In Gesellschaft von Spaßverderbern: Juli Zehs „Unterleuten“

Unterleuten-Titel

Im vergangenen Jahr las ich die Essay-Sammlung „Nachts sind das Tiere“ von Juli Zeh und resümierte das unter dem Titel „Kann man mit Juli Zeh Spaß haben?“. Die Resonanz auf mein Vergnügen mit ihren Texten war auffallend heftig zwiegespalten. Es gibt wohl nur wenige Autorinnen, die derart polarisieren. Häufiger Vorwurf gegen sie war, sie würde salbadern, sei selbst eine ewig krittelnde Spaßbremse und fabriziere nur öde Belehrungsliteratur.

Ihre Spaß vermissenden Kritiker wird Juli Zeh mit ihrem neuen Roman sicher nicht umstimmen können, auch wenn der meines Erachtens sehr unterhaltsam, amüsant und zudem auch noch spannend daherkommt. Es ist eine Moritatengeschichte über ein Soziotop, ein Kaff, ca. eine Autostunde von der Hipster-Metropole Berlin entfernt, bewohnt von gottverlassenen (es gibt zwar eine Kirche, aber offenbar keine Kirchenvertreter) Hinterwäldlern, die es nicht mal für nötig befinden, eine Kanalisation in ihrer Idylle der Ursprünglichkeit bauen zu lassen. Das Idyllische und Ursprüngliche zieht denn auch noch ein paar das Landleben verklärende Aussteiger an.

Das Panoptikum an Dorfbewohnern, das Juli Zeh zusammenstellt und aus deren jeweiligen Blickwinkeln sukzessive die Geschichte kapitelweise und chronologisch erzählt wird, entspricht im etwa dem, was ein ARD-Castingteam für eine mögliche Vorabendserie „Die Brandenburger“ zusammenstellen würde. Im Mittelpunkt stehen zwei alte Männer, die seit Generationen die verfeindeten Machtzentren im Dorf bilden. Da ist zum einen Gombrowski, Spross eines Großgrundbesitzers, dessen Besitztum ihm zwar während der DDR-Zeiten enteignet wurde, der jedoch traditionell die Macht im Dorf als Leiter der daraus sich bildenden LPG innebehielt. Sein Widersacher ist Kron, ehemalige Brigadeführer in der LPG, dessen Neid und Wut gegenüber Gombrowski sich mit jeder politischen und aktuell wirtschaftlichen Wende steigert. Denn Gombrowski bleibt auch nach der Wiedervereinigung der bestimmende, Arbeit gebende Mann im Dorf, dem es mit seiner Gefälligkeiten-Philosophie geschickt gelingt, viele Menschen loyal an sich zu binden.

doncamillo

Dieses antagonistische Konstrukt zwei Machtmänner in einem Dorf erinnert mich an die herrlich komischen, italienischen Filmhelden in meiner Kindheit: Don Camillo und Peppone. Doch während dort die Konflikte komödiantisch gelöst werden und der Autor Giovannino Guareschi unterschwellig geschickt seinen Landsleuten vermittelt, dass nicht Ideologien, sondern Humanität am Ende gewinnt, endet hier die Geschichte von „Unterleuten“ tragisch und hoffnungslos. Und da dies letztlich auch eine Moral von der Geschichte ist, könnten die Kritiker von Juli Zeh wieder fehlenden Humor anprangern.

Auch in dem Dorf „Unterleuten“ leben – wie überall – nun mal überwiegend Spaßverderber, oder wie der im Roman öfter zitierte Erfolgsguru Manfred Gortz sagen würde: Killjoys. Ein Interview mit Manfred Gortz, das ich anlässlich seines Bestsellers „Dein Erfolg“ geführt habe, findet man hier. Die Killjoys machen den wenigen Movern in unserer Gesellschaft das Leben verdammt schwer. Unabhängig ob Frau oder Mann, alt oder jung, Wessi oder Ossi, Bauer oder Dozent, die meisten sind Jammerer und Hasenfüße, die das ihnen bekannte Unglück der vagen Chance auf das Glück vorziehen.

Und schlimmer noch: Killjoys verderben anderen auch noch den Spaß, den sie selbst nicht haben. Der Prototyp hierfür ist Gerhard, ein ausgestiegener Soziologie-Dozent, der mit seiner 20 Jahre jüngeren Frau Jule und dem Baby Sophie als Vogelschützer sich in dieser vermeintlichen Idylle niedergelassen hat. Im Gegenteil dazu gibt es die rare Spezies der Mover, die sich nicht von Zweifeln und dialektischen Bedenken bremsen lässt, sondern deren Zugehörige fokussiert ihre Ziele vor Augen haben, vorangehen und überzeugt davon sind als Beweger sowohl ihre und damit auch die Welt im allgemeinen besser zu machen. Den „Mover“ in Unterleuten repräsentiert – neben dem alten Gombrowski – die junge, zugezogene Linda Franzen, die auch ganz beseelt von Manfred Goltz Erfolgsphilosophie ist. Die Mitzwanzigerin hat nur ein Ziel: mit ihrem schon lange gehegten Hengst ein Gestüt in Unterleuten zu begründen. Menschen werden von einem Mover wie ihr nur danach wertgeschätzt wie nützlich bzw. hinderlich sie für das Erreichen ihres Ziels sind. (Wie sich das auf ihren Freund Frederik auswirkt, erfährt man in dem Thread, den er in der Reiterrevue eröffnete „rossfrauen, pferdeverrückt“.)

Diese abgeklärte, junge Generation taucht in Unterleuten auch in Person des Vertreters eines Windkraftanlagenbetreibers namens Pilz auf. Arne, der Bürgermeister von Unterleuten, staunt nur:

„Die jungen Leute von heute besaßen erstaunliche Talente. Zum Beispiel ungeheure Effizienz bei vollständiger Abwesenheit von Humor. Einem wie Pilz ging es nicht mehr ums gute Leben, es ging ihm nicht einmal um Geld. Was diese Generation antrieb, war der unbedingte Wunsch, alles richtig zu machen.“

Dein Erfolg von Manfred Gortz

Dein Erfolg von Manfred Gortz

Juli Zeh erzählt sehr klug und vielschichtig. Man kann den Roman zunächst als gesellschaftliche Analogie lesen. Ob zeitlos oder eher zeitgeistig ist wohl individuell unterschiedlich. Ich las über einen ebenso archaischen wie auch anarchischen Mikrokosmos, der mir die Dynamik veranschaulicht, wie sich in Gesellschaften immer wieder Machtverhältnisse ausbilden, die sich über kurz oder lang in brutalen Konflikten entladen.

Man kann den Roman auch als psychologische Studie aktueller Stereotypen in unsere Gesellschaft lesen. Jede Figur repräsentiert da wohl eine von den im Mainstream sich aktuell herausbildenden Soziotypen. Interessant hierbei ist, dass eigentlich keine Figur so angelegt wurde, dass man sich mit ihr identifizieren mag. Das sollte uns als Leser selbstkritisch werden lassen. Ein Spiel ließe sich unter mitlesenden Freunden veranstalten. Veranschaulichen wir uns – vielleicht nicht schmeichelhaft – unser Fremdbild: jeder soll die Figuren/Rollen im Roman mit seinen Freunden besetzen. Das kann man anonym austauschen und erfährt vielleicht so, welchen Stereotyp man aus Sicht seiner Freunde repräsentiert.

Nicht zuletzt kann man „Unterleuten“ auch als Schauerballade und Abgesang auf die verklärte Landliebe lesen. Die naive Sehnsucht nach der (noch) heilen Welt wird hier herbe ernüchtert von einer, die es bekanntlich wissen muss: Juli Zeh lebt ja seit einige Jahren auf dem Land. Ich denke, sie wird dort aber dennoch auch ihren Spaß haben.

Es ist ein intelligent konstruierter und in klarer, flüssiger Prosa formulierter Gesellschaftsroman mit vielen gleichberechtigten Akteuren, die alle eins vereint: sie entwickeln sich nicht. Alle treten am Ende aus der Geschichte genauso heraus wie sie eingetreten sind. Manche fliehen, manche sterben und andere bleiben. Doch keiner hat etwas dazu gelernt, keiner hat Einsichten erlangt, keiner verändert sich.

Es ist also kein Entwicklungsroman. Das macht es leicht, den Roman zuzuklappen und sich zu denken: Nicht meine Welt. Doch eines sollte man sich danach beantworten können: Bin ich ein Killjoy oder ein Mover? Oder gleich den Ratgeber „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz lesen, mit dem ich ein Interview machte.

Weitere Besprechungen findet ihr u.a. bei deep read, Buch-Haltung, culturmag, die Buchbloggerin, literaturkritik.de, masuko13.

Ein ausführliches Videointerview auf dem Messestand der TAZ gibt es hier.

Auf weitere Besprechungen bitte gerne in einem Kommentar verweisen.

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12 Gedanken zu “In Gesellschaft von Spaßverderbern: Juli Zehs „Unterleuten“

  1. Hallo Thomas, eine schöne Rezension! Den Humor fand ich „Unterleuten“ tatsächlich recht oft, bzw. interpretierte ich viele Szenen mit humoristischem Einschlag. Das Buch gefiel mir im Übrigen besser als „Nullzeit“, meine erste Begegnung mit Juli Zeh. Ihre Essaysammlung werde ich dann mal angehen, schließlich hat sie den Titel ja auch noch einmal in einer Kapitelüberschrift recycelt …

    • Danke, Marius. Nullzeit gefiel mir, aber dort fehlten die Schmunzler von denen es in Unterleuten reichlich gibt. Manchmal fand ich es zwar literarisch etwas unpassend, wie z. B. diese Erläuterung: „Der Bologna-Prozess hatte aus der Universität ein Trainingscamp für Menschen gemacht, die sich bereits seit dem Kindergarten um das Design ihrer Lebensläufe sorgten.“ Das passt in einen Essay, aber weniger in einen Roman. Aber es wäre kleinlich, das zu monieren. Gelungen komisch hingegen fand ich z. B. die Beschreibung, wie die Beziehung von Linda und Frederik begann: „Linda zog bei Frederik ein, und weil es sich anbot, schliefen sie gelegentlich miteinander.“

  2. Nach dieser Besprechung unverzichtbar für mich als Bewohnerin eines kleinen gallischen Dorfes😊 Danke.

  3. Tatsächlich stört mich beim Lesen des Romans die thematische Nähe zu „Vor dem Fest“ von Stanisic. Da lag mir Stanisic sehr viel mehr, vielleicht weil neben all der Tristesse auch Humor und Melancholie dabei war. Ich lese eigentlich sehr gern.

    • Da ich „Vor dem Fest“ nicht gelesen habe, kann ich da jetzt keine Parallelen ziehen. Was ich aber in diesem Zusammenhang interessant finde, dass es deutsche Autoren offenbar vorziehen, Gesellschaftsroman in der Provinz anzusiedeln und nicht in der Großstadt. Auf dieses Phänomen wies vor kurzem ein Feuilletonist hin. Muss mal schauen, dass ich den Artikel wieder finde.

    • Ja, sie verlassen das Dorf. Linda offenbar auch. Aber im Roman lässt sich bei keinem nachvollziehen, dass sie zu einer persönliche verändernden Einsicht gelangt sind. Sie wechseln bzw. fliehen den Ort, mehr erfahre ich nicht.

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