Männerphantasien: Das Märchen von der willfährigen Gräfin.

IMG_9518Paul Theroux liebt das Reisen und davon kann man ja bekanntlich viel erzählen. Das machte er jahrzehntelang so erfolgreich, dass er jetzt als distinguierter, älterer Herr von über 60 Jahren weltbekannt ist und eigentlich niemandem mehr seine literarischen Künste beweisen müsste. Doch irgendwann dachte er wohl an all die Leser, die sich für Reiseliteratur wenig erwärmen, und ersann eine Geschichte, die auch Reiseliteratur unlustige Leser heiß auf ihn machen und Lust bereiten könnte. Und auch das ist ihm gelungen.

Mit „Der Fremde im Palazzo d´Oro“ legt uns Hoffmann und Campe ein smaragdgrünes, in Leinen gebundenes Buch in die Hand, dass dem Buchliebhaber ähnlich schmeichelt wie vor kurzem das Buch „Herkunft“ von Botho Strauss. Und die Inspiration des Gestalters dürfte auch hier der zeitliche Kontext gewesen sein, in dem die Geschichte angesiedelt ist: 1962. Die Stofffarbe des Umschlages ist eine Reminiszenz an den vergangenen Schauplatz: Sommerzeit in dem pittoresken Örtchen Taormina auf Sizilien. Die Gestaltung ist für mich ein Glanzstück des Buchdesigns: eine feinsinnige und liebevolle Hommage an den Inhalt.

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Werner Schuch – Blick von Taormina auf den Ätna

Von Beginn an ist es sehr heiß in der Geschichte:

„Vor Jahren, als Taormina noch ein Dorf war, das aufgrund der Hitze von Touristen im Sommer gemieden wurde, zog es mich gerade wegen dieser Hitze an den Ort, wo D.H. Lawrence eines seiner besten Gedichte geschrieben hat.“

Der Erzähler, der uns hier in einem Satz vieldeutig auf seine Lebensbeichte einstimmt, ist als alter Herr an den Ort seiner jugendlichen Erweckung zurückgekehrt. Die Geschichte, die uns Therouxs Alter Ego vorträgt ist so gänzlich unwahr wie perfekt erfunden. Es ist ein märchenhaft erzählter feuchter Traum aus der Jugend. Ebenso faszinierend als auch irritierend wie ein Film von Fellini oder Antonioni, auf die der Erzähler selbstbeschreibend sich bezieht:

„In jedem dieser schwarz-weißen, neorealistischen Filme gab es einen klugen und mittellosen Einzelgänger – den Tramper, den Herumtreiber, die Zufallsbekanntschaft, den Partygast, den niemand kannte –, der irgendwo an der Mittelmeerküste auf gelangweilte reiche Leute stieß, die ihn möglicherweise, nur möglicherweise adoptieren wollten.“

Wenn man sehr böse will, könnte man Paul Theroux unterstellen, dass er angesichts des Erfolges von „Fifty Shades of Grey“ mal zeigen wollte, wie ein Meister des Erzählens so ein Thema stilvoll verpackt. Es finden sich viele schöne Sätze in dem Buch wie diesen, der den jugendlichen Gilford entlarvt, nachdem er einem offenkundig „unmoralischen“ Angebot eines reichen Paares nicht widerstehen mag:

„Ich war nicht skrupellos, sondern hungrig, dachte ich und erlag der Verführung meiner eigenen Lüge.“

Die Geschichte nimmt vom ersten Satz an einen vorhersehbaren Verlauf. Man sollte sie dennoch nicht nacherzählen. Es ist eben ein Märchen, das von der Stimme des Erzählers getragen wird. Und Märchen sind immer besetzt mit Archetypen (naive Helden, Zauberer, Prinzessinnen, Hexen, Feen) so dass wir Lauscher schlimmstes ahnend gebannt darauf warten, wie hart der zur Untugend verführte Held letztlich bestraft wird und ob es dennoch ein glückliches Ende mit ihm nimmt.

Märchen- und Männerphantasien werden von Paul Theroux perfekt bedient – und vielleicht auch die der Leserinnen. Ja, in diesem Sinne darf man die Novelle, die sich etwas großspurig als Roman verkauft, als meisterlich bezeichnen wie es Burkhard Müller in der SZ tat. Sie ist ebenso vorbildlich erzählt wie konstruiert. Aber sie ist mitnichten ein Meisterwerk in der Ausgestaltung komplexer Charaktere. Die Archetypen erweisen sich hier auch als Stereotypen. Der Held abenteuerlustig, jugendlich leichtsinnig, die Gräfin dekadent, herrisch doch auch verführerisch und ihr Begleiter, der Zauberer, mysteriös, diabolisch und ein Meister seiner Kunst.

Letztendlich sollte das Buch jedoch auch einen Warnhinweis beinhalten. Denn es ist auch ein selbstironischer Versuch über das Altern in Würde. Ziemlich schonungslos behandelt Paul Theroux seine Leserklientel 50+. Man sollte schon selbstbewusst zu seinem Alter stehen und mit Gelassenheit auf seine unwiederbringliche Jugend zurückblicken können. Wer sich damals auf ein wie hier fabuliertes Abenteuer tatsächlich mal eingelassen hat und heute wohlwollend darauf zurückblicken kann, wird an der Erzählung sicher eine große Freude haben.

Ein weitere feuilletonistische Hymne gab es in der Frankfurter Rundschau.

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