Ja, Gila Lustiger, wir alle befinden uns in fragwürdiger Gesellschaft

IMG_1653Ist das Zufall? In jüngster Zeit überzeugten mich – mit Ausnahme von Houellebecq – ausschließlich Gesellschaftsromane von Autorinnen. Zunächst Karine Tuil mit „Die Gierigen“ , dann Zoë Beck mit „Schwarzblende“ und jetzt auch Gila Lustiger mit „Die Schuld der Anderen“. Zudem gelingt letzteren auch noch die Kunst, ihre Erzählungen in eine überzeugende kriminalistische Rahmenhandlung zu packen. Daran ist ein Großer, Louis Begley, gänzlich gescheitert und auch der neue Martin Suter „Montecristo“ kann da nicht wirklich überzeugen.

Eine weitere Übereinstimmung findet sich in den Werken von Zoë Beck, Gila Lustiger und Martin Suter: die ermittelnde Hauptfigur ist jeweils ein Journalist. Angesichts der immer vehementer werdenden Medienschelte und des attestierten kontinuierlichen Verlust an Glaubwürdigkeit, könnte man vermuten, dass die Autoren einen Beitrag zur Verbesserung der journalistischen Reputation leisten wollten. Doch hat man die Romane gelesen, kann man die Vermutung wieder einpacken. Zwar gelingt es allen Hauptfiguren die miesen Komplotte gänzlich aufzudecken, doch die Konsequenzen daraus überzeugen nur Fatalisten.

Ein Kriminalroman, der die Welt erklärt.“ ist das begeisterte Fazit von Denis Scheck über „Die Schuld der Anderen“. Da möchte ich einstimmen, doch muss ich einschränken, dass nur dem etwas erklärt wird, der kein unverrückbares Weltbild vor sich herträgt.

Gila Lustiger gestaltet ein gesellschaftliches Panorama – nicht nur ein französisches –, das recht nüchtern illustriert, wie unsere bürgerlichen Wohlstandsgesellschaften funktionieren und worauf sie basieren: Wirtschaftseliten sorgen für die existentielle Grundausstattung des Wohlstandes. Nur wer sich sicher in Lohn und Brot weiß wird wählerisch bei der Wahl seiner Weltanschauung. In Zeiten wirtschaftlicher Krisen wird offenbar, was Gesellschaftsutopisten jeglicher politischen Couleur gerne ignorieren: das Fressen kommt vor der Moral. FullSizeRender

Moral und Solidarität ist ein Luxus, den man sich nur dann gönnt, wenn er existentiell nicht belastet. Diese ernüchternde Erkenntnis gewinnt Marc Rappaport, die Hauptfigur in Gila Lustigers Roman, als er an dem Ausgangsort eines lang vergangenen Verbrechens zu recherchieren beginnt: tiefste unattraktive Provinz, deren Wohlstand oftmals mit einem großen Arbeitgeber vor Ort steht oder fällt. Der Ort hier heißt Chartfeuil und ist der Standort eines großen Chemieunternehmens, das seit Jahrzehnten Lebenswege und Schicksale der Einwohner bestimmt. Das beginnt schon in der schulischen Selektion der Kinder, die hier kein Gymnasium zur allgemeinen Hochschulreife angeboten bekommen. „Nein, zukünftige Kulturwissenschaftler, Politologen und Soziologen werden in Charfeuil nicht ausgebildet.“ konstatiert Marc entsprechend.

Ihm selbst stand alles offen. Er wuchs als Kind in Paris in einem liberalen, bürgerlichen Elternhaus auf, verbunden mit dem „Glück“, dass sein Großvater mütterlicherseits ein bekannter Großindustrieller war und ihm eine sorgenfreie materielle Existenz vererbte. Dem Wunsch des Großvaters, ihn auch „geistig“ zu beerben und in das Unternehmen einzusteigen, mag Marc jedoch nicht folgen, aber auf das materielle Erbe verzichten mag er auch nicht. Der Großvater nimmt nicht nur eine besondere Rolle in Marcs Biografie ein, sondern auch im Roman.

Die Figur ist vordergründig der Repräsentant der wirtschaftlichen Machtelite, die ihre eigenwillige Moral hat und daraus eine gewisse Skrupellosigkeit ableitet, wenn es um den Erhalt und Ausbau des Machtgefüges geht. Dennoch wirkt er in den persönlichen Rückblicken Marcs sehr weise und auch sympathisch, ja liebenswert. Somit taugt er weder für Marc noch dem Leser als Feindbild. Man mag ihm die Ehrhaftigkeit einfach nicht absprechen, auch wenn sie primär auf der kaufmännischen fußt. Die Figur des Großvaters veranschaulicht die subtile Art mit der Gila Lustiger ihre Charaktere im Roman angelegt hat. Sie zeichnet keine Stereotypen, auch wenn sie sich ab und zu so verhalten, wie auch der befreundete Kommissar Stefanaggi.

Eine Anregung zur selbstkritischen Reflexion über unsere Vorurteile gibt Gila Lustiger z. B. auch bei Marcs anfänglich abschätzig klingender Beschreibung seiner Mutter. Sie sei eine distinguierte vornehme und tadellose Haltung bewahrende Mutter, Tochter eines französischen Großindustriellen. „Marc … hatte ihre Haltung irritiert, wenn er sich auch hatte eingestehen müssen, dass ihre Erziehung ein Korsett war, das sie nicht nur einengte, sondern auch aufrecht hielt.“

Umso raffinierter Gila Lustiger die Handlung über knapp 500 Seiten webt, desto mehr sollte jeder Leser ins Grübeln kommen. Sie versteht es im konkreten Sinne des Wortes viel Fragwürdiges in unserer Gesellschaft zu literarisieren. Zuweilen gibt sie auch erste Antworten, doch wohltuender Weise erhebt sie damit nicht den Anspruch, dass dies auch ihre letztgültigen seien. Am Ende sollte auch dem selbstgerechtesten Leser klar werden, warum jeder berechtigt auf die Anklagebank gehört, wenn sich die Gesellschaft für ihren Status quo rechtfertigen muss.

Einen Hinweis, warum wir das im Großen oft nicht konsequent tun, gibt Gila Lustiger in einem amüsanten knappen Dialog, der eine Regel offenbart, wie die kleinste Einheit der Gesellschaft – die Ehe – am besten funktioniert.

„Sie sind nicht verheiratet, was?“

„Nein“, erwiderte er.

„Ich bin es seit fünfundzwanzig Jahren. Und wissen Sie, was unser Geheimnis ist? Wir stellen keine Fragen, auf die wir unangenehme Antworten erhalten können.“

Eine Frage bleibt mir zum Schluss, die Gila Lustiger nicht beantwortet und die ich – als männlicher Leser – vor kurzem allgemeiner stellte: Warum bevorzugt sie es auch als Autorin, eine männliche Hauptfigur zu schaffen? Die Figur erzwingt dies in diesem Fall kaum, denn eine investigative Journalistin hätte hier ebenso glaubwürdig und überzeugend gewirkt. Einzig das für die Geschichte wesentliche Verhältnis zum Großvater mag eine plausible Begründung sein, wenn man das traditionelle Klischee des bevorzugten männlichen Nachkommen ins Feld führt. Die Frage stellt sich in diesem Fall jedoch besonders deshalb, weil das reale Vorbild für Marc eine Journalistin ist: „Gedankt sei auch der Journalistin Ines Leraud, die über die Chemie-Skandale recherchiert hat und wunderbare Aufklärungsarbeit leistet.

Weitere Buchbesprechungen zu „Die Schuld der Anderen.“ kann man bei Das graue Sofa, Wolfgang SchnierJules Barrois und leckere Kekse lesen, sowie bei der SZ, NZZBR2.

Nachtrag: im Literaturclub SRF wurde der Roman ebenso begeistert besprochen. Nachzuschauen hier, wobei ich empfehle, es erst zu lesen.

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6 Gedanken zu “Ja, Gila Lustiger, wir alle befinden uns in fragwürdiger Gesellschaft

  1. Ich teile die Meinung von Stephanie, allerdings mit der kleinen Änderung, dass es für alles Zutreffende Gründe gibt! Ich lese allerdings nicht aus der puren Lust am Lesen, sondern orientiere mich stets am Genre!

  2. Das ist wirklich interessant, weil ich nie, weder als Kind noch in der Pubertät noch sonstwann Präferenzen für das Geschlecht von Hauptfiguren entwickelt habe. Männer fand ich spannend, Frauen vertraut(er). Aber beide Perspektiven hatten was für mich. Aus historischer Sicht kann ich frühen Frauenbüchern heute natürlich noch ganz anderes abgewinnen, weil ich weiß, wie viel Mut es damals für Frauen bedeutet hat, zu schreiben oder unkonventionelle, abenteuerliche oder überhaupt bloß selbstreflektierte Leben zu führen. Aber meistens lese ich aus der puren Lust am Lesen – und dann ist mir dieser Aspekt eher egal.

  3. Ich glaube nicht, dass es wirklich eine Frage ist, warum Autorinnen männliche Figuren wählen. Es könnte damit zu tun haben, dass sie Lust verspüren, mal ein Leben auf der andersgeschlechtlichen Seite zu denken. Es könnte damit zu tun haben, dass Frauen mehr noch als Männer beim Schreiben unter den Verdacht geraten, autobiographisch zu schreiben. Es könnte aber einfach auch keine Gründe geben.

    • Danke für den Kommentar. In diesem Fall hier fand ich es ja besonders bemerkenswert, da die reale Inspiration zu der Figur eine Frau ist.

      In meinem bisherigen Austausch zu dieser doch nicht unwesentlichen Bedeutung, welches Geschlecht die Hauptfigur in einer Erzählung hat, irritiert es mich zunehmend, wie Frauen diesen Aspekt in der Geschichte der Literaturrezeption ausblenden. Das meine ich nicht vorwerfend kritisch, sondern wie schon mehrmals beschrieben, ist dies aus meiner männlichen Leserperspektive nicht erklärlich. Ich benötige zwar nicht zwingend immer einen männlichen Protagonisten in der Literatur, um mich für die Geschichte zu interessieren, jedoch ist es für mich unzweifelhaft, dass wenn mir die Literatur nur in diesem bescheidenen Maße, wie sie weibliche Hauptfiguren bietet, männliche Figuren geboten hätte, ich weit weniger Interesse an der Literatur hätte.

      Die Identifikation des Leser mit der Hauptfigur einer Erzählung wird in der akademischen Literaturwissenschaft gerne als naive, noch ungebildete Form der Rezeption abgehandelt. Ich erachte das zunehmend als bequeme Schutzbehauptung, um der überwiegend weiblichen Leserschaft und Studierenden hier keine selbstkritische Reflexion über den akzeptierten Kanon der Literatur abzufordern.

      Ein Großteil der zum klassischen Kanon zählenden Literatur sind Entwicklungsromane. Doch entwickeln sich darin meist nur sehr archetypische männliche Heldenfiguren. Alle anderen Figuren dienen dabei nur als Mittel zum Zweck der Selbstfindung. Und auch wenn die Entwicklung überwiegend ein geistige ist, so basiert sie jedoch fast immer auf einem männlichen Rollenverständnis von Reifeprüfung. Sicher kann man dies als Leserin auch spannend finden, doch aus meiner Sicht, ist man dann überwiegend in der Rolle des faszinierten Beobachters und wird nur selten zur selbstkritischen Reflexion bewegt, was für mich der wesentlichen Aspekt meiner Literaturerfahrung ist.

      Im Roman von Gila Lustiger empfinde ich das Geschlecht der Hauptfigur jedoch als weniger relevant, da hier primär die Identifikation über Zugehörigkeit zum Milieu und der vertretenen Weltanschauung erfolgt.

  4. Lieber Thomas,
    da hast Du völlig Recht, dass Gila Lustigers Roman/Krimi die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen viel besser schildert als die „altehrwürdigen“ Vertreter Begley und Suter, die noch dazu – leider – in den Verkaufslisten ganz anders platziert sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass Lustigers Roman wesentlich komplexer ist, viel mehr Probleme beleuchtet und vor allem: keine einfachen Weisheiten von sich gibt.So wird die Lektüre vielleicht „schwieriger“. Du hast das ja so treffend mit „raffiniert“ beschrieben. Und Du hast auch Recht, wenn Du schreibst, dass es in diesem Frühjahr die Frauen sind, die die tollen Romane schreiben. Ich könnte die Liste gleich um weitere Autorinnen ergänzen: Kristine Bilkau zum Beispiel und Doris Knecht (von der ich gerade „Wald“ lese – auch ein ganz toll komponierter Roman). Auf der anderen Seite: Warum eigentlich nicht? Wenn wir gar nicht mehr darauf achten, dass mehr Männer oder eben auch mehr Frauen uns die schönsten, aktuellesten, pfiffigsten Romane zur Lektüre vorlegen, sondern wir nur noch darauf schauen, was jeweils gelungen, überzeugend, spannend und ganz neu ist: dann haben wir Gleichberechtigung.
    Viele Grüße, Claudia
    PS: Und natürlich: Vielen Dank fürs Verlinken

    • Danke Dir. Ich möchte nur ergänzen, dass ich den Hinweis auf die Autorinnen nur in Bezug auf Gesellschaftsromane gemacht habe. Gute Literatur schreiben zu können, ist nicht einem der Geschlechter mehr in die Wiege gegeben.

      Doch schon danach wird es komplex. Das hatte ich ja schon mal in meinem angesprochenen Beitrag thematisiert. Denn wie wir wissen, wird Literatur seit Jahrhunderten mehrheitlich von Frauen rezipiert. Frauen haben also ein deutlich größeres Gewicht bei der Bildung des Kanons. Doch der ist sowohl in Hinblick auf die Ratio Autorinnen/Autoren als auch – und das irritiert mich als Mann – in Bezug auf das bevorzugte Geschlecht der Hauptfiguren in den Erzählungen überwiegend männlich. Meine Abschlussfrage greift ja diesen mir schwer erklärlichen Aspekt auf.

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