Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon.

Quelle: 123rfVor wenigen Tagen dachte ich noch, der stationäre Handel besinnt sich allmählich. Nach dem die Empörungswelle über Amazon wirkungslos abgeebbt ist, Autoren und hoffentlich auch Journalisten allmählich verstehen, dass Mitleid kein gutes Marketing ist, und am Beispiel Leistungsschutzrecht sichtbar wurde, dass sich das digitale Rad nicht mehr zurückdrehen lässt, sollte auch dem letzten edlen Ritter des stationären Handels klar geworden sein, dass er seine Rüstung ablegen muss, wenn er in Zukunft überleben will.

Doch nein, da kommt wieder ein edler Ritter um die Ecke, der die gute alte Zeit und ihre Tugenden beschwört: Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In einem Kommentar im NDR beteuert er zum einen, man habe sich im Buchhandel nun auch wettbewerbsfähig digital aufgestellt und überhaupt sei ein Umdenken möglich:

„Ein Nach- und Umdenken ist möglich. 2013 war die Entwicklung im stationären Buchhandel erstmals besser als im Online Handel. Dieser Trend hält in diesem Jahr an. Und viele Buchhändler berichten uns über Kunden, die im Gespräch wörtlich sagen: „Früher habe ich bei Amazon gekauft.“

Das ist für mich nicht nur Pfeifen im Walde (siehe auch Kommentare beim Börsenblatt), mit dem sich seit Jahren auch schon die Printmedienbranche selbst belügt, sondern das Ganze hat noch einen dicken Haken: Umdenken muss nach Auffassung von Herrn Riethmüller nicht der Handel, sondern der Kunde von Amazon. Der Handel habe ja das Alleinstellungsmerkmal Beratung.

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Ritter der Tafelrunde

Geehrter Herr Riethmüller und alle anderen Ritter der Bücherrunde, ich liebe ihre Branche, ich liebe Literatur und ich bin bereit dafür mit aller Leidenschaft zu kämpfen. Doch bitte nicht mit Ihrem Rüstzeug. Werfen Sie endlich den vergangenen Ballast ab, seien Sie geistig beweglich und lassen Sie sich von Leuten die Langbogen der neuen Welt zeigen und veranschaulichen wie heute Märkte erobert und verteidigt werden. (Nachtrag: Das es schon mit einer anderen Haltung deutlich überzeugender wird zeigt Sophie Weigand auf Literaturen.)

Und bitte, bitte keine Appelle des Umdenkens an die Kunden. Solche Appelle sind nicht nur der Anfang vom Ende eines Geschäftsmodells, sie beschleunigen das Fanal. Blicken Sie zurück auf den Markt der Gastronomie, denken Sie an all die vielen Einzel- und Fachhändler der vergangenen Jahrzehnte oder lassen sie die Veränderungen in der Kulturbranche Revue passieren. Nennen Sie mir irgendein Beispiel auf dem Markt, wo ein Appell zur Arterhaltung eines Geschäftsmodells bei den Konsumenten Wirkung gezeigt hätte.

Die Kunden denken nicht daran in Ihrem Sinne umzudenken, also verklärt oder gar reumütig zurück zu schauen. Umgedacht haben nämlich die Kunden schon lange vor Ihnen. Deshalb kaufen sie bei Amazon & Co. Sie haben den anfänglich komplexen, unsicheren Weg ins Neuland und den Onlinehandel gewagt, haben Anmeldehürden und umfangreiche Datenabfragen auf sich genommen, mal was neues gewagt, es ausprobiert und am Ende etwas erhalten, was sie sehr überzeugt hat. Diese Kunden haben also all das gemacht, was Sie und viele im Handel bis heute gar nicht oder nur widerwillig machen. Und die Kunden sind dafür von Amazon & Co. reichlich belohnt worden. Und dann gibt es auch noch Kunden, die gute 9 Gründe nennen, warum sie der Handel, so wie er ist, einfach nicht überzeugt.

Gerne zähle ich Ihnen bei Gelegenheit alle Punkte auf, was ein Kunde von Amazon alles so schätzt und er vom Handel weder bekommen kann noch je von ihm erwarten würde. Hier nenne ich erst mal nur drei:

  1. Amazon hat nicht nur das unbestritten umfangreichste Sortiment und exzellente Prozesse, es hat auch in Deutschland Millionen Kunden, die ihre Meinung zu den Produkten ausführlich hinterlassen. Kein Buchhändler kann derart beraten, wie es 20 Kundenrezensionen können.
  2. Die wenigsten Menschen laufen tagtäglich an einer Buchhandlung vorbei. Sie müssen sich schon auf den langen Weg dorthin machen. Und nur eine Minderheit geht gerne in eine kleine, persönliche Buchhandlung. Die meisten haben nämlich Schwellenangst, so wie vielleicht Sie, wenn Sie einen Apple-Store betreten. Da kauft es sich bei Amazon doch deutlich ungehemmter.
  3. Amazon kennt uns Kunden. Man begrüßt uns mit Namen, man empfiehlt uns was ganz persönliches, wenn wir vorbeischauen. Amazon schreibt uns, wenn es ein interessantes Angebot gibt, zeigt uns, dass es die Klassikerausgabe auch umsonst als eBook gibt und bietet uns darüber hinaus noch jede Menge andere Waren und beeindruckende Services an.

Auch die Solidaritätsbekundung einer lieb meinenden, engagierten, aber winzig kleinen Kundenklientel hilft dem Handel nicht. Sie verschlimmert nur den Eindruck von einer Not leidenden Branche und beschleunigt die gnadenlose Abkehr der Mehrheit der Konsumenten im Markt, die nun mal nicht auf Verlierer setzt. Und machen Sie sich deutlich, dass Amazon in den vergangenen Jahren ein großen Teil Kunden zum Buch oder zur Literatur erst wieder gebracht hat, die der stationäre Handel gar nie erreichte. Es sind nicht alles Abtrünnige, die heute bei Amazon kaufen.

faust-und-mephisto-c625c5db-c787-4a15-90d2-2f77e0b2ee89Ebenso fatal ist ein Marketing mit Feindbildern. Solch antagonistisches Marketing – wir sind die Guten und die da die Bösen – funktioniert ebenfalls nur kurzeitig, um dann später den Abstieg der eigenen Branche oder Marke zu beschleunigen. Uwe Wittstock habe ich versucht, diese Erfahrung über Twitter zu vermitteln. Doch die 140 Zeichen ließen das nicht überzeugend zu. Vielleicht gelingt es mir hier.

Amazon als unmoralisch sowie brutal kapitalistisch zu verteufeln und mit Lanze und dem Schlachtruf „Monopolist“ aufs Pferd schwingend in die Schlacht zu ziehen ist Donquichotterie auf dem Markt. Denn im Markt sind Ethik und Moral keine Tugenden, sondern bestenfalls Marketingstrategien.

Dass Amazon Steuerschlupflöcher nutzt, kann ich nicht dem Unternehmen sondern muss ich dem Gesetzgeber anlasten. Erinnert sich noch jemand an die angenehme Zeit als man seinen Buchhändler bitten konnte, für die erworbenen Romane eine Fachbuchquittung zu bekommen? Tja, das ist ein Steuerschlupfloch, das gestopft wurde und heute ein echter USP für den Handel wäre.

Auch die regelmäßigen Berichte über die fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Amazon ändern nichts an der prekären Situation im Handel. Denn der Handel hat einen offenkundigen Personal- und Gemeinkostennachteil, den selbst eine fair empfundene Entlohnung bei Amazon & Co. nicht ausgleichen würde. Der Kunde zahlt im stationären Handel teure, stetig steigende Mieten und ineffiziente Personalanwesenheit, die beim Onlineanbieter immer deutlich geringer ausfallen.

Und zuletzt ist der Vorwurf der Monopolisierung nicht moralisch haltbar. Denn die Monopole im Netz entstehen primär durch eine mehrheitliche Abstimmung des Kunden. Daraus entwickelt sich dann zunehmend eine der physikalischen Kraft vergleichbare Gravitation im Online-Universum. Wer die höchste Anziehungskraft hat und die größte Masse entwickelt zieht irgendwann alles an sich. Es gibt weder für Produktanbieter noch für Kunden einen erkennbaren Mehrwert, auf mehren Plattformen Angebote zu platzieren bzw. zu suchen. Dies macht man nur solange, bis man das Gefühl hat, ausreichend Marktteilnehmer zu erreichen bzw. ausreichend Markttransparenz zu haben. Deshalb ist das Bestreben zur Monopolisierung allen Märkten inhärent.

Derzeit ist das Netz die globalste Form eines Marktplatzes. Auf diesem Platz werden sich aufgrund der beschriebenen Dynamik weltweit Monopole für abgegrenzte Leistungen bilden. Das haben die Gründer und Investoren von vielen Start Ups verstanden, doch offenbar nur sehr wenige, die mit dem ritterlichen Status Quo weiterleben möchten. Aktuell bilden noch die unterschiedlichen Sprachen die stärkste Hürde für die globale Netzwirtschaft. Doch auch diese Hürde wird immer rasanter genommen. Auf Alibaba, der chinesischen B2B-Plattform, wird automatisch die Kundennachfrage aus dem Ausland ins Chinesische übersetzt und umgekehrt. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis Übersetzungsprogramme jedem Anbieter die Möglichkeit bieten in allen Sprachen der Welt zu handeln.

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Mein erstes Handy.

Nicht zuletzt muss auch konstatiert werden, dass Monopole nicht per se wirtschaftlich nachteilig für den Konsumenten sind. Bestes Beispiel ist der Mobilfunkmarkt. Anstatt eine einzige Infrastruktur im Land aufzubauen, die dann alle Anbieter nutzen, gab der Staat vor, Wettbewerb zu schaffen, indem er Frequenzen für zig Mrd. Euro versteigerte, die dann dazu führten das mehrere Anbieter parallel Mrd. teure Infrastruktur aufbauten und sich dann noch mit hunderten von Millionen eine Marketingschlacht bis heute liefern, um ausreichend Kundenanteile zu gewinnen. Letztlich zahlt der Konsument in Deutschland für den Verzicht auf das Mobilfunk-Monopol ca. das Sechsfache dessen, was heute ein Mobilfunkanschluss kosten müsste, wenn es nur einen Anbieter gäbe.

Soll nun der stationäre Handel fatalistisch seinem Ende entgegen sehen? Nein, mitnichten. Nur wie in der Überschrift gefordert, muss nicht der Kunde sondern er umdenken. Der Handel vor Ort braucht ein neues Selbstverständnis aus dem dann auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein erwächst. Der Handel muss mutig Neues ausprobieren. Schon immer entwickeln sich neue Geschäftsmodelle, die den alten Tugenden des Handels ähnlich sind, jedoch z.B. nicht mit denselben Produkten. Was früher der Tante Emma Laden war, ist heute der Feinkost-Italiener oder Veganerladen an der Ecke. Was früher der Elektronikfachhändler war ist heute der Shop- und Showroom eines Herstellers wie Apple oder eines Mobilfunkanbieters.

Dringend abraten kann ich dem stationären Handel vor einem nachahmenden Online-Wettbewerb (siehe aktuell ocelot). Wie oben beschrieben, werden Online nur sehr wenige, wohl globale Unternehmen als Sieger hervorgehen. Wer keine unique eCommerce-Idee hat und nicht ausreichend Investoren im Hintergrund, kann nur auf bestehenden Handelsplattformen wie Amazon, ebay etc. sein Geschäft wirtschaftlich betreiben.

BuchespressobarBislang ist es zudem kaum jemanden gelungen, eCommerce und stationäre Präsenz gleichermaßen erfolgreich zu besetzen. Mir fällt nur ein Beispiel ein, dass als Produkt umstritten ist, jedoch bisher unbeirrt weltweit wächst: Nespresso. Dieses Beispiel dokumentiert auch, dass mit rationalen Argumenten auf dem Markt nichts gewonnen wird. Die sinnliche Erfahrung, das Erlebnis des Sich-Etwas-Gönnens, überzeugt hier die Konsumenten – gegen alle hauswirtschaftliche Nüchternheit. Und die vehemente Empörung über deren ökologische Ignoranz ist von Buchliebhabern völlig unangebracht. Denn die Ökobilanz eines 500 Seiten Schinkens in gedruckter Form von der Herstellung bis zur ewigen Lagerung im heimischen Buchregal ist vergleichsweise katastrophal zu einem eBook.

Der Handel im Allgemeinen und der Buchhandel im Speziellen muss sich womöglich weit mehr als menschliche Begegnungsstätte begreifen. Was früher nur die Kneipe oder das Cafe geboten haben, wird vielleicht zunehmend die Erwartung der Kunden in den Läden sein: ein Ort, in dem man sich trifft, um über gemeinsame Interessen zu plaudern, sich auszutauschen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das ist womöglich nicht das Zukunftskonzept für den Schuhhandel, jedoch im Buchhandel könnte dies in ein oder zwei Frau/Mann-Betrieben funktionieren. Vorausgesetzt, die Kunden sind bereit dafür indirekt zu zahlen.

Darüber hinaus wird die Rolle eines Kurators im Handel sicher an Bedeutung gewinnen. In wie weit diese finanziell honoriert wird, muss der Handel ausprobieren. Eine wohl wichtige Voraussetzung dafür wäre die Aufhebung der Buchpreisbindung und einer damit verknüpften deutlich höheren Marge für den Händler. Im Modeeinzelhandel sind Verkaufspreisaufschläge von bis zu 250% üblich. Leidtragende mögen da zunächst die Verlage sein. Doch auch die müssen sich bewegen. Große Verlage sollten vielleicht auch mal „Flagship-Stores“ einrichten und Kleinverlage sich spezielle Kleinbuchhandlungen suchen, die sich auf ihr Genre spezialisieren. Wenn sie dann auch noch so voller Ideen sind wie CulturBooks, kann das für diese Buchhändler ein lukratives Standbein sein.

Buchhändler sollten auch online mehr Flagge zeigen. Jedoch nicht mit Shops , sondern mit gut gestalteten Blogs wie SteglizMind. Hierfür müssen sie nicht mal ständig selbst Texte verfassen, sondern können sich einer Hundertschaft von engagierten Bloggern bedienen, die sich über das Reblogging ihrer Rezensionen freuen. Sehr beeindruckend umfangreich und redaktionell vorbildlich als Online-Magazin macht das Bücherstadtkurier. Und sie sollten auch souverän auf die zigfachen guten Rezensionen von Amazon hinweisen. Denn die meisten Kunden, die online nach Buchempfehlungen suchen, schauen dort sowieso vorbei.

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Drei ??? auf der Waldbühne in Berlin.

Vielleicht müssen Buchhändler auch vermehrt rausgehen, so wie aktuell sehr spannend Felix Wegener. Bücher und eReader wie Tupperware verkaufen, Verkaufsveranstaltungen mit Büchervorstellungen in Kindergärten und Schulen (Elternabenden), Altenheimen, Krankenhäusern und sonstigen Einrichtungen machen, Hörbuchnächte als Happening anbieten, als Eintrittskarte kauft man das Buch dafür und und und.

Wie gesagt, ich bin bereit für die Literatur mit Umdenken und Ideen zu kämpfen. Doch die Voraussetzung ist, dass die heutigen Gralshüter der schmerzlichen Realität ins Auge blicken, sich kritisch hinterfragen lassen und offen für neue Strategie und Taktiken sind. Auch dann braucht es noch viel Mut und Wagnis. Doch sein Schicksal in der Bedrängnis selbst in die Hand zu nehmen, war schon immer eine der klassischen Erfolgsgeschichten berühmter Romanfiguren.

Nachtrag 16.11.: In meiner alten Heimat Frankfurt bewegt sich offenbar was.

Nachtrag 20.11: Christian Riethmüller, Neffe und ebenfalls Geschäftsführer von Osiander, überzeugt mich dagegen sehr. Da würde ich glatt in die Lehre gehen.

Und wer in München ist besucht vielleicht mal die die Kulturtheke eisfrei:

Eistheke

Foto Felix Wegener

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29 Gedanken zu “Umdenken muss der stationäre Handel – nicht der Kunde von Amazon.

  1. Leider bieten die kleinen Buchhandlungen oft nur Werke aus großen Verlagen an.
    Selber wollen sie Unterstützung im Kampf mit den Marktriesen, denken aber in der Regel kaum daran, kleinen Verlagen zu helfen.

    • Danke für den Kommentar. Ja, dies ist ein recht offensichtlicher Widerspruch, den sich die Buchhändler ebenfalls eingestehen müssen. Denn ihr Geschäftsmodell zwingt sie dazu, sich dieser Seite der Macht des Marktes zu unterwerfen. Hier argumentieren sie gerne, dass sie sich dem Geschmack der breiten Kundschaft beugen müssten und deshalb ihr Sortiment nicht persönlich kuratiert, sondern an der Nachfrage des Mainstream orientiert sei. Aber auf der anderen Seite dämonisieren sie die großen Wettbewerber als Verführer, die jedoch ebenfalls nichts anderes tun als die Kundenbequemlichkeit abzuschöpfen. Danke noch mal für den an sich nachliegenden, jedoch ein wenig aus dem Blickfeld geratenen Gedanken.

  2. Die Geschichte „Herr Hibbe macht zu“ (Autor: Henning Sußebach) ist als „Beste Reportage 2014“ ausgezeichnet worden. Ich denke, sie passt hervorragend zu dem Thema hier und deshalb möchte ich sie dem geneigten Leser nicht vorenthalten.
    Zitat: „Es waren zwei Zahlen, die zu Klaus Hibbe und seinem Kaufhaus führten. Im Winter hatte der Handelsverband Deutschland gemeldet, dass der Anteil der klassischen Warenhäuser am Gesamtumsatz des Einzelhandels nur noch 2,7 Prozent ausmache. Zugleich war der Marktanteil von Onlinehändlern wie Amazon, eBay und Zalando auf neun Prozent gestiegen. 2,7 zu 9. In der Differenz verbarg sich das Drama:“
    Link: http://www.reporter-forum.de/

  3. Vielen Dank für den Beitrag. Wir reden in unserem Podcast häufig über die Herausforderungen für den stationären Handel. Es geht hier zwar weniger um Buch- als um IT-Fachhändler, doch die Ausgangslage und die Herausforderungen sind im Kern identisch. In der nächsten Episode von Channelcast werden wir gezielt auf Deinen Beitrag eingehen. Ich habe eine klare Meinung dazu, mal sehen wie die drei Kollegen das Thema beurteilen.

  4. Hallo Thomas,
    es gibt mittlerweile viele gute Beispiele, wie sich Buchhändler trotz Amazon erfolgreich positionieren können.
    Mein Lieblingsbeispiel ist eine Buchhandlung in Berlin, die ihre Verkaufsregale in einer Zahnartzpraxis aufgebaut hat: http://www.best-practice-business.de/blog/akquise-vertrieb/2014/01/02/berliner-zahnarztpraxis-macht-aus-dem-wartezimmer-eine-buchhandlung/

    Unter http://www.best-practice-business.de/blog/neue-produkte/2012/11/27/uberlebensstrategien-von-buchhandlungen/ habe ich weitere Überlebensstrategien für Buchhandlungen aufgelistet. Guter Service, Kooperationen, Kombination mehrer Geschäftsideen, Crowdfunding sind nur einige Überlebensideen.

    • Danke Burkhard, schau mir das noch mal in Ruhe an. Klingt schon mal inspirierend, wenn auch ich zu den Wehleidigen gehöre, die beim Zahnarzt wohl kaum mit Büchern liebäugeln ;-).

  5. Ich bin 57 Jahre alt und Leseratte. Noch nie hat ein Buchhändler sich für mich interessiert. Noch nie nach meiner E-Mail-Adresse gefragt, um mich informieren zu können. Noch nie nach meiner Telefonnummer, um mich anzurufen, wenn das Buch da ist. Noch nie, warum ich gerade dieses Buch kaufen will, warum mir der Autor gefällt. Was mir überhaupt gefällt.
    Viele Apotheken liefern seit Jahren Medikamente aus. Der Buchhändler in Hamburg-Volksdorf sieht das und tut – nichts.
    Ich bestelle neuerdings beim Buchhändler rund 200 Meter von meinem Büro, weil ich bei Amazon aus verschiedenen Gründen weniger bestellen will. Gerne gehe ich da nicht hin. Der Mann ist brummig, freundlich jedenfalls nicht. Und er interessiert sich natürlich auch nicht für mich. Für den Erhalt seines Ladens in der Langen Reihe in St. Georg gab es eine regelrechte Bürgerbewegung. Da gings wohl eher ums Prinzip.
    Bei aller Aufregung um Amazon vergessen wir im übrigen das Wüten von Amazon gegen etablierte, gut laufende Buchhandlungen in den letzten 20 Jahren.
    Das niederschmetterndste Kauferlebnis war in Dresden. Ich hatte Zeit und sah im Schaufenster die Werke von Joseph Roth. Gehe rein, suche erst selbst die Stapel im Inneren unten, laufe die Treppe hoch, finde auch dort nichts und gehe wieder runter. Warte geduldig, bis die drei Personen sich gründlich und erschöpfend über die Bedienung der Kasse ausgetauscht haben und trage dann mein Begehr vor. Eine Schublade am Boden wird geöffnet, der von mir gewünschte Titel ist nicht vorrätig. Das Buch aus dem Schaufenster wird mir natürlich nicht angeboten. Ich hätte es genommen, ich wollte es lesen und nicht ausstellen.

  6. Danke für den grundsätzlich sehr guten Artikel. Ich habe dazu einige Anmerkungen:
    Monopolisierung, die nicht nur im Internet gang und gäbe ist, führt langfristig zur Ausdünnung der Infrastruktur vor allem der vielen Klein- und Mittelstädte.
    Im ländlichen Raum ist das Thema schon lange durch.
    Monopolisierung führt zu überzogenen Forderungen an die Lieferanten , die Kultur im Umgang mit Mitarbeitern war auch schon oft genug Thema.
    Und der örtliche Handel kann dem oft nicht viel entgegensetzen, da er von den Lieferanten benachteiligt wird. Der kleinere Abnehmer bekommt die fehlenden Beträge, die der Monopolist ihm abpresst, draufgeschlagen.
    Dazu kommt noch die verzögerte Belieferung an den kleinen Abnehmer.
    Aktuelles Beispiel aus der Praxis: die neue Pink Floyd – CD schon lange im Buchladen um die Ecke vorbestellt ist bis jetzt dort nicht lieferbar, aber bei Amazon sofort und wohl in ausreichender Menge ab Lager verfügbar.
    Offenbar fordert auch hier der Monopolist eine bevorzugte Erstbelieferung.
    Es dauert nicht mehr lange, praktische Beispiele gibt es schon, und es können die Auswirkungen in den Städten vielerorts „bewundert“ werden.
    Und die Entwicklung wird auch an Bevölkerungsschichten nicht spurlos vorbeigehen, die sich heute noch über die Leistungsfähigkeit solcher Monopolisten freuen. Aber auch fette Sessel in Ämtern oder ähnlichen Einrichtungen werden im Zuge dieser Entwicklungen ins Wanken kommen. Wo sollen denn die Gewerbesteuereinnahmen etc. herkommen ? Wer soll in den Städten die Häuser in Schuß halten ? Und wozu auch ? Abreißen wäre dann noch eine Lösung – schafft dann auch Arbeitsplätze ;-)
    In den Konzernen wird mit finanziellen Mitteln gearbeitet, die der Vor-Ort-Handel nicht ansatzweise besitzt, und es wird über Jahre nicht mal Gewinn gemacht bei vielen solcher Firmen. Die kleinen Unternehmen müssen ihre Familien davon durchbringen und ihre Mitarbeiter entlohnen – das geht nicht ohne Gewinne. Spart man für eine Investition, bekommt man sie vom Staat weggesteuert oder von Teuerungen aufgefressen. Die kalte Progression schlägt auch beim kleineren Vor-Ort-Handel voll zu und der Staat freut sich (noch).
    Wettbewerb ist was Gutes und normalerweise dient er dem Fortschritt, aber dieser Wettbewerb ist nicht mehr fair.
    siehe mal hier nach Gera:

    Money in Nowhereland – with english subtitle
    Viel „Spaß“ beim Anschauen und Nachdenken
    Ihr Frank Martin

    • Herzlichen Dank Frank Martin für den Beitrag und auch den Hinweis auf das berührende Video. Habe es gleich mal mit dem Kommentar „Händlerleidenschaft in Gera. Abgesang oder doch noch eine Zukunft?“ getwittert.

      Sie haben vollkommen Recht mit Ihrer Einschätzung. Wie ich ja schrieb, ist der Drang zur Monopolisierung allen Märkten inhärent. Auch vor dem Internet gab es das im Film beschriebene Phänomen. Damals waren es die Großmärkte, die die Menschen zunehmend in die Aussenbezirke lockten und die verdrängenden Filialisten, die heute jede Einkaufszone in deutschen Städten ab 100.000 Einwohner gleich aussehen lässt. Das Netz und der damit verbunden eCommerce ist nun die nächste Stufe, die aber deutlich schneller genommen wird.

      Bitte nicht missverstehen: ich beschreibe es ganz nüchtern, auch wenn ich mir emotional wünsche, dass die lokale Infrastruktur lebendig bliebe und dort Menschen ihr Auskommen erwirtschaften können. Doch das werden nicht die Händler sein, die den Erhalt des Status quo wünschen und mit Appellen hoffen, das Konsumentenverhalten wieder zurückdrehen zu können. Sie müssen mit neuen Ideen und Geschäftsmodellen in die Innenstädte gehen. Niemand kann voraussehen, wie die Innenstädte in 10 bis 20 Jahren genutzt werden bis auf eins: sicher nicht mehr so wie früher oder heute.

      Dass Städte und Kommune ebenfalls ihren Anteil an der wachsenden Leblosigkeit in den Innenstädten haben, steht auch für mich ausser Frage. Und auch der Staat, wie beschrieben, könnte steuerlich förderlicher für den kleinen Handel sein.

      Die sehr sympathischen Porträts im Film decken sich nicht mit dem allgemeinen Händlerbild, dass die meisten Menschen im Kopf haben. Die letzten Jahrzehnte hat sich der Handel immer weiter selbst optimiert. Und das gipfelt für mich derzeit im Discountbäcker. Zudem – und das halte ich für ein ganz entscheidendes Kriterium – ist das Gesamtbild des stationären Handels nicht von wachsendem zwischenmenschlichen Vertrauen geprägt. Der stationäre Handel hat seine Kunden über Jahre zu Preisentscheidern erzogen. Alles, was Vertrauen hätte schaffen können, hat er weggespart: Präsenz und Kompetenz von Mitarbeiter, Kulanz, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, Service, Loyalitätsangebote etc. Das mag im Einzelfall nicht so sein, doch das Branchenimage trifft nun mal alle. (Auch einzelnen gute Banker können das Image der Finanzbranche nicht verbessern.)

      Ich bin überzeugt, dass man im stationären Handel viel radikaler seine Geschäftsmodelle und Angebote überdenken und ausprobieren muss. Einfaches Beispiel sind Ladenöffnungszeiten. Wer braucht denn dringend einen geöffneten Laden am Vormittag? Warum nicht am Wochenende fast rund um die Uhr aufmachen? Samstags Abend auch mit ein paar Läden und der Gastronomie gemeinsame Events machen. „Schau Dir das Rad mal in Ruhe an, ich hol uns mal zwei Bier“ könnte der Fahrradhändler dann sagen. Sonntags kann man Frühschoppen oder Brunchen und dabei mal jede Menge Fotos mit der möglichen neuen Kamera knipsen. Die Bilder gibt es dann gleich auf einer CD mit, auch wenn die Kamera noch Bedenkzeit braucht. Und im Spielwarengeschäft machen sie Brettspiel-Tuniere, die auch mal durch die ganz Nacht gehen können. Vielleicht macht man bald jedes Wochenende ein Innenstadt-Spektakel und lasst dafür die Läden unter der Woche bis 12.00h zu.

      Sie denken vielleicht jetzt, ja lustig, aber nur Spinnerei. Genau. Darum geht es. Nur Spinner werden im stationären Handel etwas erfolgreich Neues für die Zukunft finden, was gegen die aktuelle eCommerce und Grosshandelsmacht bestand haben kann. Jeff Bezos war vor 20 Jahren auch so ein Spinner, den alle belächelt haben, als er anfing Bücher rund um die Uhr vom Kunden selbst elektronisch bestellen zu lassen.

    • Vielen Dank für das Feedback zu meinem Kommentar !
      Vieles ist richtig, es werden auch viele Einzelhändler (wie schon immer) neues ausprobieren und auch Ideen haben. Trotzdem wird es blutig !
      Und erst wenn alles am Boden ist, wird sich vielleicht wieder hie und da eine interessante Oase entwickeln. Diese wird aber nicht die Kraft haben, die ganze Wüste zu begrünen.
      Vielleicht kommt uns ja auch eine riesige Weltwirtschaftskrise zuvor und macht nicht nur die Kleinen platt. Die „Chance“ besteht, daß die riesige Blase platzt und die vielen verwöhnten und degenerierten Bewohner der westlichen Welt ganz brutal auf den harten Boden zurückholt.

      Aber zu paar Inhalten des Kommentars:
      Vormittag schließen :-)
      In meinem Unternehmen ist der Vormittag noch wichtiger als der Nachmittag, wo manchmal gar nichts mehr los ist – in der ganzen Kleinstadt.
      Aktionen kann man machen, sie arten aber zu oft in Aktionismus aus.
      Ich habe nix dagegen, mal z.Bsp. einen Lichtlabend zu machen.
      Oder ich mache jetzt eine Weihnachtsmarktsaktion aktiv mit. Habe dazu auch eigene Ideen mit einbringen können. Abgesehen davon betreiben wir auf einem anderen Weihnachtsmarkt eine Bude mit einem guten Kerzensortimenrt – seit vielen Jahren. Das kostet schon alles mächtig Zeit, viel Vorbereitung , für einen schmalen Gewinn.

      Wochenende offen:
      alles schon probiert. Das ist jetzt nur meine Momentaufnahme speziell hier vor Ort, aber ich habe auch von vielen anderen Kollegen und Branchen erfahren, daß es vielerorts nicht funktioniert.
      Bei mir ist Sa. ab 12 Schluß. Es kommt dann aber auch keiner mehr (als länger öffnen versucht und propagiert wurde) , aber nicht selten habe ich am Nachmittag noch Termine im Fotostudio. Da kann ich einen offenen Laden nicht noch zusätzlich brauchen. Welches Personal soll ich dazu zusätzlich noch reinstellen, wer soll es bezahlen, unter der Woche brauche ich mein Personal dringender.

      Sonntag offen:
      „am siebenten Tag sollst Du ruhen“ so oder ähnlich steht es in der Bibel
      Gegen diesen Sonntagseinkaufswahn hab ich generell was, nicht nur aus religiösen Gründen. Irgendwann muss auch mal „runtergefahren“ werden. Natürlich gibt es Berufe (teilweise auch meiner als Fotograf) wo Sonntags gearbeitet werden muss. Aber der Konsumterror der heute vom Stapel gelassen wird, sollte auch mal eine Pause einlegen. Im Sinne der Familien, die mal gemeinsam mit der Mutti (Frauen sind ja viel im Handel tätig) in die Natur gehen sollten, mal eine Gaststätte besuchen (der Wirt will auch leben) oder ein Museum, vielleicht auch am vormittag in die Kirche gehen oder was anderes für die Seele tun.
      Natürlich bin ich da nicht so radikal, als daß man das nicht mal machen kann – machen wir auch 2-3x im Jahr , aber brachte hier meist nicht viel. Retten wird es die Situation nicht.
      Wenn Branchen wegbrechen, neben Dir Geschäfte schließen, wieder mal eine riesige Baustelle in der Stadt ist oder in jeder Richtung Straßenbaustellen sind, da hat man keinen Einfluß drauf und das wirft das kleine Geschäft zurück oder zerstört die Existenz.

      Ich habe jetzt bewußt mich nur zu kleineren, regionalen Geschäften geäußert. Filialisten interessieren mich nicht, die können auch gern wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind … Auch die können pleite gehen wie Schlecker.

      Soviel wollte ich eigentlich jetzt gar nicht dazu schreiben. Habe ja noch etwas zu tun und auf einen Geburtstag will ich auch schnell noch.

      Es gäbe da noch viel dazu zu philosophieren oder zu berichten. z.Bsp. Beratungsklau im Vor-Ort-Handel und dann Kauf im I-Net, bloß weil marginal billiger etc.

  7. Ich habe Herrn Riethmüller zum ersten Mal in einem 45-min. Podcast mit Zoé Beck und Günther Wallraff gehört. Seine Feinbildargumentation und dieses elende schwarz-weiß-Denken hat mich zutiefst entsetzt. Mit dieser Haltung kann kein Wandel eingeleitet werden.

    Es gibt zahlreiche Buchhändler, die erfolgreich auf dem Markt bestehen. Manche sogar seit über 80 Jahren als familiengeführte Unternehmen. Sie bestechen durch Kundenfreundlichkeit, Engagement (Lesungen, Veranstaltungen, Kooperationen z.B. mit Bücherhallen …), Ideenreichtum (vom exquisiten Geschenkpapier bis zu Bücherpartys) und anderen gut durchdachten Konzepten.

    Mit Blick auf die enormen Wachstumsraten im e-commerce wird JEDER erkennen, dass sich das Kaufverhalten des Verbrauchers geändert hat und hier ein enormer Wandel stattfindet, der nicht nur den Buchhandel betrifft. Die Post wird sich freuen, der stationäre Handel weniger.
    http://www.presseportal.de/pm/107460/2692343/studie-umsatz-im-online-handel-steigt-2014-erstmals-auf-ueber-40-milliarden-euro

    Amazon funktioniert. Schnell, gut und vor allem zu jeder Zeit. Ich finde es großartig abends im Bett zu liegen, online nach Büchern zu stöbern und die ersten Zeilen oder gar Seiten eines Buches zu lesen. Diese Ruhe, einfach herrlich! Vielleicht kann ich auch bald bei den neuen engagierten ebook-Verlagen in Texten neuer Autoren vorab blättern. Ich freue mich schon, denn ich fürchte mich ein wenig vor großen amerikanischen Konzernen und mag kleine, alternative Läden – vor allem auch neue Texte unbekannterer Autoren, die die großen Verlage schon lange nicht mehr bringen.

    Danke für Deinen großartigen Artikel!

  8. Mein Bucherhãndler speichert nicht ab was ich lese. Ich kann anonym einkaufen, macht in Zeiten, wie diesen Sinn.
    Welche von den Rezensionen sind gefakt, siehe aktuellen Heise Artikel über PR Agenturen die Meinung mit Fake Accounts im grossen Stil machen.
    Amazon hat angeblich Verlag gemacht und bunkert in Irland den Milliarden Gewinn, Steuertricks.
    Das ist kein fairer Kampf und ich kauf online dort nicht mehr, ich mag die Läden und die Arbeitsplätze, aber jeder darf für sich entscheiden.

    • Danke für den Kommentar. Ich denke, ich habe kein Plädoyer für Amazon formuliert, sondern versucht deutlich zu machen, dass das Feindbild Amazon keine erfolgsversprechende Haltung des stationären Handels ist. Wenn die Pizzeria an der Ecke sich nicht mehr trägt, dann ist dafür nicht http://www.lieferando.de verantwortlich. Und wenn heute Abend die Hälfte aller Theaterplätze leer bleiben liegt das nicht an „Wetten, dass“ im TV.

      Mir liegt sehr viel daran, ein Geschäftsmodell für die Zukunft zu finden, dass erfolgreich Literatur verkauft. Wichtig wird dabei sein, dass sehr viele, die Literatur „produzieren“ davon auch leben können. Und ob das gelingt, entscheidet sich nicht im Kampf zwischen Handel und Amazon.

    • Amazon ist ein Zeitgeist, die kommen und gehen, wie auch das Buch mõglicherweise.
      Aber ich als Kunde hab mich für die Läden entschieden, als ehemaliger Premium Amzone Kunde.
      Feinbild ist Amazone nicht, aber ich bin halt ein ganzheitlich Denkender, Media Markt würde es plakativer sagen “ ich bin doch nicht blöd“.

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