Na, heute schon amazon gebasht?

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Erinnern Sie sich noch als Ferrero, Henkel, Unilever, Procter & Gamble, Nivea und hundert weitere Markenartikelhersteller eine große Anzeige in der Bild veröffentlichten:

 Aldi erpresst uns!

Nein? Aber sicher erinnern sich dann doch wenigstens an den offenen Brief in allen Tageszeitungen von Bosch, Siemens, Nokia, Samsung, Miele, Braun und zig anderen Elektronikherstellern, in dem sie ein Ende der Geschäftspraktiken von Mediamarkt und Saturn forderten. Auch nicht? Dann erinnern Sie sich richtig. Denn keines der Unternehmen würde ernsthaft so eine Aktion erwägen.

Auf so eine populistische wie heuchlerische Idee, ein Handelsunternehmen öffentlich an den Pranger zu stellen, kommen nur Auflagenmillionäre und andere erfolgreiche Autoren – vor kurzem in den USA und sicher bald auch bei uns in Deutschland. Ganz vorne sicher dabei: Günther Wallraff mit dem Banner „Nieder mit dem Teufel amazon!“. (Nachtrag 14. August: jetzt auch die deutschen Autoren.) (Zweiter Nachtrag: Dass sich Autoren auch sehr differenziert mit dem Thema beschäftigen, schreibt beeindruckend Zöe Beck.) 

Alle Markenartikler, Hersteller und Handelsunternehmen leben damit, dass sie sich in einem Markt tummeln, in dem das Bessere immer der Feind des Guten ist. Und was letztlich besser ist, entscheidet die Mehrheit der Nutzer und Verbraucher. Deshalb arbeiten all diese Unternehmen seit Jahren kontinuierlich daran, zu den Besseren zu gehören. Die Betonung liegt auf kontinuierlich. Wem das nicht gelingt, wie in jüngster Vergangenheit z. B. Nokia, verschwindet sang- und klanglos. Abgesehen von manch sentimentalen Jugenderinnerungen ist dieser Lauf der Dinge aus Konsumentensicht nur wünschenswert. Sonst würden wir beispielsweise noch heute in die Röhre schauen und Flachbildschirme nur in Science Fiction Filmen sehen. Der Markt macht Produkte und Leistungen entweder besser oder billiger – und manchmal sogar beides.

Aldi hat das sehr erfolgreich im Handel gemacht – gegen massiven Widerstand einer etablierten und saturierten Elite. Die Elite gibt es heute noch und rümpft die Nase beim Einkauf im Feinkost-Italiener und Biomarkt über die Aldisierung unserer Gesellschaft. Doch die Mehrheit dankt den Gesetzen des Marktes und freut sich nicht nur über den günstigen und bequemen Einkauf bei Aldi, sondern auch darüber, dass Aldi auch in anderen Supermärkten die Preise drückte und günstige Eigenmarken hervorbrachte.

Bislang beschränkte sich die saturierte Elite überwiegend auf snobistisches Aldi- und Mediamarkt-Bashing. Doch seit kurzem haben sie ein neues Ziel: amazon. Klar doch, hier geht es ja auch nicht um irgendein Waschmittel oder irgendeine Waschmaschine, hier geht es den empörten Kritikern vorgeblich um ein edles, in seine Form zu bewahrendes Kulturgut. Aber tut es das wirklich?

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Johann Gutenberg war der erste Jeff Bezos. Gutenberg-Denkmal 123RF Stockfoto

Den Kritikern geht es nicht wirklich um das Produkt „Buch“, sondern um ein elitäres Vorrecht, dass sie seit der Erfindung des Buchdrucks immer wieder vehement verteidigen: zur einflussreichen Bildungs- und Kulturelite zu gehören. Gerade mal 3% der Bevölkerung laut Stiftung lesen können als Vielleser bezeichnet werden (50 Bücher im Jahr) Hingegen lesen 25% gar nicht und weitere 50% nur gelegentlich. Bricht man dann noch die Genre runter, dann wird wohl der Anteil derer, die anspruchsvolle Belletristik und Sachbücher wünschen, unter ein Prozent fallen.

Johannes Gutenberg war der erste Jeff Bezos. Seine Erfindung machte den Erwerb von Schriften nicht nur günstiger, schneller und umfangreicher, sondern auch einer größeren Gruppe zugänglich. Die bis dahin für den Klerus besonders wertvolle Insignie Buch wurde nun in den kommenden Jahrhunderten unaufhaltsam entwertet.

Und so, wie der Klerus vor Jahrhunderten sich empörte und vor den schrecklichen Folgen warnte, klingen auch die kulturpessimistischen Klagen der akademischen Bourgeoisie. Der Klerus hatte damals vollkommen Recht als er vor der immensen Verbreitung von Schund warnte. Würde man den damaligen Kritikern des Buchdrucks die Bestseller der vergangenen Jahrhunderte vorlegen, würden sie sogar feststellen, dass ihre Befürchtungen noch weit übertroffen wurden. Doch niemand würde heute ernsthaft leugnen, dass die Erfindung des Buchdrucks auch die literarische Qualität und Vielfalt in ungeahnte Höhen gebracht hat. Doch ausgerechnet jetzt, nach mehr als 500 Jahren buchkulturellem Höhenflug, soll nun – nach Ansicht der amazon & Co. Kritiker – der Zenit überschritten sein. Unwiederbringlich werde nun die literarische Blüte der vergangenen Jahrhunderte welken, da ihr der das Wasser von den Marktkräften eCommerce und ebooks abgegraben werde. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es mir mit der Kulturelite verscherze, es fällt mir verdammt schwer, mich mit ihr zu solidarisieren.

Der Buchmarkt ist ein seit Jahrzehnten von heuchlerischen Apologeten geschütztes Biotop. Heuchlerisch einerseits, da es in diesem Markt unglaublich viele Teilnehmer gibt (Schriftsteller, Verleger, Händler), die vorgeben oder suggerieren, dass sie keinerlei Profitinteressen verfolgen. Sie wollten einzig nur von ihrer Tätigkeit leben können und mit allem, was man darüber hinaus verdienen würde, alimentiere man jene Buchmarkt-Teilnehmer, die (noch) nicht davon leben können. Heuchlerisch auch, wenn es darum geht, wer die Macht am Markt hat. Glaubt wirklich irgendjemand ernsthaft, dass Bestseller-Listen entstehen, indem der stöbernde Buchhandlungskunde am Ladentisch abstimmt? Was wir lesen und schätzungsweise zu 25% ewig ungelesen verschenken, beeinflussen Verlage und Buchhandelsketten genauso, wie der Hersteller und Handel was wir zu essen und zu trinken kaufen – und davon dann auch ein Viertel in den Müll zu werfen.

Heuchlerisch sind auch viele Kunden und Lobbyisten im Buchmarkt. Denn sie kolportieren gerne, Bücher seien Grundnahrungsmittel des Geistes, die für jeden erschwinglich sein müssten. Deshalb ja auch die ermäßigte Mehrwertsteuer und die letzte wirklich clevere Erfindung des Buchmarktes im vergangenen Jahrhundert: die Zweitverwertung als Taschenbuch. Heute würde man es im Jargon der Bild-Zeitung auch das „Volksbuch“ anpreisen. Der Buchhandel überzeugte das Volk, dass das Taschenbuch ein großzügiges Angebot sei. Im Supermarkt ist die clevere Idee vergleichbar mit den Produkten, die man aufgrund des fortgeschrittenen Ablaufdatums günstiger angeboten bekommt. Mir ist kein Handelshaus bekannt, das diese Angebote auch noch feiern würde.

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Jetzt, wo nun endlich die eBook-Technik eine deutliche Kostenreduktion ohne Qualitätsverlust ermöglicht, wird die Heuchelei im Buchmarkt zunehmend demaskiert.

Buch-Neuerscheinungen entpuppen sich als Luxusartikel einer Premiumkundschaft, deren Stamm durch einen inflationären, günstigen Vertrieb erodieren würde. Wer gibt schon gerne eine Kundenklientel auf, die völlig preisunsensibel jede Erhöhung akzeptiert, einzig um das Privileg des Erstlesers zu genießen. Diese Klientel und der Buchhandel fordern denn auch einhellig die Beibehaltung eines Anachronismus: die Buchpreisbindung. Und man geht sogar einen skandalösen Schritt weiter. Um die neue, deutlich günstigere Vertriebstechnik zu behindern, lässt man sie mit dem hohen Mehrwertsteuersatz von 19% belegen, also macht sie 12% teurer als gedruckte Bücher. Eine vergleichbar starke politische Lobby hat in Deutschland wohl nur noch der Apothekerverband.  (Nachtrag: Diese Unterstellung nehme ich gerne zurück, nachdem mich der Buchreport darüber aufgeklärt hat, dass sich der Verband schon lange für den ermäßigten MWST.-Satz einsetze und ja auch im April national offensichtlich erfolgreich war. Da können wir uns ja bald wieder auf die kürzlich vom Markt genommen Bundles Print + eBook freuen.)

Mit Amazon wurde ja nicht nur die Möglichkeit geschaffen, Bücher zeitlich und räumlich uneingeschränkt beziehen zu können, sondern zugleich eine Sortimentstiefe und –breite angeboten, die bis dato unvorstellbar waren. Die Verlage konnten eigentlich jubeln, denn bei amazon blieben Bücher noch präsent, die schon lange aus den Regalen der Buchhandlungen verschwunden waren. Jeder interessierte, wissbegierige Leser konnte plötzlich auf unendliche Entdeckungsreise gehen und in literarische Räume vorstoßen, die kaum ein anderer Leser zuvor betreten hatte. Und amazon erfand die Leserrezension und Leserempfehlungen.

Jede Buchhandlung profitiert heute davon, dass auf amazon viele Leser ausführlich ein Buch rezensieren und bewerten können. Ich schätze, dass der Anteil an Buchkäufern im Buchhandel die aufgrund vorheriger Online-Recherche bei amazon ein Buch erwerben signifikant ist. Ja, letztlich vermute ich stark, dass amazon immens dazu beigetragen hat, das der Kauf von Büchern noch einen Coolness-Faktor hat und das Bücher attraktive Produkte geblieben sind, die sich im Wettbewerb der Unterhaltungsmedien bis heute gegen Film, Games, Musik etc. behaupten können. Doch eins muss ich zugeben: eBooks sind für den stationären Handel marktschädigend. Denn die kann man gratis Anlesen und das verhindert so manchen Fehlkauf. Und auch als Geschenk sind sie nicht sonderlich attraktiv. Bei allem Respekt vor den Leistungen des Buchhändlers in der Vergangenheit, keiner kann mir heute so sicher eine gute Buchempfehlung geben, wie die Verbindung von Kundenrezensionen und das kostenlose Anlesen von Büchern es vermag. Genauso wenig, wie mir heute noch jemand CDs im Laden besser empfehlen könnte als es mir bei iTunes oder amazon möglich ist.

30218107_sIch bin überzeugt, dass ohne den Online-Pionier amazon heute weit weniger Menschen Bücher kaufen würden als noch vor zwanzig Jahren. Dafür will ich den Gründern von amazon an dieser Stelle auch mal danken. Und es werden mit Sicherheit in Zukunft wieder weniger werden, wenn die Lobbisten des alten Buchmarktes ihren Einfluss aufrechterhalten und der Markt weiterhin protektioniert wird.

Der aktuelle Auslöser der Empörung, der über 900 erfolgreiche US-Schriftsteller dazu verleitete, sich gegen amazon zugunsten des Verlags Hachette, der 10 Mrd. Umsatz p.a. macht, stark zu machen, ist für mich unsäglich peinlich. Denn erstens werfen die Autoren amazon etwas vor, was der Buchhandel in USA viel radikaler und unverhohlen praktiziert: er weigert sich, Bücher zu verkaufen, die amazon-eigene Verlage publizieren. amazon hingegen will eBooks endlich auf den völlig ausreichenden Preis von $ 9,99 reduzieren. Denn wie alle Prognosen erwarten lassen und die Erfahrung aus dem Musikmarkt gezeigt hat, ist dies die Preisschwelle, die eBooks so attraktiv machen, dass man mehr Bücher verkaufen könnte als bisher. Wie ich es persönlich mit dem eBook halte, habe ich schon mal vor Monaten geschildert.

Wenn sich diese plausible Annahme bestätigt, würde eine schweigende Mehrheit profitieren. Die weniger bekannten Autoren könnten mehr Leser erreichen, die unbekannten Verlage mehr Einnahmen erzielen und die Leser könnten mehr Neuerscheinungen fürs gleiche Budget lesen. Aber gegen solche Demokratisierung des Buchhandels wehren sich die akademischen Eliten bislang vehement und erfolgreich. Ihre Lobby ist stark, da sie sich sowohl auf die Produzenten (Schriftstellern, Verleger), die vielen stationären Händler und auch noch einen großen Teil der Kunden stützen darf. Die Kundensolidarität fehlte der Musikindustrie. Hier war die Mehrheit der Konsumenten zu jung, um sich elitär sein leisten zu können.

Um das obligatorische Missverstehen der Buchliebhaber am Ende komplett zu machen: ich liebe Buchhandlungen und ich wünsche jedem engagierten Buchhändler, dass er seiner Berufung weiter nachgehen und davon auch gut leben kann. Doch kein Tante Emma Laden, Elektronikfachhändler oder Schallplatten-Geschäft hat überlebt, in dem sie an das Bewahren des Guten festhielten, obwohl das Bessere offensichtlich war.

Mit Sicherheit wird auch in zwanzig, dreißig und fünfzig Jahren noch gelesen. Und es wird weiterhin viel Qualität und Vielfalt erwachsen, so wie es jede Menge „Shades of Grey“ und Esoterik geben wird. Liebe Buchhändler, seid weiter einfallsreich, kreativ und probiert aus. Vielleicht liegt die Zukunft in Buch-Cafes, Leserkreisen, neudeutsch Literatur-Communities oder in Buch-Blogs. Vielleicht auch in Autorenevents und in der Gewinnung von Neulesern. Ich beteilige mich privat daran und öffne jeden Abend das Kopfkino für meinen siebenjährigen Sohn. Gerade haben wir den „Krabat“ gelesen und viel über böse Magie, Schicksalsergebenheit, den Zauber der Liebe und die Willenskraft erfahren. Willenskraft und Liebe haben hier obsiegt.

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43 Gedanken zu “Na, heute schon amazon gebasht?

  1. Interessante Betrachtung. Zu den Renditen, da bin ich kein Experte, ich weiss allerdings, dass deutlich bessere gibt, vor allem im IT Bereich. Womit es ja auch die neuen Vertriebswege betrifft.
    Beachten Sie vor allem, was ich zu dem Thema Investment gesagt habe, dann bekommen die Zahlen noch einmal eine eigene Bedeutung.
    Das Thema Aufmerksamkeitsökonomie ist noch einmal ein ganz eigenes. Daher richtig, der Kampf geht nicht nur um die Zeit sondern auch um die Budgets der Kunden. Ich kann auch nach Ihren Beitragen nicht erkennen, dass 9,95 für ein E Book nun die Wunderwaffe werden, auch wenn Herr Braasch sich diesen Preis wünscht.
    Wir kämen nämlich auf Anbieterseite (Verlage) zu Nachfrageelastizität. Oder anders, wie viel mehr muss verkauft werden, um den gleichen Ertrag zu erreichen. Da gibt es sehr schöne Berechnungen drüber mit zum Teil überraschenden Zahlen.

    In der Tat lese ich den Artikel tatsächlich anders. Das ist aber auch normal. Denn Herr Braasch liest ja auch die Autorenaufrufe anders als ich sie lese.
    Ich finde nur die Vergleiche extrem schlecht gewählt. Sie können ja mal einen Lieferanten bei Aldi fragen.
    Der wird Ihnen vielleicht ganz andere Sachen erzählen, Aldi hat nämlich eins begriffen: wenn es meinem Lieferanten schlecht geht, dann kann es mir auch schlecht gehen.

  2. Wir liegen ja nicht weit auseinander. Nein – Verlage sind keine Heiligen. Das habe ich auch nie behauptet. Die 80/20 Ratio ist auch nicht irgendetwas gewolltes, es ist die Realität. Das Resultat von Try and Error. In den 80% sind aber viele Perlen und in den 20% auch viel Schrott (subjektiv!)

    Ob DVD nun Zweitvermarktung oder nicht ist eigentlich unerheblich.
    Amazon macht es ja noch etwas anders.
    Es ist keine Vorbestellung möglich und wenn der Titel auf dem Markt ist, dann wird „Dienst nach Vorschrift“ gemacht.
    Und eben sehr wenig geordert. Für ein Kundenorientiertes Unternehmen ist das in der Tat ungewöhnlich. Es dorht nämlich Kundenn zu verlieren. Darüber wundere ich mich, ich dämonisiere es aber nicht.
    Eine Sache geht mir allerdings nicht aus dem Kopf. Weiter oben wird sehr ausführlich beschrieben, dass der Markt für Bücher begrenzt ist. Es kann sogar sein, dass er geringer wird, denn Bücher haben die gleiche Herausforderung wie fast alle anderen Freizeitbeschäftigungen: Die Aufmerksamkeitsökonmie. Der Tag hat nur 24 Stunden.
    Und anders als beim TV kann ich beim Lesen nicht mal eben mein Smartphone als Second Screen benutzen.
    Warum soll nun in diesem begrenzten Markt eine Senkung des Verkaufspreises dazu führen, dass mehr E Books abgesetzt werden? Die Freizeit vergrößert sich nicht. Für mich ein Rätsel.
    Geringerer Preis mit größerer Marge für Amazon bedeutet am Ende weniger Einkommen für die Verlage und Autoren. Und genau darüber entbrennt gerade der Streit.

    Die Autoren, die jetzt aufgefrufen haben, wollen sich bewusst nicht in die Preisverhandlungen einlassen.
    Es lohnt sich den Text zu überprüfen. So peinlich ist er nämlich nicht.
    Dort werden noch andere unlautere Praktiken angeprangert. Manipulierte Empfehlungen usw.
    Da werden also Autoren ungewollt reingezogen und genau dagegen begehren sie auf.

    Wegen der ach so guten Margen: Suchen Sie mal im Netz nach dem Suhrkamp Streit. Da finden Sie es auch etwas zu Renditen in der Verlagsbranche. Wer mit für Renditen von 3-5% arbeitet, der muss sehr viel Mut und Gottvertauen haben.

    • 3-5% sind nicht wirklich dekadent, bei der aktuellen Lage aber auch alles andere als schlecht. Vielleicht sollte man einen Blick auf den Einzelhandel werfen: Da träumen Händler mitunter von solchen Renditen. In vielen anderen Großunternehmen sind zwischen 3 und 5% eine ganz übliche Rendite. Zudem ist diese Rendite auch nicht in Stein gemeißelt: Bei großen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen ist die Rede von zweistelligen Renditen. Bei Bastei-Lübbe ebenfalls (auch wenn man den Verlag als „Ramschverlag“ kritisieren kann und die Rendite schwankt). Bei anderen Verlagen sind keine definitiven Aussagen möglich, weil die Umsatzrenditen nicht veröffentlicht werden. Eigentlich schade, denn damit könnte man der Verlagsbranche – die sich chronisch bedroht sieht und schon seit Jahren über die schweren Zeiten jammert – etwas mehr auf den Zahn fühlen, statt auf deren Aussagen vertrauen zu müssen.

      Zum Markt: Nach der Logik ist jeder Markt begrenzt. Der Tag hat tatsächlich nur 24 Stunden, Preissenkungen dürften demnach nie zu einem höheren Absatz führen. Diese Logik verkennt allerdings, dass Freizeitaktivitäten mit anderen Freizeitaktivitäten konkurrieren und es immer Alternativen gibt. Die wenigsten Menschen verbringen ihre Freizeit ausschließlich oder hauptsächlich mit lesen, sondern lesen konkurriert oft mit anderen Freizeitangeboten: Zum Beispiel Fernsehen, Sport, Kino, Internet, Konsolenspielen u.ä. Wird der Preis bei einer dieser Aktivitäten gesenkt, kann das zu mehr Konsumenten auf Kosten anderer Freizeitaktivitäten führen. Sprich: Bei einem Kinobesuch für 3 € sind Besucher eher geneigt, auch Fehlschläge in Kauf zu nehmen als bei Besuchen, die 15 € kosten. Das bedeutet aber nicht, dass der Kinobesucher für die zusätzlichen Kinobesuche Zeit nutzt, die er ohnehin verschlafen hätte; sondern er wird dafür andere Freizeitaktivitäten einschränken. Genauso verhält es sich beim Buch: Das Buch für 5 € wird im Zweifel einfach mitgenommen, selbst wenn man es theoretisch bei Freunden oder in der Bücherei für weniger leihen könnte und selbst wenn der Käufer sich unsicher ist, ob es nicht vielleicht doch ein Fehlkauf ist. Bei Büchern für 20 € überlegt der Konsument länger, informiert sich ggf. vorher und wird das Buch im Zweifel auf dem Stapel liegen lassen.
      Das bedeutet zwar nicht, dass eine Preissenkung in jedem Fall sinnvoll ist. Auf der anderen Seite stehen Kosten für die Produktion und eine bestimmte Marktstrategie. Jedes Produkt hat eben seinen Preis. Und wenn etwas zu billig „verramscht“ wird, hat der Kunde schnell das Gefühl, er werde über den Tisch gezogen. Aber dass ein geringerer Preis zumindest zu einer Umsatzsteigerung führen kann, dürfte unumstritten sein.

      Ich glaube auch, dass wir nicht allzuweit auseinander liegen. Nur verstehe ich den Blogbeitrag anscheinend etwas anders als Sie: Ich glaube nicht, dass er sich gegen eine generelle Kritik an Amazon ausspricht oder dass er Amazon von fragwürdigen Geschäfts- und Verhandlungspraktiken freispricht. Vielmehr richtet sich der Beitrag nach meiner Auffassung gegen undifferenzierte Kritik gegen Amazon ohne genauere Betrachtung der Verlage. Die angeblich so schlechte Position der Verlage wird in der Berichterstattung oft unkritisch angenommen und Amazon wird in Auseinandersetzungen als „böses“ Unternehmen dargestellt. Und offenbar sind auch Autoren bereit, sich vor diesen Karren spannen zu lassen und eine ganz eindeutige schwarz-weiß-Sicht zu propagieren, obwohl man sich eigentlich eher darüber unterhalten müsste, um welchen Grauton es sich handelt.

  3. Das Problem der hinkenden Vergleiche. So Sie sich auch bemühen Herr Brasch, Ihre Vergleich mit Aldi oder Media brauchen keine Krücken sondern Rollstühle. Keiner der beiden hat auch nur annähernd den Marktanteil, um den es jetzt geht.
    Aber eines übersehen Sie anscheinend komplett. Es geht nicht nur um niedrigere E Book Preise sondern um höhere Rabatte für Amazon. Am Besten in Kombination. Was das für Verlage und Autoren bedeutet ist relativ klar.
    Vor allem, weil sie ja so schön beschrieben, wie sich der Markt der Leser aufteilt. Er wird auch durch niedrigere Preise nicht größer sondern im Sinne von Amazon nur anders aufgeteilt.
    Übersehen haben Sie auch, dass Amazon seine „Methoden“ auch in anderen Bereichen anwendet, Home Entertainment. Und jetzt erklären Sie mal, wie ein im Preis nicht gebundenes Produkt wie eine DVD oder Blu ray trotzdem unter Druck gerät und warum Amazon keine Vorbestellungen entgegen nimmt. Passiert gerade mit Disney und ist passiert mit dem Lego Film in den USA.
    Machen Sie den Video Firmen den gleichen Vorwurf? Gierig, ewig gestrig usw.
    Alles hat zwei Seiten, in Ihrem Fall hätte ich mir eine tiefere Betrachtung der Seite Amazon gewünscht.
    Dann wären Sie auf die Methoden von allein gekommen.
    Übrigens, jemand der sick kritisch mit etwas auseinandersetzt ist nicht gleich ein Basher.
    Basher ist eines dieser Neusprech Netzworte, die man sehr freigiebig benutzen kann, weil es keinerlei Definition dafür gibt.

    • Sie haben recht, nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. In der Debatte hinkt so einiges, insbesondere die Diabolisierung von amazon. Aus Kundensicht kann ich ihnen sagen, die Alternative zu amazon ist nur ein Klick weiter. So schnell geht das Geschäft wieder unter wie es gewachsen ist. Zu Beginn hab ich z. B. meine ersten eBooks bei iBooks erworben. Dann haben Apple und die Verlage sich unlauter in USA abgesprochen, um die Preise hoch zu halten – gegen amazon & Co. Da habe ich dann meine Marktmacht genutzt und habe mir einen kindle erworben. Und vielleicht schon morgen hol ich mir ein Tolino, wenn amazon nicht so spurt wie ich es will.

    • Sie springen m. E. zu kurz.
      Die Konfrontation jetzt ist eben nicht wie Coca Cola und Lidl. Oder, um wieder was hinkendes zu produzieren.
      Lidl gibt nicht nur den Preis vor und die Marge, es sagt Coca Cola auch gleich, dass, wenn die ein Produkt aus dem Sortiment nehmen, Lidl das dann eigenständig produziert und vertreibt. Das ist schon eine andere Dimension.
      Verlage (Filmunternehmen oder Record Label ebenfalls) sind streng genommen Investment Firmen. Mit dem Effekt, dass 20% der erfolgreichen Titel die anderen nicht erfolgreichen 80% mitfinanzieren. Wir haben ein Gutteil der kulturellen Vielfalt auch dieser Tatsache zu verdanken. Das macht Verlage nicht zu Heiligen, aber es gibt ihnen die Chance Nischen zu pflegen. Ich finde, das ist etwas, was wir bewahren sollten und nicht auf einen reinen Hitmarkt wie in den USA setzen sollten.
      Wie ein andere Kommentar oben bemerkt, die 3,50 für The Circle sind quer subventioniert, anderenfalls können Sie ja mal überlegen, was der Autor bei dem Abgabepreis noch pro Stück erzielt.
      Und weil sie ja ganz richtig die Begrenztheit des Buchmarktes beschreiben, wird dann weniger bei den Autoren und den Verlagen ankommen. Und was das für Vielfalt bedeutet, das habe ich beschrieben.
      Es hat also deutlich mehr Facetten und die kritische Auseinandersetzung damit ist eben nicht Gebashe.
      Sie machen es sich daher etwas einfach, auch wenn die Überschrift vermutlich nur reizen soll.

    • Lieber Herr Rieck, herzlich Dank für Ihr Kommentieren und die substantielle Diskussion. Ich sehe den Buchmarkt – trotz dessen ich Buchliebhaber und leidenschaftlicher Leser bin – deutlich nüchterner.

      Das seit Jahrzehnten kolportierte Bild, dass Verlagswesen alimentiere den größten Teil seiner Produkte mit 20% Bestseller, um literarische Vielfalt zu sichern und gesellschaftskritischen Stimmen Gehör zu verschaffen, halte ich schlichtweg für nicht mehr haltbar.

      Betrachten Sie allein kritisch-aktuelle Sachbücher. Hier geben Autoren und Verlag gerne vor, eine breite Debatte über ihr Anliegen anregen zu wollen. Statt dann nun die technischen Möglichkeiten zu nutzen und günstige eBooks anzubieten, werden die Bücher für € 20,– und mehr verkauft. Hier wollen die Beteiligten einzig ein Trend-Thema profitabel abschöpfen. Zumal solche Bücher fast völlig ungeeignet sind, um gesellschaftliche Debatten voranzubringen, da ihre Zielgruppe überwiegend Leser findet, die sich ihr Weltbild intellektuell bestätigen lassen wollen.

      Bücher sind völlig stumpfe Waffen gegen Vorurteile, wie ich vor kurzem einem anderen Beitrag schon bemerkt habe: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/08/02/bucher-stumpfe-waffen-gegen-vorurteile-z-b-gegenuber-juden/

    • @Volker Rieck: Unabhängig davon, dass die Quersubventionierung oft insofern sehr fragwürdig ist, als dass Fachbücher als Nischenprodukt mit relativ kleiner Käuferschicht zum Teil extrem teuer sind und sich so die Frage stellt, ob sie ohne diese angebliche Quersubventionierung wirklich nicht mehr produziert werden würden: Amazon kann den Verlagen viel androhen. Im Endeffekt verkaufen sich Bücher zum Teil aber auch über die Autoren, die Amazon schlichtweg nicht hat (zumindest nicht die bekannten). Wenn Amazon also King, Grisham, Rowling, Tolkien, Meyers und Co aus dem Regal nimmt, lassen sich diese Titel nicht ersetzen. Vielleicht werden weniger Kunden auf entsprechende Titel aufmerksam und Gelegenheitskäufe nehmen ab; wer sich über Bücher aber nicht exklusiv bei Amazon informiert, wird bei der Suche nach bestimmten Titeln eben anderswo einkaufen. Und grade, wenn Amazon auf der anderen Seite des Verhandlungstisches große Konzerne wie Disney hat, ist Amazon nicht exklusiv der böse Part. Wir können davon ausgehen, dass zum Beispiel die Nachfrage nach „The Lego Movie“ vorhanden ist: Die BluRay/DVD-Verwertung ist eine Zweitverwertung, nachdem der Film über die Kinosäale bereits vermarktet wurde und dort gute Kritiken bekam. Wenn Amazon solche Produkte aus dem Sortiment nimmt, schadet das natürlich kurzfristig auch Amazon: Dann wird der Film eben nicht online geordert, sondern bei Walmart oder anderweitig online besorgt.
      Natürlich könnte man Amazon jetzt vorwerfen, dass sie gewinnorientiert handeln, dass sie ihre Marktmacht bei den Verhandlungsführungen nutzen und dass sie bestrebt sind, Gewinn zu machen. Das ist aber ein Charakteristikum von Unternehmen. Die Verlage sind auch keine wohltätigen Vereine, die sich alleine der Kultur verschrieben haben und die die Autoren fördern wollen, sondern sie verdienen ihr Geld ebenfalls mit Büchern (und das mit zum Teil ziemlich attraktiven Margen, wie man hört).

  4. Nun die Sache ist aber doch auch die das alte Bücher, die sehr wohl viele Fans haben, nicht mehr aufgelegt werden und im Grunde dann nur noch vielleicht Digital zu bekommen sind. Außer man Zahlt für ein Buch, das mal im Laden 18 DM (ca 9 €) gekostet hat, auf dem Gebrauchtbüchermarkt das 10 Fache und dies für ein simples Buch aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.
    Das alles nur weil die Autorenrechte nicht klar sind oder der Autor oder dessen Erben sich gegen eine Neuauflage wehrt / wehren.

    Wie sagt man so schön, es gibt immer zwei Seiten einer Münze. Ja und die andere ist das bei vielen Werken die Rechte erst eben nach 75 Jahren in Volkseigentum übergehen. Wobei wenn der Besitzer eine Firma ist, da eben nie und diese Firma kann so nicht geliebte Werke oder deren Inhalt nicht mehr der Politischen oder Moralischen Sichtweise entspricht, dann Quasi per Urheberrecht aus dem Weg räumen. Es also hier schon seid langem eine Meinungs und Wissens Manipulation gibt.

    Wenn es nach mir ginge, müssten an für sich auch alle Bücher auf dem Reseller Markt dann eben so unter Preisbindung stehen. Sowie das Bücher die so nur noch noch zu bekommen sind und auch nicht wieder aufgelegt werden, nach sagen wir mal 10 Jahren als Free Online Ausgabe erhältlich sein dürfen und da eben dann wenn es der Fall sein sollte, auch Kostenlos.

  5. Ich stimme dir in zwei Punkten voll und ganz zu:
    1. das Amazon-Bashing nervt. Zumindest wenn es – wie in vielen Fällen – die Hintergründe nicht von allen Seiten beleuchtet.
    2. wäre der Buchhandel / das Verlagswesen schon vor Jahrzehnten etwas flexibler, einfallsreicher und wendiger gewesen, anstatt ständig nur Traditionen hochzuhalten, wären wir heute nicht in dieser extremen Situation.

  6. „Doch eins muss ich zugeben: eBooks sind für den stationären Handel marktschädigend. Denn die kann man gratis Anlesen und das verhindert so manchen Fehlkauf. “

    Das ist so nicht richtig. In jedem vernünftigen Buchhandel (dazu gehören auch die Filialen von Hugendubel und Thalia) hat man die Möglichkeit in die Bücher reinzulesen. Es werden dafür sogar jede Menge Sitzgelegenheiten angeboten.

    Prinzipiell stimme ich dem Tenor des Artikels jedoch zu. Mir ist das neulich auch wieder aufgefallen, als ich mir „The Sleepwalkers“ geholt habe. Das deutsche eBook sollte satte 25€ kosten während ich es auf Englisch für 6€ bekommen habe. So geht halt das Geld dann doch nicht zum deutschen Verlag.

    Ich bin generell auch ein Freund des gedruckten Buches, kaufe aber trotzdem immer mehr Ebooks. Erstens muss ich nicht ausnahsmlos jedes Buch im Regal stehen haben (besonders nicht die, die ich ohnehin nicht nochmal lesen werde) und zweitens ist ein Reader gerade bei größeren Büchern deutlich angenehmer.

  7. Es ist schwer, durchaus gegen gewisse Dinge zu sein, aber nicht in den Chor der „Basher“ einzustimmen, die (zum Teil) jegliche Objektivität vermissen lassen. Es gehört derzeit kein Mut dazu, gegen das große A. zu sein – aber etwas Ausgewogenheit täte gut und not. Ihr Kommentar hebt sich wohltuend ab … Auch wenn ich in puncto Buchpreisbindung anderer Meinung bin. Als ich mich vor längerer Zeit entschied, in Zukunft „mein eigenes Ding“ zu machen, statt weiterhin als Konzernautorin tätig zu sein, hatte ich ausreichend Gelegenheit, nach der einen die andere Seite kennenzulernen – und habe es immer noch. Was soll man sagen? Das Leben ist bunter als man denkt. Und Schreien übertönt gern mal die leisen Stimmen im Wind :)
    Herzliche Grüße
    Nikola Hahn
    PS: Ich habe über die „Verwerfungen“ im Buchmarkt ebenfalls schon umfassend nachgedacht *gg* … http://thoni-verlag.blogspot.de/

  8. Tja, im Gegensatz zu den stionären Buchhandel kann man bei Amazon auch die Bücher kleiner Verlage bestellen. Einige Leute berichten, dass der stationäre Buchhandel sich teilweise weigert Bücher zu bestellen, weil es die angeblich nicht gibt. Ich bestelle meine Bücher (Print) weiterhin bei Amazon.

    • Stimmt. Ich hab´s vor vielen Jahren selbst erlebt. Meine drei Musik- und Reisebücher waren bei Chr. Links in Berlin erschienen, eines pro Jahr, ich war jedes Jahr auf dreiwöchiger Lesereise in Deutschland (ich lebe in den USA) und habe bei Buchhändlern im gesamten Bundesgebiet nach meinen Büchern gefragt. Die meisten waren sehr hilfsbereit, schauten im Katalog nach und boten Bestellung an. Aber jeder Fünfte weigerte sich, nachzugucken, sie „kannten“ den Autorennamen nicht, „wußten“, dass das Buch nicht im Katalog war, und fanden mich offenbar zum Kotzen — das war jedenfalls mein Eindruck. Der fleißige, kundenfreundliche Buchhändler wird immer seine Kundschaft haben, soll er auch. Um die anderen ist es nicht schade.

  9. schöner Kommentar. Die Verlage, vor allem auch im Wissenschafts- oder Schulbuchbereich, müssen, sollen und werden sterben. Sie werden schlicht nicht mehr gebraucht bei der schlechten Performance, die sie derzeit an den Tag legen. Es sollte nur eine (politische) Lösung für die Autoren gefunden werden. Wie wäre es z.B., wenn man ein bedingungsloses Grundeinkommen mit Steuereinnahmen der Big Player (Achtung: Amazon-Bashing!) und unproduktiven Eliten gegenfinanziert und sie nicht mit 1%-Steuersatz in Irland davonkommen lässt?

  10. Mal abgesehen davon, dass die Anzahl der gelesenen Bücher in der heutigen Gesellschaft nur bedingt aussagekräftig hinsichtlich der Frage ist, ob jemand “Vielleser” ist: Volle Zustimmung. Amazon-Bashing ist zur Zeit groß in Mode. Besonders heuchlerisch wirkt dieses Bashing dort, wo auch auf der anderen Seite große Unternehmen stehen: Verlage und Buchhandelsketten, die sich gerne über Amazon beklagen, sind auch nicht die Heilsarmee. Sie verwenden ähnliche Taktiken und spielen ebenfalls ihre Macht aus, wenn es um Verhandlungen geht. Aber weil man sich dort gerne als Verfechter der guten Sache sieht, muss Amazon das böse Unternehmen sein.

  11. Die Diskussion leidet darunter, dass jeder den anderen nur mit seinen Vorurteilen beharkt. Keine Verlag hat je behauptet (außer Mini-Hobby-Pressen) keinen Profit machen zu wollen. Nur Kultur-Nöler halten das den Verlagen gebetsmühlenhaft vor. Daher ist das als Gegenargument zu Amazon Unsinn. Außerdem gibt es in den USA keine Buchpreisbindung, also ist dort Preiskampf durchaus möglich. Amazon will dem Kunden aber selbst nicht engegenkommen, sondern die Verlage (und in Folge) die Autoren dazu zwingen, auf Geld zu verzichten, auf dass sie selbst eben nicht verzichten wollen. Wer hindert denn Amazon daran, vom eigenen, den Verlagen abgenommenen Rabatt, die Hälfte als Ermäßigung an die Kunden weiter zu geben? Niemand, außer dem eigenen Profitinteresse. Dagegen mit allen (Marketing-)Mitteln zu kämpfen, ist im freien Markt jedem erlaubt. Also munteres weiteres Bashing! Deshalb haben sie ja jetzt auch die Schwelle für Versandkostenfreiheit kräftig angehoben (!!!), sprich es wird für jeden effektiv teurer. Amazon macht das alles doch nicht, um nett zu den Kunden zu sein (auch so ein Marketing-Märchen), sondern weil sie dringend Geld brauchen.

  12. gut, richtig und schön. sicher gibt es an dem einen oder anderen satz etwas zu bemängeln, sicher ist nicht alles in aller augen so richtig formuliert. aber – es gibt heute jede menge möglichkeiten, buch in beliebiger form herzustellen und zu vertreiben. also kann ich ein buch, welches mir persönlich wertvoll ist, über selfpublishing im hardcover mit fadenbindung und lesebändchen bauen lassen und gleichzeitig als ebook für 6,99 anbieten. dann kann die leserschaft selbst entscheiden, wie sie es gerne hätte und der sp-verleger hat kein problem damit, wenn nur 10 gedruckte exemplare verkauft werden. an erster stelle muss sich meines erachtens das verlagswesen der gewandelten situation anpassen. der leser hat es schon getan.

  13. „Abgesehen von manch sentimentalen Jugenderinnerungen ist dieser Lauf der Dinge aus Konsumentensicht nur wünschenswert.“

    Ich denke, neben den rein merkantilen Gesichtspunkten gibt es auch andere, die befürworten, Bücher auch weiterhin als Hardware erwerben zu können. Das indes wird der Markt nicht alleine regeln, weswegen dann auch ein gesellschaftlicher Konsens benötigt würde, der via Politik ensprechende Rahmenbedingungen vorgeben kann.

    • Herzlichen Dank für den Kommentar. Ich denke, der gesellschaftliche Konsens existiert schon. Er zeigt sich in der freiwilligen Wahl der Einkaufsstätte für Bücher. Er erfüllt nur nicht die Erwartungen einer sentimentalen Minderheit (zu der ich mich selbst zähle) bzw. einer akademischen Elite, die Bücherwasser predigt, aber selbst Bücherwein trinkt. Ein gutes Beispiel ist der aktuell in Deutsch erschienene Roman „The Circle“ von Dave Eggers. Er gilt als gesellschaftlich relevanter Roman, von dem man sich wünscht, dass er viele Leser und Resonanz bekommt. Im Original kann ich ihn für € 3,58 bei amazon als eBook erwerben. In deutscher Übersetzung kostet er € 19,99 als eBook und € 22,99 als Print-Ausgabe. Hier wird für mich einmal mehr die Heuchelei von der gesellschaftlichen Relevanz des Buches im deutschen Buchmarkt sehr deutlich.

    • Naja, sagen wir mal so. Den Kampfpreis von € 3,58 kann Amazon auch nur anbieten genau weswegen? Wenn Amazon nicht wie die anderen Händler auch, von der 40%-Marge lebte, könnte ein solcher Preis wohl kaum realisiert werden. Ist auch nur quer-subventioniert, wage ich mal zu behaupten. Und, vor allem, da bleiben bestimmt auch noch ein oder zwei Pfenning für den jeweiligen Autoren übrig … Mal ganz abgesehen vom entprechender Auslöschung eines gesamten Industriezweiges wie dem des Drucks.

      Abgesehen davon, geht es meiner Meinung nach nicht nur um einen technisch machbaren Fortschritt, denn der wird sowieso geschehen, weil es in der bestehenden Ordnung der Dinge immer eine Kapitalkonzentration geben wird, die selbstverständlich den einen oder anderen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb schafft. Deswegen kann man Amazon auch nicht mit dem Buchhändler um die Ecke in einen Topf schmeißen; Sie wissen schon, Äpfel und Birnen und so.

      Die Frage lautet doch, will eine Gesellschaft es sich leisten, das gesamte Wissen oder zumindet einen großen Teil davon, unberechenbaren Maschinen anzuvertrauen, die ohne Energie, sprich Strom, vollkommen wertlos sind und einen theroretischen vorhandenen Wissensstand innerhalb einer Nanosekunde von hundert auf Null reduzieren? Kann mir nicht vorstellen, daß auch nur irgendeine Gesellschaft sich das leisten könnte.

      Außerdem produziere ich damit letztendlich ein Umfeld, das mehr denn je kontrollierbar ist, d.h. von jedem, der über die entsprechenden technischen Möglichkeiten verfügt.

      Meiner Meinung nach kann im Interesse einer aufgeklärten und liberalen Gesellschaft hier nur zweigleisig gefahren werden. Sonst kann es durchaus passieren, daß Bücher, d.h. gedruckte Bücher, demnächst irgendwann zum Heiligen Gral der Zukunft werden. :)

      Oder haben Sie schon mal versucht, Ihre aktuelle Technik dazu zu bewegen, ein mehr als 20 Jahre altes pdf-Dokument zu öffnen? …

      Herzliche Grüße in das Vorwochenende! :)

    • Noch mal danke fürs Kommentieren. Keine Frage, die Euphorie über die Digitalisierung sollte uns nicht blind machen gegenüber deren Fallstricke. Und ich vermute Mal, dass mein siebenjähriger Sohn meine Liebe zu Büchern nicht so wahrnehmen würde und allmählich auch teilt, wenn ich ihm immer nur aus einem eReader vorlesen würde. Zu sehen, dass ich einen ganzen Raum voll Bücher habe, der ihm auch nur unter Auflagen zugänglich ist (Erziehungstaktik ;-)), könnte wohl die Wertschätzung des Buches bei ihm erhöhen. Schauen wir mal.

      Zum Punkt des Amazon-Dumpings von „The Circle“: mich empört weit mehr die Preispolitik des deutschen Verlegers aus beschriebenen Gründen. Sie bestätigt meine These, dass man zunächst eine akademische Elite, aus Sicht des Buchhandels „Premiumkunden“, bedienen und abschöpfen will. Das ist Marktwirtschaftlich völlig legitim. Doch dann bitte auch akzeptieren, dass in der Marktwirtschaft irgendwann immer weitere Anbieter erwachsen, die Premium- und Luxusgüter irgendwann für jeden erschwinglich machen.

      Und vielleicht noch dies: Die Filmbranche hätte weit mehr Grund sich Preisbindung und Marktschutz für DVDs und Filmverwertung zu wünschen. Denn die Investitionen sind hier deutlich riskanter und höher.

    • Dafür ist die Filmbranche, und hier ganz besonders speziell Hollywood, ein Steuersparmodell, d.h. für ausländische Investoren wie beispielsweise aus Deutschland, ohne deren Gelder Hollywood längst ein Relikt der Vergangenheit wäre

      Daß die Verlage das einmal gemachte Bett ungerne wieder verlassen möchten – geschenkt. Die werden sich sicherlich – und auch hoffentlich – noch schwer umgucken; da bin ich ganz Ihrer Meinung. :) Man muß da ja nur einmal ein paar wenige Jahre in die Vergangenheit zurückschauen, um eine bestimmte Abzocke bewußt nachzuvollziehen; die Transponierung ehemaliger DM-Preise 1:1 in die Euro-Gegenwart nämlich, ohne als Gegenleistung auch nur irgendetwas Wertschöpfendes dafür anbieten zu müssen …

      Andererseits ist besonders Amazon aus vielerlei weiteren Gründen als fragwürdig zu betrachten. Gleichwohl auch hier wieder die Politik in der Verantwortung steht, gesellschaftsschädigende Auswüchse entweder zu gestatten oder zu verbieten. Auch wenn es letztendlich ein Armutszeugnis Amazons ist, sich die abstoßendsten Auswüchse des Kapitalismus zu eigen zu machen.

      Ganz herzlichen Dank auch Ihnen für diesen interessanten Gedankenaustausch! :)

  14. Mein letztes Buch trackte nicht die Seiten, meine Lesedauer, speicherte nicht meine Anmerkungen, usw., ausserdem sieht meine Buchaendlerin echt gut aus und ich kaufe weiter analog. Ja, kann man bashen nennen, aber so ein wenig analoges Leben ist recht erfrischend.

    • Danke für den Kommentar. Wie ich ja auch geschrieben habe, liebe ich Bücher, bin damit intensiv groß geworden (meine Mutter war Buchhändlerin) und ich möchte auf meine heimische Bibliothek nicht verzichten. Aber ich würde es weniger als erfrischend sondern eher als sentimental bezeichnen. Sentimental wurden auch viele Freunde damals, als die CD die Schallplatte verdrängte und sind es jetzt, nach dem man eigentlich auch auf die CD verzichten kann. Beim Wechsel von der analog zur digital Fotografie war es unter den Profis auch sehr zäh. Ständig erklärten sie einem, dass man keine künstlerische Unschärfe schaffen könne und überhaupt fehle den Bildern die Seele. Hat dann Kodak trotzdem nicht gerettet und die Qualität des Fotojournalismus scheint mir nicht schlechter geworden zu sein.

    • Oh bin Fotograf, davon zu leben in digitalen Zeiten ist schwer, im Grunde hatte Getty ein online Monopol, du siehst überall das identische asiatische Maedel, Royality free sei dank.
      Aber den Mensch saegte immer schon an dem Ast auf dem er sitzt, sehr kurios und ich meine es nicht sentmental, auch nicht ironisch, den Ironie versteht das Internet nicht:-).

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