„Ausbildung Internet“ – da sind wir alle Lehrlinge.

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Der Zauberlehrling illustriert von Sabine Wilharm

Ich schätze das Engagement von Gesche Joost, Nico Lumma & Co. sehr. Doch ihrer gewünschten Bildungsoffensive mag ich nicht folgen. Bevor mein jetzt siebenjähriger Sohn das Programmieren in der Schule lernen soll, möchte ich, dass er nicht nur Goethes Zauberlehrling selbst lesen kann (vorgelesen aus der schönen Ausgabe des Kindermann Verlages, illustriert von Sabine Wilharm habe ich schon), sondern auch verstanden hat, was die Geschichte zeitlos macht. Und zudem begriffen haben sollte er, dass es beim Internet keinen Zaubermeister gibt, den er im Zweifel rufen kann. Weder den gesetzgebenden Staat, noch einen der unzähligen Gurus und erst Recht nicht die Millionen Evangelisten, die vor ihr fehlendes Wissen schützend den „Alles wird Gut-Glauben“ stellen.

Selten ernst zu nehmender als in diesen digitalen Zeiten ist Kants Definition zur Aufklärung: Kant_gemaelde_1

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

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Sokrates erhält den Schierlingsbecher

Die Begeisterung für die Digitalisierung und die Netzwelt treibt mich seit Jahren an – privat und beruflich. War es in den 90er die Digitalisierung der Medien (Musik, Foto, Literatur), der Mobilfunk und das aufkeimende Internet, so war es zu Beginn des Jahrtausend Mobile Marketing, eCommerce und den Wandel in der Kommunikations- und Entertainmentbranche (Gaming, Applikationen, Social-Media) mit zu gestalten. Zwei Dinge aber begleiteten meine Euphorie immer: zum einen die Skepsis in Bezug auf den gesellschaftlichen Mehrwert. Und zum zweiten eine philosophische Erkenntnis, die noch älter ist als die von Kant: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Was die Möglichkeiten und die Folgen unserer digitalisierten, algorithmisch bestimmten Big-Data-Netzwelt betrifft, erachte ich mich als ewigen Lehrling der ohne Meister lernen muss. Neben einigen immer wieder überraschenden beruflichen Erfahrungen machen mir das aktuell auch wieder einige Autoren deutlich. Vor kurzem Yvonne Hofstetter mit ihrem Buch „Sie wissen alles“ und aktuell Michael Seemann mit seinem Buch „Das neue Spiel.“. Darauf hatte mich Zöe Beck aufmerksam gemacht. Danke dafür. cover_kontrollverlust_CMYKMichael Seemann gelingt es meines Erachtens auf sehr lesbare und nüchterne Weise das aktuelle Mindest- und Basiswissen über die Netzwerkeffekte zu veranschaulichen und den damit verbundenen wachsenden Kontrollverlust jedem deutlich zu machen, der es wissen möchte. Doch wer will es schon wissen? Mir bestätigte er auf jeden Fall vieles, was ich schon als Fazit aus Yvonne Hofstetters Buch gezogen hatte. Auch er erkennt an, dass nicht Staat, Geheimdienste oder Google, Facebook & Co. die bedenklichsten Treiber des Kontrollverlustes sind, sondern wir selbst, die Nutzer und auch Nicht-Nutzer: „Der größte Gegner der Zivilgesellschaft … ist die Zivilgesellschaft selbst.“ Denn, so paradox es im ersten Moment klingen mag: der wachsende Kontrollverlust wird wohl absehbar in einen Kontrollwahn der Massen führen. Und was im (Irr)Sinne der Massen zu kontrollieren bzw. zu disziplinieren ist hat schon vor knapp einem Jahrhundert Gustave Le Bon sehr klarsichtig in seinem Werk „Psychologie der Masse.“ beschrieben.

Dem Individuum widmet Michael Seemann denn dafür seinen kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters. Der lautet: „Handle stets so, dass Dir öffentliche Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar scheinen. – Aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“ Daran, wie schnell man sich das eigene, reale Leben durch die Netzwerkeffekte zur Hölle machen kann, ermahnen Beispiele im Buch wie das von Justine Sacco. Ein dummer Tweet und nach wenigen Stunden wird man von der Masse gehasst und ist seinen Job los. Auch die ewige Häme über Bettina Wulff überschattet wie viel Rückgrat sie bewiesen hat: das Recht auf Vergessen bei Google einzufordern. Und nicht zuletzt sind die Beispiele gefakter Tweets über Terroranschläge, die zu einem Kursrutsch an den Börsen führen, Warnung was Einzelne auslösen können. Doch wichtig hierbei: die Macht dazu erteilt nicht das Internet und das Smartphone, sondern die Masse an unkritischen und bedenkenlosen Usern, die solche News gierig verbreiten.

Bildschirmfoto 2014-10-25 um 18.15.16Und auch seriöse Medien lassen sich von dieser Gier anstecken. Jüngstes Beispiel sind die sarkastischen Tweets von Christian Ginsig, Sprecher der Schweizer Bundesbahn, über seine Fahrterlebnisse in den Zügen der deutschen Kollegen. Als diese Tweets von einer kleiner Zeitung hämisch in Richtung Deutsche Bahn aufgriffen wurden, wollte der Eidgenosse Schlimmeres verhüten und löschte sie. Zu spät: SZ und FAZ griffen begierig das beliebte Bahn-Bashing auf und verbreiteten es vergnügt weiter, obwohl sie wussten, dass der Verursacher es gerne rückgängig gemacht hätte. Doch das individuelle Recht auf Vergessen war den Medien nicht wert auf eine von der Masse lustvoll aufgegriffen Story zu verzichten.

Auch sehr erhellend ist das konsequente Weiterdenken Michael Seemanns über die möglichen Szenarien in der digitalen Ökonomie. Hier zeigt sich auch die Naivität vieler „Netzexperten“, die sich offenbar über die Fragilität der Geschäftsmodelle heutiger Giganten im Netz nicht im Klaren sind. Wie schnell höhnt es ihm Netz, wenn jemand Szenarien skizziert, in denen Facebook in wenigen Jahren kaum noch Relevanz zugestanden wird, Apps wohl bald wieder bedeutungslos geworden sind oder Google sein werbefinanziertes Geschäftsmodell verliert. Facebook selbst hat es schon erkannt und sich mal schnell WhatsApp gesichert. Google weiß, dass sein größter Gegner aktuell amazon ist. Und am Beispiel Twitter kann man erkennen, dass solch fehlende Weitsicht fast die Existenz bedrohen kann. Featurette-1-Ipad-Default.png.700x610_q100_crop

Da Twitter sich zu Beginn als völlig offene Plattform anbot, die jeder App-Entwickler und Plattform-Anbieter bei sich integrieren konnte, hatte Twitter irgendwann keinen direkten Zugang mehr zu einer großen Anzahl seiner Nutzer. Somit lässt sich langfristig über Werbung nur wenig Geld verdienen. Die aktuell angekündigte Strategie von Twitter (Twitter will Passwörter ersetzen) soll jetzt aus der Not eine Tugend machen und man darf gespannt sein, wie dies dann monetarisieren soll. Ähnlich kritisch wäre es auch für Facebook und auch viel andere Newsmedien, wenn alle User nur noch „Flipboard“ benutzen würden. Und auch Google ist nicht gefeit dagegen, dass irgendwann nur noch über Siri & Co. Suchaufträge gegeben werden und viele gar nicht mehr auf Google direkt suchen.

Michael Seemann hat sein Buch zweigeteilt. Im ersten Teil – der Beschreibung der Netzwelteffekte – bleibt er wohltuend sachlich und bietet viele gute Beispiele, um die manchmal etwas komplexen Zusammenhänge zu veranschaulichen. Im zweiten Teil bezieht er dann Stellung. Er benennt wohin er glaubt, dass das Ganze führen kann, und was es seiner Ansicht benötigt, um dem unvermeidbarem Kontrollverlust irgendwie Herr zu werden. Das ist logischerweise subjektiv, aber nicht ideologisch überschattet. Im neuen Spiel will weder er Spielverderber sein, noch möchte er andere zum „Da mach ich nicht mit“ bewegen. weisen_Affen

Der Ausstieg aus der digitalen Zukunft ist mit Sicherheit keine Lösung für eine bessere Gesellschaft. Ebenso wenig wird es besser, wenn sich die Mehrheit wie die drei weisen Affen verhält. Unwissenheit schützt bekanntlich vor Strafe nicht – sei es im juristischen Sinn oder im Sinne der Lebenserfahrung. Gefordert ist die Aufklärung im Sinne Kants. Deshalb zielt mein Wunsch einer Bildungsoffensive auch nicht auf die Schule unserer Kinder und das Erlernen eines Handwerks wie Programmieren, das schon nach wenigen Jahren wieder veraltet sein wird. Ich habe in den Achtzigern auch mal Basic gelernt. Das bringt mir heute weniger als das Lego spielen in meiner Kindheit. Unseren Kindern bringen wir meines Erachtens besser Querdenken und Mathematik als Programmieren bei. Denn tiefes mathematisches Verständnis wird in einer von vielen Algorithmen beherrschten Zukunft viel entscheidender sein, um sich seine Freiheit des Denkens, des Willens und Handelns zu bewahren.

Nachtrag 12.12.2014: hier gibt es eine 3Sat Videobesprechung für Lesefaule und hier bei Sobooks kann man das Buch kostenfrei lesen und diskutieren.

Final sei noch angemerkt, dass das Buch aus einem Crowdfunding-Projekt resultiert. In dem oben beschriebenen Kontext ist die Erfahrung mit solchen Crowd-Projekten für mich sehr aufschlussreich. Aus Sicht der Initiatoren resultiert der Reiz bei Buch-Projekten nicht nur aus der sicheren Vorfinanzierung, sondern besonders aus der Mitwirkung der Crowd am Inhalt des Buches. Mir begegnete diese Form der Netzvorfinanzierung erstmals bei Dirk von Gehlen mit seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar.“ Dort war ich ebenso wie bei diesem Buch nicht Teil der Crowd (über 600 Unterstützer), sondern klassischer Buchkäufer und Leser.

Was mich damals schon bei Dirk von Gehlens Buchprojekt enttäuschte, habe ich unter dem Beitrag „Geld oder Lesen?“ zusammengefasst. Dirk von Gehlen hat es dort auch kommentiert und seine Sicht dazu erklärt. Wir bewerten den Erfolg unterschiedlich. Für mich zeigt sich die Crowd leider nur bei der Vorfinanzierung und im Entstehungsprozess aktiv. Doch in dem für mich entscheidenden Moment trägt die Crowd so gut wie nichts mehr bei. Sie hilft kaum das Buch in den Medien zu verbreiten und ihm den Leseerfolg zu bescheren. Doch das wäre für mich der wirklich entscheidende Beitrag zu einem Buch, das ich finanziere.

Nachtrag 22.Februar 2015: Vielleicht war ich zu ungeduldig mit meinen Erwartungen an ein Crowd unterstütztes Buchprojekt. Nun, nach einem Jahr, hat Michael Seemann einen „Abschlussbericht“ verfasst, der sich doch recht positiv und zuversichtlich liest. Dennoch überzeugt mich (wie unten bemerkt, und dann im Nachhinein als nicht weiter relevant gestrichen), Crowd-Funding bei Büchern bislang nicht.

Das Gleiche befürchte ich in diesem Fall. Denn blicke ich auf die ersten Rezensionen bei amazon, findet sich da einzig eine abgestrafte Vorankündigung, die wohl von einem Unterstützer kommt und ansonsten nur zwei sehr mäßige Urteile – eines offenbar von jemanden, der mit Michael Seemann ein persönliches Problem hat. Amazon mag nicht das Maß allen Buchmarketings sein, doch neben dem Hinweis von Zöe Beck, habe ich z.B. auch auf Twitter bis heute keine Empfehlungen mitbekommen und nur noch diesen Hinweis bei Weltsicht aus der Nische.

Und mein zaghafter Versuch, dem Buch per Twitter etwas Aufmerksamkeit zu geben, hat selbst der Autor nicht mal aufgriffen. Letztlich ist diese Erfahrung für mich sehr exemplarisch. Kritische Netznutzer stehen sich mit der Verbreitung ihrer Haltung meist selbst im Weg. Statt die Aufklärung aktiv zu verbreiten, halten sie sich „vornehm“ in ihrer Filterblase zurück. Im Gegensatz zu den naiven Netznutzern, die hemmungslos jeden Gag, jeden Nonsens, jede Blamage teilen – erachtet die „Netz-Elite“ das intensive Teilen und Verbreiten offenbar als “unschicklich”, “aufdringlich” oder “niveaulos”. So bleibt die Forderung “Klär Dich auf und handle.“ unerhört in der IKEA-Küche.

FSK 18 für den Glauben an Gott

Kommunion

Quelle 123rf

Spätestens seit Goethe in Faust die Gretchenfrage stellte, sollte sich der aufgeklärte Mensch in einem Moment sein Lebens besinnen: sobald man Kinder erzieht, sollte der Glaube an Gott & Co. im Elternhaus so sensibel thematisiert werden wie der Sex, der über die Missionarsstellung hinausgeht. Als Vater eines siebenjährigen Sohnes bin ich vom Tage seiner Geburt an mit dem Ansinnen konfrontiert, mein Kind doch bitte an unsere christlich geprägte Kultur heranzuführen. Selbst meine Frau, Tochter tiefgläubiger Buddhisten, erwog ernsthaft unser Kind taufen zu lassen und liegt damit – für mich etwas erschreckend – im aktuellen Trend.

Meine Mutter wurde 1961 auch schwach und ließ mich taufen. Im Nachhinein – obwohl ich ihr dies nie zum Vorwurf machte – wurde dies mit einem gewissen Kalkül erklärt. Ein protestantisch getauftes Kind würde wohl in der evangelischen Gemeinde bevorzugt einen Kindergartenplatz bekommen. Ob dem so war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurde ich aufgenommen, obwohl ich ja doch ein herber Sündenfall war – unehelich gezeugt und auch noch allein, also vaterlos erzogen.

Auch meine Großmutter erhielt womöglich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit den Segen, ihren Lebensabend in einem konfessionellen Stift verbringen zu dürfen. Dieser Einrichtung danke ich sehr, denn es war – bei aller Einschränkung des Komforts – denn doch eine Unterbringung und Betreuung, die die Würde des Menschen bis zum Siechtum und Tod achtete.

Mitzwa

Quelle: 123RF

In meiner Kindheit spielte der praktizierte Glaube in der Familie keine Rolle. Weder meine mich betreuenden Großeltern noch meine Mutter besuchten Gottesdienste. Selbst Weihnachten war für uns kein Anlass die Kirche zu betreten. Glaubensbekenntnisse nicht offenkundig zu machen war wohl auch der Tragik geschuldet, dass mein Urgroßvater Jude war und im KZ-Dachau starb. Dennoch kam ich nicht umhin, mir von klein auf die bekannten Geschichten erzählen zu lassen, die sich aus dem Buch der Bücher ableiten.

Und eben diese Geschichten sind es, die ich heute nicht mehr unreflektiert und kritiklos meinem Sohn zumuten möchte. Denn für „Kinderseelen“ sind sie nichts anderes als konditionierende, stark das Unterbewusste beeinflussende Prägungen. Kinder einseitig religiös zu erziehen ist in einer aufgeklärten Gesellschaft eine unzulässige und sehr bedenkliche Indoktrination kindlicher Psychen.(Nachtrag 26. Nov. 2014: einen klugen Artikel dazu habe ich beim hpd gefunden: Wie ist Religion wissenschaftlich erklärbar?)

Religionen sind in der Erziehung von Kindern verführerische Vereinfachung komplexer Themen wie der Tod, Gut & Böse, Tugenden, Sinnsuche, Schuld & Sühne. Und was uns einmal als Kind von den Eltern und der Gesellschaft fast dogmatisch vermittelt wurde, von dem können wir uns als Erwachsene nur noch schwer wieder befreien. Offen oder latent bewerten und diskriminieren wir später andere Lebensphilosophien und viele entziehen sich ein Leben lang gänzlich der selbstkritischen Befragung ihrer anerzogenen Welt- und Wertevorstellungen.

Denn der Kern des Glaubens – eine mögliche Antwort zur Welterklärung zu geben – überfordert selbst viele Erwachsene (und wie man kürzlich lesen musste, selbst den Erzbischof von Canterbury). Sie bequemen sich in ihrer anerzogenen Hörigkeit, blenden kritische Fragen und unsinnige Dogmen aus und vermitteln somit als Eltern ein unverantwortliches Bild von Obrigkeitshörigkeit. Denn nichts anderes ist es, wenn man seinen Kindern den Glauben an (einen) Gott als notwendiges Manifest einer tugendhaften Gesellschaft mit auf den Weg gibt. Tugendhaft kann eine Gesellschaft auch ohne Gottesglauben sein. Mein Kind soll weder mit dem Intoleranz gebärenden Gefühl der Auserwähltheit noch mit dem Ballast unzeitgemäßer Gebote, Sünden und einem gnädigen Gottesbild aufwachsen.

Quelle: 123RF

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Bis vor Schulbeginn waren in unserem Haus Glaubensfragen, die mein Sohn stellte, noch primär von unschuldiger Neugier bewegt. Wir geben uns dann auch die Mühe, ihm zu erklären, dass es auf Fragen, wie „Gibt es einen Gott?“ „Komm ich in den Himmel, wenn ich sterbe?“ oder „Soll ich beten, wenn ich mir etwas wünsche?“ keine eindeutige Antwort gibt, sondern viele unterschiedliche. Hilfreich ist dann schon die Tatsache, dass seine Großeltern Buddhisten sind, seine Tante gläubige Katholikin und sein Papa ein gänzlich unreligiöser Mensch. Doch mit Schulbeginn bekam die Glaubensfrage erstmals einen leichten Unterton der Angst vor Diskriminierung:

„Papa, warum bin ich eigentlich ein Ethik-Kind?“

„Papa, warum bin ich nicht getauft?“

Mit kurzem Schrecken erinnerte ich mich an meine über 40 Jahre zurückliegende Grundschulzeit und die erste Irritation, als ein paar wenige Klassenkameraden nicht am Religionsunterricht teilnahmen. Ich bin Ende der 60er eingeschult worden. Damals war konfessionslos oder andersgläubig zu sein in einer „Großstadt“ wie Frankfurt kein dramatischer Makel mehr, aber es war doch ein erster Moment des Bewusstwerdens, dass manche Kinder anders sind, obwohl sie nicht anders aussehen.

Quelle: 123RF

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Da ich protestantisch getauft wurde, konnte ich mich – mit Ausnahme des Religionsunterrichts – vor intensiveren religiösen Vereinnahmungen in Kinderjahren selbst bewahren. Denn der große Aufschlag der Kirchen, Kinderseelen in frühen Jahren mit religiösem, später kaum noch ablegbarem Ballast zu versehen, erfolgt in der evangelischen Kirche erst mit dem vierzehnten Lebensjahr – bei mir war das dann zu spät. Nachdem mir viele meiner Freunde einzig begeistert von der enormen Aussicht an Geschenken von ihrer anstehenden Konfirmation erzählten, regte sich bei mir eine gewisse Skepsis. Und als ich dann meiner Mutter eröffnete, ich würde erwägen mich konfirmieren zu lassen, gab sie intuitiv eine für mich entscheidende Antwort: „Das überlasse ich Dir, aber bitte komme nicht auf die Idee, mich dann Sonntag für den Kirchgang zu wecken.“ Das reichte mir damals, um die Antwort auf die Frage, an wen und was ich glauben möchte, zu verschieben. Mit Schrecken musste ich beispielsweise später entdecken, dass die evangelische Kirche auf von einem der größten Antisemiten begründet wurde: Martin Luther.

Ich verurteile nicht den Glauben und bin auch kein Missionar des Atheismus. Ich respektiere jede Lebensphilosophie, die ein wertschätzendes, achtsames und gesellschaftlich verantwortliches Miteinander ermöglicht. Ich mache auch keine Glaubensbekenntnisse verantwortlich für Kriege, sondern nur die Menschen, die ihren Glauben vorschützen, um ihre Verachtung anders Denkender zu legitimieren.

Aber ich plädiere (siehe auch Parvin Sadigh Kommentar in der Zeit) inständig für eine vollständige Säkularisierung unserer Gesellschaft und dafür, in Glaubensfragen unsere Kinder nicht mehr zu bevormunden. Eine Gesellschaft, die es mit der von Kant einstmals eingeleiteten Aufklärung wirklich ernst meint, muss ständig bestrebt sein, jegliche Indoktrination ihrer Kinder zu verhindern.

Vom Luxus der Freiheit.

Bild

Aus der Literaturbeilage der Zeit

Nachtrag: 27.November 2014: Als ich diesen Beitrag im März des Jahres schrieb, war ich noch ein wenig von der naiven Vorstellung erfüllt, dass das Stichwort „Freiheit“ im gesellschaftlichen Diskurs immer Interesse und Leidenschaft weckt. Doch dem ist aktuell mitnichten so. Betitelt oder eröffnet jemand heute seinen Diskussionsbeitrag mit Gedanken über oder gar Sorge um die Freiheit, wendet sich die Mehrheit gähnend ab.

Das Gut „Freiheit“ hat rapide an Wert gegenüber den Wünschen nach Sicherheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und staatlicher Fürsorge verloren. Sehr eindrücklich untermauert dies der erhobene „Freiheitsindex“ des John Stuart Mill Institutes, der seit 2011 in Zusammenarbeit mit dem Institut Allensbach ermittelt wird. Den Bericht 2014 als Pdf gibt es hier.

Wem der Diskurs der Freiheit dennoch etwas mehr Zeit und Gedanken wert ist, lege ich den Essay von Lisa Herzog „Freiheit gehört nicht nur den Reichen.“zu lesen nahe, über den ich hier resümiere:

 

Vor kurzem las ich Gustave le Bons „Psychologie der Massen“ , in dem er darauf verweist, dass Freiheit zu den Begriffen zählt, „deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten.“ Dem kann man angesichts der seit Jahrhunderten fortlaufenden Lektüre über das Wesen und die Voraussetzung der „Freiheit“ nur wenig widersprechen. Wer sich dem Thema dennoch annähern möchte und sowohl einen historischen Blick als auch einen aktuellen Diskurs über die Freiheit im allgemeinen und den in Misskredit geratenen Liberalismus im speziellen wünscht, dem kann ich den sehr klugen und leicht lesbaren Essay von Lisa Herzog sehr empfehlen.

BildNicht ideologisch, bestenfalls idealistisch hält sie auf knapp 200 Seiten ihr „Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus“, der meines Erachtens auch Not tut. Denn der liberale Geist, der sich in der Vergangenheit immer sehr wohltuend als Korrektiv bei starken rechts- wie linksideologischen, gesellschaftspolitischen Ausschlägen erwiesen hat, steht seit der Finanzkrise am Pranger. Sowohl der rechte als auch linke Flügel – verdächtig einhellig – machen ihn nicht nur für das Finanzmarktdebakel, sondern für alle sozialen Verwerfungen in einer globalisierten Marktwirtschaft allein verantwortlich. Der Liberalismus wird so dankbar auch zum Sündenbock der staatlichen Finanzkrisen, in dem die Politik vorgibt, dass die Rettung der globalen Finanzmärkte ja erst zur Schieflage der Staatshaushalte geführt habe.

Folie1Dennoch, und dies gibt Lisa Herzog unumwunden zu, kann man die jüngsten Repräsentanten des Liberalismus nicht in allen Anklagepunkten freisprechen. Dass der Liberalismus so gut als Sündenbock taugt, hat er einer Gruppe selbsternannter Neoliberaler zu verdanken, die das enge Bild eines staatlich gegängelten Marktes schufen. Gegen dieses Bild möchte Lisa Herzog anschreiben:

„Das Bild, gegen das ich anschreibe, ist das einer Frontstellung von Markt und Staat, in der der Markt ausschließlich als Reich der Freiheit und der Staat ausschließlich als Reich von Zwang und Unterwerfung angesehen wird.“

Damit dies überzeugend gelingen kann, ist ein philosophischer, sozio-psychologischer sowie ökonomischer Diskurs der Freiheit angebracht.

Bei der philosophischen Annäherung an die Freiheit gerät man leicht in Sophisterei. Jegliche Definition von Freiheit findet umgehend ihren Kritiker, dem diese zu eingeschränkt oder jene zu weit ist. Doch Lisa Herzog bedient sich pragmatisch. Im wesentlichen verweist sie bei der Definition auf die negative sowie positive Freiheit, sprich erstere, die uns wenig verbietet und zweite, die uns vieles erlaubt, um als Einzelner ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu führen.

Darüber hinaus überlässt sie es dem Leser, welche weiteren Spielarten er präferieren möchte.

Das Dilemma mit dem philosophischen Ideal der Freiheit wird einem persönlich sehr schnell deutlich, wenn man in die erzieherische Elternschaft eintritt. Zwar kann man sich dem schnell entledigen, in dem man sich auf Kant besinnt, der Vernunft als wesentliche Voraussetzung der Freiheit des Menschen einfordert. Die beizubringen, sehen wir ja als vorderstes Ziel unserer Erziehung. Doch gerät man dann sehr schnell auf elitäres, snobistisches Glatteis. Denn diese eingeklagte Vernunft findet sich nach kantischem Maßstab wohl bei kaum einem Mitglied in der heutigen Gesellschaft.  Schon sein kategorischer Imperativ wird selten konsequent beherzigt.

In der Meinung gespalten werden wir schon durch die Frage unseres Menschenbildes. Überwiegend findet man doch ein negatives, wie Machiavelli beschreibt, dass die Menschen kleingeistig und kurzsichtig und vor allem immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien. Gerne auch wie Adam Smith, der erkennt, dass die Eitelkeit, das Streben nach der Bewunderung von anderen, die Ursache dafür sei, dass Äcker bebaut, Städte gegründet und Wissenschaft und Kunst vorangetrieben würden.

Hingegen erteilt uns Marx fast eine religiös anmutende Absolution, indem er uns die Verantwortung nimmt und die (natürlichen) Gesetzmäßigkeiten des Marktes bzw. den Kapitalismus zum Schuldigen erklärt, der uns Menschen zwinge, ihr Eigeninteresse zu verfolgen, ob wir es wollen oder nicht.

Psychologisch und soziologisch ist unser Freiheitsanspruch immer auch ein Kampf zwischen unserem Eigensinn und damit unserer Willensfreiheit und unserer Handlungsfreiheit in einer Gemeinschaft. Denn

„Es geht immer um Freiheitsansprüche, die Menschen aneinander richten.“

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Aus der Literaturbeilage der Zeit

Mit der Freiheit unseres Willens begibt man sich wiederum auf recht unsicheres Terrain. Denn zunehmend sprechen uns nicht nur Philosophen, sondern auch Psychologen sowie Neurowissenschaftler ab, über einen freien Willen zu verfügen.  Unsere – damit nicht gänzlich selbst zu verantwortende – Willensschwäche führe dann zu asozialen, amoralischen oder zumindest unvernünftige Handlungen. Mich befremdet dieser Gedanken, denn er entmündigt uns, die wir uns für vernunftbegabte und damit selbstverantwortliche Wesen erachten. Ich denke, wer A sagt muss auch B sagen. Wenn ich Willensfreiheit beanspruche, dann muss ich auch die Verantwortung tragen, wenn mein Wille mich wider die Vernunft und besseres Wissen verleitet, asozial zu handeln.

Denn nur als solche können wir eine liberale Gesellschaft gestalten, die sich nach Lisa Herzog drei Fragen regelmäßig annehmen muss: die Fragen der Normen, des Ethos und der ungleichen Machtverteilung. Hier muss immer wieder neu justiert werden. Bei den Normen stellt sich u.a. die schöne Frage: „Verdient nicht jeder das, was er verdient?“ Und bezüglich des Ethos, wünscht die Autorin sich mit Recht, dass man diesen Begriff wieder entstaube.

„Ein gut funktionierendes Ethos hat gegenüber rein regel- und anreizbasierten Institutionen den großen Vorteil, dass es erlaubt, besser mit Komplexität umzugehen.“

Dieser Gedanke ist auch sehr nah bei Niklas Luhmann, der erkannte, dass Vertrauen nun mal dazu dient, Komplexität im sozialen Umgang zu reduzieren.

Und wachsam gegen Machtkonzentrationen zu sein, seien es Oligopole, Lobbys, politische und sonstige Eliten, darauf wies schon Adam Smith hin als er frotzelte, dass „Leute aus einer Branche selten zusammentreffen, ohne eine kleine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit zu planen,…“

Am Ende des Diskurses kehrt die Autorin wieder zum Ausgangspunkt der Diskreditierung des Liberalismus zurück, zur Ökonomie.

Es versteht sich von selbst, dass der Liberalismus keine Legitimation für das Verhalten von Gier und Maßlosigkeit bietet.

Selbst der liberalste Philosoph, John Stuart Mill, setze ein Limit:

„dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“

Folie2Schon diesem minimalen Anspruch eines gesellschaftlich verantwortlichen Liberalismus wurde und wird man in vielen Zentren der wirtschaftlichen Macht nicht gerecht. Hier muss der Staat, sofern er nicht Teil des Problems ist, regulierenden eingreifen. Da aber die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft heute zu stark geworden sind, um hier als Bürger noch zu vertrauen, ist des Bürgers Kontrolle besser. Da greift, wie man schon bei Kant „Zum ewigen Frieden“ nachlesen kann, die republikanische Freiheit, von der Lisa Herzog schreibt:

„Vielleicht ist es kein Zufall, dass in der philosophischen Debatte über den Begriff der Freiheit und des Liberalismus seit einiger Zeit eine dritte Konzeption wieder aufgelebt ist: die republikanische Freiheit. Freiheit wird hier über den Status des Einzelnen als freier Bürger definiert, als jemand, der darüber mitreden kann, was in seinem Staat entschieden wird.“

Ein Kernproblem des Marktes – unabhängig wie liberal er ist – muss dringend gesellschaftlich gelöst werden. Der große Fehler der Märkte ist aus volkswirtschaftlicher Sicht die unvollständige Preisfindung. Denn für viele Güter wird ein Preis gefunden, der die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten nicht einbezieht. Ein großer Teil der Folgekosten von Gütern und Dienstleistungen, werden der gesamten Gesellschaft aufgebürdet.

Doch trotz aller Bedenken, die ein freier Welthandel erzeugt, muss man ihm eins zugute halten: er ist der stärkste Verbündete des Friedens. Schon vor über 200 Jahren galt die Globalisierung im philosophischem Weitblick von Kant, Montesquieu und Adam Smith als Garant für den zukünftigen Weltfrieden. Denn der Handel schweiße die Nationen so zusammen, dass kein Interesse mehr an Kriegen bestünde.

Mit einer Aufforderung von Kant, schließt Lisa Herzog ihr beeindruckendes Plädoyer ab, dem ich mich gerne anschließe:

„Frei nach Kant lässt sich sagen: Eine liberale Gesellschaft ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.“

Zum ewigen Frieden.

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©2010-2014 Ng-Aniki

Ich wage mal die Behauptung, dass Immanuel Kant als Blogger heute kaum „Follower“ gewinnen würde. Aus gegebenem Anlass habe ich – erneut – seinen Vertragsentwurf „Zum ewigen Frieden . Ein philosophischer Entwurf.“ gelesen. Wenn sich der ein oder andere heute gerne über einfache Schachtelsätze mokiert, so wird er hier durch eine stilistische Hölle an Satzgebilden gehen müssen, die ich als Matroschka-Sätze bezeichnen möchte. Ob es sich aber dennoch der Mühen lohnt, sich mit dem Originaltext zu befassen?

Da ich nun mitteilungsbedürftig darüber schreibe, ist die Frage soweit schon mal beantwortet.

Foto 1-1Durchaus schwieriger ist es, befriedigend zusammenzufassen, über was ich nun alles brüte. Zunächst einmal gilt auch für Kant die Binse, dass

der Friedenszustand unter Menschen, die neben einander leben, …kein Naturzustand, sondern vielmehr ein Zustand des Krieges ist,…“

Dabei sind ihm die verstreuten Völker auf der Erde, insbesondere jene, die in klimatisch oder geografisch unbequemen Zonen angesiedelt sind, historischer Beweis, dass der Krieg ein naturgewollter Verdrängungswettbewerb ist. Die Natur manifestiert diesen Zustand noch durch zwei wesentliche Mittel:

 „Sie (die Natur, Anm. d. V.) bedient sich zweier Mittel, von der Vermischung abzuhalten und sie abzusondern, der Verschiedenheit der Sprachen und der Religionen,…“.

Es wäre nun ein leichtes, die allgemeine Gültigkeit dieser These – zumindest was die Sprache betrifft – heute zu widerlegen. Die zahlreichen angelsächsischen Länder und die südamerikanischen Länder widersprechen dem vordergründig. Aber noch immer gilt, dass Religionen und gesellschaftspolitische Ideologien – die ja letztlich auch Glaubenslehren – bis heute die Scharfmacher für die Massen sind, um kriegerische Auseinandersetzungen zu forcieren. Häufig – damals wie heute – steht dahinter auch noch das Kalkül einer herrschenden Elite, die diese als Mittel zum Zweck ihrer eigenen hegemonialen Interessen nutzt.

Kant ein Republikaner oder ein lupenreiner Demokrat?

Um den Interessen einzelner Eliten entgegen zu wirken, legt Kant im zweiten Abschnitt erst einmal dar, welche Regierungsform er präferiert – was nicht unbedingt gleichbedeutend mit der Staatsform ist:

„Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein.“

Und dies gelte selbst dann, wenn man ein pessimistisches, teuflisches Menschenbild unterstellt:

„Das Problem der Staatserrichtung ist, …, selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben), auflösbar und lautet so: Eine Menge von vernünftigen Wesen, die insgesamt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen, deren jedes aber in Geheim sich davon auszunehmen geneigt ist, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, dass,…, diese einander doch so aufhalten, dass in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als ob sie keine solche böse Gesinnung hätten.

Eine solche Verfassung ist begründet auf drei Prinzipien „Freiheit“, „Gemeinsame Gesetzgebung“ und „Gleichheit“.

Heutige Interpreten verweisen kurzerhand gerne darauf, dass die damalige republikanische Gesinnung Kants heute als demokratisch zu verstehen sei und vereinnahmen Kant so für sich als „lupenreinen Demokraten.“ Dem mag ich anhand des Originaltextes nicht folgen, sondern sehe hier einen noch immer sehr brisanten, politischen Diskussionsstoff, der auch um den aktuell todgesagten Liberalismus kreist. Weit mehr würde ich Kant im Sinne des angelsächsischen Dualismus „Republikaner vs. Demokraten“ auf der Seite der Republikaner sehen.

Die Demokratie ist – nach Kant – eine von drei despotischen Regierungsformen (Autokratie, Aristokratie, Demokratie). In der Republik dagegen, wie Kant sie beschreibt, gibt der Bürger nur die Macht der Ausführung ab (Exekutive und Judikative), doch die gesetzgebende (Legislative) bleibt direkt beim Bürger. Hingegen in der Demokratie, „im eigentlichen Verstande des Wortes“, bestimme die Mehrheit über Minderheiten. Die demokratische Regierungsform sei somit nicht repräsentativ wie es die republikanische im idealen Falle wäre.

Die idealen Repräsentanten einer republikanischen Regierung agieren mit dem Selbstverständnis, „Diener des Staates zu sein“ (Kants oberster Staatsherr Friedrich II bezeichnete sich so). Doch in der Demokratie wolle alles Herr sein und nicht Diener. Nicht die Staatsform sei für den Bürger somit entscheidend, sondern die Regierungsart. Sofern jeder Bürger überzeugt sein könne, nach den Grundprinzipien einer republikanischen Verfassung regiert zu werden, spiele es für ihn keine Rolle, ob er in einer Monarchie, Aristokratie (im Sinne der „Besten“) oder Republik lebt.

Dieses politische Verständnis Kants ist es auch heute noch Wert, abgewogen zu werden. Es hinterfragt kritisch unsere oft schon dogmatische Haltung im Westen, Demokratie als die am besten die Freiheit garantierende Regierungsform vorauszusetzen. Die Betonung liegt hier auf der Freiheit.

Jeder Bürger sollte einzeln entscheiden können: Krieg oder Frieden.

Die republikanische Bürgerverantwortung ist es denn auch, die Kant als wesentliche Voraussetzung erachtet, um den Frieden zu wahren. Eine weitere Bedingung sei noch die Abschaffung eines stehenden Heeres, sprich einer Berufsarmee. Dafür soll aber jeder Bürger so ausgebildet sein, sich und seinen Staat mit der Waffe schützen zu können, so dass im Falle eines unvermeidbaren Krieges jederzeit eine freiwillige Armee zusammengezogen werden kann.

Diese beiden Vorausetzungen sorgen schon erheblich dafür, dass es kaum noch zu Kriegen käme. Denn eine republikanische Verfassung im Sinne Kants erfordert die konkrete Zustimmung jedes einzelnen Staatsbürgers zu einem Krieg. Und zwar mit allen persönlichen Konsequenzen: ich gebe mein Geld dafür, ich riskiere den Verlust meiner Habe und eventuell meines Lebens und ich übernehme die Schulden des Krieges.

Ein friedenstiftender Völkerbund erfordert die Abgabe einzelstaatlicher Souveränität.

Da jedoch die innerstaatliche Entscheidung allein nicht ausreicht, um sich vor Angriffskriegen zu schützen, benötigt die Welt zudem einen Völkerbund. Doch hier liegt eine besondere Crux, die wir bis heute nicht lösen können. Ein Völkerbund erfordert die Abgabe an Souveränität des einzelnen Staates an eine legitimierte Institution die den Völkerbund repräsentiert. Der Völkerbund ist somit ein ermächtigter Friedensbund (kein Friedensvertrag, der einzig nur den Krieg beendet), der den ewigen Frieden gestalten und sichern will.

„Dieser Bund geht auf keinen Erwerb irgend einer Macht des Staats, sondern lediglich auf Erhaltung und Sicherung der Freiheit des Staats, für sich selbst und zugleich anderer verbündeten Staaten, ohne dass diese doch sich deshalb (…) öffentlichen Gesetzen, und einem Zwange unter denselben, unterwerfen dürfen.“

Folie1Doch im Gegensatz zu einem vernünftigen Individuum, das sich einer staatlichen Gesetzgebung fügt, ist dies bislang unter Staaten nur schwach bis gar nicht ausgeprägt.

Der stärkste Verbündete des Friedens ist der Welthandel.

In der Erkenntnis aller Unwegsamkeit zu einem ewigen Frieden sieht Kant schon damals voraus, dass es zudem eine wachsende Macht gibt, die allen Staats- und Regierungsformen trotzt und die stärkste friedensstiftende Kraft entfalten wird: die weltweite Geld- und Handelsmacht:

„Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher, oder später sich jedes Volks bemächtigt.“

Zum Abschluss legitimiert Kant seinen vermessenen Anspruch, sich als Philosoph in Staatsgeschäfte öffentlich einzumischen. Der Philosoph – heute würden wir vielleicht Intellektueller sagen – solle sich öffentlich zu der Politik äußern und von den Regierenden gehört werden. Denn

„Dass Könige philosophieren, oder Philosophen Könige würden, ist nicht zu erwarten, aber auch nicht zu wünschen; weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt.“