Was von Facebook und Co. so übrig bleibt.

IMG_8345Ich mag die Romane von Thommie Bayer sehr. Seit „Das Aquarium“ lese ich seine Romane und lege sie vielen meiner (alten) Freunde ans Herz oder zumindest auf den Gabentisch. Sein Roman aus 2010 „Fallers große Liebe“ fand ich besonders lesenswert und zugänglich für ein breite Leserschaft. Dennoch waren die Reaktionen meist verhalten und ich frage mich, warum sich meine Begeisterung so selten überträgt. Eine mögliche Antwort gibt vielleicht sein vorletzter Roman „Vier Arten, die Liebe zu vergessen.„: die Verklärung von Jugendfreundschaften, besonders unter Männern.

image-8Männerbünde sind sich über Jahrzehnte treu. Viele Frauen, die später in die Leben der Männer eintreten, finden dies oft unerklärlich. Mit Recht vermissen sie, was ihre Männer denn mit diesen Jugendfreunden aus dem Sportverein, der Schule, der Skatrunde, der Bundeswehr oder dem Pfadfinderverein noch gemeinsam haben. Sie erkennen nicht, dass Männer nicht nur Blender sein können, sondern weit mehr Ausblender sind. Die Bindung zu den Freunden vergangener Zeit basiert oft einzig auf einem singulären gemeinsamen Interesse oder Erlebnis: Musik, Autos, Sport, Kartenspiel oder Fan sein. Alles andere – politische Ansichten, Wertediskussionen, Lebensstil und persönliche Entwicklungen – werden beim späterem Wiedersehen lässig ausgeblendet. Entsprechend oberflächlich und monothematisch sind häufig die Plaudereien von alten Freunden. Und dennoch stellt sich bei solchen Treffen eine wohlig vertraute Verbundenheit unter den Männern ein.

Exakt so verläuft auch das Wiedersehen der vier Jugendfreunde nach zwanzig Jahren in Thommie Bayers Roman. Insofern ist die Geschichte auch ein – vom Autor wohl nicht beabsichtigtes – Gedankenspiel was wäre wenn wir unseren in Facebook & Co. wiedergefundenen Jugendfreunden im realen Leben noch mal begegneten.

Da die Geschichte des Romans jedoch nicht von der Ödnis wortkarger und wenig tiefgründiger Unterhaltungen vierer Mitvierziger, ehemals verbundener Männer getragen werden kann, treten jede Menge Frauen in gewichtigen Nebenrollen auf. Bei der Gestaltung der weiblichen Figuren ist der Romancier Bayer ein wahrer Gentleman. Alle Frauen sind sehr attraktiv, talentiert, reif, selbstbewusst und erfolgreich. Das mag nun etwas konstruiert klingen, ist wohl aber in Anbetracht der Geschichte und des Autors Intention legitim. Denn wie viele Romane Bayers zuvor ist auch dieser für mich zuvorderst eine Liebeserklärung an die Frauen. Und das behagt auch mir.

Die zweite Liebeserklärung ist der Musik im besonderem und der Kunst im allgemeinem gewidmet. Denn in beidem reüssierte Thommie Bayer ebenfalls erfolgreich, z. B. mit „Der letzte Cowboy„. Und nicht zuletzt ist der Roman schlussendlich dann doch noch eine versöhnliche Hommage an die wahre Männerfreundschaft, die sich in besonders harten Zeiten ohne viele Worte, jedoch durch Taten bewährt. Und von diesen Freunden hat man ja auch ein paar in seinem sozialen Netzwerk. Und denen lege ich auch besonders gerne wieder den Roman von Thommie Bayer ans Herz.

IMG_8355Und auch der aktuelle Roman „Die kurzen und die langen Jahre“ von Thommie Bayer ist wieder was für Liebhaber im mehrfachen Sinne. Wer Bayer kennt und schätzt wie ich, wird auch diese Geschichte zweier sich ewig Liebenden, die jedoch nie zueinander finden, gerne lesen. Die Geschichte beginnt ausführlich in der Jugendzeit der Baby-Boomer und zeichnet dann zwei Lebensgeschichten, die am Ende deutlich gerafft werden und bis in die Gegenwart führen. Also fast 40 Jahre. Wieder werden wir, die Baby-Boomer, die wir dabei gewesen sind, in der ein oder anderen Erinnerung schwelgen. Und da wir ja unbeachtet und alleine lesen, werden wir uns so mancher Sentimentalität nicht schämen. Die Nachgeborenen werden – wenn sie denn wollen – eingeführt in eine vergangene Zeit, in der Jugendliche noch keine Zukunftsbedenken und Existenzsorgen hatten. Eine Jugend, die zwar gesellschaftskritisch, jedoch nicht kulturpessimistisch war. Im Gegenteil, wir waren herrlich naiv davon überzeugt sowohl unsere individuelle Zukunft als auch die zukünftige Gesellschaft frei bestimmt und ungezwungen gestalten zu können. Ja, wir rauchten noch unbeschwert, ernährten uns von Miracoli und Nutella, fanden Werbung prima und zählten „Werbetexter“ zu den intellektuellen Berufsgruppen.

IMG_8357Und es war auch eine Jugendzeit, in der man noch seine Sexualität ebenso ungelenk wie ungehemmt entdecken konnte. Keine Angst vor Aids, die Pille war fast selbstverständlich weit verbreitet und Sex- und Pornovideos waren eine Rarität. Und das wichtigste: die Lust aufeinander war noch nicht verdorben durch die Befürchtung, dass auf einen One-Night-Stand 500 Likes und giftige Kommentare folgen könnten.

Vor kurzem sprach ich mit meinem volljährigem Patenkind über Zeitreisen. Er überraschte mich damit, dass er gerne in die Zeit meiner Jugend reisen würde. Er glaube, dass die 60er/70er eine der schönsten Jugendzeiten gewesen sind. Gleich wollte ich das relativieren und feststellen, dass die aktuelle Zeit seiner Jugend der meinigen in nichts nachstünde. Doch nach einem kurzem Moment der Besinnung, konnte ich das dann nicht mit dem Brustton der Überzeugung sagen. Denn ich würde nicht tauschen wollen.

Nachtrag 4.Februar: Denkzeiten hat mal bei Thommie Bayer nachgefragt. Ein paar schöne Antworten hat er gegeben.

Hier geht es zu allen Werken, die beim Piper Verlag erschienen sind.

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3 Gedanken zu “Was von Facebook und Co. so übrig bleibt.

  1. ganz generell müssen gerade die 50er bis 70er spannend gewesen sein… was gibt es heute noch weltumwälzend neues? was gibt es noch, um sich abzugrenzen? wenn da einer kommt und mit den hüften wackelt oder sich die haare langwachsen lässt, passiert gar nichts mehr. da muss man schon kostüme aus fleischfetzen tragen oder nackt auf abrisskugeln reiten – damit wenigstens 5 minuten mal jemand hinschaut. und die 5 minuten sind (zum glück) auch schnell wieder vorbei.
    doch dass etwas bleibt und neue (brauchbare) wege einschlägt, da wüsste ich jetzt wenig.
    allerdings überlegte ich neulich, dass meine generation wohl die letzte ist, die mal erzählen wird: „als ich kind war, gab es keine handys. und keine computer! man schrieb briefe, die brauchten manchmal tagelang mit der post, und alle telefonnummern von freunden konnte man auswendig.“

    • Herzlichen Dank für den Kommentar. Da ich ja nun mal zur Generation der Baby Boomer gehöre, steht es mir nicht zu mich mit den nachfolgenden Generationen zu vergleichen. Ich denke, dass jede Generation irgendwann – meist wenn sie die Fünfzig überschreitet – etwas verklärend Rückschau betreibt. Ich kann einzig nur feststellen, dass ich zu keinem Zeitpunkt mit meiner Jugendzeit gehadert hätte. Selbst – soweit ich mich noch wahrhaft erinnere – hätte ich nicht mal in meiner Jugend mit einer anderen Generation tauschen wollen.

    • nö, tauschen nicht unbedingt… aber ich würde gern mal sehen, wie es früher war… eine woche 50s, eine 60s, eine 70s, bitte! und eine karte für die beatles im cavern club, zum mitnehmen, dankeschön :)

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