unbelehrbaren, immer auf der Suche nach Lektüre, die sie von ihren Vorurteilen und tiefverwurzelten Einstellungen erlöst. Und das gelingt sicher am besten indem man ihnen einmal die Folgen ihrer grotesken Haltung und ihres Stumpfsinnes an historischen Beispielen insbesondere aus der Zeit des dritten Reiches drastisch veranschaulicht – mit Sachbüchern, Biografien, Romanen, Erzählungen. Man wünschte sich fast noch gerne ein Etikett auf allen: „Erkennen dich selbst, Antisemit!“ und bewahre dich und uns vor deiner Idiotie.

IMG_8321Das sei bittere Polemik, denken Sie. Ja, das ist es. Und sie befiel mich mal wieder, nachdem ich solch ein Büchlein las und auch die Geschichte dazu recherchierte. Einige werden es schon kennen. Wurde es doch im Jahr 2000 nach seiner Originalausgabe 1939 nun in Deutschland 60 Jahre später endlich auch ein Bestseller. Damals muss ich es übersehen haben, obwohl ich zu dieser Zeit noch regelmäßig die FAZ las. Doch angesichts der gegenwärtigen „beklemmenden Aktualität“ hat sich der Verlag wohl entschieden, es jetzt noch mal mit Nachdruck herauszugeben.

Die Erzählung im Briefformat von Kressmann Taylor  erschien zunächst 1938 viel beachtet im renommierten US-Magazin Story und wurde daraufhin nochmals im Buchformat aufgelegt – mit 50.000 Exemplaren sensationell erfolgreich und dann aber auch schnell wieder vergessen. Fünfzig Jahre später wurde das Buch wiederentdeckt und erschien in vielen Sprachen – letztlich auch auf Deutsch. Elke Heidenreich überschlug sich in ihrer unnachahmlichen Art vor Begeisterung und widmete dem Buch ein überschwängliches Nachwort.

Das Büchlein erzählt anhand eines fiktiven Briefaustausches im Zeitraum 1932 bis 1934 die rasante Entfremdung zweier deutschen Freunde, die gemeinsam erfolgreich eine Galerie in San Francisco betrieben. Martin, akademisch gebildet und politisch rechtskonservativ, entscheidet sich mit seiner Familie nach Deutschland zurückzukehren. Sein deutscher Freund und Jude Max beneidet ihn ein wenig darum, dass er in die gemeinsame geliebte Heimat zurückkehrt und freut sich zugleich, nun wieder einen nahen Kontakt dorthin pflegen zu können. Die ersten Briefe dokumentieren eine herzliche Männerfreundschaft, die dann abrupt mit der Machtergreifung Hitlers und der dafür offenkundigen Sympathie Martins erste Risse bekommt. Martins letzter persönlicher Brief an Max ist schon durchdrungen von der Rhetorik eines Goebbels und lässt erwarten, dass er die Freundschaft bald aufkündigen wird. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Max Martin bittet, sich um seine schauspielernde Schwester zu bemühen, die in einem Berliner Ensemble mitwirkt und schon bald von der SA verfolgt wird. Bei ihrem Versuch, bei Martin Zuflucht zu finden, wird sie von der SA gestellt und ermordet – auch deshalb, weil Martin ihr jegliche Hilfe verweigert, obwohl er oder gerade weil er einen einflussreichen Posten unter den Nazis innehat. Max sinnt darauf nach Rache und beginnt per Brief einen erfolgreichen „Vernichtungsfeldzug“, der mit der vermerkten Rücksendung „Adressat unbekannt“ seines letzten Briefes an Martin endet.

Ja, das Buch ist wirklich ein kleines Meisterstück. Ein Meisterstück der dramatischen Verknappung, ein sprachliches Meisterstück, sofern man dies auch von der Übersetzung behaupten darf und ein Meisterstück in puncto zeitpolitischer Analyse. Besonders letzteres wäre Grund genug gewesen, dass dieses Buch jedem Deutschen in den fünfziger Jahren als Pflichtlektüre auferlegt worden wäre. Und zwar nicht, um die zahllosen Antisemiten zu bekehren, sondern um klarzustellen, dass es alle gewusst haben. Denn wenn eine Amerikanerin, die nie in Deutschland war, die nur über Berichte von Zeitgenossen erfuhr, was sich dort seit 1933 ereignete, schon 1937 so eine Geschichte schreiben konnte, kann kein erwachsener Deutscher in Zeiten des dritten Reiches ernsthaft behaupten, er hätte nichts gewusst oder geahnt.

Doch damals wie heute vermag dieses Buch – wie alle Bücher die antisemitische Gräuel zum Thema haben – keine Vorurteile gegen Juden und antisemitische Gedanken entkräften. Zur keiner Debatte können diese Bücher neue Argumente liefern. Es ist hierzu schon alles wieder und wieder über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte gesagt worden. Es hat nur einer Finanzkrise bedurft (einfach mal „Finanzkrise“ & „Juden“ googeln), um die Vergeblichkeit aller bemühten Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahrzehnte zu beweisen und erkennen zu müssen, dass die alten Ressentiments wieder taufrisch da sind.

Ja, dieses kleine Büchlein könnte sogar die latenten Vorurteile gegen Juden noch bestärken. Denn letztlich obsiegt in dieser Geschichte der Jude mittels einer perfiden Rache über den deutschen Nazi. Und damit der Leser diese Rache auch mitträgt, bekommt er zuvor des Nazis Meinung über seinen jüdischen „Freund“ und die Juden zu lesen: „Du bist in erster Linie Jude und wirst um Dein Volk jammern. Das verstehe ich. Das liegt in der Natur des semitischen Charakters. Ihr lamentiert immer, aber ihr seid niemals tapfer genug, zurückzuschlagen. Deshalb gibt es Pogrome.“

Wer die dramaturgisch gut erdachte Rache auch im wahren Leben gutheißt käme in Konflikt mit unseren bürgerlichen moralischen Werten. Und wer diese Werte offenbar nicht teilt, wie z.B. ein Antisemit, der erachtet die beschriebene Rache als feige und hinterhältig, wie ich es sogar schon lesen durfte. Insofern hätte ich durchaus bedenken, „Adressat unbekannt“ zu zwingender Schullektüre zu erklären, wie es Elke Heidenreich und viel andere Rezensenten fordern. Wenn überhaupt, dann sollt man die Betonung darauf legen, dass es ein Zeitzeugnis für die Lüge der schweigenden Mehrheit ist, man hätte das alles so doch nicht vorhersehen können.

Zweifelsohne las ich mit „Adressat unbekannt“ ein wunderbares, sehr zu empfehlendes Buch. Doch einmal mehr fand ich auch bestätigt, dass Bücher leider zu den stumpfen Waffen gehören, die wir gegen Vorurteile, krude Gedanken und Unbelehrbarkeit zu Felde führen.

Eine Hörbuch-Fassung kann man derzeit auf Youtube anklicken. Nachtrag: und eine begeisterte Empfehlung fand ich aktuell bei „Der Literaturpirat„.

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Alles, was ich über meinen Urgroßvater noch in Erfahrung bringen konnte. Bildherkunft

 

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5 Gedanken zu “Bücher – stumpfe Waffen gegen Vorurteile, z. B. gegenüber Juden.

  1. lieber thomas, ich gebe dir notgedrungen recht, ich habe darüber länger nachgedacht. der punkt dürfte wohl sein, daß jeder im grunde das liest, was ihm im innersten sowieso zusagt. ein antisemit wird kaum bücher lesen, in denen über verbrechen an juden berichtet wird, bzw. er wird es als übles machwerk enttarnen in seiner in sich geschlossenen, von aussen nicht angreifbaren hohlwelt. er ist – warum auch immer – von seiner meinung genauso überzeugt wie wir anderen von unserer…. umgekehrt ist es wohl einfacher: menschen, die eine grundlegende unzufriedenheit in sich tragen, mag sie berechtigt sein oder nicht, sind von aussen leichter zu beeinflussen – durch redner, prediger, auch bücher. es ist ja leider ein nur allzu aktuelles thema.

    die frage, die sich also stellt: wie kann man solche menschenverachtenden meinungen zurückdrängen und bekämpfen? trotz allem setze ich auch auf bücher, die vllt wenigstens die zweifelnden, die unentschiedenen, die skeptischen in die richtige richtung lenken können. das wäre ja schon mal einiges. voraussetzung dazu ist natürlich, daß diese menschen lesen können, womit ich mehr meine als nur buchstaben zu wörtern zusammenzustellen. und da sind wir wieder beim thema: bildung, bildung, bildung…. ohne bildung, ausbildung, arbeit ist alles vergeblich.

    wie hat die junge friedensnobelpreisträgerin malala so treffend gesagt: „Stifte und Bücher sind Waffen“. in diesem sinne gebe ich dir dann doch nicht recht und bin für mich bei einem entschiedenen „sowohl als auch“. ;-)

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