Im Schnitt besitzen wir 10.000 Gegenstände.

Niko_paechVor einem Jahr bekam ich von meinem Bruder Niko Paechs Buch „Befreiung vom Überfluss“ geschenkt, Untertitel „Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“. Kurz zuvor hatte ich ein Portrait des Autors in irgendeiner ARD Sendung kurz vor Mitternacht gesehen. Und schon da befürchtete ich, dass er mit seinen Thesen den perfekten Marketingknopf gedrückt hat – wobei ich ihm nicht mal Kalkül unterstelle, sondern den Medien.

Ich las das Buch und schwankte damals, ob ich es überhaupt rezensieren soll. Denn letztlich sind seine Thesen derart schrullig, dass man sie nicht mal in einer radikal ökologischen Partei wie der ÖkoLinX (echt coole website) mit der alleinigen Parteivorsitzenden Jutta (von) Ditfurth (ja, sie agi(ti)ert noch immer) aufgreifen würde.

Doch dann entschied ich mich für eine Rezension in Briefform, in der stillen Hoffnung, den Autor oder zumindest seine Evangelisten zu einem Dialog zu bewegen. Das war natürlich naiv, da er (und die anderen wohl auch) fast gar nicht am virtuellen Teil des Lebens teilnehmen.

Doch nachdem ich bei einem Blick auf amazon feststelle, dass dieses Buch noch immer Nr. 2 in Bücher, Business & Karriere, Wirtschaft, Wachstum ist, entschied ich mich, noch mal meinen Brief zum Buch offen zu machen:

Lieber Niko Paech,

ich habe Ihr Buch von der Befreiung des Überflusses gelesen und falle gleich mit meiner Frage ins Haus: meinen Sie das alles wirklich ernst? Sicher gibt es vereinzelte Menschen wie Sie, die sich konsequent in Enthaltsamkeit üben werden. Denen sei dieses Buch als stärkender Wegbegleiter gegönnt. Denn der Weg, den sie gehen werden, wird ein sehr einsamer sein. Irgendwo aber findet sich dann sicher ein abgelegenes Örtchen – wohl in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen -, wo sich Gleichgesinnte zusammenfinden, um eine Idylle zu schaffen, wo sie dann hoffentlich unbehelligt von unserer demokratischen Konsenspolitik ihr postökonomisches Dasein glückselig geniessen dürfen.

Doch genug der Polemik. Ich habe Ihr Buch gerne gelesen. Es ist gut, wenn auch nicht einfach zu lesen. Mit vielen vermittelten Einsichten stimme ich überein, die Schlussfolgerungen sind fast zwingend und die daraus folgenden Forderungen konsequent. Doch allesamt nicht mal bei einer signifikanten Minderheit durchsetzbar. Ihre eigenen Zweifel leuchten durchweg durch jede Zeile und ich frage mich, was bezweckt er nun mit diesen Thesen? Wenn es letztlich das Kalkül ist, dass man am Ende davon nur 10% durchsetzen kann und damit sein Ziel erreicht, ist es gelungen. Alles darüber hinaus liesse mich an Ihrer soziologischen Kompetenz zweifeln.

Überzeugend finde ich den Verweis darauf, dass es einen ökologischen Imperativ nach Kant geben sollte: nutze nur soviel Ressourcen wie du jedem Menschen auf der Welt und den Menschen zukünftiger Generationen zugestehen bzw. zusichern kannst. Das ist philosophisch gut, aber ebenso weltfern wie es Kants kategorische Imperativ bis heute noch ist.

Auch die konkrete Forderung pro Person nicht mehr als 2,7 t CO2 p.a. zu verbreiten (11 t sind es aktuell in Deutschland), ist schon mal ein Nachdenken wert – auch wenn die Erfüllung nicht ausreichend ist, um alle Ressourcen zu schon.

Dankbar bin ich für solche nachdenklich stimmenden Hinweise, dass z.B. im Durchschnitt jeder Bundesbürger über 10.000 Gegenstände besitzt. (Wenn ich allein an die Anzahl unsere Bücher im Drei-Personen-Haushalt denke, sind wir wohl klar überdurchschnittlich) Oder das wohl jeder Westeuropäer ca. 50% Umweltverschmutzung im Ausland betreibt.

Hanebüchen dagegen finde ich u.a. Ihre Forderung nach einer Bodenreform, euphemistischer Ausdruck zur Enteignung der Grundbesitzer. Ähnlich geht es mir mit Ihrer gewünschten Bildungsreform, die dazu beitragen soll, die Jugend wieder sesshaft zu machen und ihr Glück nicht in der Ferne zu suchen.

Da ich mich in den Siebzigern intensiv und mitgerissen mit den Thesen des Club of Rome beschäftigte und nüchtern heute erkennen muss, dass nichts davon nur annähernd eingetreten ist, erachte ich auch das von Ihnen apokalyptische Szenario für realitätsfern. Dennoch erkennen ich die Notwendigkeit an, dass wir Menschen anders haushalten müssen.

Ich für meinen Teil habe eine wesentliche Konsequenz vor Jahren gezogen – und nicht nur aus ökologischen Gründen: das einzig was hilft, ist Einkommensverzicht. Alles andere regelt sich dann von selbst. Doch zu meiner Lebensentscheidung würde ich niemals andere bekehren wollen – zu schwer und riskant ist sie.

SPIEGEL_TITEL_UEBERFLUSSSind Sie eigentlich schon zu Ihrem Dekan gegangen und haben um eine Gehaltserniedrigung gebeten und auf Ihre Pensionsansprüche verzichtet? Und warum kostet das Buch noch immer € 15,– und ist das eBook nicht umsonst. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern ernst. Denn alles, was Sie verdienen und an Umsatz erzeugen, treibt das Wachstum. Denn es ist Geld, was in den Kreislauf gerät und wiederum investiert wird. Ich denke, mit Ihnen und vielen Ihrer Evangelisten wird im Moment schon einiges an Geld verdient. Denn Sie liegen einfach voll im Trend. Geben Sie mal Niko P in Google ein. Da sind Sie der erste Ergänzungsvorschlag.

Abschliessend noch: Wie sie so schön schreiben: „Die Ratgeberliteratur boomt – aber die Ratlosigkeit noch mehr.“ Und mit dieser Ratlosigkeit entlässt mich Ihr Buch. Denn alle Lebenserfahrung sagt uns, dass Ihre vorgeschlagene Verzichtserklärung nicht mehrheitsfähig ist. Und damit Blicke ich mehr denn je fatalistisch in die Zukunft meines siebenjährigen Sohnes.

Ich würde mich freuen, wenn Sie zumindest meinen Sohn überzeugen könnten. Was würden Sie ihm denn raten, ausser dass er seine Eltern auffordert: Lass uns in eine 3 Zimmer-Wohnung ziehen, Klavier, Chor und Fussball beenden, Auto abschaffen und bitte, bitte nicht mehr soviel reisen. Wozu muss ich denn zu unseren Freunden und Verwandten in USA, China und Vietnam?

Mit herzlichem Gruß

Thomas Brasch

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2 Gedanken zu “Im Schnitt besitzen wir 10.000 Gegenstände.

    • Meine Erinnerungen sind heute nur noch sehr vage. Jedoch bezieht sich meine Bemerkung auf die Ressourcen- und Umweltprognosen. Dabei wurde damals nicht mal das enorme Wachstum der Asienregion unterstellt. Letztlich hätte (ungebremst) heute alles kollabieren müssen. Davon sind wir weit entfernt.

      Interessant waren die Diskussionen schon damals. Denn wir stellten uns alle auf zukünftigen Verzicht ein. War ja einfach, da man ja schon genug Wohlstand hatte. Verzicht setzt nun mal voraus, dass man es schon mal hatte oder hätte haben können. 1 Mrd. Chinesen hatten damals aber nichts. Und es wurde uns schnell klar, dass man ihnen nicht erklären kann: „Leute, Auto, Fernseher & Co. haben wir ausprobiert. Ist nur Müll. Lasst das also bleiben.“

      Ebenso wenig konstruktiv ist die Haltung von Niko Paech. Sie ist keine Antwort auf die anstehenden Herausforderungen. Wenn Sie Kinder zuhause haben, werden die Ihnen was pfeifen, wenn Sie ihnen den Lebensvorschlag machen, ein Handwerk zu lernen und vor Ort eine Reparaturwerkstatt zu betreiben. Denn Sie hätten schon die Welt mal angeschaut und alles ausprobiert, das lohne sich nicht.

      Letztlich sollten wir uns endlich von der Vorstellung lösen, die auserwählte Generation zu sein, die den Zenit allen technologischen und kulturellen Schaffens erreicht hat. Es werden noch viele hunderte Generationen nachfolgen, die sich noch viel lebenswerterer Gesellschaften schaffen werden – so wie wir – zumindest in Mitteleuropa – heute unsere angenehmen Lebensumstände den Leistungen und dem mehrheitlichen Optimismus vieler hunderter vorangegangener Generationen verdanken.

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