Im Frühling sterben. Das ist Literatur für die Jugend!

RothmannIm Einzelfall muss ich die Entscheidung eines Autors respektieren, wenn er es müde ist, sich bzw. seine Arbeit vermarkten zu lassen – wie aktuell Ralf Rothmann. Er hat die Frage des Verlages, ob er mit seinem neuen Roman am Wettbewerb um den deutschen Buchpreis teilnehmen möchte, sehr persönlich mit dem Bartleby-Zitat abgelehnt: „Ich möchte lieber nicht.“

Doch es ist schon enervierend, wie häufig Literaturschaffende regelmäßig das Stöhnen, Nölen und Mokieren über den Kommerz getriebenen Wettbewerbszirkus und Marketingrummel kultivieren. Im Falle Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“ bedauere ich es, dass er nicht auf der Auswahlliste des deutschen Buchpreises steht. Und zwar nicht so sehr, weil ich ihn ebenso wie viele Feuilletons und Blogger (siehe unten) für herausragend erachte und somit als Gewinner favorisiere – da können sicher auch andere dabei sein – , sondern weil ich diesem Buch eine besondere Aufmerksamkeit außerhalb der literarischen Öffentlichkeit und insbesondere bei der Jugend wünsche. Denn dass der Preis eine besondere Wirkung erzielt, hat mein Bloggerkollege Tobias Nazemi auf seinem Blog Buchrevier vor kurzem berichtet.

Wer möchte noch einmal 17 sein?

Die im Frühling 1945 einsetzende Geschichte um Walter und seinen Freund Fiete, die beide siebzehnjährig auf einem Hof in Norddeutschland als Melker arbeiten und kurz vor Kriegsende wie viele Jugendliche von der SS zwangsrekrutiert werden, beinhaltet alles, was man sich als zeitlosen Stoff eines Entwicklungsromans bzw. heute gern genannten „Coming of age“-Romans wünscht.

Mit äußerst schicksalhaften Herausforderungen konfrontiert, durchleiden die Hauptfiguren – klassische Helden wider Willens – tragische Konflikte, martialische Überlebenskämpfe und ein Entscheidungs-Dilemma, das den Leser den Atem stocken lässt, ihn zutiefst beklommen macht, selbst seelisch zerreißen wird. Und auch die erste Liebe findet noch Platz in diesem Drama über Leben und Tod, das zwar nicht glücklich endet, dem man jedoch noch Zuversicht entnehmen kann. Zumindest die Leser, die mit der Hoffnung entlassen sind, dass solange diese Geschichte uns erzählt wird und uns bewegt, nicht gänzlich umsonst in ihr gestorben wurde.

Die Identifikationsfigur ist Walter, ein bescheidener, wortkarger, jedoch lebenskluger und in seinen Werten schon sehr standfester Charakter. Er überlebt die Tragödie, die sich zuspitzt im Schicksal seines Freundes Fiete, und die ihn nach wenigen Monaten Kriegsgräueln und SS-Hölle in eine Welt entlässt, in der die Unbeschwertheit der Jugend gänzlich geraubt wurde.

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Hat mich erstmals mit den Gräueln des Krieges damals im Jugendkino konfrontiert.

Das Martyrium des Krieges, das Walter durchleiden muss, ist ein historisch belegtes, kein fiktives. Es ist eins, das man keinen jungen Menschen mehr auferlegt sehen möchte. In diesem Sinne ist der Roman einer von vielen sensibilisierenden Antikriegsromanen. Doch was in der Geschichte noch darüber hinaus weist, macht ihn für mich zu einem zeitlosen Roman, den man sich als „Schullektüre“ wünscht: der stetige Angriff in unserem Leben auf unsere Werte und Tugenden und das nicht immer lösbare Dilemma, sie bis zum Äußersten zu verteidigen. Auch Flucht löst das Dilemma nicht auf, im Gegenteil.

Die Alten im Roman, die das Schicksal der Jugend eigentlich verantworten, und es hätten wissen müssen, was sie ihnen antun – denn sie haben ja oft selbst die grausamen Folgen des Krieges zuvor durchlitten – hatten nichts aus ihrer Geschichte gelernt. Einzig einen zynischen Kommentar bekommt der Heimkehrer Walter von seinem alten Arbeitgeber über Fietes Ende zu hören:

„Schöne Scheiße, das mit dem Lütten, oder? Mensch, der hatte immer nur Flausen im Kopf. Aber was nützt alle Klugheit, wenn man nicht weise ist? Komm, ich hab Kohldampf, lass uns was essen.“

Ich wünschte, dieser fesselnde und sprachlich einnehmende Roman wäre schon in meiner Jugend erschienen und ich hätte ihn gelesen. Ob er die Jugend heute erreicht? Eine Chance wäre vielleicht die Aufmerksamkeit gewesen, die ihm die Teilnahme am Wettbewerb für den deutschen Buchpreis gebracht hätte. Doch es gibt sicher weitere Chancen. Eine davon würde ich gerne ergreifen, jedoch befürchte ich, dass auch sie sich kaum erfüllt:

Ich biete Booktubern, von denen sich einige aufgrund meines Beitrages über Sara Bow & Co. allgemein diskreditiert fühlten, an, einen ihrer sie begeisternden Fantasy-Romane zu lesen und zu besprechen, wenn sie dafür diesen Roman lesen und besprechen. Gerne würde ich überprüfen, ob wir literarisch auf fernen Planeten leben oder doch einen literarischen Konsens darüber finden, was lesenswerte (Jugend)Literatur ist.

Weitere Bloggerbesprechungen:

Birgit auf Sätze&Schätze

Flattersatz hat aus.gelesen

Gérard Otremba auf seinem neuem, sehr schön gewordenem Blog Sounds & Books

Auch Tobias aus dem Buchrevier

Und hier eine kritische, aber durchaus berechtigte Ansicht auf Zeilensprünge. Die hier stilistisch konventionell bemängelte Erzählweise spricht für mich letztlich auch dafür, dass es auch Jugendlichen einfach zugänglich ist. Und die müssen es ja auch nicht gut finden.

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21 Gedanken zu “Im Frühling sterben. Das ist Literatur für die Jugend!

  1. Oooh, coole Idee! Ich hoffe ja, dass sich wer findet, das wäre wirklich lustig. Aber ob die von deinem Aufruf überhaupt was mitkriegen?

    • Da sie ja alle meinen Beitrag über Sara mitbekommen haben, der sich nicht an sie richtete und ich diesen Beitrag hier auch über diverse Kanäle mit dem Hashtag #wirsindbooktube versehen habe, der eine aktuelle Aktion der Booktuber begleitet, sollte dies der Fall sein. Dennoch glaube ich nicht daran, dass ich eine Rückmeldung erhalte. Warum ich das auch nicht erwartet habe, darüber schreibe ich aber erst, wenn noch ein paar Tage ins Land gezogen sind.

  2. [quote]Ob er die Jugend heute erreicht? Eine Chance wäre vielleicht die Aufmerksamkeit gewesen, die ihm die Teilnahme am Wettbewerb für den deutschen Buchpreis gebracht hätte.[/quote]
    Ich habe Deinem Blogpost nicht entnehmen können, warum Du denkst, dass dieses Buch etwas für die Jugend ist. Vermutlich steht bei Dir eine erzieherische Absicht dahinter?
    Aber zu glauben, dass irgend ein Buchpreis die Aufmerksamkeit von Jugendlichen auf ein Buch erhöht, finde ich ziemlich schräg. Lass Gronk darüber berichten, dann hast du sie.
    Ein Buch über 17jährige 1945 in Deutschland – da ist die Zielgruppe arg begrenzt und schon ein Stück von ihrer Jungend entfernt.

    • Ich sag´s mal so: Früher gaben die Väter keine Antworten, auf die Frage: „Papa, wie war das damals im Krieg?“ Heute stellen die Kinder gar nicht mehr die Fragen.

      Das Buch könnte man als Blaupause für einen aktuellen IS-Roman benutzen. Würde dann wohl aber auch kaum ein Jugendlicher lesen. Das Setting 1945 ist kein Hinderungsgrund für einen erfolgreichen Roman. Zeigt ja bestens gerade der Pulitzerpreis-Gewinner Anthony Doerr mit „Alles Licht, das wir nicht sehen.“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/anthony-doerrs-roman-alles-licht-das-wir-nicht-sehen-13631195.html.

      Was sollte ich denn noch schreiben, ausser den deutlichen Hinweis darauf, dass dieser Roman alles hat was ein „Coming out Age“-Roman für die Jugend bieten soll?

      Der deutsche Buchpreis ist der einzige, der Bücher in 100.000der Auflage katapultieren kann. Da fällt sicher auch das ein oder andere Mal das Buch in jugendliche Hände.

    • Meine Kinder fragen eher nach der DDR, aber ein entsprechendes Buch im Unterricht fanden sie »ranzig«. Wir lasen damals »Die Abenteuer des Werner Holt«, und das würde ich ihnen auch heute noch empfehlen. Allerdings würde ich es sicherheitshalber vorher noch einmal lesen. Man weiß ja nie, was Erinnerungen so heimlich anstellen. Aber ich bin wirklich skeptisch, dass sie sich für ein Buch mit solchem Thema erwärmen können. Bau das Setting in eine fiktive Welt und es wird gleich interessanter.

  3. Ich gehöre auch der Booktube-Zunft an, fühlte mich aber ob der nahezu fehlenden Lektüre von Jugend(fantasy)büchern nicht angegriffen. Das hier besprochene Buch steht bereits eine Weile auf meiner Wunschliste und ich erfreue mich an dieser positiven Besprechung. NS-Thematik war mir in der Schule eher ein Graus, im Studium war es mir deutlich lieber. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“ und [neulich erst gelesen:] Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ haben mich nachhaltig sehr beeindruckt.
    Es gibt im Booktubebereich eine handvoll Kanäle, die bewusst eher Klassiker oder ‚erwachsenere‘ Gegenwartsliteratur besprechen. Falls Interesse besteht, empfehle ich einmal die Kanäle ‚handverlesen‘, ‚Literaturlärm‘, ‚BuchGeschichten‘ und meinen eigenen.
    Beste Grüße!

    • Herzlichen Dank, Sophie. Ich habe auch schon einige Booktuber entdeckt, die mir sehr gut gefallen. Werde mir Deine Empfehlungen gerne anschauen. Und selbst auch bei vielen, die nicht die Literatur behandeln, die ich favorisiere, finde ich das Format spannend und gut genutzt. Meine hier angedeutete Kritik bezog sich nur auf einen speziellen Typ von Booktuber, der besonders erfolgreich sein soll, was mich angesichts der Behandlung von Literatur dort enttäuschte.

  4. Ich möchte direkt sagen, dass ich das Buch nicht gelesen habe, sondern mir nur nach diesem Post die ersten Seiten in einer Leseprobe (bei Suhrkamp selbst) durchlas. Thematisch erinnert es mich an Grass „Katz und Maus“, das wir zu Schulzeiten gelesen haben. Der Stil ist aber nüchterner, die Sätze sperriger, was dazu führt, dass die Geschichte recht langsam einsetzt.
    Als Lehrerin, die ich bin, würde ich ein solches Buch in der Schule nicht lesen. Das liegt vor allem an zwei Dingen: Zum einen ist dieses Buch wegen des obengenannten Stils eines für die Oberstufe, kann aber dort kaum Eingang finden, weil es nicht abiturrelevant ist, zum zweiten ist die NS-Zeit als Thema wichtig, aber viel zu sehr im Fokus. Die SchülerInnen haben dieses Thema oftmals über, gerade wenn man in der Oberstufe das x-te Buch dazu liest. (Ein weniger sperriges Buch zur NS-Zeit ist „Das Attentat“, das man als fremdsprachiges Buch in NRW in der Oberstufe lesen kann, und das ich schon mit gutem Erfolg unterrichtet habe. Aber auch hier galt jener 2. Punkt: Für viele Schüler meines Kurses war es das dritte Buch im NS-Kontext.)
    Ich glaube auch nicht, dass „Im Frühling sterben“ ein Buch ist, mit dem man großflächig Lesebegeisterung wecken kann, was meiner Meinung nach eines der zentralen Ziele von Literaturunterricht ist, denn wir wollen 1. dass SchülerInnen verstehen, was sie lesen, und 2. dass sie lesen, und sich 3. auf einer höheren Ebene durch Texte mit Grundfragen der Menschheit beschäftigen. (Zu den Zielen von Literatur im Unterricht habe ich ausführlicher aufbauend auf meinen Erfahrungen als Lehrerin und meinen Nachforschungen als Dozentin für Fachdidaktik Deutsch geschrieben: https://gescheuchteigel.wordpress.com/2015/07/12/sinn-von-literatur/ )
    Für mich ist es ein Buch, von dem Sprachbegeisterte denken, dass man es gelesen haben sollte, das aber für LehrerInnen schwierig zu vermitteln sein wird. Aber ich lasse mich gern von Jugendlichen eines besseren belehren.

    • Herzlichen Dank für diese Einschätzung. Ich vermag nicht zu beurteilen, was heute bei Schülern pädagogisch sinnvoll ist und literarisch zumutbar. Aber ich schliesse mich dem Wunsch an, dass es doch ein paar Jugendliche gibt, die uns da eines besseren belehren.

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