Auch Herr Waltz ist im postfaktischen Zeitalter angekommen

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Vor kurzem tauchte auf Facebook ein verkürztes TV Interview des ORF mit dem Schauspieler Christoph Waltz auf, in dem er zum Ausgang der US-Wahlen befragt wurde. Kern des Statements war, dass man Trump bloß nicht im Nachhinein verharmlosen solle. Dem kann man so weit nur zustimmen und deshalb wurde der einminütige, also netzwerkoptimierte Schnipsel begeistert geteilt.

Auch ich teilte den Spot, jedoch mit folgender kritischer Anmerkung:

Nichts gegen Christoph Waltz. Er ist sicher auch kein Til Schweiger 2. Aber:

Ein deutliches Zeichen für die intellektuelle Notdürftigkeit in unserer Zeit ist, dass wir in diesen Fragen Antworten von Entertainment-Prominenten bevorzugen und nicht von ausgewiesenen Gesellschaftsanalytikern.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Enzensberger, Habermas oder Sloterdijk interviewt wurden, wie sie die Premiere von „Django Unchained“ fanden.

Ich bekam daraufhin viel Zustimmung, wobei ich die „Likes“ aus Erfahrung relativiere, da einige Nutzer die Bemerkungen zu geteilten Inhalten gar nicht lesen, sondern nur auf den Inhalt reagieren. Und ich bekam, wie ich erwartet hatte, auch einige kritische und widersprechende Rückmeldungen.

Der kritische Tenor gipfelte für mich irritierend in einem knappen Kommentar:

„noch haben wir hier Rede- und Meinungsfreiheit ….“

Andere etwas substantiellere Kritik bezog sich darauf, dass ich für Eliten plädiere und diesen klugen Mann diffamiere, in dem ich ihn nicht als Repräsentant eines politischen Bürgers (wie Du und ich) zur Sprache kommen lassen wolle.

Ich habe da auch so ein Gefühl.

Ich erachte Christoph Waltz als klugen Menschen. Und wenn man das gesamte Interview (10 Minuten) sich anschaut, wird mir das bestätigt. Doch es bestätigt auch, was ich als kritische Anmerkung und Gefahr solcher bevorzugter Medienpräsenz für Promi-Statements anmerken wollte: Christoph Waltz bewegt sich bei seinem Urteil über die Hintergründe, die zu diesem Wahlausgang führten und bei der daraus folgenden gesellschaftspolitischen Zeitanalyse auf gefährlichem Terrain: seinem subjektiven Gefühl. Er argumentiert völlig faktenlos bzw. postfaktisch.

Besonders bedenklich ist, dass er sich – da ist er nur exemplarisch für uns alle gesellschaftspolitischen Laien – einer rhetorischen Form bedient, die wir gerne mal so als Totschlagsargumente in hitzigen Diskussionen nutzen. Christoph Waltz stellt zunächst die These auf:

„Er wage zu bezweifeln“, dass „dieser brunzdumme Irrsinn“ ohne diese sogenannten sozialen Netzwerke „so schnell zu verbreiten gewesen wäre“. Im Internet könne „jeder alles sofort, egal auf welcher Basis“ verbreiten. Und natürlich ließen sich da sehr „viel leichter negative Inhalte“ unter die Leute bringen.“

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So zitiert nach wenigen Tagen im „Politmagazin“ Gala. Denn dieses Interview machte, wie ich befürchtet habe und mit meinem Post anmahnen wollte, sehr schnell die Runde, wurde zigfach zitiert und dankbar auch von einigen Boulevardmedien aufgegriffen, da sich ihre Zielgruppen sicher lieber die Welt von ihren verehrten Promis erklären lassen als beispielsweise von einem kompetenten Gesellschaftskritiker wie Alexander Kluge, der zeitgleich ein sehr lesenswertes Interview der Welt gab.

Die These, dass die sozialen Medien eine bedeutende Ursache für den dramatischen Rechtsruck seien, wird derzeit von vielen postfaktisch übernommen. Und im schlimmerem Fall, wie von Christoph Waltz im Interview, mit dem Argument untermauert, da gäbe es ja schon viele Studien zu.

Sorry, ich kenne keine Studie, die mir plausibel veranschaulicht, dass der auch für mich gesellschaftspolitisch bedenkliche Ruck nach rechts Außen das Resultat der interaktiven Medien sei.

Wenn ich über die Entwicklung der sozialen Medien resümiere, dann finde ich einerseits viel Bedenkliches, ja Beängstigendes. So z. B. Cybermobbing, hässliches Anprangern von Einzelpersonen, barrierelose Zugänge zu mieser, frauenverachtender Pornografie und grauenvollen Gewaltfantasien. Und auch zu Seiten und Portalen von radikal-ideologischen Gruppierungen, zu denen man vor den Zeiten des Internets nicht mal schnell um die Ecke hätte gehen können. Doch ob es heute deshalb mehr radikalisierte Menschen am Rande unserer Gesellschaft gibt als in den 70iger Zeiten meiner Jugend, wage ich zu bezweifeln und wünsche mir gerne Fakten.

Ich kenne heute die endlose Litanei von gefährlichen Filterblasen, die sich im Netz bilden würden und die breite Meinungsvielfalt erschwerten, ja gar dafür verantwortlich seien, dass dieser „brunzdumme Irrsinn“ sich so verbreite.

fullsizerenderBlicken wir digitalen Immigrants mal nüchtern zurück, so müssten wir uns eingestehen, dass mediale Filterblasen früher weitaus vorherrschender waren als heute. Denn jede Zeitungswahl, jeder präferierter TV-Kanal oder jedes Buch war getragen davon, welch geistespolitisches Kind man ist. Heute hingegen lese ich TAZ, SZ, Welt, FAZ, Spiegel, Bunte etc. Artikel, weil sie mir in die Timeline meiner Netzwerke gespült werden. Filterblasen sind primär selbst geschaffen und nicht von den sozialen Medien zu verantworten. Einzig Facebook verstärkt wohl durch seinen Algorithmus. Aber Twitter, das offenbar sehr einflussreich bei der US-Wahl war, tut dies nicht. Sprich, natürlich wird viel Meinungsunsinn und viele Falschmeldungen in den Netzen verbreitet, doch ob das so viel wirkungsmächtiger ist als die Masse an kritischen, klugen und korrigierenden Beiträgen, das müssten erst mal Fakten an den Tag bringen.

Nix mehr von „Mehr Transparenz, mehr Macht beim Volke, mehr Demokratie“?

Vor wenigen Jahren haben wir das Netz für das Gegenteil gefeiert: mehr Transparenz, mehr Macht beim Volke, mehr Demokratie. Ganze Diktaturen seien deshalb zusammengebrochen – was mir ebenfalls noch niemand faktisch belegt hat – und in Deutschland feierte man die unendliche Vielfalt an politischer Teilhabe durch das Netz. Und dem ist ja faktisch so. Nie war es einfacher, sich gesellschaftspolitisch fortzubilden, sich öffentlich zu äußern und aktiv zu werden.

fullsizerender-1Die digitalen Netzwerke als Ursache für die politischen Tendenzen auszumachen, erachte ich als Sündenbock-Theorie. Nur dann, wenn es einigen politischen Kräften nicht möglich wäre, diese Medien zu nutzen, wäre diese These vertretbar. Betrachtet man die reale Medienlandschaft, so ist ja – dankbarer Weise – offenkundig, dass die überwiegende Mehrheit der etablierten Medien massiv gegen den Rechtsruck opponiert. Das heißt, dass jeder seriöse Inhalt in den Netzen überwiegend Argumente bietet, die rechtsradikalen Ansichten widersprechen. Und die überwiegende Mehrheit der Nutzer stimmt kräftig mit Likes und Herzchen zu. Bis mich Fakten wiederlegen, stelle ich mal die These auf, dass wenn wir das Netz wie einen Seismografen betrachten, feststellen werden, dass sich im Netz nicht mal die realen gesellschaftspolitischen Verhältnisse widerspiegeln, sondern zugunsten linksliberal verzerrt positive Ausschläge zeigen. Hier läge dann auch ein Grund, warum alle Prognosen der Netzanalytiker zur US-Wahl offenbar daneben lagen.

Wer verbreitet am meisten den rechten Unsinn? Wir.

fullsizerender-2Es gibt aber etwas, dass die etablierten Medien und wir kritischen Bürger hinterfragen sollten. Viele rechtspopulistische und sonstige verachtungswürdige Statements, die in den Netzwerken verbreitet werden, werden überwiegend von uns verbreitet und nicht von den Rechten. Wir greifen begierig empört auf, zitieren selbst und kommentieren süffisant und verbreiten das Grauen in unseren Netzwerken. In 95% der Fälle mögen wir da Empfänger haben, die sich darüber ebenso empören wie wir und es dann auch weiter verbreiten. Das ist ja unser höchster Lohn für unser Engagement, dass unsere Tweets, unser Bild oder Post geteilt werden. Doch 5% finden dann die Statements vielleicht doch mutig oder mal nicht so oberlehrerhaft, wie das, was wir häufig heute verbreiten. Donald Trump hat da meines Erachtens sehr stark von profitiert. Doch noch fehlen mir dazu die Fakten.

Die Rechte in Europa und auch die AfD bei uns haben exzellent begriffen, dass man mit „skandalösen“ Aussagen tausendfach mehr Viralität im Netz und in den Medien erzeugt als mit trockenen politischen Argumenten. Und wenn die FAZ aktuell schreibt:

300000 „Fans“ bei der AfD – CDU und SPD kommen nicht zusammen auf diesen Wert

Täglich verbreitet die Partei dort Beiträge, die mit einer journalistisch anmutenden Schlagzeile daherkommen (zum Beispiel: „Kirche: Muslimischer Bundespräsident denkbar“), und im weiteren Text dann eine politische Bewertung im Sinne der Parteilinie liefert. Die knapp 300000 Fans – CDU und SPD kommen nicht mal zusammen auf diesen Wert – markieren mit „Gefällt mir“, teilen und kommentieren begeistert. Das begeistert auch den Algorithmus. Durch die Weiterverbreitung der treuen Anhänger erreicht ein Facebook-Eintrag der AfD bis zu 5 Millionen Menschen. So kann die Partei mit der Einschaltquote der Tagesschau mithalten.

img_7063muss man einerseits Fragen, ob die Fans alle Fans sind oder vielleicht auch jede Menge Voyeure, die darauf warten, wieder irgendein Statement kritisch zu verbreiten oder anderseits wie es sein kann, dass die beiden Volksparteien zusammen nicht diese Anzahl an Fans haben. Hier liegt sicher auch noch ein Thema brach: wie mobilisieren wir unsere Sympathisanten im Netz. Auf jeden Fall nicht, indem wir die Netzwerke verteufeln und uns schmollend aus ihnen zurückziehen.

Wer das Interview mit Christoph Waltz noch einmal nüchtern und selbstkritisch betrachtet, wird bemerken, wie weit er und die etablierten Medien im postfaktischen Zeitalter angekommen sind – und auch wir. Leider haben wir nicht den Promibonus und die Bühne einer Nachrichtensendung im öffentlich-rechtlichen TV. Um faktenlose Thesen und unbewiesene Behauptungen eines Promis in den Medien zu korrigieren oder zu widerlegen, braucht es dann unendlich viele unbekannte Netzwerker. An die Arbeit.

Ich bin dankbar und offen für Fakten, die meine Ansichten korrigieren. Auch andere Meinungen sind willkommen. Bitte her damit. Besonders von den erfahrenen, kompetenten Netzkennern. Nur bitte etwas substantieller als „noch haben wir hier Rede- und Meinungsfreiheit ….“

Nachtrag: Parallel zu meinen Gedanken veröffentlichte gerade Sascha Lobo seine Kolumne „Wie soziale Medien die Wahlen beeinflussen“. Sicher ein ergänzendes Korrektiv zu meiner Sicht, jedoch eine mir fast bange machende Bestätigung der Faktenlosigkeit und Unwissenheit über den Einfluss. Selbst er tendiert plötzlich, nachdem die Netzwerke nicht ihre gewünscht positive Wirkung in unserem Sinne entfaltet haben, zu einer fast verschwörungstheoretischen Beweisführung, die unter anderem auch den Britischen Geheimdienst und Putin als Manipulatoren benennt. Ist das jetzt euer Ernst, liebe Netzexperten?

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7 Gedanken zu “Auch Herr Waltz ist im postfaktischen Zeitalter angekommen

    • Danke. Der Artikel reiht sich in den aktuellen Grundtenor ein: alle sammeln aktuell Hinweise und Vermutungen über die Verstärkung von negativen – für uns sind es negative, das Netz nimmt diese Bewertung selbst ja nicht vor – Einflüssen auf gesellschaftspolitische Ansichten. Vor zehn Jahren fanden sich fast nur Artikel, die das Gegenteil feierten, z.B. die Wahl von Barack Obama. Und auch da hat man letztlich keine Fakten geliefert, wie wirkungsmächtig die Netzwerke in der Gesamtentwicklung waren. Wenn man das Desaster der Bush-Regierung betrachtet, könnte man auch der Ansicht sein, dass damals wohl jeder demokratische Kandidat auch ohne Twitter & Co. gewonnen hätte. Aber dazu müssten wir mal Fakten haben ;-).

    • Vielleicht ist die Reihenfolge hier ja auch: Phänomene beobachten, daraus Vermutungen ableiten und dann diesen Vermutungen nachgehen. Für jeden Schritt braucht man Zeit, für den letzten im Zweifelsfall am meisten, zumindest, wenn man gut abgesicherte Daten haben will. Ich verstehe die Problematik, auch in Hinblick auf die Gefahr von Panikmache und/oder Relativierung bzw. Selbstbestätigung. Es scheint mir dementsprechend nicht prinzipiell falsch, Phänomene aufzuzeigen und zu interpretieren. Wir haben ja keinen reinen Faktenjournalismus. Allerdings gibt es dann einen notwendigen nächsten Schritt, den der Journalismus aber eher nicht übernehmen kann oder sollte, sondern der dann in die entsprechenden wissenschaftlichen Institute gehört.

    • Hier zwei Artikel, die vorgeben, Fakten zu liefern. In Teilen gelingt das, jedoch bleiben die Analysen immer in der Hälfte stecken. Wenn Fake-Meldungen erfolgreicher geteilt und gelikt werden – was ja noch nicht mal definitiv bestätigt wird, da man ja nicht weiß, wie viele Leute den seriösen Content direkt anschauen – , weiß man noch nicht, wie die Leute die Meldungen rezipieren. Hier in Deutschland amüsieren wir uns über den Postillon & Co., weil es immer wieder Leute gibt, die das nicht als Satire erkennen. Bei den böswilligen Fakes kann es auch sein, dass viele diese nur Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen.

      http://www.sueddeutsche.de/digital/us-wahl-fake-news-sind-auf-facebook-erfolgreicher-als-serioese-nachrichten-1.3254016

      http://www.sueddeutsche.de/digital/mark-zuckerberg-mehr-als-prozent-des-contents-den-leute-auf-facebook-sehen-ist-echt-1.3247625

  1. Stimme zu. Diese Debatte um Populismus und die „Gefährlichkeit“ der sozialen Netzwerke ist außerdem bedenklich, weil sie langfristig den Boden für (mehr) Internet-Zensur bereitet.

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