Auf den Hund gekommen

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Das ist hohe Kunst. Von einem Hundeleben nicht larmoyant, aber auch nicht lieblich verklärend zu erzählen, dabei dennoch viele der kleinen Dramen und Tragödien einzuweben, die uns – Tier und Mensch – im Leben ereilen, das gelingt nur wenigen. Sun-Mi Hwang steht mit ihrem zweiten auf Deutsch erschienen Buch „Der Hund, der zu träumen wagte“ wieder ganz oben auf meiner Liste zu empfehlender, fernöstlicher Literatur.

Doch wie in ihrem ersten Buch vom „Huhn, das vom Fliegen träumte“, das seit Jahren ein Bestseller im Heimatland der koreanischen Autorin ist, ist das Fernöstliche nicht offenkundig. Vielmehr ist der unprätentiöse Erzählton und das Sujet kulturell zunächst nicht zu lokalisieren. Fernöstlich mag letztlich die allegorische Vermittlung sein, wie diese ungewohnte Fabelform zu Lebensweisheiten hinführen möchte. Während wir Fabeln meist als belehrende Moralpädagogik kennengelernt haben, sind diese Geschichten vom Huhn und diesmal von der Hündin „Zotti“ eher dem Wunsch nach Mitgefühl und Empathie gewidmet.

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So einer (Kooiker) springt wohl ab nächstem Jahr bei uns herum. Das Buch war da schon mal eine Annäherung.

Mit Zotti begegnen wir einer Hündin, der von klein auf wenig Sympathien entgegengebracht werden. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Geschwister betrachten sie als aus der Art gefallen, was sich zunächst an ihrem Äußerem, dem langen Fell, festmacht und in weiterem auch verstärkt wird durch ihr sich zunehmend zurückziehendes Verhalten. Auch ihre Hundebesitzer, ein alter, oft griesgrämiger Trödelhändler und seine Frau, für die Haustiere zuvorderst Nutztiere sind, lassen sich von der „Exotik“ nicht sonderlich rühren. Sowohl der Geldmangel als aber auch die Tatsache, dass ein Wurf neugeborener Hunde nun mal nicht gesamt auf dem Hof des alten Paares verbleiben kann, führt dazu, dass die jungen Hunde sukzessiv verkauft werden sollen. Diese Trennungen sind zwar für die Hunde schmerzhaft, doch letztlich die einzige Möglichkeit, dass sie überleben.

Erstmals dramatisch wird es, als jemand die Hunde rauben will und es Zotti aufgrund besonderer Vorsicht und heftiger Gegenwehr gelingt, als einzige dem Schicksal zu entgehen. Auch wenn ihr Herrchen zunächst nicht gänzlich erkennen kann, wie heldenhaft sich die junge Hündin verhalten hat, so weicht die bislang fehlende Sympathie wachsendem Respekt.

Nach dem Raub durchstreift Zotti auf eigene Faust die Umgebung, in der Hoffnung ihre Familie ausfindig zu machen. Dabei begegnet sie jedoch nur einigen anderen, mal mehr, mal weniger freundlich gesinnten Artgenossen und wird irgendwann selbst trächtig. Sie nimmt daraufhin auf dem Hof den Platz ihrer Mutter ein und es folgen weitere kleine Dramen bei Mensch und Tier, wie dieses:

„Zotti fuhr wieder und wieder mit der Zunge über das schwarze Fell des Welpen.

„Hör auf, Zotti. Er ist tot.“ Großvater Grießgram schob den winzigen Welpen, der schon kalt war, beiseite.

Zotti setzte sich auf. Sie war am Boden zerstört. Es war der Kleinste und Schwächste aus dem Wurf gewesen. Sein Leben hatte nur zwei Tage gedauert.

„Er sieht genauso aus wie du“, sagte der Großvater mitfühlend. „Es tut mir leid, dass er so früh sterben musste,““

und setzt sich dann wieder glücklicher fort bis es zu einem zwar tröstlichen, jedoch auch melancholischem Ende kommt.

Die Geschichte – auf knapp 180 Seiten erzählt und von Nomoco sehr feinfühlig illustriert sowie von Simone Jakob aus dem Englischen in einem überzeugten Ton übersetzt – rührt an ohne rührselig zu sein, lenkt den Blick auf die kleinen Schicksale, die es im Leben immer wieder zu meistern gilt und vermittelt Einsichten, ohne belehren zu wollen. Es ist Literatur, die ihre Größe aus der Bescheidenheit ihrer Intention schöpft. Das Buch gefällt nicht nur mir, sondern auch Herzpotenzial, Fraencis Daencis und book-up-your-life.

Doch leider findet die Autorin bislang keine Beachtung in den Feuilletons. Mir ist das ein Rätsel.

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